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Dienstag, den 2. Juni 1896.

23. Jahrgang

FilldlierWZkituiiß

mit Unterhaltungs-KeiLage „Sterne und Klumen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld m Fulda und auswärts 1 Mar' 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt

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(Nachdruck verboten.)

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Zeit mit Schwätzen verpulvern, einige Hundert Köpfe zum Hurrah-Schreien veranlassen und für einige Augen­blicke „begeistern", eine Arbeit, deren Erfolg nach wenigen Minuten verpufft ist. Das Publikum, welches diesen Rittern vom Wort zuhört, wird aber geradezu zur Denkfaulheit großgezogen, und was noch gefähr- l?cher ist, es verliert das vertrauen auf die eigene Kraft.

stände diese Wahrheit verschweigen wollte; es wäre chm damit nicht gedient, im Gegentheil, er würde in dem Fehler weiter beharren. Um so unbegreiflicher ist daS Geschrei nach Bauernvertretern in dieser Frage, nachdem gerade die Bauern selbst sich auf die Ber- werthung ihrer Produkte gar keinen Einfluß zu sichern wußten. Und jene, welche verächtlich von kleinen Mit­teln sprechen und die genossenschaftliche Selbsthilfe weit von sich weisen, verstehen ihre eigenen großen Mittel gar nicht, sonst müßten sie wissen, daß die Selbsthilfe auf diesem Gebiete auch nach Durch­führung des Antrages Kanitz unentbehrlich ist. Wo diese Selbsthilfe nicht besteht, wird der Hauptprofit in ganz andere Taschen gehen als in die des Bauern.

Bor uns liegt der Bericht des zweiten Geschäfts­jahr! s der Gerossenschaft. Der Gesammt - Umsatz be­läuft sich auf 557 552 Mk., der Mehrerlös, der über den Händlerpreis erzielt wurde, auf ca. 32250 Mk. Hiebei ist unberücksichtigt geblreben, daß dre Konkur-

„Welche Demuth und welche Mäßigung des hohen Herrn!" rief Diethelm auS. „Wer möchte glaube», daß ein Mann von so hoher geistlicher Würde, von solch edelem Geschlecht und von so vielen Dienftwannen umgeben, den Kränkungen lieber mit Geduld, als mit Gewalt begegnen wollte!" Er fuhr mit der Hand über die Stirn.

„Ja, ja, ich weiß, der gestrenge Herr Willigis glaM, ein Recht aus Gandersheim zu haben, wenn schon unser gelehrter Herr Thangmar dmch Perga- meute nachgewiesen hat, daß das Kloster immer zum Stifte Hildesheim gehörte. Meines Erachten- liegt die Sache so:

„Der Sachsenherzog Liudolf baute da- Kloster zuerst auf bim rechten Ufer der Gande, auf Hilde-- heimischem Gebiet, und unser heiliger Bischof Altfrird weihte e- ein Etliche Jahre später baute Liudolf nun auf bim linken Ufer ber Sanbe, so zu Mainz gerechnet warb. Unb weil baS ganze Gebiet dem Liu- bolf gehörte, verblieb alle« bei HilveSheim unb würbe auch später immer zum HilbeSheimer Stift gerechnet. Die Mainzer achteten nicht barauf, brr Landstrich war ihnen zu entlegen. Heute, ba ba- Gander-heimer Stift

! Eine landwirtschaftliche Verkaufs­genossenschaft.

(Mit Ranbbemerkungen.)

Vie Kkife« »n SoaiinHeadmg.

Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt

Allerdings die Selbsthilfe verlangt Arbeit, ausdauernde, selbstlose, opferfreudige Arbeit. Wer nach dem Erfolge der Augenblickes geht, der soll davon abstehen. Rur das Bewußtsein in der eigenen Brust, seinen Mit­menschen selbst ohne Anerkennung und auf die Gefahr hin, Undank statt Dank zu ernten, Guter erweisen zu wollen, gibt die zähe Ausdauer, welche zum Siege führt. Jene Leute aber, welche in der großen Agitation stehen und am laut-sten nach Staotsh'lfe schreien, sind nicht aus diesem Holze geschnitzt. Denn Schwätzer und Schreier sind nie ausdauernde Arbeiter. Je mehr einer von anderen verlangt, desto weniger mag er selbst than. Arbeit urb Phrase Haffen unb meiben sich, wie ; Hund unb Katze." Wer wollte biesen Worten beS \ Dr. Heim bie Berechtigung absprechen? Leider fehlt

Um so erfteulicher ist ber Erfolg einer derartigen i Unternehmens, wie es bie Fichtelgebirg-. Verkaufs- i genoffenschastist, welche ohne jede staatliche Hfilfe ' nur aus eigener Kraft ins Leben gerufen wurde. ' Bemerken swerth ist noch, daß die Genoffenschast in ; diesem GeschäfSjahre sämmtliche Borräthe ihrer Mit- ! glieder ausverkauft hat. Südlich anschließend an die ■ Fichtelgebirg- - BerkaufSgenossenschaft entstanden drei weitere Berkaufsgenoffenschasten, in der gleichen Weise organifirt wie die Fichtelgebirgr-Berkauf-genvssenschaft. Man kann daraus ersehen, daß das Vorgehen Schule gemacht hat. Auch diese Genoffenschaften haben im vergangenen Geschäftsjahre mit gutem Erfolge gearbeitet. Die Arbeit auf diesem G-biete ist auch ein Stück Er­ziehungsarbeit süc die Zukunft. Gerade der Gründer der Fichtelgebirgr-Berkaufsgmosienschaft, Dr. H ei m, schrieb über diesen Punkt s. Zt. im .Regensburger Morgenblatte' : „Ich bin Anhänger der obligatorischen Beruf-genossen- schaft und bin eS nicht. Wenn die obligatorische Beruf-- mächtig geworden ist, und der Sophia viel daran liegt, daß da- Kloster unter bie Obsorge von Mainz komme, ba wollen sie Ansprüche geltend machen unb finben Leute, die bezeugen, daß es ursprünglich auf Mainzer Gebiet erbaut sei. Wir aber sind im Besitz. Die Mainzer hätten vermeintliche Rechte vor zwei und einem halben Jahrhundert geltend machen sollen. Unser Bischöflicher Herr muß al- Laude-fürst seine Ansprüche vertreten."

„Das thnt er," versicherte Heribert.

„Wie ging's denn zu am Matthäustage?" forschte Diethelm. Heribert lächelte.

DaS berichtete mir unser Herr Thangmar. Ich selber war nicht dabei. Herr Willigis stellte sich in der Absicht, die Kirch: zu weihen, am Tage vor Matthäi ein mit den Bischöfen Rethar von Paderborn und Berengar von Verden, auch mit dem Herzog Bernhard und großer Gefolgschaft. Statt unsere» Herrn aber trat ihm entgegen Herr Bischof Ekkehard von Schleswig mit unferm Herrn Thangmar unb ben Angesehensten de- Hildesheimer Kapitel-. Ekkehard ver- theidigte mit großer Festigkeit unb mit kräftigem Nach­druck die Ansprüche und Rechte Hildesheims. Er setzte eS also mannhaft durch, daß Herr Will-gi» von ber Kirchweihe abstand. Darauf gingen Alle in Zwiespalt auseinander. Das Zerwürfniß belämmert unfern Herrn Bernward ungemein."

renz gezwungen war, weit höhere Preise anzulegen, wenn sie Übei Haupt bestehen wollte. Dadurch hat stch die Organisation sogar al» Wohtthat für angrenzende Bezirke gezeigt, welche selbst nicht organifirt sind.

Der erlöste Durchschnittspreis kommt dem im An- tra ze Kanitz vorgeschlagenen Durchschnittspreise gleich, wobei natürlich angenommen ist, daß im Handel bei der Durchführung des Antrages Kanitz die Bauern denselben Preis für ihr Getreide bekommen, zu welchem der Staat da» importirte Getreide abgibt. Diese Voraussetzung würde natürlich nie in Erfüllung gehen. Die Preise auf dem flachen Lande würden mit der größeren Entfernung von jenen größeren Orten, wo der Staat das importirte (Betreibe lagert unb abgibt, immer tiefer finken. Der einheimische Produzent müßte sich nicht nur Frachtkosten und sonstige Spesen in Ab­zug bringen lassen, sondern er müßte auch den Händler- gewinn trag'», der je nach der örtlichen Lage, je nach der Verkaufs-Gelegenheit ganz willkürlich ist. Daß -e — v—--------c — ,r—?—• ------

hierdurch ein gut Stück vom Anträge Kanitz illusorisch f an solchen Rittern der Wortes nicht, welche ihre wird, muß jeder zugeben, der die Handelsverhältnisse ; ~ kennt und daS Einmaleins beherrscht. Solche Bor- ? schlüge können daher nur in den Köpfen von solchen ' Leuten wachsen, die vielleicht ganz gute Bauern, aber . keine Kaufleute sind. Gerade der Gründer der | Fichtelgebirg» - BerkaufSgenossenschaft, Dr. Heim, hat f vor einigen Jahren, als er in der Presse für seine ge­nossenschaftlichen Ideen Propaganda machte, einmal sehr richtig geschrieben: „Die bäuerliche Frage (Agrar­frage) hat ihren Schwerpuntt in der Preisfrage, mit anderen Worte», in der rentableren Berwerthung der lsudwirthschastlichen Produkte. Diese Frage ist aber durchaus keine bäuerliche Frage, sondern weit mehr eine kaufmännische. Er ist daher gar nicht ein­zusehen, warum gerade jetzt vielfach die Parole auS- aegebm wird: „Nur Bauern in die Parlamente!" Gerade die Bauern haben in beispielloser Weise sich jeglichen Einflusses auf die Preisbildung in ihren eigenen Produkten begeben. Alle größeren produzirenden Stände haben sich dmch centrale oder lokale Organisationen den Einfluß auf den Preis des von ihnen hergestellten Pcoduttes gesichert. Der Bauernstand allein hat Jahre lang es als selbstver- stündlich betrachtet, daß die Berwerthung feiner eigenen Produktes darin bestände, baß er eS auf ben Markt brächte unb sich dort zahlen ließe,«waS man gerobe wollte. ES wäre unehrlich, wenn man bem Bauern-

genosfenfchaft heute schon burchgeführt würbe, so würde daS Ganze eine bnreaukratische Maschine, weil unseren Landwirthen noch vielfach ber genossenschaftliche Geist fehlt, um so mehr bie Fähigkeit, eine derartig? große Einrichtung zu leiten. Was später eine große Wohl- that werden kann, könnte heute zum Schaden gereichen. Aber als Endziel erstrebe ich die berufSgenossenschast- liche Organisatton. Um sie möglich zu machen, müssen wir Jahre lang Vorarbeiten und alle Wohlgesinnten mflffen zur Verbreitung des genossenschaftlichen Geistes mithelfm. Die beruf-genossenschaftliche Organifation wird sich dann vielleicht ander- durchführen taffen, al» wir sie uns heute denken. Soviel ist aber gewiß: die Landwirthfchast steht nicht nur al» der größte Produzent da, fonbern auch als ber einzige, ber sich jeden Ein­fluß auf bie Prei-bilbung seine- Produkte- nehmen ließ Er hat nicht nur keinen Einfluß auf den Welt­marktpreis, er ist sogar int Kleinverkehr der W-llkür der Händler- und Unterhändlers unterworfen. Hätte die Landwirthschaft rechtzeitig von der Industrie ge­lernt, so hätte sie sich dmch Selbsthilfe un) Organi­fation im Großen einen großen Einfluß wahren kön­nen. Ich meine natürlich die genossenschaftliche, nicht die polittfche Organisation. Mit Geschrei und kilo­meterlangen Reden imponirt man weder den Parteien noch den Regierungen. Würden selbst einmal Forder­ungen, die nicht auf der Erfahrung beruhen, durchge­fetzt, so könnte sich daS bitter rächen."

Deutsches Reich.

Berlin, 1. Juni.

* Der Kaiser hat am Sonntag der Welt ein löb­liches Beispiel bezüglich der kirchlichen Sonntag-» feier gegeben. An biefem Tage würbe auf bem Müggelsee bei Berlin eine große Regatta abzehalten, zu welcher auch ber Kaiser einen Preis gestiftet hatte. Der Berliner Nachtklub hatte bem Kaiser eine Ein­ladung zur Theilnahrne an bem Sportfeste zugesanbt, vorn Hofmarschallamte aber bie Antwort erhalten, daß der Kaiser für die Ueberfendung der Einladung bestens danken lasse, aber bedauere, einer in der Zeit des Hauptgottesdienstes stattfindenden Re­gatta nicht beiwohnen zu können. Der Yacht- Hub hatte daraufhin zwar den Beginn der Regatta auf 1 Uhr verschoben, der Kaiser war aber nicht er- schienen. — Wir wollen hoffen, daß nach diesem Vor­gänge de- Kaiser- künftig die Vereine überhaupt für ihre Vergnügungen nicht mehr gerade die Zeit de» Hauptgotte-bienstes auSwählen werben.

* Der Reichstag wirb sich am 2. Juni bei ber Wieberaufnahme feiner Arbeiten zunächst mit ben ersten Lesungen be- Nachträge-zum Reichhaushalt»-Etat und de- Vertrage- zwischen dem Reich unb Japan, sowie ber zweiten Lesung beS sogenannten Depotgesetze- be­schäftigen; baratt sollen sich bie brüten Lesungen bei BörsengesttzeS, de» Depotgesetze» und der Gewerbe-

„DaS glaube ich," sprach Diethelm. „So ist dieser unselige Streit auch die Ursache, daß unser Herr zur Wiederherstellung des Frieden» »ach Rom zu dem Oberhaupte der Christenheit und zu dem deutschen Kaffer pilgert."

Heribert schüttelte den Kopf.

„Darin geht Ihr zu weit, Meister Diethelm. Unser Herr brennt schon seit Monaten vor Verlangen, dem Rufe de» Kaiser» zu folgen und den hohen Jüngling, den er zum Guten erzogen hat, daselbst in ferner ganzen Würde zu sehen. Er liebt ben jungen Otto wie ben eigenen Sohn. Wahrscheinlich wird er beim Wiedersehen den Gandersheimer Streit nicht vergessen und eine Schlichtung der Sache herbeiführen. Doch ist diese ärgerliche Angelegenheit keineswegs die 8er» aulasiung zur Fahrt nach Rom. Die Liebe zu seinem kaiserlichen Zögling allein bestimmt unfern Herrn zur wetten Reife, fo ihm mitten im kalten Winter schlecht zusagt. Freilich auch feine groß« Liebe für die Kunst- beftrebungen unferer Zeit treiben ihn an zu einer Wanderung nach Rom, dem Mittelpunkt aller geistige» Bildung. Und mit ihm ziehen auch wir fort in» Weite," vollendete Heribert freudig.

„Sankt Altfried behüte und fchirme Euch alle!" fagte Diethelm. „Wir wollen für Euch beten. Fahret wohl!" -

Sie fchüttelten sich die Hände.