„U 123 Samstag, den 30. Mai 1896. 23, Jahrgang
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«L Der Dreibund
bleibt auf weitere 7 Jahre bestehen. Der zuletzt am 6. Mai 1891 auf sechs Jahre erneuerte Bünbmßver- trag zwischen Deutschland. Oesterreich-Ungarn und Italien wäre rm 6. Ma' 1897 abgelaufen, wenn er jetzt, bis zum 6. Mai 1896 von einem der betheiligten Staaten gekündigt worden wäre. Dies ist aber nicht geschehen, und fo bleibt der Vertrag nach einer in ihm enthaltenen Bestinmuvg von 1897 ab auf weitere sechs Jahre, von jetzt ab alto auf weitere sieben Jahre d. h. bis zum 6. Mai 1903 in Kraft. In einigen deutschen Blättern wird viel Aushebens davon gemacht, daß Italien von seinem KündigungSrechte keinen Gebrauch gemacht hat, und man kann dort z. B. fol- ;enden merkwürdigen Satz lesen: „Rudini hatte volle Berechtigung, die Aufrechterhaltung des Dreibundes zu proklamiren, nachdem Italien von dem ihm Der» bagsmäßig bis zum 6. Mai zugesicherten Recht, den Bündnißvertrag zu kündigen, keinen Gebrauch gemacht hat." So schreibt der ,Hamb. Korresp/, ein Blatt, das stets besondere Beachtung findet, weil ihm Beziehungen zum Reichskanzleramte nachgesagt werden.
Bezeichnend ist in jenem Satze, daß die Aufrecht- erhaltung des Dreibunds darin lediglich als von Italien abhängend betrachtet wird. ES wird hier also als ganz selbstverständlich angesehen und darum gar nicht besonders erwähnt, daß der Dreibund auch deswegen bestehen soll, weil Deutschland und Oesterr ei ch-U n» garn ihn nicht gekündigt haben. Von Italien galt dies nicht als so sicher und selbstverständlich, und darum findet man es angemessen, zu sagen, der Dreibund bleibe bestehen, weil Italien nicht gekündigt hat. Daraus geht hervor, daß auch unsere deutschen Verehrer Jung-Jtaliens, wenn sie es auch noch so eifrig leugnen, Italien als einen einigermaßen „unsicheren Kantonisten" betrachten, auf dessen Bündmßtnue man sich nicht allzu fest verlassen darf. Danach kann man beurthnlen, was von der „Entrüstung" zu halten ist, mit welcher gewisse „nationale" Preßorgane die warnenden Stimmen der katholischen Presse zu überschreien pflegen.
Wir unsererseits haben es mebrfach ausgesprochen, daß wir unter den jetzigen Verhältnissen in der allgemeinen Weltlage den Italienern nicht die Dummheit zutrauen, aus dem Dreibünde auszuscheiden, der ihren inneren und äußeren Röthen — zuletzt wieder nach den furchtbaren Niederlagen in Abeffynien — die einzige Rückendeckung gegen Frankreich gewährte. Dagegen haben wir wiederholt die Frage aufgeworfen: was denn umgekehrt Deutschland und Oesterreich von Italien hätten? Die abessyni- schen Niederlagen Italiens haben neueidings bewiesen, daß seine militärische Unzulänglichkett, von der es vor 25 und 30 Jahren schon Proben abgellgt, seitdem eher ärger geworden, als beseitigt ist. Und die jetzt veröffentlichten Tagebücher italienischer Offiziere, die in dem abeffynischen Kriege gefallen find, entwerfen ein geradezu erschreckendes Bild von den unter den itoSlievischen Befehlshabern herrschenden Eifersüchteleien und Feindseligkeiten, welche oft entscheidend waren für die schwerwiegendsten Maßnahmen, von der Gewissm- lofigkett und Leichtfertigkeit einer Heerführung, die sich nicht sowohl nach den thatsächlichen Verhältnissen auf dem Kriegsschauplätze, als nach den Patteiverhältniffen und den politischen Jntereffen des Ministeriums Cnspi richten mußte. Manche sind daher auch geneigt, auf die milüärische Hilfe Italiens in einem europäischen Äriege nicht ernstlich zu rechnen, aber sie halten das Bünd-^ß mit Italien doch für werthvoll, weil Italien mit England nahezu in einem Bundesverhältnisse
steht. Wir meinen aber: wer sich auf England verläßt, der ist verlassen, und das um so mehr, al» die deutschen und die englischen Jntereffen, die politischen sowohl wie die des Ausfuhrhandels, sich in der ganzen Welt schroff und unversöhnlich gegenüberstehen.
Gleichwohl können wir die Verlängerung des Dreibundvertrages freudig begrüßen, und zwar deshalb, weil er immerhin eine starke Gewähr für die Erhaltung deS Weltfriedens bildet, und weil dadurch unser BundeSverhältniß zum stammverwandten Oesterreich, ein Berhältniß, das wenigsten» einigen Ersatz für die verlorene Reichsgemeinschaft mit ihm bildet, immer fester und inniger gestaltet wird. Halten Deutschland und Oesterreich stet» treu zusammen, dann brauchen wir — auch ohne Italien — keine Sorge um die Zukunft zu hegen — von unfern inner Polin- scheu Gorgen natürlich abgesthen!
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Mai.
* Der Kaiser ließ heute, am Je hreStag- der Heerschau weiland de» Kaisers Friedrich III. im Charlottenburger Park, an der Stelle, von der auS sein verewigter Vater damals im Wagen die Heerschau abhielt, im Charlottenburger Park zur Erinnerung an diese Heer- chau einen Kranz niederlegen. Bereits um 6 Uhr 50 Min. stieg der Kaiser im inneren Schloßhofe, wo die Fahnen - Kompagnie aufmarschirt war, zu Pferde, setzte sich au die Sp tze dieser Kompagnie und ritt mit ihr nach dem Stelldichein am Matthäi-Kirchhofe, von wo aus dann nach dem Teupechofer Felde gerückt wurde, wo ein Exerzieren der zweiten Garde-Jnsanterie-Briqade stattfand. Morgen findet im Beisein der Majestäten auf dem Tempelhofer Felde von 9 Uhr Vormittags ab die Frühjahrs - Parade der in Berlin und Umgebung garnffonirenden Gardetruppen statt. — Der Kaiser hat die Einladung der Stadt Breslau zu einem Frühstück bei der Einweihmw des Kaiser Wilhelm-Denkmals abgelehnt, jedoch einen Ehrentrunk auf bi m Nathhause angenommen.
* Tin Erlaß des Landwinhschasts-Mmisters an die Vorstände der LandwirthschastS-Kammrrn und land- wirthschaftlichm Central-Vereine gibt denselben von dem Beschlüsse des König!. Staat-ministerium» vom 30. April c. Kenntniß, wonach den den einzelnen Refsort- ministern unterstehenden Berwaltunqs - Organen zur Pflicht gemacht werden soll, soweit dies ohne Schädigung fiskalischer ober allgemeiner Interessen unb ohne grundsätzliche Ausschließung de» legitimen Handel» ausführbar erschein a) die Bedürfnisse der Verwaltungen an landwirthschaftlichen Erzeugnissen tbunlichst direkt von den Produzenten zu erwerben; b) zu diesem Zwecke intbesondere auch direkte Beziehungen zu bereits bestehenden Berkaufs-Genoffen- schasten anzuknüpfen, auch möglichst, um den Anforderungen der Verwaltung- O'gans beffer al» zur Zeit genügen zu können, auf den Zusammenschluß der Produzenten zu Verkaufs-Genossenschaften an geeigneten Otten hinzuwirken und die Bildung solcher Genossenschaften durch Berücksichtigung bei der Vergebung von Lieferungen zu fördern; c) sofern eine öffentliche Submission für die Lieferung der in Frage Gehenden landwirthschaftlichen Elzeugnisse stattfindet, Zwischenhändler nur dann zu berücksichtigen, wenn sie sich von vorn herein am Submission- - Berfahrm betheiligt und günstigere Gebote bezüglich der ausgeschriebenen Lieferung abgegeben baden, al» die übrigen Bewerber. Die Befugniß der Beirr altur gs - Organe, daS BerdingungS - Verfahren unter Umständen aufzuheben und eine anderweite Bedarfsdeckung eintreten zu laff»u, wird hierdurch nicht berührt.
* Zu den Verwaltung-ftreitfachen, welche auf dem Boden de» neuen KommmalabgabengefetztS erwachsen und bereit» an das OberverwaltungSgertcht gelangt sind, gehött eine nicht geringe Anzahl solcher, denen offensichtlich daS Bestreben zu Grunde lieg?, gewisse Erweiterungen, die daS Gefitz zunächst nur dem Besteuerungsrecht der Gemeinden zutheil werden läßt, auch auf das Gebiet der KreiSbesteuerung zu übertragen, obschon grundsätzlich da» Gesetz die be- stih-nden Vorschriften über die Aufbringung der Kreis- fteuera anbeiifart läßt. Insbesondere wird von vielen Är fen der Satz der Kreisordnung vom 13. Dezbr. 1872 als durch da» neue Kummunalabgabengesetz
aufgehoben angesehen, daß die zu Dienstwohnungen für Beamte bestimmten Gebäude von den Kreislasten befreit sind. Das Oberverwaltungsgericht (II. Senat) hat neulich daS Gegentheil ausgesprochen, wie denn in Beziehung auf die Dienstwohnungen der Forstbeamten ein gleiches schon vor einiger Zett seitens der zuständigen Stelle her Forstv-rwaftung angenommen war.
* Zu dem Bergarbeiter - Kongreß iu Aachen schreibt nicht mit Unrecht die ,Kons Storr.': Noch nicht 60 Mann, darunter 13 Delegirte aus Deutschland, „tagen" in Aachen und spielen sich als die Vertreter von mehr als einer Million von Bergarbeitern auf. Das ist schon an sich eine kuriose Erscheinung; denn wenigstens in Deutschland sind die „Delegirten" keineswegs von der Bergarbeiterschaft al» solcher, sondern nur von einer minimalen sozialdemokratischen Clique unter diesen gewählt. Die Berathurgen haben daher recht geringen Werth. Selbst der ,Vorwärts' muß zugeben, daß der diesjährige Kongreß noch ipär- kicher als seine Vorgänger besucht sei. Thatsächlich aber spielen die 13 Deutschen unter der Mehrheit der Ausländer, namentlich der tonangebenden Engländer, eine io klägliche Rolle, daß die deuffchen Bergleute sich ihrer Vertreter schämen müßten, wenn diese 13 wirklich als „Vertreter" anzusehen wären.
* Einiges Aufsehen e-regte e», als vor Kurzem die Nachricht durch die Presse ging, die Berliner Polizei habe die Aufführung de» Oratoriums „Christus" von Rubinstein verboten. Die ,Kreuzztg.' hebt nun hervor, da» genannte Musikwerk sei durchaus kein Oratorium, sondern eS werde vom Verfasser selbst als „Geistliche Oper" bezeichnet und sei bereit» in Bremen szenisch dargestellt worden. Schon damals erhob sich ein Streit für und wider die Berechtigung einer derartigen Aufführung. Wenn dem so ist, so find die Bedenken der Polizei, welche die Aufführung hier in Berlin untersagt, begreiflich. Uebrigens weist die ,Germania' mit Recht auf die Verhöhnungen uns Katholiken ehrwürdiger Institutionen und Personen hin, wie wir sie beim Künstlerfestumzuge und bei Aufführungen im Tbeater Alt-Berlin beklagen mußten.
* Hagen, 29. Mai. Wie bestimmt verlautet, will Thümmel auck gegen da» neue verurtheilende Er- kenntniß der hiesigen Strafkammer Berufung beim Reichsgericht einlegen. Wie protestantische Blätter gleichzeitig zu melden wissen, will er dabei auch die dieSwalige Zusammensitzung de» Gerichtshofes, der aus 3 Katholiken und 2 Protestanten bestand, „be- leuchren." (Findet sich denn Niemand, der den Ran« auf feinen Geisteszustand untersucht?)
* Breslau, 29. Mai. Mit Genehmigung Seiner Eminenz des Hochwürdigsten Herrn Kardinal-Fürst- bischoss wird der dritte eucharistische Kongreß für Norddeutschland in BreSlau den 16. und 17. Juni dieses JahreS abaehalten.
* Karlsruhe, 29. Mai. Die Abhaltung öffentlicher Fronleichnam-Prozessionen in Mannheim und auch in Karlsruhe ist in diesem Jahre hinsichtlich flKannheims gefichett, hinsichtlich Karlsruhes wahrscheinlich. In Mannheim war dieselbe feit 30 Jahren nicht mehr gestattet worden. In Karlsruhe sind nach dem ,Bad. Beob.' die nöthigen Einleitungen zur Abhaltung der Prozession bereits getroffen. Gestern Abend fand eine Besprechung der katholischen Vereine statt. Demnach kann die beabsichtigte Jnterpellatton der CentrumSfraktion als thatsächlich und praktisch beantwortet angesehen werden. Em am 23 d. M. an die Bezirksämter ergangener Erlaß be» Ministerium» des Innern weist diese an, unter Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse den Wünschen der Pfarrämter hinsichtlich der öffentlichen Feierlichkeit thunlichst ent« g-qevzukommen.
Ausland.
* Paris, 29. Rai. Der Deputierte Berry hat die Dringlichkeit für einen von 347 Abgeordneten unterzeichneten Antrag verlangt, wonach sämmtliehen Theil- nehmern am deutsch-französischen Kriege Abzeichen verliehen werden sollen.
* Paris, 29. Mai. In einem „Russenwahn" betitelten Artikel, den der Deputate Gerault-Richard in der „Pettte Rvpublique" veröffentlicht, heißt eS: „Da» Beste wäre, sofort zu verlangen, daß Frankreich von Rußland annettirt wirb. Das würde wenigsten»