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jg 122 Freitag, den 29. Mai 1896. 23. Jahraana

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mit Unterhaltung» Krilagr „Sterne und Klnmen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. - Vierteljährlicher Ab ° nnementsvreis ohne Bringerlohn und Be^llgeld m Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen di« Petltzeile 2o Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Zur politischen Lage.

Die heilige Pfirr gst Woche pflegt ebenso wie die anderen hohen Festzeiten eine friedliche Unterbrechung der politischen Arbeit mit fich zu bringen. Eine solche Woche bietet daher auf politischem Gebiete stets recht wenig Neues, das bedeutet aber keinen Nach­theil, sondern einen Vorzug dieser Wochen, denn das Allermeiste, waS sonst sich ereignet, ist nichts Guter. Auch die Nachklänge an frühere Vorkommnisie, die uns heute den Mangel neuer Ereignisse ersetzen müssen, wecken zumeist keine freundlichen Erinnerungen.

Da ist zunächst eine Angabe der „D. Tagesztg." über da» bekannte Kaifertelegramm gegen die christlich-fozialen Pastoren; der Kaffer soll, wie das genannte Sprachrohr des protestantischen „Bundes der Landwirthe" vernommen haben will, in Gesprächen keine Unklarheit darüber gelassen haben, daß er nur die Auswüchse mit seinem Telegramm habe treffen wollen, und die taktvolle, in den Grenzen der Rücksicht auf daS Amt sicb haltende Bethätigung der Geistlichen im politischen Leben nicht verurtheile. DaS klingt schon besser; aber warum wird in einer so wichtigen Angelegenheit nicht der „ReichSanzeiget" zu der allerdings sehr nothwendigen Erläuterung deS Telegramm» gebraucht? Die „D. TageSztg ", die selbst durch unwahre Angaben so manche Richtigstellung durch den „Reichsanzeiger" oder die „Berl. Kotresp." veranlaßt hat, besitzt doch nicht die Autorität, welche »öthig ist» um gegen Behauptungen von solcher Be- beutung jeden Zweifel au»zuschließen. Zweifel find in diesem Falle um so berechtigter, al» in dem Telegramm ganz allgemein gesagt wmde: „Christlich-sozial ist Unsinn". Demnach müßte der Kaiser doch in der ganzen christlich-sozialen Bewegung einen der „Au»- wüchse" sehen, die er der „D. Tageszeitung" zufolge „nur" habe treffen wollen. Die protestantischen Prediger, welche daS Telegramm al» eine gegen ste als Politiker gerichtete Kriegserklärung auffaßten, werden fich daher durch die Angabe der „D. Tagesztg." kaum beruhigen lassen.

An neuem Beunmhipungsstoff fehlt eS dabet auf anderen Gebieten nicht. So bildete einen unerfteulichen Rachklang zum Frankfurter Friedensfeste die Behauptung, in der Umgebung des Kaisers habe man sich dort sehr abfällig über das Bemühen deS Reichskanzlers und de» 5ttiegSmimster» v. Bronfart ausgesprochen, die Zustimmung de» Reichstags zu den jüngsten militärischen Forderungen zu erwirken. In diesen Kreisen sähe man eS lieber, wenn der Reichriag gar nicht gefragt und militärische Neuerungen ohne seine Zustimmung, die verfaflungSmäßig erforderlich ist, in» Werk gesetzt würden; man verweise dort auf den Erfolg der preußischen Militärverwaltung in dem BerfassungSkonflikt mit dem preußischen Land­tage in den sechziger Jahren, um zu beweisen, daß die verfassungsmäßige Zustimmung sich recht wohl ent­behren lasse. Diese Angaben sind bisher nicht bestätigt

Sie Grase» mm Smmrrschmdng.

Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt 31] ------- (Nachdruck verboten.)

Herr Bernward begab fich bann, bald lobend, bald belehrend, von einem der Schüler zum andern und schritt darauf in eine Zelle, die so hart an den großen Saal grenzte.

Hier waltete sein blonder Jünger Heribert, jener Lieblingsschüler, der am verständnißvollsten die Ge­danken be» Meisters erfaßte unb au»führte.

E» war bort ein rechtes Künstlerheim. Entwürfe unb Mobelle zu kirchlichen Geräthschaften unb Zirr- rathen in Zeichnungen und in Thm autgeführt hingen unb stauben ringsumher.

„Mein hoher Herr, sehet, bie Mischung ist ge­lungen", ries Heribert lebhaft b;m Eintretenden ent­gegen und zeigte ein Stück Edelmetall von heller Farbe. Das Metall schimmerte schön golden und silbern.

.Ja, die Zusammensetzung ist geglückt, wie ich eS erhofft," sprach Bernward. „So wollen wir auch diesen Leuchter", er deutete auf ein bildnerisch schöne» Thonmodell, „au» solcher von unS erfundenen Masse gießen. Hier an den Kapitälen und am Fuße wollen wir die Inschrift anbringen: „„Bischof Bernward ließ diesen Leuchter im ersten Aufblühen der Kunst nicht

worden, und eS muß, auch wenn sie richtig sein sollten, dahingestellt bleiben, ob der Kaiser geneigt wäre, solchen Einflüsterungen Gehör zu schenkm. Wir wollen einst- weilen an der Hoffnung festhalten, daß der Kaiser für derartige Bestrebungen nicht zu haben ist. Daß solche Bestrebungen aber in gewiffen Kreisen, die bi» in die Umgebung des Kaisers hineinreichm, ihre Anhänger, zum Theil in einflußreicher Stellung haben, erfährt man leider nicht zum ersten Male. Wir hoffen aber, daß die Besonnenheit und Einsicht derjenigen Männer, welche vom Kaiser zu seinen amtlichen und ver­antwortlichen Rathgebrrn berufen worden sind, die Oberhand behalten und so das junge deutsche Reich vor Staatsstreich und Revolution bewahren werden.

Das äußerlich hervorragendste Ereigniß int Aus­lande war in der vergangenen Woche die Zaren­krönung in Moskau, die auch in Frankreich in einer Weife gefeiert wurde, als ob der Zar zugleich Kaffer von Frankreich wäre, und die den Gedanken nahelegt, daß das Bündniß mit dem despotischen russischen Kaiserthum die Franzosen immer mehr in die Gewohnheiten und Anschauungen einer monarchisch «gierten Volkes zurücksallen läßt und sie reif macht für ein Kaiserthum nach Art des napoleonischen. Dar Erfreulichste an der Zarmkrönung ist jedenfalls das, daß bie russischen Offiziösen dieselbe als ein Fest des Frieden» unb als eine Gewähr besselben feiern.

Deutsches Reich.

Berlin, 28. Mai.

» Der Kaffer unb die Kaiserin unternahmen heute früh einen gemeinsamen Spazierritt in die Um­gebung des neuen Palais. Bon 9 Uhr ab hörte der Kaiser den Vortrag be» Generalmajors Freiherrn v. Gemmingen unb arbeitete barauf längere Zeit mit bem General v. Hahnke. Um 12 Uhr empfing bei Kaiser den Kulturminister Dr. Sofie zum Vortrage, welchem bie Wirklichen Geheimen Räthe Dr. von Lucavns und Dr. Barkhausen, sowie ber Geh. Oberbaurath Profefior Abler beiwohnten. Abenb» nm 71/* Uhr begaben bet Kaiser unb bie Kaiserin fich von bet Wilbparkstation nach Berlin, um ber um 8 Uhr im Krollschen Etablfffement stattfinbenben Festfeier bet deutsch-chirurgischen Gesellschaft beizuwohnen. Die Kaiserin kehrte Abends nach dem Reuen Palais zu­rück, wählend ber Kaiser im hiesigen Schlosse über­nachtete, um morgen früh auf bem Tempelhofer gelbe Truppenübungen beizuwohnen.

* In der italienischen Kammer erging sich dieser Tage ein Abgeordneter in heftigen AuSsällen gegen Kaiser Wilhelm II. unb besonders gegen den Dreibund, wmde aber vom Ministerpräsident energisch zurecht­gewiesen. Hierüber schreibt man offiziös dem »Hamb- Storr.' ans Berlin: „Die Entschiedenheit, mit bet der italienische Ministerpräsident Rudini die Angriffe de» enfant terrible bet Abgeordnetenkammer gegen den Kaiser Wilhelm unb natürlich auch ben Dreibund

aus Gold noch au» Silber, sondern au» dem Stoffe, wie Du siehst, durch seinen Schüler schmelzen."" Etwa so!"

Und ber Bischof begann bie Inschrift tief in latei­nischen Worten in ba» Thonmodell zu ritzen.

„Mein Herr und Meister, dar wird am morgigen Tage schon ausgeführt und soll am Feste ber heiligen Kosmas unb Damian gegossen werben," rief Heribert begeistert.

Bernwarb lächelte ob be» Eifers seines geliebten Schülers, bet Großes zu vollbringen im Staube war.

„Wollte, mein Heribert, Alles gelänge Dir so, wie just eben in Aachen ber wahrhaft schöne Sarkophag Karls be# Großen! Du hast mit bem herrlichen Stück in getriebener unb gegossener Arbeit wahrlich bem Kaiser Otto, wie m r selber hohe Freude bereitet."

„Die Arbeit wäre mir nicht gelungen ohne Tuch, mein Herr unb Meister," sprach Heribert unb schaute innig zu bem Kirchenfürsten auf.

Wie bleich unb durchgeistigt war doch btfien edle» Angesicht. Ja dunkle Schatten lagen unter ben glanjenb blauen Augen, und eine Seibenlfolte zog sich an ben Munbwinkeln hin.

„Herr, eS wrll mich bebünken, als ob Ihr Euere Kräfte mehr schonen solltet," wagte Heribert schüchtern unb erröthend zu bt merken. „Ich weiß, baß Ihr bie

zurückgewiesen hat, wirb in Deutschlanb mit allgemeiner Befriedigung ausgenommen werben. Rubini hatte zu- bem volle Berechtigung, bie Aufrechterhaltung deS DreibunbeL zu proklamiren, nachbem Italien von bem ihm vertragsmäßig bis zum 6. Mai zu- gesicherten Recht, ben Bünbnißvertrag zu kündigen, keinen Gebrauch gemacht hat. Die Kündigung mußte ein Jahr vor bem Ablauf bet ersten sechs Jahre, für für welche ber Vertrag im Iahte 1891 verlängert worben ist, erfolgen. Rachbem baS nicht geschehen ist, bleibt ber Dreibunbvetttag auf weitere sechs Jahre, b. h. bis zum Iahte 1903 in Kraft. Auch darin kann man dem italienifchen Ministerpräsidenten nut zustimmen, daß der Dreibund gute Beziehungen zu Rußland unb Frankreich nicht auSfchließt."

* Das Zuckersteuergesetz ist laut „Notbb. Allg. Ztg." vom Kaiser am 27. b». MtS. vollzogen worben. Die Verkündigung besselben butch daS Reich»- Gesetzblatt steht sonach nahe bevor; e» wirb angenommen, baß die Ausgabe ber betteffenben Nummer des Reichs- Gesetzblattes am 30. bs. MtS. erfolgen wirb.

* Die Bergarbeiter, welche gegenwärtig in Aachen ihren siebenteninteraaltvualenKougretz ah- halten, sollten sich die Kosten alljährlicher Kon- giesse sparen. Auf allen bisherigen Kongressen ist in ber Haupffache immer über dieselben Gegenstände: Achtstundentag, Frauenarbeit, Gmben-Jnspekttonu. f. w., verhandelt, sind dieselben Reden gehalten und diffelben Beschlüsse gefaßt worden, fo daß man gar keinen neuen Bericht anzufettigen brauchte, sondern einfach ein altes Kongreß-Protokoll vorschieben könnte. Die Vertretung ist im wesentliche« auch immer dieselbe, besonders da» numerische Uebergewicht der Engländer. Es erscheint ganz unmöglich, daß auf internationalem Gebiete in dem kurzen Zeitraum eine» JahceS bie Verhältnisse fich so verändern, daß fie einem internationalen Kon­greß auskömmlichen Stoff zur Berathnng bieten. Des­halb bie Rothwenbigkett, bieteiben Fragen immer ttieber zu berathen. Auf bem vorjährigen Pariser Kongreß beantragten die Deutschen, nur alle zwei Jahre tagen. Die Engländer, fast ausschließlich gut besoldete Gewerkschafts-Sekretäre, die gern eine Reffe nach bem Kontinent machen und al» eine Art aristokratische Bureaukratie zu betrachten sind, setzten aber die alljährliche Tagung durch. Vielleicht haben bie Deutschen diesmal mit ihrem erneuten Anträge mehr Glück.

• Auf bem deutsche« Lehrerlage, ber gegenwärtig in Hamburg abgehalten wirb, herrscht derselbe liberale unb kirchenfeinbliche Ton, ber diese Art Versammlungen von jeher berüchtigt gemacht hat. So hielt Schultath Mattuhn aus Hamburg einen Vortrag übet Pestalozzi, in bem er unter stürmischem Beifall u. A. sagte, bie Lehret ließen sich in keine philosophische Zwangsjacke stecken, auch nicht in eine theologische Zwangsjacke. Die Päbagogik bütfe in feiner Weise unter ber Herrschaft ber Kirche stehen, lieber bie Art unb Weise, wie ber Religionsunterricht

nächtliche Ruhe unterbrechet, um im Gebete Gott zu bienen, unb baß Ihr schon beim ersten Hahnenschrei wiebetum laut die Psalmm betet, bis Ihr alsdann mit den geistlichen Brüdern Euch ins Kapitel begebet Bielliebet Herr, da» hält Euer Körper nimmer aus."

Em stilles Lächeln zeigte fich auf des Bischofs milden Zügen.

„Seit wann gibt ber Lehrling seinem Meister Rathschläge?" fragte er. „Liebet Heribert, ich thue nicht mehr, als mein himmlischer Vater von mit be­gehrt. Damit sollst Du beschieben sein."

Et wollte gehen. An ber Thür aber nmnbte er fich noch einmal um unb sprach steunblich:

„Wenn die Sonne zur RMe geht, unb wenn Du Dein Tagewerk beschloffen hast, so komme auf meine Arbeitszelle. Dort werbe ich mit Gotte» Hilfe ein Kunstwerk vollenbet haben, btfien Anblick Dir Freude machen soll."

Heribert nickte glücklich. Die Erwartung sprach au» seinem jugenbftohtn hübschen Antlitz.

Gegen Mittag beSselbigen Tages iprach Meister Diethelm fteundlich zu bem fremden Schüler Klan»:

„Komm mit in mein Han» zum Imbiß."

Der leistete ber Mahnung gern Folge. Er hatte fich überall in ben Werkstätten umgesehen unb ver­spürte nun gefunben Appetit.