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M 119 Dimstaq. dm 26. Mai 1896. 23. Aabraana

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baulich genug die Worte zu sitzen," meinte der Aachener Rathsherr lächelnd, fügte aber ernst hinzu:

„Wahrlich, es gelüstet mich nun, die nähere Be­kanntschaft Eures Bischofs zu machen. Sr schaut just so erhaben und liebreich drein, wie der Apostel Jo­hannes über dem Altäre unserer Kirche."

Feurig rief Heribert:

„Da sprecht Ihr wahr! Ein Jünger der Liebe ist der Herrliche auch. Tag für Tag, sobald er Sott in Andachtseifer gedient hat, hört er die Kiagen der Prest- basten und Bedrückten, schirmt er mit Klugheit und Nachdruck deren Rechte. Darauf sucht er die Hütten der Armen auf und gibt täglich über hundert Dürf- Ligen Speise und Trank. Allen Unterthanen. so von Roth heimgesucht sind, verschafft er durch Geld und Unterstützungen Hilfe und Erleichterung. So versieht er in uneigennütziger Liebe daS Hirtenamt seines Spren- gels. Das hindert cha nicht, als Fürst des Reiches eine Grütze des Kaiser- und der deutschen Lande zu sein und besonders dem jungen Kaiser kraftvoll mit Rath und Tdat zur Seite zu stehen."

„Dem kaiserlichen Herrn thut guter Rath und Hilse notb," äußerte ein dunkellockiger Edelpage lombardischer Herkunft. „Herr Orto hat heute Groß?- im Sinne; denn angezogen vom Ueberirdischen hat er, das weiß

ich, drei Tage und drei Nächte lang gefastet und ge­wacht."

Der Mainzer unterbrach ihn lachend:

„Um heute nach der prachtvollen kirchlichen Feier auch weltlich mit um so größerem Prunke das Pfingst- fest, die Herabkunft der heiligen Geistes, zu feier«! Mir war ein Blick in den Festsaal vergönnt, da sah ich genug."

Der lombardische Page ließ sich nicht b-irren.

„Mein kaiserlicher Herr hat sich dmch dreitägiges Fasten zu Großem vorbereitet. Er hat, das weiß ich, Ernstwichtiges vor."

„Seht, seht," so raunte Heribert rasch dem Aachener Rathsherrn zu, „der stattliche R'tter, welcher so selbst­bewußt mit edler Haltung die Halle durchschreittt, ist der kaiserliche Truchseß, Graf Tammo von Sommer- schenburg, der Bruder unseres Bischofs. Wen mag er hier unten suchen?"

Der KunstjüngerS Frage wurde sogleich durch den Grafen selber beantwortet.

„Lieber Heribert," also redete er den Jüngling an, „der Kaiser hat von Euerer Sangeskunst vernommen und will ein Lied von Such hören. Nehmt daS Saiten- spiel und folget mir."

Die überseeische Konkurrenz in Vieh.

Die deutsche Rindvieh-, Schweine- und Schafzucht geht in Folge der überseeischen Konkurrenz einer trüben Zukunft entgegen, so daß auch dieser Zweig der deut­schen Landwirthschaft zum Theile jetzt schon nicht mehr die Selbstkosten ausbringt, also un­lohnend ist, während der andere Tberl auf dem besten und schnellsten Wege ist, anstatt Vorthrile Schaden zu bringen. Damit wäre aber die deutsche Land- wirthschast am Ende ihre- Lebens angelangt, ihr Ende wäre greifbar nahe gerückt, denn die Viehzucht bildete b;S jetzt den letzten Rettungsanker für unsere deutschen Landwirthe. Englands wirthschaftliche Verhältnisse sollte» unser» Staatsmännern, die zum Theil so weit gekommen sind, in der Industrie mit ihren Krisen und und ihrem Gefolge von wirthschaftlichem und politischem Eiend die Nährmutter der Nation zu erblicken, ein warnendes Mane Thekel Phares bilden! Englands Körnerland ist vernichtet, seine Viehzucht aber, Dank der überseeischen Konkurrenz, auf dem Aus- sterbeetat angelangt.

Die Hauptlieferanten Englands in Vieh find: Kanada, die BereinigtenStaaten von Nord­amerika, die Argentinische Republik und AuS- stralien. Bon dem in England eingeführten Horn­vieh lieferten drei amerikanische Länder bei einer Total- einsuhr von 415565 Köpfen mehr als 410000 Hier- von kommen aus die Bereinigten Staaten 276307, auf Kanada 95993 und auf die Argentinische R>vu- blick 39 494 (an Stelle von nur 9538 im Jahre 1864). Australien hat im Jahre 1895 nur einige hundert Stück auSgeführt, trifft aber immer mehr Borbereit­ungen dazu, um seine Biehzucht auf einer breiteren Grundlage zu organifire». Der Jmportzuwachs nach England an lebenden Schafen entwickelte sich im vergangenen Jahre für die Einnahmen der auSländischm Viehzüchter (hauptsächlich aber sür die amerikanischen) geradezu zu einem Glanzpunkt, da dieser Einsuhrzweia sich mehr als verdoppelt hat, indem er von 484597 Köpfen im Jahre 1894 pro 1895 auf 1065470 ge- stiegen ist. Alle Stationen haben sich an dieser Ein­fuhr betheiligt, den Bogel schießt hierbei aber Argen­tinien ab, indem sich sein Import von 73446 Stück im Jahre 1894 auf 308084 pro 1895 steigerte. Auch hat die Ausfuhr Argentiniens an Fleisch keineswegs an Umfang eingebüßt, sondern im Gegentheil bedeu­tend zugenommen. Die Gesammteinfuhr Großbri­tanniens hat sich im Jahre 1895 im Vergleich zum vorhergehenden Jahre um 1377 000 Crntner gesteigert.

Da sich in diesem Jahre die Einfuhr lebenden Viehes, gefrorenen und qesalzenen Fleisches wesentlich vermehrt hat, so ist die Zeit nahegerückt, wo für Eng­lands Biehzucht die letzte Stunde geschlagen hat, so daß, wo heute Taufende von Rindern weiden, in absehbarer Zeit Rehe und Hirsche die neugeschafienen Jagdgründe bevölkern werden. ES ist bekannt, daß auch in Deutschland sich die Einfuhr an fremdem Vieh und Fleisch — letzteres zum größten Theile aus über­

seeischen Ländern — ganz erschreckend gemehrt und deshalb die Preise so gedrückt hat, daß sie kaum mehr lohnend genannt werden können. Der Rathschlag „Treibt Viehzucht!", mit dem besonders manchesterliche Blätter unsere Landwirthe, die über zu niedrige Ge­treidepreise klagen, über die wahre Lage der Dinge hin­wegzutäuschen suchen, hat sich als ein trügerisch-r, falscher erwiesen. Oder kann ein ernster Landwirth behaupten, daß er bei Preisen, wie sie z. B. am 13. Mai in Nienburg a d. Weser notirt und bezahlt wurden, bestehen könne? Dort kosteten 100 Pfund Lebendge­wicht von Schweinen I. Sorte 28—30. IJ. Sorte 26—27 Mk; von Kälbern I. Sorte 40-41,11. Sorte 36—37 und III. Sorte 32 Mark; von Hammeln aber 23 Pfennig das Pfund!

Gleiche Klagen lesen wir aus der Schoeiz. In der liberalen ,9t. Zür. Ztg/ wird die Ueberschwemmung deS Landes mit amerikanischem Schinken, Fleisch und Fett aller Art als eine wahre Kalamität bezeichnet und besonders scharf getadelt, daß jede gesundheit­liche Kontrolle fehle, wodurch der inländische Fleischprodukt doppelt benachtbeiligt sei, da sein Produzent der schärfsten Kontrolle unterliegt. Auf die amerikanischen Gesundheitscertifikate sei kein Ver­laß. sogt gleich uns das schweizerische Blatt. Dann wird tote bei uns bittere Klage darüber geführt, daß diesis mirchertoerthige ausländische Fleisch von den Mrtzgern und Händlern einfach al« einheimisches Produkt zu dem einheimisch en Preise verkauft wird. Der Bauer erhalte aber nur den durch das Ausland gedrückten Preis, muß also erheblich billiger verkaufen, während die städtischen Fleischverbraucher die alten hohen Preise bezahlen müssen. Ganz die gleichen Klagen haben wir schon öfter vorgebracht, ohne bei der staatSerhaltendm Presse intensive Unter­stützung gefunden zu haben. In elsaß-lothringischen und bayerischen Blättern, so z. B. im ,Mülh. Blksbl/, ,Deggend. Donaubote', .Regeusd. Anz.' rc. begegneten wir dieser Tage in Lokalkorrespondenzen ähnlichen Fest­stellungen, was wir hier gerne konstatiren. So heißt es in dem .Deggend. Donaubote': „Rinder, Schweine, Ochsen 2C. lauft der Metzger und Händler nur mehr \ zu halbem Preise! Am letzten Markte in Deggen- '■ dorf wurden Angebote gemacht, welche geradezu En- > trüstung hervorzurufen geeignet waren. Trotzdem'lesen - wir nicht in den Zeitungen, daß die Fleischpreise in den I Städten heruntergingen." — Wann werden endlich ; die verbündeten Regierungen wirksame Mittel zum i Schutze der deutschen Viehzucht ergreifen?

Mit der die deutschen Landwirthe rmnirenden Ueberfluthung des Kontinents mit Fleisch von Rindern, Schweinen und Schafen begnügt sich die überseeische Konkurrenz nicht. Unsere unglückseligen Handels- bezw. Meistbegünstigung-Verträge haben die schlauen Nankees noch auf die Idee gebracht, auch unserem bis jetzt noch rentabelsten Theile der Viehzucht, der Pferdezucht, auf den Leib zu rücken, sie unter „amerikanische Kontrolle" zu bringen. Wöchentlich kommen in Hamburg bereits lebende amerikanische.

vorwiegend kräftige Zug- und Ackerpferde an, die so billig angeboten werden, daß sie, besonders der auf- blühenden rheinischen Kaltblutzucht, eine töotliche Kon­kurrenz bereiten müssen. Mit allen Unkosten wird lcco Hamburg ein amerikanischer junges schweres Pferd zu 350 Mark verkauft — ein Preis, zu dem ein deutscher Züchter unmöglich liefern kann. Es ist sehr schade, daß im Reichstage noch keiner der Abgeordneten das Wort in dieser hoch­wichtigen Frage ergriffen hat.

Richt genug mit der Einfuhr lebender Pferde, will man nun von den Bereinigten Staaten Nordamerikas aus auch Schlachtpferde bezw. das Fleisch ge­schlachteter Pferde nach Deutschland verkaufen. „Nach den Mittheilungen des „Departement of Agri- culture“ ist der Durchschnittspreis eines Vierdes tm Jahre 1871 81 Dollars, im Jahre 1880 54 Dollars und zu Beginn des Jahre» 1896 33 Dollars gewesen. Und diese letztere Preisstellung ift noch al« zu hoch ge­tadelt worden. Gesunde und diensttaugliche Pferde, welche vor 12 Jahren 100 Dollars werth gewesen sind, können jetzt um 6—7 Dollar» gekauft werden. Autoritäten behaupten, daß Pferde im Westen billiger erzeugt werden können, alS Rindvieh und sich besser für den Fleischexport rentiren." So eine Notiz, die dieser Tage durch die deutsche Presse lief. Im In- tereffe der deutschen Pferdezucht, abgesehen von den Forderungen der Thierbesitzer, haben wir die Schlach­tung von Pferden nicht ungern gesehen, weil gerade dadurch die Auspumvung der Pferde bis auf das letzte Atom von Kraft verhindert wird. Der Pferdeschlächter besitzt nur Jnterefie für nicht zu alte, dabei wohlge- n ährte Pferde, wodurch der raschere Verbrauch der Thiere zum Nutzen der deutschen Pferdezucht gefötbert wurde. Wir lenken die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese neusten Pläne der Aankees zur Ruinirung der deutschen Biehzucht und wurden uns sehr freuen, wenn dadurch Anlaß zu einer eingehenden Besprechung dieser wichtigen Frage gegeben würde.

Wie wir soeben in der „D. Ztg." lesen, soll be­reits amerikanisches Pferdefleijch inFässern massen- hast — aber als Rindfleisch bdaritt — eingeführt werben, so baß bie amerikanischen Rinberschlächterien ihre Waare extra als Rinbfleisch stempeln lasten. Wie lange noch wirb Deutschlanb in wirthschaftlicher Be­ziehung der Tummelplatz des Auslandes bleiben?

Deutsches Reich.

Berlin, 25. Mai.

* Der Kaiser hat heute früh die Rückreise von Prökelwitz angetreten. In Marienburg nahm der Kaiser kmzen Aufenthalt zur Besichtigung der dortigen Er- Neuerungsarbeiten in der Hochburg. Darauf wurde die Reife fortgesetzt; die Ankunft auf der Wildpark- station erfolgt heule Abend kurz nach 6 Uhr. — Zu Ehren des Geburtstages der Königin von Großbritannien findet morgen Mittag bei dem Kaiserpaar eine Tafel von etwa 70 Gedecken statt.

Hie Stifte non SmmtWndm-.

Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt 281 ------- (Nachdruck verboten.)

Der junge Mainzer Ebelherr suchte an bem dunklen Flaum über seiner Lippe zu drehen und warf neckisch hin:

„Bei so gewandten weltmännischen Eigenschaften würde Euer hochgepriefener Kirchenfürst auch lieber als Reichskanzler den Kaiser begleiten, als im Hildes- Heimer Lande Bischof sein."

„Schweigt, Gelbschnabel! Ihr könnt» freilich nicht misten, denn dazumal lagt Ihr noch fast in den Windeln. Als vor sieben Jahren bie Hildesheimer Domgeistlichkeit und der HildeSheimifche Adel just nach Eurer Stadt kam, um dem hochverdienten Lehrmeister des Kaiser- den Bischofsstuhl anjubieteit, da hatte Herr Bernward schon die Würde und da» Amt eines Reichskanzlers inne. Der Kaiser versprach ihm Welt- liche Macht und Herrlichkeit ohne Maß und hat ihn unter Thränen, am Hofe zu bleiben. Der Priester aber verschmähte die weltlichen Ehren und folgte dem Rufe feines Volkrs, worin er die Stimme Gottes er­kannte."

„Herr Graf, für einen Kriegsmann wißt Ihr er-