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Donnerstag, den 21. Mai 1896.
23. Jahrgang
FilldkerWZeitlliig
mit UutrrhaltrmgsKetta-r „Sterne nnd Kinmen".
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*# Der tiefste Grund. L
A^s nach dem Jahre 1848 die sogenannte neue Zeit kam, die „Zeit der Freiheit, der Morgenröthe, bei Erwachens aus langem Winterschlafe" und wie all die schönen aber wirdigen Redensarten heißen mögen, da machte man vor allem neue Gesetze, zunächst Verfassungen, Grundrechte u. s. w., dann aber auch Gesetze für alle anderen möglichen und unmöglichen Zwecke. Und so ging und geht die GrsetzgebungS- maschine Jahr um Jahr fort, in den Einzelländern wie im Reiche. Dabei aber find wir in einer Hin- icht um keinen Schritt weiter gekommen, nöm> ich darin und dahin, daß das Volk nunmehr zu- rjeden er („glücklicher" wollen wir gar nicht einmal agen) geworden wäre. Dos ist aber doch der einzig richtige Maßstab, an welchem wir alle Gesetz's- macherei abtoxiren können: wenn die Gesetze unS nicht wenigsten» zufriedener machen, dann — um mit Herrn v. Diest zu reden — können sie urs sonst wos.
Ich will beiläufig bemerken, daß ich keineswegs zu den sog. Reaktionären gehöre, die überhaupt von politischer Freiheit nichts wifien wollen, im Gegentheile, ich habe die Kämpfe jener Tage bis heute mit durch- gemacht, bin ein aufrichtiger Freund der politischen Freiheit und möchte sie nimmermehr entbchren, ich bin auch überzeugt, das Volk wird sie sich nicht mehr nehmen lasten. Aber dar sage ich eben so entschieden: all die überschwänglichen Hoffnungen, die man darauf setzte, sie sind ganz erbärmlich zusammengeschrumpft. Diejenigen Gesetze, mtt welchen Alle zufrieden sind, die kann man an den Fingern der Hände abzählen. Ich glaube nicht, daß Jemand diese Behauptung im Ernste anzweifeln wird.
Woher denn nun diese so überaus ernste, ja traurige Erscheinung? Wenn die Zahl der neu entstandenen Gesetze für die Zufriedenheit der Masten ausschlaggebend wäre, dann müßten wir uns längst im siebenten Himmel der irdischen Glückseligkeit befinden. Aber weit gefehlt, vielfach sogar tritt dar Gegentheil zu Tage. Ich finde den Erklärungsgrund dieser Thal- sache darin, daß man eS an der nothwendigen religiösen, an der christlichen Erziehung deS Volkes hat fehlen lasse».
Man wird mir ohne Zweifel den Einwurf machen: WaS geht den Staat die religiöse Erziehung an? Dafür mögen die ReligionSgesellschaften sorgen; der Staat hat andere Dinge, jedenfalls aber viel zu viel zu thun, al» daß er sich auch noch darum bekümmern sollte. Darauf entgegne ich: ES gibt meines Erachten- gerade für den Staat nichts Wichtigere-, al- die Erziehung einer christlich-religiö- veranlagten, mit einem Worte sittlichen und gewissenhafte» Bevölkerung zu erstreben. Thut er da- nicht, so werden alle, auch die besten Gesetze vergeblich sein. In Folgende« sei mir der Bewei- hierfür gestattet.
ES bat einmal ein englischer Staatsmann, meiner
Sie Kkchn m Lmmrschmbm-.
Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt 25] ------- (Nachdruck verboten.)
IX.
Der Einzug in Hilde-Heim.
Bon allen Wegen mündet's Wie Bächlein in den Strom, Ihm das Gefolge schwellend, Und feierlich leuchtend blicket der Himmelsdom. Emilie Ringseis.
Ein Gesalbter deS Herrn, ein Gerüsteter zur geistlichen Wehr, so zog Bernward im Geleite gar mancher Getreue» seinem Stifte Hildesheim zu.
Sin Theil der Hildesheimer Gesandtschaft, für- nehmlich der Dekan Thangmar und der Graf Altman von OleSburg, waren vorausgeeilt, sobald Bernwards Annahme deS Bischofsstabes und de- Kaiser- Einwilligung erfolgt waren. Die Herren konnten die Zeit kaum abwarten, ehe sie dem Hildesheimer Stifte die ftohe Botschaft überbrachten, und im ganzen Lande rüstete man sich darob freudig zur Feier de-Einzüge«.
ES war an einem sonnig klaren Wintertage, als Bernward mit seiner stattlichen Gefolgschaft gen Gandersheim kam, so an der Grenze seiner Sprengel- lag.
Welch ei» Leben herrschte in dem sonst io stillen Grenzorte! Allhier holte Graf Altman von Ol-sburg '
Erinnerung nach der längst verstorbene Minister der Auswärtigen, Lord Palmerston, bei Gelegenheit einer GesetzeSberathung den Ausspruch gethan: „Gebt mir ein Gefetz von nur zwei Paragraphen, und ich mache mich anheischig, mitten hindurch zu segeln." Auch ist eS bekannt und wir sehen er alle Tage, daß über die Auslegung oder Anwendung der Gesetze sowohl die Rechtsanwälte, wie die niederen und höheren und höchsten Gerichte verschiedener Meinung sind, ja, daß die Urtheile hoher Gerichtshöfe eine Zeit lang so, dann aber entgegengesetzt lauten. Also: die Gesetze an sich können verschieden gedeutet, also auch mißdeutet werden. DaS ist aber nicht nur an sich zu beklagen, sondern eS muß auch die Folge haben, daß geriebene Leute sich bemühen, hiervon Nutzen zu ziehe», um, wie man zu sagen pflegt, dem Gesetze ein Schnippchen zu schlagen. Tausende von Beweise sind dafür zu erbringe», ich muß mich an dieser Stelle nur mit einem begnügen. Wie oft wird der „Halsabschneider", der wegen Wuchers vor Gericht gezogen wurde, freigesprochen d'Shalb, weil man ihm nicht nachweisen konnte, daß er gewußt habe, sein Opfer befinde sich in einer Nothlage. Ist der manchmal klar zu Tage liegende Wucher deshalb weniger häßlich? Bor dem Urtheile de- ehrlichen, gewissenhaften Manne- g-wiß nicht, wenn auch der Richter nach den Buchstaben deS geschriebenen Gesetzes zu einer Freisprechung gekommen ist.
Also: Die Gesetze de- Staate- mögen noch so gut und schön sein, sie werden nicht viel nützen, wenn die Menschen im Punkte der Moral schlecht beschlagen sind. Umgekehrt aber sage ich: Wenn alle Menschen nach den Lehren und Geboten des ChristenthumS lebten, so könnten wir alle GesetzeSmacherei entbehren.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Mai.
* Der Kaiser wird am SamStag au» Prökelwitz nach dem Neuen Palais zurückkehren und die Festtage im Kreise seiner Familie zubringen. — Eine Meldung auS Stockholm bestätigt, daß das deutsche Kaiserpaar nach der norwegischen Sommerreise einen Besuch bei dem früheren deutschen Gesandten in Stockholm Grafen Wedel und Gemahlin auf Schloß Stord Sundby (bei Stockholm) abstatten werde. — Au- Freiwald au in Oesterr. Schlesien wird gemeldet, in Kreisen der Bisthum-verwaltung verlaute, daß ein Besuch des deutschen Kaiser- in Aussicht stehe. Kaiser Wilhelm werde al- Gast de- Kardinal- Kopp an den Hirschjagden theilnehmen. — Der königliche Hof legt für den verstorbenen Erzherzog Karl Ludwig von Oesterreich die Trauer auf vierzehn Tage an.
* Zur Erbfolge-Regelung tm Fürstenthum Schwarzburg-Rudolstadt wird, wie schon kurz erwähnt, dem zum 27. d. M. einberafenen Landtag eine Regierungsvorlage zuxchen. Die Ehe des seit 1891
mit dem ganzen HildeSheim'jch-n Adel den Bischof ein. DaS wogte heran in allen Farben. Vorauf flatterte roth und gelb da» Hildesheimer Banner mit dem Stiftswappen und dem Bischofshut darüber, gar stattlich zu schaue».
Ueber dar Glockengeläute der Klosterkirche hinweg klang lauter noch der festliche Schall von Trompeten und Pauken und Hellen Jubelrufen der Menge.
Alsbald hatten die adeligen Herren den Bischof wie mit einem Kranze umritten, und Graf Altman von OleSburg entbot herzenSfteudig dem geweihten Sohne deS Landes den ersten WillkommenSgruß auf der Heimathherde im Namen des Stiftes Hilde-Heim.
Als nach der frohen Begrüßung sich der Festzug mit dem Bischof an der Spitze ift Bewegung setzte, zeigte sich de» Ankommenden ein gar freundliches BUd. Die Nonnen de- Kloster- Gandersheim mit ihren Zöglingen hatten sich vor dem Portale aufgestellt und winkten mit Schleiern und Tüchlei» dem Oberhirten entgegen.
„Just dasselbe Bild, we wir da vor fünfzehn Jahren erschauten, al- wir unfern Herrn Othwin begleiteten", sprach Altman und fügte hinzu:
„Die dazumal so stattliche Herrin Gerberga liegt heute siech in ihrem Lehnstuhl, und die Kaiserstochter Soph'a, so die Stelle der verehrnngswü-bigsten Mutter
verheiratheten Fürsten Günther ist kinderlos.; Wei dem Tode des Fürsten würde unter den jetzigen^ Verhältnissen kein Thronberechtigter vorhanden sein und da- Land nach dem SuccrssionSvertrag von 1713 an da- Fürstenthum Schwarzburg-Sondershausen fallen. Um dies zu verhüten, will die Vorlage den Prinzen Sizzo von Leutenberg, Sohn der 1867 verstorbenen Fürsten Günther aus dessen zweiter Ehe mit Helene Gräfin von Reina, Adoptivtochter de- Prinzen Wilhelm von Anhalt, der jetzt 36 Jahre alt ist, als erbberechtigt anerkennt wissen. UebrigenS droht auch in Schwarzburg-Sondershausen das regierende Fürstenhaus im Mannesstamm zu erlöschen. Fürst Karl Günther ist nahezu 67 Jahre alt. Er ist seit 1869 mit Marie, Prinzessin von Sachsen-Altenburg, vermählt, doch ist die Ehe kinderlos geblieben. Sein Bruder, Prinz Günther Leopold, ist nur um 2 Jahre jünger und unvermählt. Sonstige männliche Erbberechtigte sind nicht vorhanden.
* Die ,Kreuzztg.' erklärt, die Konservativen hätten den Pastor Schall lediglich deshalb zum Mitglied der Retchsschulde« - Kommission vorgeschlagen, weil diese zuweilen auch außerhalb der Parlamentszeit zusammenkommen müsse, Pastor Schall aber in der Nähe von Bexlin wohne. Jedenfalls hat die Linke de- Reichstage- bei jenem Vorschläge gelacht, und mehr als einer hatte den Eindruck, als ob dieser Vorschlag deshalb belacht worden sei , weil man darin eine Demonstration gegen daS Kaiser!. Telegramm erblickte. DaS ist keine „Kinderei", wie die,Kreuzztg.' sagt, sondern Thatsache. Im Uebrigen ist eS recht interessant, daß die sonst so langsame .Kreuzztg/ ei diesmal so eilig mit ihrem „Dementt" hatte.
* Aus der neuesten Veröffentlichung de» RetchS- verficheruugS - Amtes über den Rentenstand vom 1. April 1896 geht hervor, daß die Zahl der laufenden Jnvaliden-Renten sich in letzter Zeit beträchtlich vermehrt hat. Zu diesem Zeitpunkte machten die Invaliden - Renten bereits 39 pCt. sämmtlicher Renten, die Alters - Renten 61 pCt. aus. Die Zeit ist also nicht mehr allzu fern, wo auch durch die Zahl der laufenden Renten dargethan werden wird, daß das Invalidität-- und AlterSversicherungS-Gesetz hauptsächlich zur Sicherung der Arbeiter und ihrer Familien bei In validitätS - Fällen eingeführt ist.
* Die Reich stagskommtsfio« für daS Bürgerliche Gesetzbuch hat die erste Lesung desselben am Mittwoch beendigt. Die zweite Lesung hofft mau nach Pfingsten in höchsten- 14 Tagen erledigen zu können. Im Plenum soll dann, der ,Post' zufolge, die zweite Lesung am 22. Juni beginnen, die dritte etwa am 6. Juli. Diese» Programm, wenn e« wirklich bestehen sollte, kommt sicherlich nicht zur Durchführung. DaS Volk hat eS jedenfalls gar nicht eilig mit dem neuen Gesetzbuch.
* Offiziös wird versichert, die Version, wonach der preußische Landtag nur deshalb nicht geschlossen worden, weil die Reichrregierung den größten
vertritt, ist auf Reisen, um Verwaltung- - Angelegenheiten deS Kloster- zu regeln."
Bernward beschattete daS Auge mit der Hand und spähte hinüber.
„Da gewahre ich aber inmitten der Klosterfrauen eine hohe Gestalt, welche den Krummstab trägt; dec Schleier verhüllt ihr Angesicht. Wer ist diese?
Altman'S Stimme bebte in freudiger Bewegung, al- er zur Antwort gab:
„Deine fromme, edle Schwester Judith, die erlauchte Aebtiffin von Ningelheim, ist auf den Ruf der Schwestern hierher geeilt, um an der Spitze de» Konventes Dich, den Oberhirten, zu begrüßen. Dort erblickst Du auch Dein in Gandersheim zur lieblichen Jungfrau erblühte- Schwrsteclein Thietburg. Die wonnesame Maid wird die Huldigung im Namen der Zöglinge Dir dardringen."
Graf Tammo aber, der gleich hinter dem Bischöfe ritt, hob ein frendige- Rusen an:
„Da ist ja auch meine liebe Hau-frau HildeSwithal Ja wirklich, da- ist die Holde! Und das find meine beiden Kinderlein! O, die Lieben konnten nicht Watten, sie mußten Dir hierher entgegeneilen."
DaS war ein freudiges, ein weihevolles Grüßen hinüber und herüber.
Mit tiefe: Bewegung, mit innig empfundene» Guck