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Samstag, dm 16. Mai 1896.

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! Hier;« eine Beilage.

X Die ethisch-soziale Seite der Raiff- eisenvereine.

Vielfach ist man noch gewohnt, bei dem Namen Raiffeifenvereine nur an Geld« und Kreditinstitute zu denken. Diese Erscheinung steht nicht außer Beziehung zu dem von Raiffeisen für seine Institute gewählten Namen: „DarlednSkassenvereine". Wenn man aber bedenkt, daß Raiffeisen seine Vereine durchaus nicht als reine Geldinstitute aufgefaßt wissen wollte, daß dieselben di- ganze Wirthschast des Bauern umfaflen und sämmtliche Betriebsmittel dem letztern beschaffen sollen, ja daß die Vereine nicht nur zur materiellen Förderung, sondern aanz besonders auch zur sittlichen Hebung der Mitglieder beitragen sollen, dann kann man den Namen „Darlehnskaffen- vereine" für solche Einrichtungen nur als sehr wenig entsprechend erachten. Indessen der Name macht eS nicht, Hauptsache bleibt daS Wesen einer Dinges, und da» wesentliche Ziel der Raiff-isenoereine soll nach der Absicht ihres Gründers in der erziehlichen Wirksamkeit liegen. DuS geht aus allen Schriften und Reden Raiffeisens hervor. Wenn e» ihm auch witzrend seines Lebens nicht gelungen ist, nach allen Richtungen hin diese» Moment in der Einrichtung der Vereine zur vollen Entfaltung zu bringen, so hat er aber in der Organisation derselben den ftuchtbaren Keim gelegt, der mit treibender Straft zur immer weiteren AuSgestaltuna zwingt.

So hat denn Raiffeisen in seinen Schriften bezüg­lich der Generalversammlungen nur kurz den Gedanken behandelt, daß dieselben zur Besprechung aller möglichen gemeinnützigen Fragen benutzt werden sollen. Aber er hat diesen Gedanken so weit auSgefübrt, daß darauf weiter gebaut werden konnte. Dieser Weiterbau ist dem Herausgeber der neuen Aus­lagen der Raiffeisen'schen Schriften gelungen. Dr. Martin Faßbender, welchem die Neubearbeitung von der Berlagshandlung übertragen ist, hat in den neuen Auflagen gerade die Abhaltung der Generalversamm­lungen in einer vollständig neuen und ausführlichen Weise behandelt, welche von der weittragendsten Be­deutung für die Wirksamkett her Vereine werden kann.

Ueber diesen Theil der „Anleitung zur Geschäfts- und Buchsührung der Spar- und Darlehnikassenvereine nach Raiffeisen's System. Im Auftrage der General- anwaltschaft ländlicher Genossenschaften für Deutsch- land bearbeitet von Dr. Faßbender" (Verlag der Firma Raiffeisen und Kons, in Neuwied a. Rh.), beißt es in der von dem früheren österreichischen Staatsminister und al» bedeutenden Rationalökonomen bekannten Dr. v. Schäffle redigirten .Tübinger Zeit- schrist für die gesammten Staats Wissenschaften' folgender- maßen: „

„Ich möchte nur die Gesammtvertretung der Ge­nossenschaft herausgreifen, die Generalversammlung, und auch bei dieser halte ich mich nur an einen Zweig ihrer vielseittgen Obliegenheiten: da- erziehe­rische Moment, welche» gerade in ihr zum Aurdruck gelangt. Dieser Theil der Berein-thätigkeit ist gerade in dieser neuen Auflage des Buche» in vollständig neuer und ausführlicher Weife zur Darstellung ge­bracht. Der Geh. OberregierungSrath Dr. Thiel sagt in seiner Schnst „Zur GenosienschaftSbewegung": „Der alte Raiffeisen war eine tiefinnerliche Natur; er verband in einem seltenen Grade die Begeisterung unb zähe Hingabe eines ganz überzeugten Schwärmers für die höchsten Ideale mit praktischer Geschäfts- begabung und tiefer Kenntmß der Menschennaiur und ihrer Nöthen und Schwächen. Sein letztes und Haupt­ziel war die sittliche Besserung aller Menschen; die ökonomischen wirthschafttichen Ausgaben der Ge­nossenschaften waren ihm nur Mittel zum Zweck." Hier lieat wobl der fundamentalste U -terschied zwilchen den Raiffeisen'schen Genoffenschrften und den genoffen» schafttichen Kreditinstituten anderer Richtung und andern Namens. Nicht mit der Bewilligung eines Darlehens und der Rückzahlung desselben ist die Absicht erreicht; nicht

müder wirthschafttichen Besserung der Verein-Mitglieder ist eS genug gethan. Diese bildet erst die nothwendige Grundlage für die letzten und höchsten Ziele der Ge­nossenschaft. Ist der leibliche Hunger gestillt, dann erwacht der Durst des Geiste». Fühlt der Manu, dem vordem der Boden unter den Füßen schwantte, daß er nunmehr feststeht, dann werden seine Gedanken frei auch für andere Dinge, als solche, die nur sein eigenes Ich, seine Wohlfahrt betreffen; dann erst erwacht der Mensch, der denkende, freie, edle Mensch in ihm. Und diesen Menschen gerade suchte Raiffeisen, als er begann, dem schwachen, hilflosen, ängstlich sorgenden Unfreien zu helfen. Die ethische Seite der Raiffeisen'schen Se- nossensckasten ist ihr bedeutende», kennzeichnende« Merk­mal. Erziehen sollen die Vereine, Seift und Seele bilden; nicht nur die Namen der Genossen sollen in dem Register nebeneinander stehen; auch sie selbst sollen sich untereinander verbunden wissen, sollen eine wirk­liche Genossenschaft bilden, nicht nur einen wirthschast- lichen Verein. Unb gerade hier bürste ben General- Versammlungen der Genossen eine besondere Bedeutung zukommen, indem sie Geleaevheü geben, neben der Er­ledigung rein geschäftlicher Berein»-Angelegenheiten auf eine geistige und sittliche Befferung der Mitglieder hin- zuwirken. Gerade dieser Seite der Bereinsthätigkeit bei den Generalversammlungen hat Faßbender auch in dem vorliegenden Buche seine ganz besondere Ausmerk- samkett und Liebe zugewendet. Unter strenger Aus­scheidung der Politik und konfessioneller Streitpunkte fiy)rt er eine Menge Themata an, welche zu Borträgen in diesen Versammlungen geeignet sind. In den General­versammlungen selbst wird stet» die parlamentarische : Form mit Entschiedenbeit und Strenge gehandhabt. Reben dem eigentlichen Referenten wird ein Korreferent bestellt; an da» Referat schließt sich die Debatte. Das gibt Leben in dem richtig denkenden, aber etwas lang­samen Bauernverstande; er lernt, indem er hört, und er lernt noch mehr, indem er selbstständig dem besprochenen Thema näher tritt, selbst darüber spricht und über sein Sprechen und Können Freude empfindet. Hier liegt eine Schule von nicht genug zu schätzender Bedeutung und ich glaube, gerade dem weiteren Ausbau und der besonderen Pflege solcher alle Genossen des Vereins zuiammenfüdrenden Versammlungen wird mit der zu­nehmenden Sicherung der materiellen Lage eine besondere Sorgfalt zuzuwenden sein, soll der letzte und edelste Zweck der Raiffeisen'schen Genossenschaften im Sinne ihre» Begründers — ganz abgesehen von der natür- lichen Ausreifung — durch äußere Mittel einer schnelleren, gewiffermaßen systematisch erfolgten Verwirklichung ent- gegengesthrt werden."

So die .Tübinger Zeitschrift'.

Wir möchten wünschen, daß die Vorstände der Raiffeisen-Vereine diese Worte recht beherzigen und danachhandeln möchten. Erwähnt mag auch werden, daß die erwähnten Versammlungen den Geistlichen, Lehrern und anderen Personen, welche zur Abstellung von Mißständen in den Gemeinden und zur Einführung nützlicher Einrichtungen beitragen möchten, Gelegenheit bieten, segen-reich zu wirken. Was auf der Kanzel sich nicht sagen läßt, kann in solchen Versammlungen sehr wohl zur Sprache gebracht werden. Auch lasten sich an die Erörterungen Beschlüsse ankaüpseu, welche daS erkannte Ziel zur wirklichen DurcbfÜbrung bringen. Ueber die ideale Wirksamkeit der Raiffeisen-Vereine enthält sehr deachtenSwerthe Gesichtspunkte eine soeben erscdienene Schrift von 8b te Müller in Düttlenheim im Unterelsaß, betitelt: „Denkschrift über die zehn ersten Jahre der Wirksamkeit untereliässischer Spar- und Darlehnskaffenvereiue Raiffeisen'scher Organisation". Hieraus ergeben sich ebenfalls manche Gesichtspunkte für die soziale Wirksamkeit der Geistlichen auf dem Lande und wir möchten die Lektüre dieser Schrist recht warm empfehlen; sie ist von dem Verfasser zu beziehen.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Mai.

* Der Kaiser wird mit der Kaiserin am 10. August die Sradt Ruhrort beiuchen, um der Enthüllung eines Denkmales für Kaiser Wilhelm I. beizuwobnen. Gleich­zeitig wird der Kaiser die großartigen Hafenanlagen von Rubrort und mehrere industrielle Werke besichttgen. Der Aufenthalt ist auf 3 Stund m berechnet.

* Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe trifft der

,Nat.-Ztg.' zufolae am SamStag Abend aus Schill in gl fürst wieder in Berlin ein. , ,

• Im .ReichSanzeiger' erläßt d-r Finanzmtmster folgende Bekanntmachung an die Vorsitzenden der Ein: kommenftener-Berufungs-Kommisfion:

AuS bm Kreisen der Steuerpflichtigen, namentlich der Ge­werbetreibenden, ist in neuerer Zeit mehrfach über die Unzuträg­lichkeiten geklagt worden, welche damit verbunden sind, wen« ihnen zum Zwecke der Beweisaufnahme im Einkommensteuer- Beranlagungs- oder Berufungs-Verfahren die Geschäfts­bücher auf längere Zeit entzogen werden. Dies gibt mir Beranlaflung, die Verfügungen vom 28. September 1892 und 10. Juni 1893 in Erinnerung zu bringen, wonach der Steuerpflichtige zwar nicht verlangen kann, daß die von ihm an­gebotene Vorlegung der Bücher in seiner eigenen Behausung stattfinde, andererfeits aber ohne sein Einverständntß mcht ge­fordert werden darf, daß er feine Bücher unter Ausgabe des Gewahrsams einsendet. Unter allen Umständen ferner tst die Einsichtnahme und Prüfung der voraelegten Bücher mit mög­lichster Beschleunigung zu erledigen. Zur Abkürzung der b-züg- lichen Verhandlungen empfiehlt es sich, in allen irgend geeigneten Fällen zunächst eine auf Grund der Bücher anzufertigende Auf- stellung der nach der Sachlage in Betracht kommenden Einnahme- und Ausgabe - Positionen na» Anleitung der Entscheidung des Röntgt. Ober-Berwaltungsgerichtes vom 22. Februar 1894 (Entsch. Bd. II. S. 433 ff.) und der Verfügung vom 24. August 1894 (Mitth. Heft 30, S. 7) von dem Beweispflichtigen einzufordern. Hierdurch wird vielfach die Vorlegung der Bücher selbst überhaupt entbehrlich werden, insbesondere in solchen Fällen, wo weder an der Uebereinstimmung des gelieferten Auszuges nut dem In­halt der Bücher, noch an der Ordnungsmäß-gkeit der Buchfüh­rung im Allgemeinen Zweifel bestehen, sondern nur die Abzugs­fähigkeit gereifter Ausgaben und Abschreibungen oder die zulässige Höhe der letzteren zu prüfen ist. Damit jede unnöthige Belästigung der Steuerpflichtigen thnnlichst ver­mieden wird, wollen Euer Hochwohlgeboren die vorstehend an­gegebenen Gesichtspunkte den Vorsitzenden der Beranlagungs- Kommissionen Ihres Bezirke« zur genauen Beachtung mttthetlen und auch Ihrerseits bei Erörterung der Berufungen stets tm Auge behalten.

• Der Ab«. Müller-Fulda tijttlt gegenüber einem Angriffe im ,Berl. Börsen-Cour.' diesem Blatte mit, baß er sich bei bet Abstimmung im Reichstage über bie Zucker steuer-Prämien er Höhung al» T Teil­haber einer Zuckerfabrik ausdrücklich unb unter ent- sprechender Erklärung bet Abstimmung enthalten habe. . ,

* WiekoitservativeBlStter melden, haben bieoerenugteu KreiSsynob-n Forst i. L. und Spremberg Hofprediger a. b. Stöcker wieberum mit großer Mehrheit in die Provinzialsyuobe gewählt.

* Die Familie des Staatssekretärs Dr. v. Bötticher ist plötzlich in großeBesorgniß versetzt. Der jüngste Sohu, welcher in Rheinsberg Referendar ist, wirb seit zwei Tagen vermißt. Er unternahm, wie bie ,Poftt hört, am Mittwoch auf bem Neuruppiner See eine Kahnfahrt, von ber er bisher nicht zurückze- kehrt ist, so baß man auf einen schweren Unfall schließt. Referendar Dr. v. Bötticher ist, wie ba« genannte Blatt hinzufügt, als geroanbter Sportsmann bekannt; im vorigen Jahre wurde er für bie Rettung eine» Menschenlebens vom Ertrinken mit ber RettungSmedaill- ausgezeichnet.

* Ueber hie Ergebnisse ber sozialdemokratischen Partei-Steuer wird im .Vorwärts' jetzt für den Monat April Rechnung gelegt. Danach hatte die sozialdemokratische Partei-Haupttasse im Monat April eine Gesammteinnahme von 22539 Mark zu verzeichnen. Davon brachte Berlin 5027 Mark auf. Unter den Einnahmen figurirt auch eine „Rückzahlung" aus Charlottenburg mit 140 Mark. Nicht in Rech­nung gebracht sind dabei die Steuer-Rückjtände, wes­halb einzelne sozialdemokratische Steuerkaffen mit runden Summen ihre Monatszahlungen a conto ab­schließen. Al» freiwilliger Steuerzahler für die sozial­demokratische Parteikaffe tritt wie immer der „Mann im Mond" auf, der über ein Millionen-Bermögen Oer­fügen muß. Bringt man aber dessen Beitrag von 2000 Mark in Abzug, so bleibt immerhin noch eine MonatS-Steuereinnahme von rund 20 000 Mark übrig, bie aus Arbeitergroschen unb vor. „hungernben Proletariern" aufgebracht wird, zum großenTheile von solchen Arbeitern, bie in Anbetracht ihrer be- drängten Lage von Staatssteuern ganz befreit find, von ber sozialdemokratischen Partei aber der Steuer- pflicht unterworfen werben. Unb von biesen Arbeiter« Steuern können dann die „Herren vom Parteivorstand" als wirkliche Herren leben!

* Wegen „Beleidigung von irgend jemand" ist ber Redakteur be« »Hanauer Stadtblatte-' bestraft worden. Derselbe war wegen Beleidigung des Amts- Vorstehers von Uechtntz in Steinsdorf vor längerer Zett