Einzelbild herunterladen
 

Freitag, den 15. Mai 1896.

23. Jahrgang

illdllkrWZkitonß

mit UrrLrrhaLtrrngs-KettaSr »Ztrrme mrd KLumerr".

1*864, S*®*» ”* seSgenseneaL — Siertriflchrkich« AbonurmentSpreiS osne Äangerie^a und BeH^lzrw in FrSa icrt> a»8®£dh8 1 Mork 50 Ps«nng

3«feiate koste« bw emftmltizc «sr»»iÄz-kle otzer beten Raum 15 Pf., 3teRawn die Hetitzeile 25 Pf., bei MZerholmroe" entspreche»^ Robarr

Deutsches Reich.

Berlin, 13. Mai.

* Der Kaiser und die Kaiserin trafen heute kurz nach 3 Uhr Nachmittags in Primken au ein. Unter brausendem Jubel und begeisterten Hurrahrufen i der vieltausendköpfigen Menge fuhren dieselben in Be­gleitung der Herzogs Ernst Günther nach dem Schloß, wo dis Begrüßung durch die Spitzen der Behörden erfolgte. Gegen 2000 Krieger und 1000 Schulkinder bildeten Spalier. Die Stadt prangt im festlichen Schmucke.

* Zu einem parlameutarischeu Abend beim Kriegs­minister waren für g-stern Abmd Einladungen er­gangen. welchen zahlreiche Angehör-ge fast oller Frak­tionen deZ Reichstag- gefolgt waren. Auch mehrere Mitglieder des SiaatsmiwstenumS und höhere Offiziere vom Kriegsmmisterium waren zugegen. Um halb 12 Uhr erst brachen die Gäste auf. Der Eindruck lei den parla­mentarischen The-lnehmern war, so schreibt die ,Nat- Ztg.', daß die Frage dir Umformung der vierten Bataillone und die zu diesem Zwecke eingebrachten Forderungen die Zustimmung veS Reichstages finden dürften, daß aber auch ungemindert die lieber- zeugung von der Nothwendigkeit einer befriedigenden Erklärung über den Stand der Militärstraf- Proz eß-Refo^mateitenS der Regierung im Interesse einer gkaWWWUWung^er Borlohe fortbesteht.

* Der^WW^Mkouvent des Reichstages trat am Mittwoch nao^oer Plenarsitzung zusammen, um über die Geschäftslage des Hauses zu bsrothrn. DaS einzige positive Ergebniß ist jedoch nur das, daß am nächsten Montag die Militärvorlage (Um- Wandlung der 4. Bataillone) zur ersten Lesung kommen soll. Ueber alles andere, Dauer der Pfingstferien, Dauer der Session bezw. Vertagung, Erledigung des bürgerlichen Gesetzbuchs u. s. w. gingen die Meinungen weit auSeükander und eint Einigung wurde nicht erzielt.

* Zur Frage der Wiedereinführung der drei­jährigen Dienstzeit äußert sich die „Kreiuztg." in einer beachtenSwerthen Ausführung, in der er heißt: „Wir haben trotz allseitiger namenloser Anfeindungen auS sachlichen Gründen unS kräftig gegen die Einfüh­rung der vierten Bataillone gestemmt, und so haben wir unentwegt gegen die Verkürzung der Dienstzeit gekämpft, die in der That unsere Armee langsam zu schädigen beginnt!" Weiter führt d-e ,Krevzzeitung' auS, die Einführung der zweijährigen Dierstzüt mit ihrem „untrennbaren Anhängsel der vierten Bataillone" sei eine politische Nachgiebigkeit gewesen, „deren am Re- gierungstische sitzende B rtheiSigec von den liberalen Parteien bejauchzt, von der liberalen, offiziösen und der im Großen leider überaus dürftigen militärischen Presie mir Weihrauch bestreut wurden" Dann wird der „heutigen Militärverwaltung" der große Dank der Armee ausgesprochen, „daß sie den Muth und die nicht

Die Grafen von LoNmerfcheubmg. Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt 20] (Nachdruck verboten.)

VII.

Auf der Stammburg.

Sei mir gegrüßt. Du Holde, Du aller Frauen Zier, Du Stern vom Hotten Selbe, Zu eigen bin ich Dir, Zu eigen und zu Solde Nur einzig Dir allein;

Sei mir gegrüßt, Du Holde, Dir eignet all mein ©ein.

Jakobus Balde.

Weit über waldige-Hügelland schaute dieSommer- schenburg. Gar stattlich und wohldefestigt thronte sie auf felsiger Höhe. Bau an Bau, pferdekopfaezierte Giebel, buntbemalte Erker, einen gewaltigen Thurm umfriedeten fiste Mauern und Zmnen.

Zu den Füßen der Burg auf halber Höhe deS Hügels leg der gleichfalls bchstigte Freihof Sommer­werk, so alt, wie die Burg selber, und tief unten schmiegte sich gar malerisch daran ein schutzbedürftig Dörflern, deß Name Sommerdorf war.

AlS Herr Tammo vor sechs Monaten endlich zurück- gekehrt war von seinen Kriegsfahrten, da halte er sein Heimwesen verödet und unhold gefurd.n. In dm Ge- I

hoch genug anzuerkennende Entschlossenheit halt', sofort einzugreifen, als sie erkannte, daß die lebensunfähigen vierten Bataillone in der gesunden Organisation der Armee einen Krebsschaden bebrüteten, und daß sie nicht wartete, bis unheilbarer Schaden entstanden war." Und zum Schluß heißt es: „Möge bei der Beendigung der BerfuchSperiode mit der zweijährigen Dienstzeit dieselbe oder eine ebenso mannesstarke Hand das Ruder leiten, die kein anderes Ziel kennt, als die Sache, d. h. die Wohlfahrt der Armee!" — Man kann kaum deut­licher fein. Die letzte Militärvorlage läuft erst am 31. März 1899 ab. Will man jetzt durch die Vor­lage betreffend die vierten Bataillone den Grneralsturm gegen di: zweijährige Dienstzeit, der dann anscheinend in Szene gesetzt werden soll, präludiren? Sogar der gewiß nicht als „antinationa!" geltende „Hann. Courier" meint, „dem gegenüber dürfte er angebracht erscheinen, wenn in die jetzt zur Berathung kommende Vorlage ein Paragraph ausgenommen wird, der die zweijährige Dienstzeit auch über jenen Termin hinaus sicherstellt. Eine Mehrheit dafür wäre im Reichstag selbstverständ­lich vorhanden, und die Regierung würde gewiß kein Bedenken tragen, durch Zustimmung zu einer solchen Gesetzesbestimmung kiarzustellen, daß sie mit den Treibe­reien der KreuzzeitungSpartei auch in diesem Punkte nichts gemein haben will." — Die freisinnige BolkSpartei hat in einer in Gemeinschaft mit der deutschen Volkspartei abgehaltenen FrattionSversammlung beschlossen, in den Gesetzentwurf über die Umformung der vierten Bataillone die Aufnahme eines Paragraphen zu beantragen, welcher die zweijährige Dienstzeit dauernd einführt, und von der Zustimmung der Regierung zu diesem Beschluß ihre Stellung zu der Vorlage obhäug'g zu machen.

* Bei Gelegenheit der 25jährigen Wiederkehr deS Tages, wo der Frankfurter Friedt geschloffen wurde, dürste eS angebracht sein, die Hauptpunkte der da­maligen Vereinbarungen wieder in Erinnerung zu bringen. Zunächst wurde der Inhalt der Friedens- unteihandrungen zwischen dem Fürsten BiSmarck und den französischen Unterhändlern, an deren Spitze ThierS sich befand, bestätigt, der int Wesentlichen die folgen- Punkte enthielt:

1) Frankreich verzichtet zu Gunsten des deutschen Reiches auf alle Rechte und Ansprüche hinsichtlich der elsässisch-Iothringi- schen Landestheile, deren Grenze genau bestimmt wird. Das deutsche Reick wird diese Gebiete für immer mit vollem Sou- verämtäts- (Oberherrschafts-) und Eigenthumsrechte besitzen. Die Stadt und die Festungswerke von Belfort werden mit einem später festzusetzenden Rayon (Festuugsbezirk) bei Frankreich ver­bleiben. 2) Frankreich wird Seiner Majestät dem deutschen Kaiser die Summe von 5 Milliarden Franken zahlen. Mindestens 1 Milliarde Franken wird im Laufe des Jahres 1871 und der ganze Rest der Schuld wird im Laufe dreier Jahre gezahlt werden. 3) Die Räumung Frankreichs von deutschen Truppen erfolgt, nach Annahme des Friedensvertrages durch die Natioual- rersammluug in Bordeaux, entsprechend der Zahlung der Kriegs­entschädigung. Die Milliarden werden bis zur Zahlung mit fünf v. H. verzinst. 4) Die deutsche Regierung wird der ungehinder­ten Auswanderung der Einwohner der abgetretenen Gebietstheile mächern wob die Spinne ungestört ihr Netz, und in der Halle hausten Fledermäuse und Eulen. Auf sein Machtwort aber wurden die schlimmen Gäste vertrieben, ward emsig gemauert und gezimmert.

Nun, da alle- vor dem Winter fertig geworden war und wieder heimathlich, wohlig und gastlich aus­schaute, stand der Graf da und fragte: „Was nun? — Soll ich jagen, fischen, für die Heerden sorgen und friedlich bte Scholle bebauen, oder soll ich auf'- neue zum Kriege au-ziehen gegen die räuberischen Slaven?"

Gerhard von Sommerwerk, der greise Burgvogt, schien die Gedanken de- jungen Grafen zu errarhen.

„Tammo, ich weiß, worüber Du grübelst", also sprach der würdige Herr und trat näher.

„Ich rathr Dir, wie eS mein vtelwerther H?rr und Freund, Dein Vater selber gethan hätte: Mein Sohn, gib dar theuere Erbe, das Deine Ahnen einst mit Blut vertheidigt haben, nicht preis. Bleibe hier bei Deinem Volke; das ist an dir Scholle gebunden und sucht seinen Schutz bei Dir."

Gerhard, der freie Inhaber des Hofes Sommer­werk, der nur aus Freundschaft für Tammos Eltern da- Amt des Burgvogtes übernommen hatte, durfte ein kühne- Wort sich schon erlauben; darum fügte er lächelnd hinzu:

„Und im Namen Deiner edlen Frau Mutier bitte

nichts in den Weg legen. 5) Die Kriegsgefangenen werden so­fort nach Anerkennung des Friedensvertrages zurückgegeben.

Es wurden dann folgende Zusätze ang'nomuen:

1) Die Umgebung von Belfort wird an Frankreich über- lasfen unter der Bedingung, daß Deutschland bei Thionville seine Grenze entsprechend vorschiebt. 2) Elsaß-Lothringer können bis 1. Oktober 1872 auswandern, ohne sich mit ihrer Militär­pflicht in Gegensatz zu bringen. Kein Bewohner der deutsch ge­wordenen Gebiete darf wegen einer früheren politischen oder miltärischen Handlung belangt werden. 3) Die französische Re­gierung übergibt alle Urkunden und amtlichen Papiere von Elsaß-Lothringen. Die reformirten lutherischen und israelitischen Religionsgemeinden der betreffenden Landestheile werden nicht mehr von französischen Konsistorien abhängig sein. 5) Die Mil­liardenzahlungen werden geleistet in Gold oder Silber, Noten der Bank von England, Preußen, Niederlande, Belgien oder in diskontirb'reu Wechseln ersten Ranges. 6) Das französische Heer darf bei Paris bis zum Abschluß der Zahlung 10,000 Mann nicht Übersteigen. Bis dahin sind andere Truppenan­sammlungen rechts von der Loire unzulässig. 7) Da die früheren Handelsverträge durch den Krieg aufgehoben sind, so wird zur Anbahnung neuer Handelsbeziehungen festgesetzt, daß Deutschland und Frankreich sich (mit Ausnahme abhängiger Kleinstaaten) als „meistbegünstigt-! Nationen" behandln wollen. 3) Alle aus Frankreich ausgewiesenen Deutschen bleiben im vollen Genüsse des Eigenthums, welches sie in Frankreich erworben haben. 9) Beide Theile sollen die Kanalisirnng der Mosel fortsetzen. 10) Beide Regierungen verpflichten sich gegenseitig, die Gräber der auf ihren Gebieten beerdigten Soldaten respektiren und unter­halten zu lassen.

* Dar Abgeordnetenhaus wird voraussichtlich zu einer kurzen Herbstfefsion einberufen werden, um ein von der Regierung in Aussicht gestellte- neues Lehrerbefolduugsgesetz zu berathen. Bekanntlich hat der Herr Finanzminister das schon im Abgeordneten­hause angedrutet, al- er sagte, er würde sich außer­ordentlich freuen, wenn der Landtag bereit- zum Herbst einberufen werden sollte, um das neue Gesetz so zeitig zu erledigen, daß dasselbe bereits am 1. April nächsten Jahre- in Kraft treten könne. Aach daS abgelehnte Lehrerbesoldungsgesetz sollte erst am 1. April nächsten Jahrks in Kraft treten, die Lehrer würden also durch daS Scheitern des Gesetze- im Herrenhause noch nicht- verloren haben. Ob freilich im Herbste ein Gesetz zu Stande kommen wird, wissen wir nicht.

* Der Reichskanzler und der preußische Land- wirthschaftsminister, haben von dm LandwirthschastS- kammern ein Gutachten über die Frage deS Ver­bots des Getreide-TermiuhandelS eingefordert. Bor einigen Tagen waren, wie die .Post' hört, zur Ab­fassung der Antwort die Vorsitzenden der Kammer in Berlin zusammengrtreten. In der Antwort treten die Kammern einstimmig für daS Verbot ein.

* Eine schärfere Durchführung der geschäftliche« Sonntagsruhe stellt die ,Schief. Ztg.' in Aussicht. Es ist danach bestimmt worden, daß der von den Gast- und Schankwirthrn betriebene Verkauf „über die Straßen" als Ausübung des Handelsgewerbes an­zusehen und demgemäß an Sonn- und Festtagen im Allgemeinen auf die für das Handelsgewerbe frei- gegebenen Stunden zu beschränken ist. Die Regierungs­präsidenten sind jedoch ermächtigt worden, den Gast-

ich Dich, lieber Tammo, suche Dir eine sanfte, fromme Hausfrau, die Deine- Herdes und Hosts fürgforglich waltet, und Dch von Herzen lieb hat. Das wird Deiner rastlosen Seele Ruhe geben und Deinen allzu kriegerischen Sinn friedlich gestalten. Du stehst jcht im besten Manne-alter. Wann denkst Du an de» Eh > stand?"

Graf Tammo verzog zwar ob dieser Rede da» Gesicht, als böte man ihm Wermuth dar; doch Herr Gerhard kannte seinen Liebling schon allzu lang-, er wußte, daß der Erbgraf verwundet sei und zwar an schlimmer Stelle.

„Hier kann nur Eine helfen," so dachte er nicht ohne Grund.

Herr Tammo schaute träumerisch in die Ferne. Auch er dachte an eine voll Huld urd Güte. Ja, ein holdes Bild stand vor seiner Seele. Tief im Herzen hallte ihr Name wieder.

Da horch — Hörnerklang, Hufschlag! War ist daS? Da dringt fröhlich hervor au- der WaldeS- dämmrrung ein farbenreicher Reiterzug mtt flatternden Fähnlein, schimmernden Rüstungen und wehenden Frauenschleiern.

Tammo beschaute das Auge mit der Hand und schäme schier verwundert dem rasch nahenden Zuge entgegen.

„Alle guten Geister!" tief Herr Gerhard in