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Mittwoch, den 13. Mai 1896.
23. Jahrgang
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Des Festes Christi Himmelfahrt wegen erscheint die nächste Nummer am Freitag.
ö Himmelfahrt.
„Ach, aus diese- Thales Gründen, die der kalte Nebel drückt, — könnt' ich doch den Ausgang finden! Ach, wie fühlt ich mich beglückt!" Dieser Stoßseufzer der Dichters psßt auch auf die Stimmung des Christen, der aur dem dumpfen Thal des Erdenwallers sich hin- auSsehnt zu den lichten Höhen, wohin ihm der Aufgefahrene den Weg zeigt.
Der thatsächliche AuSgang aus dem Thal der Thränen ist der Tod — eine Tvür, die nur zum Jenseits hin aufschlägt —, keine Rückkehr gestattet. Aber im Geiste können wir immer, wenn wir wollen, einen Ausflug in die reinen und Hillen Höhen machen, indem unser Denken und Fühlen sich zeitweilig erhebt über die irdische Alltäglichkeit und auf den Flügeln der Glaubens und der Liebe dm Orte zustrebt, von dem in der Harmonie der Sphären das „Heilig, heilig, heilig" der seligen Geister herüberklingt. Die fromme Phantasie macht ihre Himmelfahrt, obschon sie noch en den Erdenleib gefesselt ist; denn der Himmel kehrt in dar ideal gestimmte Herz ein. Wo der gnädige Gott ist, da ist der Himmel, und der Allgütige versagt sich Keinem, der ihn redlich sucht.
Wenn man von „idealer Stimmung" redet, so klingt dar nach Poesie und Philosophie, als ob cs für einen einfachen Mann mit schwieligen Händen und schwerfälligem Gehirn gar nicht passe. Und doch gibt eS Biehknechte mit idealem Sinn und „feine" Stadt- leute mit brutalem Sinn. Der Arbeiter wandert z. B. am Abend nach getragener Tagerlast seinem Heim zu, und wie er die untergehende Sonne die Wolken röthen und die brühende Erde vergolden sieht, da fährt er ihm durch den Sinn: Vater unser, der du bist in dem Himmel! Und daran reiht sich der Gedanke an seine eigenen Kmder, die zu Hau- ihren Vater erwarten, die von dem Wochmlcha deS Vaters groß werden, hoffentlich auch gut, die nach seinem Tode noch wirken und schaffen werden auf der Welt, vielleicht sogar in höherer Wirksamkeit als er, und die ihn einst wiederfinden werden im Himmel, to i sie allzumal in Freuden auSruhen werden von der Mühsal auf Erden. Das sind höchst einfache Gedanken und Empfindungen, die jeder einfältig« Cyristmherz haben kann, und wenn eS fie hat, kann macht eS eine Himmelfahrt tot Geiste.
Der Weltmann, der an einem Todtenkirchhof vor- beigeht, denkt nur an Sterben, Verwesen und Nicht- Sein; der Christ aber irinnert sich angesichts der Gräber an die Schlußworte der apostolischen GlaubenS- bekenntn ss?S: Auferstehung deS Fleischer und ein ewiger Leben. Amen. Nicht der Pesthauch der Verwesung schlägt ihm in den Grüften entgegen, sondern die Verheißung auf ein Wi dersehen im befferen Jenseits. So wird der Leichenzug zur Himmelfahrt.
Die Freigcister behaupten, bei ihnen steh: die Per
sönlichkeit, der Einzelmensch viel höher, als bei den „Frommen". Letztere ließen sich durch Gebote binden, welche ihnen die Priester vorschrieben, während der „freie Geist" kein anderes Gebot kenne, als was er aus sich selbst schöpfe, und also seine Eigenart ganz ungehemmt und unverfälscht entfalten könne. — Die Wahrbeit ist die, daß die Einzelpersönlichkeit gerade vom Christenthum viel höher gewerthet wird, als el von allen Seiten des Unglaubens geschehen kann. Denn wir wissen, daß jede einzelne Seele zum Ebenbilde Gottes erschaffen und vom Sohne Gottes um den Preis seiner Blutes erkauft ist, und jede einzelne Seel« enrg ihr Dasein 'ortführen soll. Die Freigeister betrachten den Menschen nur als eine höhere Art von „Eintagsfliege," ein Erzeugniß aus Materie, das eine Zeitlang sich auStobt und dann wieder in seine Be- standtheile zerfällt, als Einzelwesen zu Nichte geworden, damit der zerfallene Stoff wieder zu anderen flüchtigen Bildungen verwa idt werden kann; ein sterblicher Thier erster Klasse, weiter nichts. Wie viel höher stellt unS aber der Glaube an den Himmel und da- ewige Leben. Jedes menschliche Einzelwesen ist so stark in sich auSg-prägt und begründet, daß das „All" eS nie wieder verschlingen kann; die menschliche Einzelpersönlichkeit nimmt Theil an der göttlichen Eigenschaft der Unsterblichkeit. Die Seele kann in ihrem Sonder-Dasein nicht einmal eine Unterbrechung erleiden, und wenn der Leib auch für die Zwischenzeit vom Tode b?8 Einzelnen bis zum jüngsten Tage iu'S Grob finkt, so ist doch auch ihm, und zwar dem einzelnen Leibe in feirtr besonderen Wesenheit, die Verklärung und Unsterblichkeit beschieden. Höher läßt stch die Einzelpersönlichkeit gar nicht bewerthen, als wie eS der christliche Glaube thut, der für beide Theile jeder Menschen, für jeden Leib und jede Seele die Himmelfahrt und Wiedervereinigung auf ewig in Aussicht stellt. Das Bewußtsein, unsterblich zu sein, soll unS stolz machen und erheben über die thierischen Instinkte; denn wir sind ganz etwa- Anderer und unendlich Höherer, als diejenigen sterblichen Lebewesen, die nur in die Grube der Verwesung fahren und kein« Himmelfahrt kennen.
Der Gedanke an die Himmelfahrt, die unS bevorsteht, tröstet in den Leiden und Mühen des Erden- wallens und zugleich erhöht und versüßt er die irdischen Freuden. Denn der rechte Christ kann dar Gute und Schöne auf Erd n ohne Zittern und Zagen vor künftigen Ncckenftbläzen genießen, alr Vorgeschmack der besseren Ewigkeit, da er sicher ist, daß ihm alle Dinge zum Besten gereichen und alle Schicksalswege zum Himmel führen.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Mai.
* Der Kaiser wird morgen früh, von Wiesbaden kommend, auf der Wildpark-Station eintreffen. Die Weiterreise nach Primkenav, wohin die Kaiserin den
Kaiser begleiten wird, erfolgt um 10 Uhr 15 Min von der Wrldpark-Station auS. Wie der .Kreuzztg.' aus Marienburg gemeldet wird, trifft der Kaiser am EamStagVormittag in Prökelwitz zur diesjährigen Rehbock Pürlche ein.
* Et'-e Deputation von Pastoren an den Kaiser schlägt der konservative Meichsbote' vor; diese soll dem Kaiser die Verdienste der Geistlichen um den Staat vorstellen und um Zurücknahme seiner Aeußemngen in dem jetzt veröffentlichten Telegramm, dar so viel Staub aufwirbelt, bitten.
* Die Rückkehr zur dreijährige« Dtenstzett erscheint als Schreckgespenst am politischen Horizont. Die,flöht. Ztg ' versichert nämlich bei Besprechung der Gesetzes- Vorlage über die Umformung der vierten Bataillone, verschiedene Erscheinungen mahnten dazu, auf der Hut zu sein. Die Gegnerschaft gegen die vierten Bataillone, welche mit allen Mitteln die Caprivi'schen Vorschläge bekämpfte, frohlockt heute, daß ihrer Agitation die Regierungsvorlage zu danken fei. Erwerbe nicht lange dauern, so werde von derselben Stelle, die in Preußen in militärischen Fragen die Alleinherrschaft beanspruche, die Forderung auf weitere Verstärkung der Kompagnien und die Rückkehr zur dreijährigen Dienstzeit erhoben werden. Die.Köln.Ztg.' verlangt von der Regierung Aufklärung, ob die jetzige Vorlage ein Vorbote der im Stillen gehegten anderen Pläne sei oder nicht. — Der Reichstag wird diese Aufklärung jedenfalls auch seinerseits fordern.
* In der Berliner Konfektion gährt er Wetter. Am Montag Abend fanden mehrere von der sozialdemokratischen Fünfer-Kommission einberufene Protest- Versammlungen der Schneider und Näherinnen der Herren- und Knaben - Konfektton gegen den Vertrags- bruch der Konfektionäre statt. Es wurde eine Resolution angenommen, welche diesen Vertragsbruch aus'r schärfste verurtheilt und erklärt, daß die Versammelten sich verpflichten, mit aller Energie dahin zu wirken, daß eifrig gerüstet wird, um zu geeigneter Zeit den Kampf für Erringung der noth- wendigen Existenzbedingungen wieder aufzunehmen. Die Hauptredner hatten vorher eine erneute verstärkte Lohnbewegung für den Herbst angekündigt.
Ausland.
K London, 12. Mai. Die letzten UnterhauS-Ber- Handlungen über Südafrika, in deren Verlauf Harcourt so treffend die englische Politik k-nnzeichnete, sind in mehr als einer Hinsicht von großem Interesse. Die Rede Harcourts war beachtenswerth durch die ehr- l'chr Entrüstung, mit der ein Mann, der auch in der Politik die Gebote der Moral beachtet wiffen will, als Engländer die englische Politik geißelte; dar sei dieselbe Politik, so äußerte er u. A. auch, die England int AuSlande den Schimpfnamen deS „perfiden Albion" eingetragen. Noch ernstere Beachtung verdient die Rede, mit welcher Chamberlein, der Staatssekretär
Sie Grast« non Samerscheadmz.
Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt 19) ------- (Nachdruck verboten.)
Dann fragte der Bischof Oidag werter:
„Schwörst Du Unterwürfigkeit und Gehorsam dem Hildesheimer BischvfSstuhl?"
Und das Wunderbare geschah:
Boll Staunen vernahmen alle, wie die Kaisertochter mit Heller Stimme folgendes Gelöbniß ablegte:
„Ich, Sophia, Tochter des Kaisers Otto, verspreche vor Gott und Semen Heiligen und vor d'.eser feier- lichen Versammlung Treue, gebührende Unterwerfung, Gehorsam und Ehrfurcht meiner Mutter der heiligen Kirche zu Hildesheim und Dir, Herrn Ordag, dem Herrn und Bischöfe dieser Kirche, und Deinen Nachfolgern gemäß den Anordnungen der kirchlichen Setzungen, und wie er dar unverletzliche Ansehen der römischen Päpste bkfiehlt."
Herr Ordag hielt ihr das offene Evangelienbuch vor. Sie legte beide Hände darauf und sprach feierlich:
„So wcchr mir Gott helfe und diese heiligen Evangelien Gottes!"
Dem Willensstärken Wesen des schlichten Bischofs konnte selbst die Stolze nicht widerstehen.
Nach SrphierS Bei'piel gelobten all? Jungftauen,
f so den Schleier nehmen wollten, Beobachtung der Klosterregel und Gehorsam.
j Das einfache Hildesheim hatte die Prüfung gut bestanden; denn Herr Ordag hatte seine Ansprüche muthig und pflichtgetreu zu wahren gewußt.
s Willigis war mißmuthrg, daß er seine vermeintlichen
■■ Rechte gekränkt sah. Er wollte aber als würdiger Priester an heiliger Stätte seinen Groll an sich halten
■ und jeden Streit vermeiden.
So konnte Herr Thangmar nach kurzer Verständigung mit dem Erzbischof voll heiliger Freude den An- ! wesenden verkünden, daß drr Herr Erzbischof von Mainz kein Recht auf die GanderShrimer Kirche für sich in Anspruch n-hme, eS sei denn mit Bestimmung und Er- laubniß des Hildesheimer Stuhle-.
Herr O-dag segnete hierauf den Schleier Sophia'-, setzte sich nieder, mit der Jnful geschmückt, und breitete den zarten Stoff über da» gesenkte Haupt und die Schultern der Kaiser-tochter, wobei er die Worte sprach:
„Nimm hin den heiligen Schleier und erkenne dadurch, daß Du ertfagt hast der Welt und als eine; Braut Dich wahrhaft und in Demuth und mit Zu- ! stimrnung Deine- ganzen Herzen- Jesu Christo geweiht ; hast. Er bewahre Dich vor allem Bösen und führe ! Dich zum ewigen Leben."
Frau Gerberga, welche da- Amt hatte, die Jung- !
fronen ihrem Bischof vorzufuhren, vermochte dieser Verpflichtung zu ihrem Schmerze nicht nachzukommen. Eine Lähmung bannte sie an ihren Throuseffel. Statt ihrer waltete eine würdige Vertreterin.
Judith, ihre so geliebte Schülerin, die heiligmäßige Aebtissin von Ringelheim, war auf Gerberga'- Wunsch n letzter Stunde eingetroffen und versah willig da- Amt der geistigen Brautführerin.
Je zwei und zwei knieten die zu weihenden Jungrauen, von Bernward'- edler Schwester Judith geführt, vor ihrem Bischof nieder und empfingen von seiner Hand ihre Schleier. Dann sangen sie lieblich die Worte der hl. Agne-:
„Er hat ein Zeichen in mein Angesicht geschrieben, raß ich außer ihm keinen Bräuttgam annehme!"
Hierauf wurden sie von Judith an ihre Plätze zurückgeleitet.
Herr O-dag begann allsoglrich den sinnreichen biblischen Gesang:
„Geliebte! Komme zu Deiner Vermählung. Der Winter ist vergangen, die Turteltaube girrt, die blühenden Rebstöcke duften lieblichen Wohlgeruch!"
Dann wurden die Jungfrauen wieder in derselben Ordnung dem Bischof vorgestellt.
Dieser steckte jeder den geweihten Ring an den Finger und sprach feierlich die Wort«: