je 102 Montag, den 4. Mai 1896. 23. Jahrgang
FlildatlMZeitung
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Ursprung und Entwickelung des Menschen.
Herr Piälat Dr. C. Gutberlet, P-oftsfor der Dogmatik und Apologetik am bischöflichen Priester» sein,vor zu Fulda, hat unter dem Tckel: „Der Mensch. Sein Ursprung und feine Entwickelung. Tine Kritik der mechanisch-moristischen Anthropologie" ein Buch hercuSgigebkn, welche- in der G lehrtenwelt großes Austehen erregt. Die .Köln. Vrlkkztg.' bringt ans sachkundiger Feder folgenden Artikel über dieses epochemachende Werk:
Während die besonnenem Vertreter der Ddcendenz- Theorie schon seit Jahrzehnten offen au! sprechen, daß mit dem reinen Mechanismus wcht auszukomm.'n sei, vielmehr eine Zielstrebigkeit, ein bestimmter Plan in der Eniw'ckelung angenommen werden müffe, g-fällt sich dir große Mehrzahl noch immer in dem Versuch, auf allen Gebieten „die Zweckmäßigkeit deS Bestehenden durch den B stand des Zwickmäßigen zu e, klären" und die schon dem Alterrhum wlävfige materialistische Lypotbese mit dem ganzen Apparat der modernen Wissenschaft zu stutzen. Es ist hierbei so weit ge- kommen, daß nicht nur die christliche, sondern auch die rein philosophische Anffassu>'g des Zweckes kaum mehr für bekömpfenSwerlh gehalten wird; dabei ist man aber, weil der krasie Materialismus nicht mehr für salonfähig gilt, in den Harp punkten in großer Verlegenheit und kommt am Ende zu höchst sellsamen Bermuthungen über allgemeine Beseeltheit oder Ge- dächtnißfähigkeit der Atome, nur um den trank cenden- ten Gesetzgeber der Natur zu entfernen. Jedenfalls aber arbeiten die Kärrner auf der ganzen Linie an der Durchführung deS SelectionS-Gedank«!-; alle seelische« und sittlichen Fähigkeiten sind dem Menschengeschlechte im letzten Grunde durch den Zufall angezüchtet worden, wenn man jenen B-Hauptungen glaubt; alle geselligen und staatlichen Brrhältniffe sind ein Ergebniß der Zuchtwahl. Man erdichtet ein schauder haste# Urvolk de» Menschengeschlechter; ein Volk, wo Mutterrecht statt Baterrecht gelten muß wegen einer Promikcuität, für die selbst daS Thierreich kaum Beispiele gibt; man hält die traurigsten, verkommensten Völker unserer Zeit und bei diesen wieder die unzuverlässigsten, widersprechendsten Reiseberichte gerade für gut genug, um unS eine deutliche Vorstellung von dem geistigen und sittlichen Zustande unserer Altvordern zu geben.
Je zuversichtlicher auf diesem Gebiete behauptet wird, desto größer ist die Gefahr, daß harmlose Ge- müther sich bethören lassen und am Ende meinen, auch sie müßten sich nach dem allgemeinen Entwickelung#- ges tz zu reuen Denkformen ummausern; desto gebieterischer tritt aber auch an die christtiche Wissen- schuft d-e Pflicht heran, alle Einwände gegen ihren G auben und ggen die Würde der Menschheit vor- urtheilSfrei zu prüfen und jedes Mal genau die Grenzen anzugeben einerseits zwischen Wissenschaft und Hypothese,
Sir tötaftn nun Sonmnschcidng.
Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt, 11] ------- (Nachdruck verboten.)
Luitgai d, dis Obermagd, stürzt schreckensbleich mit fliegenden Zöpfen in’» Gemach, ihr nach eine entsetzte Mädchenschaar.
„O Herrm, wir holten'# nimmer auS in der Ge- sir beballe," ruft die Maid. „ES kommt heran. Zwischen dem Heuten der Windsbraut und dem Stöhnen der Eichen da tönt'S grausig wie Pferdegetrappel, wie herserk» Wiehern. Ja, schauerlich vernimmt man Menschentöne, Meuteklcfftn."
„Und Herrin," so berichtet mit vnsä endem Äthern bis beherzteste der Mägde, die stämmige Brunhild, „mich gelüftete es, einen Blick durch den Rtz der F nfteileben» zu thun. Wcs ich lah? . . . ." Sie bekreuzte sich. „Hundert feurige Augen! So kommt e» aus der Teufelsschlucht heraufgeschnoden und wird allsogleich an unserer Burg vorüberstreichen."
Judith richtete sich hoch auf, ihre Brauen zogen sich zusammen.
„Seid Ihr Heiden, daß Ihr an den Spuk der wilden WvdanS-Jagd glaubt?" fragte sie zürnend. „Schämt Euch, Christenmädchen! Was Ihr hö-cket mitten au» form nächtlichen Sturm — das Nahen eine#
anderseits zwischen Glaubens-Dogmen und indifferenten Fragen. Für Deutschland stand vielleicht noch vor 10 bis 15 Jahren die Sache so, daß wohl einige gute populäre Schriften gegen den materialistischen Monismus Vorlagen, und zwar in erster Linie gegen dessen darwinistische Form; man vermißte aber g ößere zusammenfassende W rke über den Gegenstand, und jenen volksthümlichen Schriften konnte aus naheliegendem Grunde der Tieferdenkende keinen rechten Geschmack abgewinnen. DaS hat sich in der letzten Zeck sehr eifteulich gebessert; eine stattliche Reihe von guten Büchern und Büchlein theils wissenschaftlichen Charakters, thrils von allgemeinerer Tendenz hilft dem Be- dürsniß ab. W W
Als eine anti-monistische Arbeit ersten Ranges müssen wir daS unS vorliegende Werk von Gutberlet bezeichnen. Vornehm und gründlich geschrieben, sitzt dasselbe bei jeder Frage genau fest, worum es sich handelt, läßt die Gegner und selbst die MemnngS- verschiedenheitm in deren eigenem Lager durch ans- führltche Ctatr zu Worte kommen, betont überall, wa« Reue» und EigenartrgeS an ihren Ansichten ist, und widerlegt sie mit fachlichem Anstande, freilich auch mit unerbittlicher Schärfe; die Aufdeckung von Trugschlüssen und Erschlichnngen ist eine besondere Stärke deS Verfasser s. Im ersten Tbeile wird zunächst „die Deftendenz-Theorie auf Logk und Thatsachen geprüft"; hauptsächlich wird dec Darwinist Spitzer als der Verfasser eine» größer« zusarmenfassenden Werke» redend eingeführt. Wie die geologische Reihenfolge gedeutet werden muß und wie sie nicht gedeutet werden darf und warum eben so wenig der übereinstimmende Bauplan großer Gebiete von Naturwesen, wie das berühmte biogenetische Gesetz Höckel'», zur Annahme der Transmutation zwingen kann, auch nicht die vielgedeuteten rudimentären oder verkümmerten Organe — alles diese» wird in überzeugender Weise auseinander gesetzt, während anderseit» der Verfasser betreffs einer planmäßig geleiteten Descendenz, für deren Srkenntniß die Wissenschaft noch nicht ganz ausgereift zu fein scheint, an sich kein Bedenken har. „Sollte aber, was nach den bisherigen Funden nicht zu erwarten ist, die Reihenbildung auch für die höhern Abtheilungen nachgewiesen werden, sollte dereinst eine stetige chronologische Reihe von dem niedrigsten Protoplasma-Klümpchen bi» hinaus zu dem Menschen dargelegt fein: dann werden wir vor dieser Thatsache nicht erschrecken, sondern im Gegentheil freudig in der Descendenz jene» Gesetz anerkenne-«, durch welches der Schöpfer den Reichtbum feiner Schätze, seiner Weisheit und Macht deutlicher zum Ausdruck gebracht, al» wenn er den jetzigen Bestand der organischen Welt auf ein Mal durch unmittelbare» Eingreifen in’# Dasein gesetzt hätte." DaS ist gewiß ein richtiger und vernünftiger Standpunkt, und er hindert den Verfasser wahrlich nicht, die ganze Heraldik der ZufallS-TranSformisten in ihrer Wider-
Reetertruppes — wird, Gott sei gelobt, die ersehnte Ankunft meines Herrn Oheim#, d.S hochwürdigsten Bischofs von Utrecht, bedeuten. Die feurigen Augen, so Tn, Brunhild, zu erblicken vermeintest, werden ebenso viele Fackeln sein. — Horcht, da stößt der Wächter in's Horn. Hurtig hinaus mit Euch und alle Fremdenstuben zur Aufnahme der Gäste hergerichtet!"
Das Gesinde stob halb beschämt, halb ängstlich noch und verlegen kichernd nach ollen Richtungen. Da gab'» mit einem Male mehr zu thun, al# einander mit heidnischen Sag-n und Märchen bange zu machen.
Boll jungfräulicher Würde trat Judith bald daraus ihrem bischöflichen Oheim und d ff en Gefolge zum Empfang entgegen.
Herr Volkmar segnete si; und fragte nach der ersten Begrüßung:
„Kind, wie geht e» meinem Vater? Komme ich nicht zu spät?"
„Noch lebt er," entgegnete Judith und konnte zu ihrem'Schmerze dem Oheim nicht verh hlen, daß er just roch zur rechten Zeit gekommen, nm den Altersschwach n lebend anmwffen.
„So weit ist'» schon," flüsterte Herr Volkmar bestürzt; er wollte allsogleich nach dem ihm bekannten Gemache bei Vater# eilen.
Judith ober hielt ihn sanft zurück.
sinnigkeit auszudecken. Daß daS Bleibende an oen wirklichen Beobachtung#>Ergebniffen der Naturforscher immer wieder für den Zweckbrgriff nach christlicher Auffassung redet, und daß Mimicry I(Schntzfärbung und ähnliche Thatsachen) nebst der Vererbung, der Variabilität und dem Kampfe um'» Dasein am Ende gegen die Zufalls-Hypothese sprechen, zeigen die folgenden Abschnitte. Gs wäre vielleicht nicht nöthig gewesen, den Schrullen von K. du Prel eine so ausführliche Widerlegung zu widmen; wir möchten dessen Arwenduug der SelrctionS-Lehre ans die Himmels- Mechanik auch nicht mit Gutberlet als geniale# bezeichnen, da sie fundamentale Jrrihümer enthält.
Da# zweite Kapitel wird mit brr richtigen Bemerkung eingeleitet, daß mit der DeSceaderz die Aff m- lehre fällt, daß aber, wenn die Descendenz und selbst die Abstammung be$ Menschen von einem thierischen Vorfahren feststände, damit doch für seinen Geist eine Erklärung nicht gegeben wäre; dieser ist jedenfalls auf einen besonderen Akt de» Schöpfer# zu ück zuführen. An der Hand einer anscheinend wenig bekannt gewordenen Arbeit von Suell wird dann der überraschende Nachweis geliefert, daß, wenn überhaupt einmal Transformation stattfiaden soll, schließlich noch eher da# Thier vom Menschen al# der Mensch vom Thiere abstimmerr könnte! Natürlich werden die Fehler Senlls, die in seiner anscheinend pantheistischen Natur-Auffassuog begründet liegen, nicht unqerügt gelassen. Es folgt Virchow'» Kritik der Afftnlehre, Notizen über den Urmenschen, die menschenähnlichen Affen und den angeblichen Tertiär-Menschen, die sogen. Cannstädter und Reanverthaler Race. Besonder# inter- effant ist eine auf guten Quellen beruhende Zusammenstellung der in geschichtlicher Zeit beobachteten Fälle von verwilderten und später eingefangenen Kindern — homo sapiens ferua. Für die Affenlehre ergibt sich nicht# Haltbares aus der Geschichte dieser armen Geschöpfe; im übrigen scheint unS der Verfasser hier und da in der Skepsi# zu weit zu gehen. DaS Genährtwerden durch Thiere z. B, wie e# auch in den römischen und andern Sagen vorkommt, ist nicht gerade abzuweisen.
Die folgenden Kapitel beschäftigen sich zunächst mit dem Ursprünge des Seelenlebens, der nun und nimmer durch Zuchtwahl erklärt werden kann. Da# wird am Beispiele des Farbensinne#, der Instinkte und Grberden gezeigt. Die „Züchtung der Denkformen" ist eine der extremsten Leistungen der Ultta-Darwinisten. Geistreiche und ausführliche Betrachtungen beschäftigen sich dann mit den verschiedenen Theorien über den Ursprung der Sprache; hier gelingt e» G. besonder#, an jeder Theorie nachzuweisen, daß sie da#, wa# sie ausschalten will, eigentlich unbewußt wieder vorausfetzt, nämlich die Priorität der Vernunft vor der Sprache; andererseit# erklärt er es für durchaus nnvöthig, die direkte Mcktheilung einer bestimmten Grammatik und eine# bestimmten Wortschatzes an da# erste Menschxnpaar anzunehmen. Wahrscheinlicher ist
„Richt so, wein Oheim; ich möchte Gurre Ankunft erst melden."
Sie glitt unhörbar hinein und kehrte nach einer Weile mit thränenerfüllten Augen zurück.
„Bernward betet mit einem Sterbenden. Der Edle wird bald auSgernngen haben," sprach sie erschüttert.
So leise Volkmar auch dntrat, der Verscheidende empfand deffen Nähe.
Er hob noch einmal den Kopf und schaute den Sohn mit einem letzten liebevollen Bl'cke an.
Der kniete nieder. Athelbero legte noch segnend die Hano auf den Scheitel des Sohnes. Dann athmete er schwer. Sein Haupt sank in die Riffen zurück.
„Er steht am Throne Gottes," flüsterte Bernward und drückte dem Verschiedenen die Augen zu.
Jene lieblichen Spätherbsttage, welche der Volk#- mund „Allerheiligensommer" getauft hat, folgten ihren verderbenbringenden stürmischen Vorgängern. Die Herbf sonne mit ihrem milden wehmüchigen Schein verklärte wieder die alte Pfalzgrafenburg. Das farbige Laub, welches der Sturmwind noch übrig gelassen hatte, umki änzte so bunt und manr igfaltig den z'nnen- g»krönten Bau, daß die alte Veste ordentlich verjüngt k und freundlich über da# Westerland hinauslugte.