Neilsge Mv Wulöaev Zeitung.
23. Jahrgang
ScrmsLctg, den 25. April 1896.
zusammenblieben.
II.
Im Frührothschein las Herr Othwin denen, so zum Aufbruche nach Gandersheim gerüstet waren, ote heilige Messe vor dem Rarienaltar des hohen Dome». Sinnend ruhte sein Auge auf einem silbernen Reliqmen- behältniß, „Unserer lieben Frauen Heiligthum" genannt. War doch in Folge eines wunderbaren Ereignisses, so sich mit eben diesem heiligen Gefäße zugetragen, einst der Domr sowie die Stadt Hildesheim erbaut, ja der Bischofssitz von Elze hierher verlegt worden. Karl des Großen Sohn, Ludwig der Fromme, hatte besagtes Reliqaar dem ersten HildeSheim'schen Oberhirten Gunthar für seine Kirche gegeben, wie selbiger auch in päpstlichen Bullen und Breven zu lesen stand. Herr Othwein, der neunte Nachfolger Gunthars, feg-
Die Nonne Roswitha.
Dich, o Terenz, schmückt herrlich der Ruhm des scenischen Dichters, Manch liebreizendes Lied sang der venusische Schwan, Waffengeklirr bringst Du uns, Virgil, und Kampfesgetsse, Jeglichen Lorbeers schmückt Dich, o Roswitha, ein Reis!
Johannes von Dalberg.
„Nun soll Bernward, unser junger Künstler und Gelehrter, auch morgen mit uns nach GanderSherm reiten."
Herr Osdag nickte freundlich dazu. .
„Wisset, Herr Volkmar," wandte der Bischof sich erläuternd an diesen, „die Herrin Gerberga, so vir vor Jahren alS Aebtissin deS unserem Sprengel untergebenen Kloster-Gandersheim weihten und in die Re- gierung einsührten, will zu der Kirche der heiligen Maria, in welcher die Genossenschaft der Nonnen mS heute Christo dient, eine neue Kirche bauen. Sie lud uns ein, an Ort und Stelle den Bauriß und den Bauplatz zu begutachten. Wir haben ihrem Boten de» morgigen Tag als den unserer Ankunst bezeichnet.
„Herr Bischof, habt Dank im Namen meines fungen Neffen! Er wird beglückt sein, bei dieser Gelegenheit seine den frommen Klosterfrauen zur Obhut übergebene Schwester Judith Wiedersehen zu dürfen," entgegnete der zukünftige Bischof von Utrecht.
Die Würdenträger begaben sich in wichtiger Unter- Haltung zu dem Gemachs des Bischofs, während die Brüder in traulicher Plauderei bis zum Abendmahle
„Da seht den zukünftigen Baumeister," rief Otho halb spottend, halb bewundernd. „So erkläre uns doch, die wir dem kühnen Fluge Deiner Gedanken nicht zu folgen vermögen, wie prägen sich im Grundrisse unserer Kirchen mathematische Formen auS. Hab', meiner Treu', nie darauf geachtet, nie darüber nachgedacht."
„Wohl habe ich darüber nachgedacht," sagte Benno, „doch ich wüßte mir nicht- lieberer, als mir von Bernward solch' einen Grundriß mathemattsch erklären zu lasten."
Lächelnd nahm Beruward seinen Stab und zeich- nete in den feinen Sand, der den Hofraum bedeckte, vier Längs- und mehrere Querlinien. Ein Halbkreis schloß das Ganze oben ab.
„Schaut her, hier erblickt Ihr neun gleich große Quadrate, sie bilden das eigentliche Langhaus unserer Kirche. Wo meine Querlinien die beiden mittleren Längslinien schneiden — ich zeichne dort jedesmal einen kleinen Kreis ein — erheben sich die Pfeiler oder Säulen. Hier oben legen sich ... ."
„Gott zum Gruße, junger Kirchenerbauer! ries plötzlich hinter dem begeistert Redenden ein« wohlbekannte Stimme, und eine schwere Rechte legte sich auf seine Schulter. .
Erstaunt wandte Bernward sich um und bückte rn des Bruders bewegte Züge. Es hatte Tammo nicht länger mehr hinter dem Gitterwerk geduldet; er mußte hinabeilen, den herrlichen, den geliebten Bernward an sein Herz zu prefsen.
„Tammo, welche Freude! °
Im nächsten Augenblicke lagen die Beiden einander in den Armen; der gelehrte Vortrag hatte ein Ende.
Droben aber sagte Bischof Othwin lächelnd zum Dowpriester Ordag:
Zeichen de» Kreuzer. Dann gingen alle hinaus. Die Roste wurden vorgeführt.
„Bernward, ich darf mftreiten, da steht wem graue-
Lust war.
„Schau diesen Rosenstrauch, der blühte schon vor ein und einem halben Jahrhundert gerade so, tote heute, mitten im Walde. Kaiser Ludwig war dazumal auf der Jagd; da hängte sein Hofkaplan an einem Silberband da» Gefäß mit den Reliquien der heiligen Jungfrau, welche» er auf Wunsch der Kaisers überall mit zu tragen pflegte, an diesen blühenden Rosenstrauch und la- im Morgengrauen die heilige Messe davor, wie heute Herr Othwin. Als er aber da» Reliquar wieder loslösen wollte, fand er, daß selbige» mit dem Rosenstrauch unzertrennlich verwachsen war. „„Dre Gottesmutter will hier wohnen,"" dachte der fromme Kaiser Ludwig und beschloß, der Himmelskönigin an Ort und Stelle eine Kirche zu bauen. Da« that er. Und da steht nun unser Dom und redet zu dem Beschauer wie ein hochtönendes Lied zum Preis de» Allerhöchsten, zu Ehren der seligsten Jungfrau. Da steht auch unsere Stadt im Schatten des Domes. Und nun, mein Kind, pflücken wir von diesen Rosen zum Geschenk für die hohe Frau Aebtissin."
Er sprach'-, brach und ordnete weiße Rosen zart und lieblich zum Strauß.
„Dein Hütlein soll die duftige Huldigung unver- sehrt hinüber nach Gandersheim tragen."
Und er befestigte mit vieler Anmuth die Rosen deS wunderbaren Strauch- an de- Knaben Pilgerhut.
Da- war ein lustig Reiten durch'S stille Waldgebirge mit seinem dunsten Tannengrün und seine»
mit seinem Bilde al» Gastgeschenk geben."
Bernward schaute lächelnd auf den so freigebigen Kleinen und auf die blanke Münze.
„Da weiß ich etwa» Bessere-, mein Heinrich.
Komm mit mir." ,, t _
Sie schritten gemeinsam der Außenseite de- Dome- entlang. An der Apsis wuchs durch die Steinwand auS der Tiefe empor ein mächtiger Rosenstrauch, der grünte und blüthe in tausend Röselein, daß er eine
Dit Grafm von Ämcilchmbirg.
Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt.
5} ------- (Nachdruck verboten.)
Ebe», al» der auch von den älteren als geistig überlegen Erkannte die Lippen zur Beantwortung der Frage öffnete, kam ihm mit raschem Wort Otho, em BauerSsohn auS Einum, zuvor:
„Hier muß ich, der Ackerbauernsohn, reden, sagte er nicht ohne gewissen Stolz. „Ich künde Such, tote um des Ackerbauer willen die Mathematik entstund, und wie sie bis heute noch dem Ackerbau dient. Aegypten, wohin das göttliche Kind einst vor dem Mordstahl de» Herode» floh, ist die Hermath der Mathematik. Die Uebrrschwemmungen de- Nils machten die Unterscheidungen der einzelnen Felder unkenntlich, und eS entstanden Grenzstreitigkeiten. Um diese zu schlichten, mußte man die Flächen vermessen, und so erwuchs au» den Uranfängen der Feldmeßkunst die Grundlage der Mathematik. Wie überall, so ist auch hier der Ackerbau eine Quelle reichen Segens ge
rn ort) en. "
„Ich la» es etwa» anders," wußte Benno zu berichten. „Der Nil riß oft ganze Streifen Landes mit feinen Fluthen hinweg, und um nicht bloS die nächsten Anlieger schädigen zu lassen, sondern auch deren Hintersassen den Verlust nach Recht und Gerechtigkeit mit zu wälzen, erfand man die schwierige Kunst der Mathematik."
„Beide Lesarten finden wir bei den alten Schriftstellern," erklärte Bernward nun mit volltönender Stimme. „Doch halte ich dafür, daß die eine sowenig wie die andere uns den Ursprung der hehren Mathematik richtig zeichnet. Auch glaube ich, daß Ihr, meine Freunde Otto und Benno, daß Ihr unseres Ekkehard'S Frage, streng genommen, gar nicht beantwortet habt."
„Ich sage Euch," fuhr er lebendiger fort, und feine Wangen rötheten sich im Eifer de» Vortrages, „was Uebungen mit Wurfspieß und Schwert, was Reiten und Jagen, was Schwimmen und Ringen für den Körper, da» ist die Mathematik für den Geist. Wir alle die ritterlichen Uebungen unfern Körper zu ge- funder Entwickelung bringen, unsere Kräfte stählen, unfern Muth beleben, so weckt und fördert die Mathematik , * "öd sü ms,.««.«' mit h,m
„nlereS Geiste» Kräfte, schult unS zu folgerichttgem nete am Schluffe der Messe die Gläubigen mit dem Denken, feSt?toeitS gdW» Schaffen °und 1 — -
Literarisches.
Anleitung zur erste« Hilfeleistung bei Plötzlichen Unfällen Kür Jedermann verständlich und von Jedermann ausführbar von Dr. med. L. Mehler und I. Heß. 26 Abbildungen, gebunden Preis 1 Mk. (Verlag von H. Bech- hold, Frankfurt a. M.) .
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Das Wese« der Rerve«kra«kheiten. Bon Dr. med. R. Wichmann, Nervenarzt in Braunschweig. Preis 80 Pfg. Verlag von Otto Salle in Braunschweig.
Der durch sein Buch „Die Wasserkuren" schnell bekannt gewordene Nervenarzt läßt hiermit, gewissermaßen als Ergün- zunq desselben, eine weitere Schrift folgen, um den Laien mit dem Wesen der hauptsächlichsten Nervenkrankheiten. bekannt zu machen. Es gelangen in dem lehrreichen und interessant ge- , toriebenen Büchelchen di- Neurasthenie, Melancholie, Gedirn- erweichung Tobsucht, Hysterie, Veitstanz, Epilepsie, Dammer- »usiände Migräne, Schlaganfall, Rückenmarkskrankheiteu, Ischias u s w in einer für Jedermann verständlichen Weise zur Be- svrechung. Manche der landläufigen Jrrthümer über diese oder jene Nervenkrankheit finden hier auf Grund der neuesten An- schaumigen der Wissenschaft Aufklärung. Was der Verfafier über Besessenheit fabelt, zeigt übrigens, daß er auch über Dmge urtheilt, von denen er nichts versteht. Im übrigen wird die 1 Schrift manchem Nervenkranken willkommene Belehrung bieten.
Ringe» vor."
Und wie sollten wir unsere Kirchen und Kapellen , -------—' m . ■ r ■ - k .
bauen ohne Hilfe der Mathematik? Ein einfacher Maulthier, mit Men Worten sprarg der kleine Wohnhaus, eine Scheune errichtet Ihr vielleicht, ohne Bayernprluz Hnnnch ftöhlnh an ®e.rn®a~ J”!0 ' (Such dieser hehren Wissenschaft zu bedienen, einen er fügte glücklich hinzu. „Meine- VaterS Schwester, Tempel des Herrn, wo Allis Maß, Alles Einklang die Aebtissin Gerberga, will mich Dabei zog und Schönheit ist, nimmermehr. Von dem schwierigen er eine güldene Münze hervor. «Da» gab mir mem Aufbau will ich schweigen. Ihr werdet mir zugeben, Vater. Mnn Ur^oßvater, Kaffer Heinrich der Vogler, daß man die «ihnen Bogen nicht wölben, die hohen | ist der Aebtessin Großvater; ich will ihr da» Go.dstt.ck Thürme nicht emporbauen könnte, ohne die genauesten Kenntnisse der mathematischen Gesetze. Doch der bloße Grundriß schon zeigt streng gegliederte mathematische
plätschernden, blitzenden Quellen! Wie duftete der harzige frische Hauch so mild und doch so kräftig, daß die Brust sich dehnte und daS Herz wett wurde in der freien herrlichen GotteSnatur. Vorbei ging'S im Sonnenschein an sammtnen Matten, an dunklen BergeSwänden, vorüber an palmenartigen, wehenden, winkenden Farren. ES ging über waldige Höhen, die lagen siebenfach, Krone an Krone nebeneinander, und dann wieder mit den muntern Bächlein thalab. Da ruhte friedlich und freundlich ein weltfern Dörflern; eS schien zu ttäumen.
„DaS ist Irmenseul," sagte Graf Altman zu dem Stammherrn von Sommerschenburg.
Die beiden ritterlichen Herren trabten an der Spitze des farbenprächtigen Trosses. .
Klein Heinrich, welcher auf feinem Maulthierlem sich Mühe gab, zwischen Bernward und seinem Lehr» meister Thangmar Schritt zu halten, hatte bisher sich weidlich gelangweilt ob den gelehrten Gesprächen.
„Dero wissenschaftliche Uebungen sind ja noch gründlicher, al» wenn sie gegenwärtig in der Schule wären," dachte da- Knäblein unmuthig. Und während die Beiden sich mit Silbenmaße und an dem BerSbau ergötzten, dann hinwiederum sich spitzfindige, auS dem Innern der Philosophie herauSgenommene Fragen vorlegten und beantworteten, seufzte daS Prinzlem verdrießlich über die allzu eifrige Lehr- wie Lernbegierde der Beiden. Er hatte Graf AltmanS Worte gehört-
„Irmenseul nannte der Graf das Dörflein; erinnert der Name nicht an die Jrmensäule im Dome?" Mit solcher an Bernward gerichteten Frage unterbrach er da» wissenschaftliche Streiten.
^Fortsetzung foi„i.)
Vermischtes.
♦ Gut ansgkdrückt. In einer Damengesellschaft sprach man darüber, daß der Mann einer der anwesenden Frauen gar langsam und phlegmatisch wäre. Die Frau verthewigte aber ihren Gatten mit folgenden Worten: „O, Henry ist so schnell wie der Blitz. Man muß ihm nur Zeit lassen."
• »ei einer Straßen - Absperrung. Schutzmann: „Hier darf Niemand durch." — Journalist: „Ich habe aber erneEr- laubniß vom Polizei-Präsidenten." —Schutzmann: „Schriftlich? _ Journalist: „Nein, eine mündliche." — Schutzmann: „Zeigen Sie sie vor!" ,
♦ Gemüthlich. Preuße: „Sehen S,e man, ick bm Sien vollständig jlücklicher Mensch, ick habe Jeld bin jesund, habe ein braves Weib und bin jebürtig ans Berlin. Wat kann sonst noch fehlen?" - Sachse: „Ja, ,ehen Se, heeren Se daS will ich Sie gleich sagen. Ich dachte rneerschtendeels, daß es bei Sie noch an etwas Hochdettsch fehlen dürste!"