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Samstag, den 25. April 1896.
23. Jahraana
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Hierzu eine KeiLagr
A Zur Arbeiterorganisation.
Wer die letzten fünfzig Jahre unserer Entwickelung vor seinem geistigen Auge vorüberziehen läßt, dem kann die ungeheuere Veränderung tuf allen Gebieten unseres wirthschaftlichen Lebens nicht entgangen sein. Auch der kleinste, entlegenste Ort, die weltvergissenste Gegend bleibt nicht unberührt von den Segnungen bezw. den nachthriligen Folgen dieser Umwälzung. Bor allem ist es die Entwickelung in der Großindustrie und dem Fabrikwesen, wodurch neben der ungeheueren Steigerung der Gütererzeugung Reichthum auf der einen Gerte und Abhängigkeit auf der anderen hervorgebracht wird. Kein Christ darf und kann die persönliche Verantwortung des Menschen bestreiten, allein in dem modernen Erwerbsleben, dem der Materialismus und der Kaste Egoismus ein die Gottesfurcht und Nächstenliebe tödtender Gift eingehaucht haben, ist eS nicht der Einzelnen Schuld, wenn er im Wettkampfe unterliegt. Ohnmächtig ist der Handwerker zum Beispiel der Großindustrie gegenüber. Je weiter unsere industrielle Ent- Wickelung vordringt, desto unsicherer werden auch die Existenzbedingungen, desto schärfere Formen nimmt der Kampf um'S Dafein an, desto rücksichtsloser werden die Menschen, die um ihre Selbsterhaltung kämpfen. Sin Blick in unsere ländlichen Bezirke belehrt nn», daß dort zwar die Armuth auch zu Hause ist, aber nicht die gräßliche Roth und dar Mastenelend der industriell entwickelten Großstädte. Diese wirthschaft- liche Rothlage benutzt nun die Gott und Vaterland verleugnende Sozialdemokratie, um sich al» die alleinige politische Vertretung der arbeitenden Klassen aufzuspielen, der Arbeiterschaft sich zu bemächtigen zur Herbeiführung eine» sozialen Umstürze». Sie hat zur Erreichung diese» Zieler sich der Gew er kschaft». bewegung bemächtigt, obgleich dieselbe, wie die Erfahrungen in England lehren, dem internationalen Sozialismus durchaus widerstrebt. Der Sozialdemo- Katie liegt nicht» ferner, al» da» Allgemeinwohl der Arbeiter zu bessern, denn nur ein fortschreitender PauperiSmu», die Anhäufung der Reichthümer in wenigen Händen und die Verarmung und Verelendung der Masten, kann ihren Zwecken dienen. Et gilt daher, die Sozialdemokratie aus ihrer falschen Führerrolle in der Gewerkschaftsbewegung zu verdrängen, eine Organisation der christlichen Arbeiter auf gewerkschaftlicher Grundlage anzubahnen. In vielen Kreisen scheint man noch mit einiger Besorgniß an die Organisation der Arbeiter zu denken, dieselbe vom kaHolisch-christlichen StandpunKe gewissermaßen als ein Wagniß zu bekochten und zu alauben, er gehe zur Roch auch mit der bisherigen Organisation, — eine Annahme, die im Laufe der Zeu sich nicht bewähren wird.
Bis jetzt hat in Deutschland die Sozialdemokatie der Gewerkschaftsbewegung weitaus die größte Aufmerksamkeit geschenkt und dieselbe in ausgedehntem Maße sich dienstbar gemacht. Die Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereine sind vor dm Vereinen, die dem sozialdemokratischen Einflüsse unterliegen, vollständig zurückgetreten. In zahlreichen Städten bekümmert die Sozial- dernokratie sich ausschließlich um die Gewerkschaftsbewegung, und unter den Mitgliedern der Gewerk- fchaften besitzt sie ihre gewandtestm und zuverlässigsten Vertrauensmänner, mit bereit Hilfe sie die Wahlen macht und insbesondere auch die Wahlm zu dm Ge- werbegerichtm betrieben hat. Unablässig ist dieselbe chäkg, ihre gewerkschaftliche Organisation auSzudehnm und zu vervollkomrnnm, immer neue Berufs!reise in ihren Bereich zu ziehen und den Abschluß eine» Bundes der verschiedenen Gewerkschaftm zu bewirken.
Bisher umfaßt die Gewerkschaftsbewegung in Deutschland erst 13 Prozent der Arbeiterschaft, aber sie wird in absehbarer Zeft eine gewaltige Bedeutung erlangen. DaS mächtig erwachte StandeSbewußt- fein der Arbeiter führt naturgemäß zum Zusammenschluß der Berufsgenossen behufs gemeinsamer Wahrung der moralischen und materiellen
I Jnterestm. Die Arbeitervereine in ihrer gegenwärtigen Verfassung vermögen auf die Dauer dem Drange nach wirksamer Geltendmachung der Wünsche und Forderungen des Arbeiterstandes nicht zu genügen. Daß diese Erkmntniß auch unter den katholischen Sozialpolitikern sich Bahn bricht, beweist die wiederholte Betonung der I Noihwendigkeit der Bildung christlicher Arbeiter-Gewerkschaften u. A. von Seiten des geistl. Reftors Dr. Brüll.
Zahlreiche christliche Sozialpolitiker haben schon k längst als das einzige Hilfsmittel gegen dar gegenwärtige Lohnsystem, welcher den vernichtenden Wettbewerb zwischen den Arbeitern herbeiführt und bewirkt, daß auf dem ArbeftSma.Ke der Mensch nur als Arbeitskraft, wie eine Waare geschätzt wird, die korporative Organisation der Handwerker bezeichnet. In den Gewerkfchasten allein kann auch der Arbeiter auf die Versöhnung der Klassen vor- bereittt werden. Arbeiter und Arbeitgeber sollten getrennte, aber zur Verständigung geneigte Organisationen bilden, die in kleineren Orten mehrere Gewerbe in sich begreifen mögen, und die festhalten an dem Grundsätze, daß Religion, Familie und Eigen- thum die Basis bilden, ohne welche keine Gesellschaft ? bestehen kann. Mit Hilfe der Gewerkoereine und der entsprechenden Vereinigungen der Arbeitgeber lassen sich die wichtigsten jetzt schwebenden Angelegenheiten ohne Inanspruchnahme der Gesetzgebung erledigen.
Tas versöhnende, gesellschafüich aufbauende Moment, das den Gewerkvereinm innewohnt, vernach- lässigt die Sozialdemokratie selbstverständlich, dmn die Gewerkschaften gelten ihr nur als Werk- ' zeuge der Agitation. Für die Sozialdemokratie sind die Gewerkschaften, welche sich auf Vertretung
s der StandeSinteresie» beschränken, werthlv», und je ; besonnener und ausschließlicher sich jene ihrer eigent- i lichen Ausgabe widmen, desto weniger Sympathie f wendet ihnen diese zu. AuS diesem Grunde schimpft i der .Vorwärts' auch fortgesetzt so grimmig auf die | „Fettwanst-Politik" der alten Gewerkvereine Großbritanniens, die doch für die Arbeiter Großes erreicht habm. ES ist eine kaum begreifliche Kurzsichtigkeit, ein bellagenSwertheS Verkennen der Zeichen und Be- bötfniffe der Zeit, daß so viele, auch katholische Arbeitgeber der Gewerkschafts-Bewegung als solcher feindlich ober im besten Falle gleichgiltig gegenüber stehen.
* Keine kleinlichen Maßregelungen werden bett festen Zusammenschluß des vierten Standes zur thatkrästigen
i Geltendmachung feiner Interessen dauernd hindern. ; Jeder Christ und VolkSsreund sollte trachten, der - Sozialdemokratie als politischer Partei mit ihren l utop stischen Bestrebungen die Führung in denGewerk- - schäften zu entreißen, diese zu einer Organisation mit ! erreichbaren Zielen zu gestalten, wie es die Trade • Union S in England mit ihren zwei Millionen gewerk- j schaftlich organisirten Arbeitern find, welche als gleich- ? berechtigte Arbeiter-Berketungen mit den Vertretungen . von Arbeitgebern die Arbeitsbedingungen regeln, ohne '? im Geringsten die Geschäfte der internationalen Svzial- • dewokatie zu besorgen. Die Organisation der - noch christlichen Är beiter in Gewerkschaften ; ist kein leichtes Werk, aber es muß in An- - griff genommen werb en. Vollziehen wirb sich die Organisation des vierten Stande-, eS fragt sich dabei nur, ob zum guten Theil wenigsten» auf christlicher Grundlage, ober in immer größerem Umfange lediglich im Schlepptau und im Dienste der Sozialdemokratie. Vereinzelt sind die Arbeiter wie der widerstandslose Schwemmsand eine» FlusseS, aber unzählige solcher Sandkörner zusammengepreßt und mit dem Cemente deS ChristenthumS verbunden, bilden sie Granitsteine, mit denen man einen Damm baut gegen die Wogen der Revolution.
Deutsches Reich.
Berlin, 24. April.
* Zum 25jährizen Jubelfeste der CentrumS- frattionen de» Reichs- und Landtages findet in Berlin am 6. Mar Morgen» 10 Uhr Festgottesdienst, hl. Mesie in St. Hedwig, um 12 Uhr Reunion in den Speise- jäten bei Reichstagsgebäudes, Abends 6 Uhr Festessen im Kaiserhofe und am 7. Mai, Morgens */» 10 Uhr, Trauermesse zum Andenken der lieben Verstorbenen der Fraktion statt.
* Das Abgeordnetenhaus beabsichtigt, um den
Kommissionen, welche wichtige Verhandlungen noch zu erledigen haben, Zeit zu lasten, in der nächsten Woche nur an einem Tage, und zwar am Donnerstag, eine Plenarsitzung abzuhalten.
K Die Reichs tagskomMission für da» Bürgerliche Gesetzbuch begann heute die Berathung über da» vierte Buch: Familienrecht; mit dem Bericht über dasselbe ist Abg. Dr. Bachem (Cenk.) beauftragt. Der erste Titel deS Abschnitt» I dieses BucheS (Ehe) handelt vom Berlöbniß. Nach § 1280 kann aus einem Ber- löbniste nicht auf Eingehung der Ehe geklagt werden, und da» Versprechen einer Strafe für den Fall, daß die Ehe unterbleibt, ist nichtig. Abg. Gröber (Cenk.) beantragte, den ersten Satz wie folgt zu fassen: „Da» Berlöbniß begründet die Verpflichtung zur Eheschließung; diese Verpflichtung ist jedoch nicht klagbar." Der Abg. Gröber begründete seinen Ankag aus sittlichen Erwägungen, während die BundesrathSvertreter meinten, gerade der entgegengesetzte Standpunft entspreche den Forderungen der Sittlichkeit, weil die Erfüllung des EheverfprechenS von der Fortdauer der gegenseitigen Zuneigung abhängig sein müste. Der Antrag Gröber wurde gegen die Stimmen des Centrums abgelehnt und § 1280 unverändert angenommen. Ebenfall» ab- aelehnt wurde ein vom Abg. Gröber neu beantragter § 1280 a, wonach da» Berlöbniß, welche» ein Geschäftsunfähiger oder Eheunmünbiger abschließt, keinerlei Anspruch begrünbet, und wonach das von einem ehemündigen Minderjährigen abgeschlossene Berlöbniß, mu Ansprüche zu begründen, ber Einwilligung be» gesetzlichen Bentelers bedarf. Rach § 1281 hat ein Verlobter, der von dem Berlöbniß zurücktritt, dem andern Verlobten und besten Eltern den Schaben für erfolgte Austvenbungen ober eingegangene Verbindlichkeiten zu ersetzen. Auf Antrag Gröber würbe hinter „Eltern" eingeschaltet: „Ober dritten Personen, welche an Stelle ber Eltern im Interesse bes Verlobten thätig gewesen finb." Die §§ 1282—1285 blieben unverändert bi» auf eine Abänderung in § 1285, durch welche die Frist, in der die Ansprüche ans Auflösung eines 8er- löbniffeS verjähren, von einem Jahr auf zwei Jahre, von ber Auflösung beS Verlöbnisses an gerechnet, erhöht würbe. Vom folgenben Titel, Eingehung ber Ehe, blieben bie §§ 1286 bis 1288 unverändert. Ein sozialdemokratischer Antrag, wonach bie Einwilligung be» Vater» zur Eingehung ber Ehe, bie nach dem Entwurf bis zum 25. Lebensjahr erforderlich ist, nur bis zum 21. Lebensjahr nöthig fein sollte, fand keine Annahme. Nächste Sitzung morgen.
* Daß an dem zunehmenden Duellunwesen besonders die Ehreuriithk Schuld tragen und hier eine Reform durch einen Befehl von oben angebahnt werben muß, beweist augenfällig ein Vorfall, welcher ber,Freis. Ztg', aus Westbeutschlanb von authentischer Seite mit- getheilt wirb: Ein Gerichtsassessor hatte in einer Strafsache von ben brei Angeklagten gesagt, sie hätten sich, inbem sie über ben Ankläger hergefallen feien, nicht gentlemanlike benommen. Einer ber Angeklagten wat Reserveoffizier, er forberte ben GerichtSassessor (ebenfalls Reserveoffizier) auf Pistolen, biefer lehnte ab, weit er in feinem Amte gehandelt, ihm anoertraute Interessen gewahrt habe und darüber fich nicht zu schießen brauche. Der Ehrenrath deS OsfizietkotpS ersuchte den GerichtSastestor, die Forderung anzunehmen, und als dieser seinen prinzipiellen Standpunkt festhielt, wurde er vor daS Ehrengericht gestellt, bas chn, weil er ber Weisung deS Ehrenrath» nicht Folge geleistet habe, mit schlichtem Abschieb entließ Dieses Uttheil würbe bestätigt.
* ES wirb weiter geschossen! Berliner Blätter melden: Heute früh soll im Grünewald zwischen einem hiesigen Civil-Jngenieur P. und einem Schriftsteller F. ein Pistolenbuell stattgesunden haben. Die Bedingungen sollen 15 Schritt Barriere und dreimaliger Kugelwechsel gewesen sein. Nach einer weiteren Nachricht soll das Duell thatsächlich stattgefunden und der Ingenieur P. einen Schuß in die rechte Schulter bekommen haben.— Der ,Görlitzer Anzeiger' berichtet ebenfalls über neue Duelle: Im Jägerwäldchen wurden am 21. b. M. zwei Pistolenduelle auSgefochten, bei denen ein Arzt aus der hiesigen Gegend betheiligt gewesen sein soll. DaS eine Duell bei leichteren Bedingungen verlief unblutig. Bei dem zweiten, welches unter schweren Bedingungen stattfand, sank ein Gegner, in den rechten Oberschenkel getroffen, zu Boden, ber^anbereQ erhielt