23. Jahrgang
Donnerstag, den 23. April 1896.
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_>? Das Duell vor dem Reichstage
(Nachdruck verboten.)
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bedeutenden Männer. Ein Beschützer ist dem geistig weit über sein Alter gereiften Jüngling eigentlich nicht von Nöthen; doch dürste vielleicht Herr Osdag, ein schlichter Mann, der großen Ernst mit demüthiger Frömmigkeit verbindet, ein geeigneter Führer für Bernwards allzu regen Geist sein. Der Genannte ist unseres Herrn Bischofs Othwin rechte Hand und, wie die Mär geht, zu dessen Nachfolger auSersehen. Allein, waS zögern wir, zu dem hochwürdigen Herrn Othwin selber zu schreiten und seiner Fürsorge den Knaben zu empfehlen. Unser gelehrter Herr Othwin, der schon mit dem großen Kaiser Otto I. nach Italien zog, hat geistige Umsicht, und ihm ist von Gott gegeben, Jeden auf die für ihn passende Stelle zu setzen. Er wird den besten Leiter für unseren Schüler finden. Komm, daß ich Dich zu ihm hinführe."
Der zukünftige Bischof von Utrecht ging voraus und der Erbgraf von Sommerschenburg folgte durch lange, schier endlose, gewölbte Gänge zu einer gewundenen Steintreppe hin. Sie stiegen hinab und traten fitzt durch ein kleines Pförtlein in die von Säulen getragene Vorhalle. Hier aber führte ein gewölbte- Thor in der Bischofs Lieblings-Aufenthalt, in die Bücherei.
Herr Othwin hatte, als er vor vielen Jahren mit Kaiser Otto dem Großen nach Italien gezogen war,
erster Reihe der Haltung des CentrumSrednerS zu, der sich von aller unnöthigen Phrasenhastigkeit fern hielt und den Gegenstand im ganzen und großen so behandelte, daß wir ihm auch vom evangelisch- ch rist lieh en Standpuntte beitreten können." Noch wärmer schreibt das christlich - soziale ,Volk' in einem launigen StimmungSbilde über die ÄeichStagSsitzung vom Montag:
Nach den ersten Worten Bachem'S versiegt die „Theaterstimmung". Die Worte des Redners, dessen klare metallische Stimme in den entferntesten Ecken anschlägt, sind von unerbittlichem, christlichem Ernst. Und der katholische und evangelische Christ finden sich hier auf gemeinsamem Boden: Bachem benutzt zur Begründung Hofprediger Wendlandt'S ergreifende Rede am Sarge des erschossenen Ceremonienmeisters. Auch die Gegner müssen zugeben, daß Bachem der beste Redner ist, den dar Centrum an diesem Tage vor- schicken konnte. Auch bei heikeln Stellen entledigte er sich seiner Aufgabe mit sicherem Takt. Man merkt, die Rede soll noch an einer andern Stelle Diplo- matenarbeit thun. Nur einmal wird der Redner von stürmischer Heiterkeit unterbrochen. Er schlägt vor, den Parlamentariern, welche sich duelliren, zur Strafe das Mandat zu entziehen, wobei Frhr. v. Stumm einen Seitenblick abbekommt. Alles lacht.
Bachem das Verdienst bei. Sie schreibt: „Das Verdienst dabei kommt, wie wir gern zugeben wollen, in
Die fötifti nun SmmrHmlm».
Erzählung aus dem 10. Jahrhundert von Antonie Haupt.
Hausstrafe gesetzt werden. Wir wollen abwarten, war unsere Regierungen als Ergebniß ihrer „Erwägungen" thun werden; hoffentlich brauchen wir nicht allzulange zu warten, sonst müßte die staatliche Autorität noch weiter zu Gunsten der Umstürzler schwersten Schaden leiden.
Dazu ließ Graf Tammo sich nicht röthigeu. Während des Bespermahles erhob sich ein lebhafte- Gespräch zwischen den Männern. Der Stammherr von Sommerschenburg hatte gar viel zu fragen wegen feine- jungen Bruder- Bernward, und Herr Volkmar wußte viel Löbliche- zu berichten. Tammo'- Augen glänzten, während Volkmar da- Loblied des jungen Schüler- fang; koch plötzlich zog eine ernste Wolke über feine Stirne.
„Ihr, thruerster Herr Oheim, nahmt Euch bis heute fo väterlich de- Knaben an. Wer wird hinfüro dessen Beschützer sein?"
Der Domherr schaute sinnend vor sich hin.
„Am liebsten möchte ich den begabten Jüngling allsogleich mit mir nach Utrecht nehmen, doch soll er feine Studien allhier in der klösterlichen Zucht und Ordnung unferer der heiligen Maria gewidmeten Hildesheimer Domschule vollenden und auf die geistliche Weihe vorbereüet werden. Bernward ist just in Jahren, wo der Geist sm bereitwilligsten Eindrücke aufnimmt, die alsdann dem ganzen ferneren Leben gebieten; und darum muß er hier bleiben in der Umgebung unserer
Die Verhandlung des Reichstags über den Duellunfug hat mit der einstimmigen Annahme einer Resolution geendigt, welche die verbündeten Regierungen auffordert, „mit allen zu Gebote stehenden Mitteln dem mit den Strafgesetzen in Widerspruch befindlichen Duellwefen mit Entschiedenheit entgegenzutreten." Es wäre allerdings gut gewesen, wenn der Reichstag, wie es ein Antrag Bachem (Ctr.) wollte, auch gleich die Mittel und Wege vorgezeichnet hätte, die zur Beseitigung de-DuellunwesenS in Anwendung zu bringen wären, allein ein Versuch, darüber die Uebereinstimmung der großen Mehrheit de- Reichstags herbeizuführen, wäre jedenfalls mißlungen, und e- war deshalb vorzuziehen, daß durch allseitige Annahme der allgemeinen Fassung der oben mitgetheilten Resolution ein einstimmiger Beschluß der deutschen Volksvertretung erzielt wurde. Das ist ein Ergebniß, mit dem wir zunächst zufrieden fein dürfen. Noch vor wenigen Monaten wäre die einstimmige Annahme eines gegen den Duellunfug gerichteten Antrags al» ein „frommer Wunsch" erschienen, an dessen Verwirklichung Niemand geglaubt hätte. Jetzt aber, nach der beredten Sprache der letzten Erfahrungen auf diesem traurigen Gebiete und nach der fcharfen 8er- urtheilung des Duellunfugs in der Preffe aller Parteien, unter diefem mächtigen Drucke der Er» eignisfe und der öffentlichen Meinung hat der Reichstag in allen feinen Theilen — einzelne gewiß mit gemifchten Gefühlen — sich einer entschiedenen Kundgebung gegen den Duellunfug angeschloffen. Dir Ausfälle, die sich dabei die Herren von Bennigsen und von Manteuffel gegen die Presse vergönnten, hätten sie sich gewiß sparen können angesichts des unzweifelhaften Verdienst-, da- sich gerade die Preffe durch ihren nahezu einmüthigen Protest gegen da- Duell» unwefen um die geschloffene Stellungnahme de-Reichstag- erworben hat
Deutsches Reich.
Berlin, 22. April.
* Der Kaiser hat der katholischen St. Rathia-- gemeinde in Berlin zum Neubau der Kirche au- dem Dispositionsfonds ein Geschenk von 30,000 Mark überwiesen. — Die Kaiserin ist gestern kurz vor Mitternacht von der Reise nach Koburg im Neuen Palais wieder eingetroffen. KM
* Der von uns gemeldete Austritt deSCenttum-- Abgeordneten Müller-Fulda aus der Zuck erst euer- Kommission hat einzelne Blätter bereits zu der Schlußfolgerung verführt, derselbe hänge mit dem Ueberwiegen der agrarischen Richtung im Centrum zusammen. Nun meldet aber die »Germania', daß dieser Austritt nur ein vorübergehender sei und nur den äußerlichen Grund habe, daß der Äbg. Müller eine Reise hat antreten müssen. Für die kurze Zwischenzeit ist Graf Galen in die Kommission für die Zuckersteuer - Vorlage eingetreten und wird nach der Rückkehr des Abg. Müller diesem wieder Platz machen.
* Freiherr v. Hammersteiu, der ehemalige Chefredakteur der ,Kreuzzeitung' und Führer der konservativen Partei, stand heute wegen der bekannten Gaunereien vor der 2. Strafkammer des Berlmer Landgerichts I. Eine große Menschenmenge hatte sich im GerichtSsaale eingefunden; die Verhandlungen dauerten von 9 Uhr Morgens bis 5l/a Uhr Abends. Der Angeklagte war in den wesentlichen Punkten geständig. Der Oberstaatsanwalt Drescher hielt die Anklage nach dem Geständniß des Angeklagten und dem Ergebniß der Beweisaufnahme im Großen und Ganzen aufrecht und befürwortete durchweg die Versagung mildernder Umstände. Die persönliche Stellung deS Angeklagten, der hohe Schaden, den er verursacht, seine ungeheure Heuchelei und Gewiffenlost keit machten jede Rücksichtnahme unmöglich. Er beantragte gegen den Angeklagten eine Zuchthausstrafe von 4 Jahren, ferner 3000 Mark Geldstrafe event. 400 Tage Zuchthaus und Ehrverlust auf die Dauer von 5 Jahren. Der Spruch de- Gerichte- lautete, wie wir schon gestern Abend einem Theile unserer Leser durch Extrablatt mittheilen konnten, auf drei Jahre Zuchthaus, 1500 Mark Geldstrafe und fünf Jahre Ehrverlust (event. für je 15 Mark 1 Tag Zuchthaus Zusatzstrafe).
ft, Da- Eherecht wird bereit# am Donnerstag die ReichStagSkommisfion für da» bürgerliche Gesetzbuch beschäftigen. Bei der Wichtigkeit diese- enffchei» denden Punkte- in den Berathungen der Kommission geben wir die Anträge, welche da- Centrum hierzu einbringen wird, wörtlich wieder. Der Prin» die Reliquien des hl. Epiphanius mitgebracht. Auf die zu Ehren desselben Heilige» erbaute Kapelle schaute er ost gedankenvoll, durch die rundbogigen Fenster hin, wenn die zur Rüste gehende Sonne die schönen Formen de- Kirchlein- im Purpurschein erglühen ließ. Auch die ringsum alle Wände bedeckenden Bücherschätze — er waren Pergamentrollen und kunstvoll auSgemalte Folianten — hatte der Bischof zum großen The» von jenseits der Alpen, von Rom, von Verona und von Pavia mit herübergebracht; auch sie gemahnten ihn an vergangene Zeiten.
Hier in diesem Gewölbe, wo der Oberhirte manche Tage und auch gar manche Nächte lesend und schreibend zugebracht, saß er anjetzo in ernster Zwiesprache mtt seinem Freund und Vertrauten, mit dem Domherrn Osdag. Dessen erprobten Rath heischte er in Zweifel- haften Fällen.
Den Bischof verrieth daS verbrämte violette Faltenkleid und das goldene mit leuchtenden Edelsteinen ge- schmückte Brustkreuz. Herr Othwin war von gedrungenem Wüchse bei mittlerer Größe. In seinen Bee wegungen lag viel Würde und ManneSkrast. DaS ungedämpfte Feuer seiner dunklen Augen, der rasch wechselnde Ausdruck des noch frischen Antlitze- überraschte bei dem grauen Haar, welche- unter dem violetten Sammtmützchen hervorquoll. Sothanes Sammt-
ganz und gar nicht. „Erwägungen" will man anstellen, als ob da- Urtheil über daS Duell und die Mittel zu feiner Ausrottung nicht längst feststände! Möge der Reichskanzler nur dem Kaiser Vorschlägen, : eine KabinetSordre gegen das Duell im Heere zu er» \ lassen, durch welche Duellanten mit dem schlichten Ab» l schied ohne Pension bedroht werden, und möchte gleich» j zeitig die Justizverwaltung eine Strafrecht- - Novelle Dauir, wie uuiy, ,u wen eiie.muui Mi, uu^iyiuu ' ausarbeiten, welche statt der Festungshaft ausgiebige desselben ihren Eindruck nicht; hoffentlich auch nicht Gefängniß-und Zuchthausstrafen auf die Duellverbrechen an den maßgebenden Stellen. Darin, daß die setzt! Wir unsererseits würden am liebsten sehen, daß Verhandlungen im Allgemeinen ruhig und sachlich das Duell a'§ besonderes Delikt überhaupt nicht mehr waren, mißt sogar die .Kremzeitung' dem Abg. Dr. angesehen würde, sondern als das, was es ist: als ~ - ------ -------- Mordversuch bezw. Mord. Mindestens aber müßte auf
den Versuch Gefängniß-, auf die vollbrach!e That Zucht-
FllldaerMZeitiliiis
mit Wnterhaltungs-KeUasr „Sterne mrd Klnrrrerr".
e^chrmt tstgttch, @«tm Mb gdertey asSgeiwm»«. — vierteljährlicher Abonnement-preiS ohne Bringer!^« und Bestellgeld in Fulda und auSwtr« 1 Mark 50 Pfennig. Jnferate kosten die emfpaltige Sarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Betttzeile 25 Pf., bei Mederholungen entfvrechender Rabatt.
Auch die nationalliberale,Nat.-Ztg.' äußert sich im Wesentlichen zustimmend zu der Rwe deS Abg. Bachem.
Ergibt sich so, daß gegenüber dem Duellunfug eine weitgehende Uebereinstimmung in der Bermtheilung im Parlamente wie in der Presse erzielt worden ist — nicht zuletzt Dank dem Centrum und seiner Presse —, so erwächst daraus den maßgebenden Stellen und regierenden Faktoren um so mehr die ernste, sittliche und politische Verpflichtung, nunmehr der Forderung der - ganz überwiegenden Mehrheit deS deutschen Volkes und i seiner parlamentarischen Vertretung, d. h. der Forde» l rung der christlichen Sitte und des Rechte-, endlich » | nachzukommen und rücksichtslos mit allen Mitteln der
" Im Uebrigen gebührt da-Verdienst, diese Stellung- ; Gesetzgebung und Verwaltung dem Duellunwesen entnähme herbeigeführt zu haben, namentlich dem Cen- l gegenzutreten. Die Erklärung, welche der Reichs- tr um. Die Form einer Interpellation ist vom Centrum kanzler in dieser Beziehung durch Herrn v. Bötticher deshalb gewählt worden, weil die Geschäftsordnung verlesen ließ, genügte jener unabweisbaren Forderung des Reichstags den Interpellationen den Vorzug vor " allen anderen Berathungsgegenständen einräumt und dadurch ermöglicht, daß dringende Angelegenheiten möglichst sofort zur Verhandlung kommen. Sehr geschickt war, wie allseitig, auch von Gegnern, zugegeben wird, die Rede, mit der Abg. Bachem die Verhandlung einleitete. Entschieden in der Sache, ruhig und überzeugend in der Form, verfehlte sie im Hause, wie auch, so weit erkennbar ist, außerhalb