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23. Jahrgang

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>$< Sterbekassen in Arbeitervereinen.

Unter den Wohlfahrts-Einrichtungen, welche die katholischen Arbeitervereine ins Lebcn gerufen haben, dürsten die St erbe kaff en aus mancherlei Gründen eine bevorzugte Stelle einnehmen. Wer immer das Fühlen und Denken der breiteren Schichte» unseres Volkes versteht, wer das Gemüth des Arbeiters nament­lich bei herben Schicksalsschlägen kennen gelernt hat, der weiß, wie hart der gewöhnliche Mann es empfindet, wenn ein Angehöriger seiner Familie oder seines Standes in armer oder ärmlicher Weise zur letzten Ruhe bestattet wird. ist das Letzte, was wir unserem Vater, unserem Vereinsbruder bieten können; ein schönes christliches Begräbniß soll er haben," so hört man sehr ost die Arbeiter sprechen.

Diesem berechtigten pietätvollen Gefühle will nun die Sterbekasfe entgegenkommen, indem sie die Mittel zu einer anständigen christlichen Beerdi­gung bietet, wie sie je nach den lokalen Verschieden­heiten gebräuchlich ist. Die Sterbekasse leistet aber ge­wöhnlich noch mehr. Oft reißt der Tod in dem Gatten und Vater auch den Ernährer aus der Familie In die bittere Trauer um den Entschlafenen mischt sich die bange Sorge um die Existenz in der Zukunft. Nicht selten hat eine längere Krankheit die Ersparnisse ge- sunder Tage schon verzehrt; die Hinterbliebenen stehen gleich mittellos da. Die Sterbekasse greift auch nach dieser Seite hin lindernd ein. DaS Sterbegeld ist in der Regel so hoch bemessen, daß eS wenigstens sür die ersten Tage der Trauer den Angehörigen der Ver­storbenen ausreicht.

Um nun zu dem weiteren Ausbau und zu einer immer größeren Verbreitung der Sterbekassen anzu­regen, haben die Herren Professor Dr. Hitze-Münster und Rektor Ommerborn-Charlottenburg zunächst eigens entworfene Fragebogen an eine große Anzahl katholischer Vereins, namentlich Arbeitervereine, ge­sandt. DaS mit dankenSwerther Bereitwilligkeit von den einzelnen Vereinen übermittelte weitschichtige Material ist dann sorgfältig bearbeitet und das lehr­reiche Resultat im,Arbeiterwohl'*) veröffentlicht worden. Es sei uns gestattet, hier einzelne Punkte des 34 Seiten starken Artikels hervorzuheben; im Uebrigen möchten wir allen Präsides rc. von Arbeitervereinm die Lektüre des Artikels selbst dringend empfehlen.

Die 161 Vereine, welche in den Tabellen berück­sichtigt sind, reichen alle ein Sterbegeld; aber die praktische Handhabung ist in den einzelnen Vereinen sehr verschieden. Viele Vereine geben allen Mitgliedern aus der Vereinskasse Sterbegeld; andere haben eine eigene, selbstständige Sterbekasse mit freier Mitgliedschaft; einige lehnen sich an Verein- kranken- kaffen oder an Verbands -Sterbekassen oder an ört­liche Be?rdigungS-, UnterstützungS- u.s.w. Kassen an. Außer dem Sterbegelde beim Tode des ManneS geben

*) ,Arbeiterwohl', Organ des Verbandes katholischer Indu­strieller und Arbeiterfreunde. Jahrgang 1896, Heft 1 und 2.

Um Gold und Ehre.

Bon L. von Neid egg.

30] ------- (Nachdruck verboten.)

18 Kapitel.

BraunsbergS körperliches Befinden hatte sich rasch gebessert; dagegen waren sein Gedächttnß, sein Denk­vermögen noch getrübt; er fragte nach nichts, wunderte sich über nichts, ließ alles mit sich geschehen. Da er jedoch Bessie und Alle, die sich ihm nahten, erkannte, so zweifelte der Arzt nicht an seiner vollständigen Herstellung, hielt auch Lebensgefahr »für völlig ausge­schlossen.

Bessie hatte sich daher vorgenommen, einen kurzen Besuch in Neurode zu machen; waren doch die tief empfundenen, wahrhaft mütterlichen Zeilen, welche ihr die Baronin geschrieben, der einzige Beweis warmer Liebe, der ihr in dieser Zeit vorgekommen.

Theobald hatte sie seit jenem Abend nicht wieder­gesehen. Die ersten rwei Tage hatte er nach ihrem und ihres OnkelS Befinden sich erkundigen lassen, ihr auch ein paar kühle Worte geschrieben; heute war selbst diese stössige Botschaft ausgeblieben; kein Gruß — keine Anfrage war gekommen.

Bessie fühlte sich auf- Tiefste verletzt. Nein, schwor sie sich zu, nimmermehr wollte sie die Frau

viele Vereine auch noch eine Unterstützung für den Todesfall der Frau. Manche knüpfen den Bezug des Sterbegeldes für die Frau an die Mitgliedschaft und Beitragspflicht derselben, eine große Anzahl von Ver­einen bestreitet das Sterbegeld für die Frau auS den Vereinsbeiträgen oder den Sterbekaffenbeiträgen der Männer; andere gestatten, daß die Frau das Versiche- rungsverhältniß der ManneS nach dessen Tode durch Weiterzahlung der Beiträge einfach fori setzt; einige 1 fordern zum Bezüge emeS Sterbegeldes ein n geringen i Zuschußbeitrag für die Frau des Mitgliedes u. s. w. , Vereinzelt wird auch für den Sterbefall von Kindern l ein Sterbegeld in Aussicht gestellt.

Die Höhe der Sterbegeldes ist sehr ver- ? schieden; sie schwankt zwischen 5 und 240 Mk.; in der ; Regel zahlt man etwa 50—60 Mk.; außerdem wird - vielfach ein Betrag zu einer hl. Messe für den Ber- ■ storbenen bestimmt.

In der Art und Weise, wie die Vereine die Sterbe- l grlder aufbringen, herrscht ebenfalls große Ber- i schiedenheit. Während einige Vereine die Unterstützung ; auS den (VereinS')Beiträgen zahlen, pflegen andere sie ; durch eigene wöchentliche, oder monatliche oder viertel­jährliche Beiträge zu decken. Sehr beliebt und empfehlens- : werth ist das Verfahren der Umlage bei jedem Todes­fall. Dabei bedarf es keiner umfassenden Kassenver- waltung, keines größeren Reservefonds — höchsten- für einen oder zwei Sterbefälle — keiner großen Mit­gliederzahl. Die Berechnung für Umlage und Sterbe- l geld stellt sich sehr einfach. Zählt der Verein z. B. I 100 Mitglieder und will er 50 Mark Unterstützung , gewähren, so ist der Beitrag pro Mitglied und Todes- - fall 50 Pfg.; zählt hingegen der Verein 500 Mit­glieder, so fallen bei dem einzelnen Todesfälle auf dar einzelne Mitglied nur 10 Pfg. Werl ftdoch natur- j gemäß in größeren Vereinen die Sterbefälle auch ent- \ sprechend häufiger sind, als in kleinen, so müssen dort auch die Mitglieder öfter 10 Pfg. zahlen, so daß bei stets gleicher Sterblichkeit im Verlaufe eines Jahres dieselbe Beitragssumme herauskommen wird.

Hiermit kommen wir auf den wichtigsten Punkt i bei den Sterbekassen: die Sterblichkeit der Arbeiter. Bei der Jnvaliditätsversicherung, wo die Versicher­ungspflicht mit dem vollendeten 16 Jahre be­ginnt, beträgt die Sterblichkeit durchschnittlich 1,5 pCt.; auf 24 308 Mitglieder von Sterbekassen, für welche Angaben bezüglich der Sterbefälle Vorlagen, kamen nach den Ermittelungen des Herrn Ommerborn im Durchschnitt der letzten 3 Jahre 417 Sterbefälle, d. i. 3 1,715 pCt. der Mitglieder. Dieser Procentsatz nimmt ab, je größer verhältnißmäßig die Zahl der jüngeren Mitglieder gegenüber den ältecn ist; umgekehrt nimmt er zu. Manche Vereine haben daher eine Alters- < grenze festgesetzt, über die hinaus keine Mitglieder mehr ausgenommen werden; andere steigern dar Eintrittsgeld oder den Beitrag mit steigerndem Alter. Aus den obigen Daten aber ergibt sich die Lehre: Bei der Neueinrichtung einer Sterbekasst halte :

desjenigen werden, der sie als lästigen Ballast zur . Seile warf, nun, wo Unglück über sie gekommen, — der weder Herz noch Ehrgefühl besaß. Sie wollte ' keine Szene machen, wollte ihn keines Borwurfs \ würdigen; traf sie ihn jedoch bei seiner Mutter, wollte sie kühl und bestimmt ihm sein Wort zurückgeben. War er auch dort nicht anwesend, sollten einige kurze - Zeilen ihn von ihrem Entschluß benachrichtigen. Mit z diesem Vorsatz machte sie sich auf den Weg.

In Neurode ttaf sie Adelheid allein im Wohn- ] zimmer an. Das Mädchen war verstört; es war, ; als hätten ihre Augen eine Vision geschaut, deren Grauenhafrigkeit sie noch nicht verwinden konnte. Ganz J gegen ihr sonstiges hochfahrender Wesen war sie heute • von auffälliger Zuvorkommenheit, ja von Herzlichkeit ? Bessie gegenüber. Etwas wie Mitleid lag in ihrem ä Blick, wenn sie diese ansah, — wie eine stumme Frage, deren Sinn sich Bessie nicht zu deuten wußte. „Zur ; Tante könne sie den Besuch nicht lassen, so willkommen . er der Leidenden auch sein würde," erklärte sie. Die ‘ Leidende habe eine sehr schlechte Nacht gehabt und : müsse daher noch ruhen. Bevor Bessie aber mit dem l Zuge nach Hause sich begäbe, würde sich wohl ei« ) Augenblick bieten, in dem sie die Tante würde begrüßen i können.

So blieben denn die Mädchen beisammen sitzen, ‘

man alle Vereinsmitglieder zum Beitritte an; iso braucht man einerseits die älteren Mitglieder nicht von der Aufnahme zurückzuweifen oder unter schwereren Bedingungen aufzunehmen, andererseits gleicht sich in Folge der größeren Zahl der jüngeren Mitglieder dar Risiko aus. ES dürste auch nicht schwer halten, sämmt- liche Genossen zum Beitritte zu bewegen; man stelle ihnen vor, daß es sich um den letzten Liebesdienst handelt, den sie ihrem Mitarbeiter erweisen können, daß eS eine Ehrensache jedes BereinSmitgliedes sein muß, in dem verstorbenen Genossen den Arbeiterstand durch ein würdiges Begräbniß zu ehren u. s. w. V J

Nehmen wir nun, um ganz sicher zu gehen, für die Sterblichkeit der Mitglieder 2 pCt. an, so würden, wenn die Sterbekasse z. B. 500 Mitglieder zählte, 10 Sterbefälle auf das Jahr kommen. Betrüge ferner das jedesmalige Sterbegeld 50 Mark, fo müßten jährlich im Ganzen 500 Mark, von dem einzelnen Mitgliede etwa 1 Mark aufgebracht werden. Man könnte nun bei jedem Todesfälle 10 Pfg. pro Kopf erheben; allein, da die Sterbefälle zuweilen rasch auf- einanderfolgen und der Mehrzahl nach in die Winter­monate fallen, wo ohnehin der Verdienst geringer ist, so verfährt man besser in der Weise, daß man die Umlage auf das ganze Jahr verthriltund monat­lich den fälligen Betrag erhebt, bei unserem Beispiele also etwa 8 Pfg. Nähme man dann statt 8 Pfg. vielleicht 10 Pfg. pro Monat und Mitglied, so könnte man den Ueberschuß der 2 Monate zu einem Reserve­fonds sammeln (vielleicht bis 200 Mark), oder einen (Winter-)Monat nicht heben, und den Betrag deS anderen Monats refundiren, oder auch 2 Monate nicht heben, je nachdem die örtlichen Verhältnisse es passend erscheinen lassen. Soll ein höheres Sterbegeld (als 50 Mark) gegeben werden, so muß die Umlage entsprechend höher sein; umgekehrt niedriger. Die monatliche Umlage hat auch noch folgenden Bor- theil vor der Umlage von Fall zu Fall. Wenn die Zahl der Mitglieder sinkt und das Sterbegeld auf derselben Höhe bleiben soll, so muß bei der Repar- tition für den einzelnen Fall der Betrag pro Mitglied steigen. Findet hingegen die Umlage durch monat­liche Beiträge statt, so geht die Kasse stets ihren ruhigen Gang fort.

Wie nach dem Vorstehenden die Einrichtung und Verwaltung der Sterbekasse einfach ist, so bringt auch die Errichtung derselben keine besondere Schwierigkeit mit sich. Bei kleineren Vereinen genügt er schon, wenn in einer Generalversammlung ein „Nachtrag" zu den Statuten beschlossen wird, in welchem namentlich die Höhe des Sterbegeldes und der monatlichen Beiträge bestimmt und die Verwaltung der Kasse dem Bereinsvorstande übertragen wird. Um der Pflicht, die staatliche Genehmigung einzuholen, enthoben zu sein, wird die Bestimmung ausgenommen, „ein Rechtsanspruch auf ein Sterbegeld steht den Mitgliedern nicht zu", und man fügt vielleicht zur Sicherheit noch bei: „Die Höhe des Sterbegeldes

— beide verwirrt — beide von traurigen Gedanken gepeinigt, denen jedoch keine von ihnen Ausdruck geben wollte. Sie mühten sich ab, von ihnen fern liegenden Dingen zu sprechen, statt von dem, was ihr Herz so tief bewegte. Theobalds Name wurde nrcht genannt. ,

Da meldete ein Dienstmädchen Herrn Weffelhöst. Erstaunt sahen die beiden Mädchen einander an. „WaS mag ihn wohl jetzt hierherführen?" fragten sich ihre Augen.

Als Weffelhöst eintrat, bleich und verstört, wurde ihnen klar, daß er keinen gewöhnlichen Höflichkeits­besuch machen wolle; vor Erregung zitternd, ließen sie sich in den Sessel zurücksinken.

„Treffe ich Sie hier, Miß Lightfoot?" begann er mit unsicherer Stimme. „Es ist ein günstiger Um­stand, denn von hier wollte ich später zu Ihnen."

„Sie haben etwas Wichtige- mitzutheilen, daS sehe ich Ihnen an, Herr Wesselhöft," begann Adelheid. „Was ist es?"

„Ich bin leider der Ueberbringer einer schlechten Nachricht," begann er langsam und nachdrücklich.

Adelheids Herz drohte still zu stehen; keiner Worte- mächtig, preßte sie beide Hände auf ihre Brust. ES war Bessie, die fragte:

„WaS ist geschehen?"