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Dienstag, den 14. April 1896.

23. Jahrgang

FlllduerWZeitlliiij

mit Unterchaltungs-Hettagr „Sterne und Kiumen".

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yjE? Zum „Umsturz von oben" liefert daS Duell Kotze-Schrader wieder einmal einen lehrreichen Beitrag. Schon der Skandal mit den anonymm Schmähbriefen, welcher der Ausgangspunkt des an dunklen Stellen so reichen „Falles Kotze" war, gehörte in dar Kapitel vom „Umsturz von oben"; dieses Duell ist vielleicht nicht einmal der Abschluß dieser skandalösen Angelegenheit, obwohl eS für einen Abschluß erschütternd genug wäre, da es den Tod v. Schrader'- zur Folge hatte. Herr v. Kotze seinerseits hat, nachdem dar Militärgericht ihn von der Anklage, der Urheber der namenlosen Schmähbriefe zu sein, fteigesprochen, schon einmal ein Duell gehabt, in dem er schwer verwundet wurde; und nun hat er einen Anderen zu Tode getroffen!

Herr v. Kotze hatte sich übrigen- mit Herrn v. Schrader gar nicht schießen wollen. Da- mili­tärische Ehrengericht hat deshalb in zwei Instanzen auf seine Au-schließung au- dem Offiziersstande er­kannt; der Kaiser aber hat auch das zweite Urtheil verworfen und die Strafe in eine einfache Warnung verwandelt. E- müssen dann mächtige Einflüsse thätig gewesen sein, um Herrn v. Kotz- zu bewegen, sich mit Herrn v. Schrader zu schlagen; sonst wäre v. Kotze doch kaum von seinem ursprünglichen Entschlüsse, seine Ehre gegenüber v. Schrader auf gerichtlichem statt auf „kavaliermäßigem" Wege herzustellen, abgewichen. Welche Personen der Hofgesellschaft ihre Hand dabei im Spiele hatten, entzieht fich unserer Kenntniß; aber wer auch immer in dem Sinne thätig gewesen ist, einen Zwei­kampf herbeizuführen, der möge sich sagen, daß er nach dem Urtheile der öffentl. Meinung eher in- Zuchthaus als an den Hof in die Umgebung de» Kaiser- gehört. ES ist wahrhaft traurig, daß unsere Hofgesellschaft, daß die „oberen Zehntausend" dem Volke ein solcher Beispiel von Verachtung de- göttlichen und mensch­lichen Gesetze- geben.

Der Skandal wird noch ärger, wenn man bedenkt, wie leicht der bessere Theil der Hofgesellschaft da» Duell Kotze-Schrader hätte verhindern können. Wochenlang vorher wußten gewiffe Berliner Blätter, die chre Spalten mit Vorliebe mit dem Hosklatsch füllen, von dem Zweikampf, feinen Bedingungen u. dgl. allerlei zu erzählen; es war allgemein bekannt, daß dieses Duell stattfinden sollte — und doch ist weder von AmtSwegen noch privatim innerhalb der Hofgesell­schaft ein Finger gerührt worden, um daS Duell zu verhüten. „Auf weite, staat-treue Schichten de- Volkes wirken solche Vorkommnisse zerstörender, als man in jenen Kreisen zu ahnen scheint," bemerkt hierzu ein der Abneigung gegen den Hof so wenig verdächtige» Blatt, wie die.National-Zeitung', da» Berliner national­liberale Parteiorgan. Selbst die konservattven Blätter haben sich zu einigen tadelnden Bemerkungen aufge­schwungen, aber auf die Nothwendigkeit einer Abhilfe gehen sie wenig ein. Ganz zutreffend schildert die .Köln. Volkrztg.', auf wie falschen Ehrbegriffen der

Um Gold und Ghre.

Bon L. von Neidegg.

28) ------- (Nachdruck verboten.)

17. Kapitel.

Adelheid stand in ihrem Zimmer am offenen Fenster; in trübe Gedanken verloren, sah sie hinaus mit dem leeren Blick derjenigen, die so gründliche Einkehr halten in fich selber, daß da» Interesse an dem, wa» um sie vorgeht, in ihnen erloschen ist. — Ihre Tante, angegriffen von der Erörterung, welche sie am vorhergehenden Abend mit dem Sohne gehabt, hatte den ganzen Tag fiebernd daS Bett hüten müffen: jetzt endlich war sie in einen sanften Schlummer ge- sollen, und die Nichte hatte sie verlaffen, um selbst etwa» auszuruhen. Unter heißen Thränen hatte die alte Frau ihr da« Leid geklagt, welche» ihr der Sohn verursachte; ihre Worte waren Adelheid schwer auf dar Herz gefallen, und mit bangm Gefühlen dachte sie jetzt über dieselben nach.

Dieser Sohn, der Gegenstand so zättlicher Liebe, so bitterer Sorgen, wo mochte er in diesem Augen­blicke sich befiaden? Wa» würde er jetzt beginnen? Wie würde sein künfttgeS Leben sich wohl gestalten? Adelheid hatte gemeint, sie würde rS nicht überleben können, seine Hochzeit mit einer Anderen mit anzu­

ganze Duellblödsinn ausgebaut ist: „Der Kotze'sche „Ehrenhandel" leitet sich bekanntlich her auS den schmutzigen und gemeinen Briefen, die von einem Un­bekannten in der Hofgesellschaft verbreitet wurden. So find eS in der Regel recht saubere Geschichten, die in einem „Ehrenhandel" ausgetragen werden. Berhältniß- mäßig selten ist der Streit entstanden au» einer über­eilten Beleidigung, die einer in angeheiterter oder ge­reizter Stimmung begangen hat. Aber merkwürdig, während man sonst so kitzelich ist im Punkte „Satis- faktionSfähigkeit": ein Wüstling, Spieler, Schulden­macher ist an sich durchaus noch nicht satisfaktions- unfähig, sondern berechtigt, einen anständigen Menschen vor seine Pistole zu sordern und todt zu schießen. Kreise, die so viel auf ihre „Ehre" halten, weisen eS durchaus nicht ab, einen Menschen, den sie als verkommene» Subjekt verachten, zu einem Zwei­kampf aufzufordern und sich von ihm todtschießen zu lassen." — Im selben Sinne schreibt ein frei­sinniges Blatt: „Welch'ein Hohn auf den Kampf für Religion, Sitte und Ordnung in diesem Beispiele der Gesetzesverletzung durch Hofbeamte! Und da wundert man sich, daß die Sozialdemokratie zunimmt?" Für den sozialdemokratischen ,Vorwärts' ist das Duell Kotze- Schrader natürlich ein „gefundenes Fressen", nur schlecht kann er den Jubel über solche revolutionär wirkende Vorgänge unterdrücken.

Wir haben leider wenig Hoffnung, daß die Hof­gesellschaft in diesen Dingen eine Warnung sehe und in sich g he, denn der Geist, der sie beseelt, ist wenig nach Selbstprüfung und Buße angethan. Hat doch sogar der Prinz Aribert von Anhalt kürzlich in der Fastenzeit, der Zeit der Trauer und Buße, einen Maskenball gegeben, auf dem er selbst in der Maske der ewigen Juden, ein Sekretär der englischen Bot­schaft als Mönch erschien!

Da- Duell Kotze-Schrader lenkt unsere Aufmerksam- keit aber noch auf einen anderen Puntt, der unmöglich verschwiegen werden kann: das ist die Aufhebung oder Abkürzung der ohnehin schon so lächerlich geringen Festungsstrafen für Duellmörder auf dem Gnadenwege. Wir möchten bei dem traurigen Anlasse der Duells Kotze-Schrader den Wunsch aussprechen, daß der Justiz­minister nidjt so leicht die Duellanten Sr. Majestät zm Begnadigung empfehlen möchte. Er kann uns gewiß nicht einfallen, dar unbegrenzte Begnadigungs­recht der Kaisers bestreiten oder auch nur beschränken zu wollen; aber gerade dm Duellmördern gegenüber würde etwa- weniger Milde als bisher sicherlich im Lande gute Wirkung haben, denn diese Verbrecher ge­hören den oberen Schichten der Gesellschaft an, die den unteren mit gutem Beispiele vorangehen müßten und sich viel schwerer, als diese, versündigen, wmn sie schlechtes Beispiel geben. Die Strafe solcher hoch­gestellten Verbrecher darf deshalb nicht geringer, fondern sie muß eher noch schwerer sein, als Strafen, die dm „Mann aus dem Volke" treffen, wenn er sich mit der Waffe, sei diese nun ein Messer, Beil oder sonst eine,

sehen; von Eifersucht und Haß getrieben, hatte sie olle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihn von Bessie zu trennen. Ohne ihr Zuthun hatte Gott es nun gefügt, daß Theobald von seiner verlobten Braut lassen wollte, — war sie darum glücklicher geworden? Sie mußte sich die Frage verneinen. Sie empfand nun erst, daß er noch bittrere Qualen gibt, al» die verschmähter Liebe; — sie erkannte, daß es nicht wohlgethan ist, aus einem erschaffenen Wesen sich ein Götzenbild zu machen und in der blinden Liebe zu demselben aufzugehm. Wie stolz war sie darauf ge­wesen, sich so ganz in der Gewalt zu haben — nach außen hin kalt und unnahbar dazustehen, während dabei die Leidenschaft sie innerlich verzehrte. Sie hatte in echt pharisäischem Hochmuth das äußere An- sehm gewahrt, in ihrem ungebändigtm Herzen hatte aber die Flamme immer weiter um fich gegriffen, und schließlich ihre besseren Gefühle unterdrückt. Sie legte die Hand über die Augen, al» sie die- all's über­dachte, als gälte es, dm Abgrund zu verschleiem, befielt Tiefe sie eben erst zu ermessen begann.

Lauter Wagengerassel, eilige» Pferdegetrapprl ließ sie aufsehen; von jenem Fenster au» hatte man über die Bäume und Sträucher de» Garten» hinweg den Ausblick auf die Chaussee, welche von Norrenburg nach Neurode führte. Auf derselben kam ein ele-

„Gmugthuung verschafft", d. h. aus Rache einen Mord begangen hat. Nur Strenge, aber keine Gnade kann jenem Umsturz von oben wehren.

Deutsches Reich.

Berlin, 13. April.

* Das Kaiserpanr ist heute Abend von Venedig nach Wien abgereist. — Es bestätigt sich, schreibt die ,Kreuzzeitung', daß der Fürst Ferdinand von Bulgarien von Petersburg zunächst nach Berlin und von hier nach Paris sich begeben wird. Der Fürst dürfte am 30. d. Mts. hier eintreffen, voraus­sichtlich im Königlichen Schlöffe Wohnung nehmen und den Kaiserlichen Majestäten im Neuen Palais seinen Besuch abstatten.

* Während das Plenum der Reichstags erst am Donnerstag wieder zusammentritt, um die zweite Be- rathung der Gesetzentwurfs zur Bekämpfung deS un­lauter n WettberwerbS vorzunehmen, wird die Kommission zur Berathung des Bürgerlichen Gesetzbuchs schon am Dienstag ihre Arbeiten wieder aufnehmen.

* Morgen (Dienstag) nimmt dar Abgeordneten­haus seine Sitzungen wieder auf. Auf der Tages­ordnung stehen der Antrag deS Abg. Johannsen, be­treffend die Anwendung der dänischen Sprache in den NordschleSwigschen Volksschulen, der Antrag deS Abg. Winckler wegen Vorlegung eines Gesetzentwurfs, betreffend die Besteuerung deS WauderlagerbetriebeS, und der Anttag deS Abg. Brockhausen wegen Vorlegung eines Gesetz- entwurfS, betreffend die Besteuerung der Waarenhäuser.

* Der ,Reichsanzeiger' meldet: Das Reichsbank- Direktorium gibt bekannt, daß in nächster Zeit ReichS- baukuoten zu 1000 Mark und zu 100 Mark, datirt vom 10. April 1896, zur Ausgabe gelangen.

* Ein schweres Schiffsunglück hat wiederum die deutsche Kriegsmarine bettoffen. Am Samstag Mittag stießen die Torpedoboote „8 46" und „8 48" bei einer Probefahrt auf der Jade zusammen. „8 48" ist bei Tonne 13 gesunken. Hierbei ertranken: Unter­ingenieur Gibhardt, Obermatrose Freudenberg, Heizer Wamhoff, Heizer Steinberg und Obermeister Buuschardt von der Werst Wilhelmshaven. 8 46 liegt stark be­schädigt im Hoolffeler Tief. Ein Divisioniboot und mehrere Schulboote sind zur Hilfe ausgefahren. Kom- mandirt wurden die Boote „8 46" und „8 48" von den Lieutenants von der Goltz und Siegmund. Da» Unglück geschah bei ruhiger See. Der Kommandant von „8 46" rettete sich durch Schwimmen. Die Boote waren am SamStag Morgen in See gegangen. Da» Boot „8 46" ist auf Strand gelaufen, von „8 48" ist nicht» zu sehen. Die zur Hilfe ausgesandten Schiffe sind, wie weiter gemeldet wird, unverrichteter Sache heimgekehrt. Dem Vernehmen nach find die Leichen von Gibhardt und Borchardt aufgefunden worden. E» heißt, daß in Folge von Kesselexplosion zwei Mann verbrüht sind.

* Scho» wieder wird ein Duell angekündigt. DaS

ganter Jagdwagen daher gesaust, von vier Vollblut- Pferden gezogen; Theobalds Viergespann, um welche- viele ihn beneideten, das alle bewunderten, nur die Mutter nicht, die still vor sich hin seufzte, wenn sie eS fah, oder wmn andere ihr begeistert dessen Schön­heit rühmten. '

„Der unselige Mensch!" dachte Adelheid. „Gerade heute wie ein KrösuS daher zu fahrm, mit den Pferden, die gewiß kaum mehr sein gehören, zm Mutter, die stank liegt vor Sorge um ihn! Ein Glück noch, daß sie von ihrem Zimmer aus ihn weder sehen noch hören kann."

Mit einem Ruck ließ Theobald die herrlichen Thiere, wie angemauert, vor dem Gartenthore halten; et warf dem Kutscher die Zügel zu, und schrstt herein mit seinem leichten eleganten Gang. Das Mädchen lief ihm entgegen und begegnete ihm an der Thüre deS Gartenzimmers.

„Gehe nicht zur Mutter!" warnte sie. „Sie muß ganz still liegen, hat der Doktor empfohlen; ihre Nerven sind überreizt; es ist befser, Du siehst sie heute nicht."

„Nicht? . . ." wiederholte er. „Schade . . . doch nein, es ist auch gut so. Ich hätte ihr nur gern gute Nacht gesagt, bevor ich auf die Jagd fahre."

„Auf die Jagd! Heute? Wie kommt es, daß Du