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Samstag, den 11. April 1898. 23. Jahrgang
illdükrMZkitiiiig
mit UrrLZrhültrmgs-Beiisgr „Sterne und KLmnen".
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L Kornhäuser.
Die sogenannte „Sekundärbahnvorlage," die alle Jahr dem Landtage zuzeht, hat schon im letzten Jahre eine Erweiterung dadurch erfahren, daß auch ein Kredit zur Unterstützung des Kleinbahnwesms gefordert wurde. In diesem Jahre aber fordert die soeben eingebrachte Vorlage, die man nunmehr allgemeiner als „Kreditsorlaqe" wird bezeichnen müssen, neben 66 Vs Millionen Mark für Elfenbahnzwrcke auch 3 Millionen zur Errichtung von G:treidehäusern. Es wird hiermit ein Versprechen eingelöst, da» der gegenwärtige Landwirthschastsmimster Frhr. v. Hammerftein- Lixien in seiner ersten, im Abgeordnetenhause gehaltenen Rede gegeben hat. Der Za>eck der vvrge- schlagenen Kornhäuser läßt sich kurz dahin bestimmen, daß durch sie der Absatz des inländischen Getreides erleichtert und befähigt werden soll, auf die Preisbildung einen stärkeren Einfluß als bisher zu gewinnen und günstigere PreiSverhältnissr abzuwarten; im Allgemeinen ist da» Ziel die Stärkung der Konkurrenz- krast de» inländischen Getreidebaues gegenüber dem ausländischen.
Zur Erreichung dieser Zweckbestimmungen müssen die Kornhäuser so gestaltet sein, daß sie erstens den Anforderungen der Großhandels an Reinigung, Sor- tirung u.s.w. der Getreides entsprechen und zweitens durch ihre Zahl und unmittelbare Verbindung mit den großen TranSpormitteln — Eisenbahnen und Wasserstraßen — den Transport erleichtern und verbilligen; drittens muß dann auch den Landvirthrn die Möglichkeit geboten werden, durch Beleihung (Lom- bardiruug) der von ihnen eingelieferten Getreidemengen sich vor der Rothwendigkeit zu befreien, ihr Getreide rasch auch bei uugünstigen Preisverhältnissen absetzen zu müssen. Hierdurch würde auch die Preisbildung selbst stark beeinflußt werden, denn er würde der Preisdruck, der in Folge deS massenhaften gleichzeitigen Angebots im ungünstigen Moment seitens der Landwirthr entsteht, beseitigt oder doch gemildert. Die Freude über gute Ernten hätte dann für den Land- Wirth nicht mehr den bitteren Beigeschmack des Gedankens an daS starke Fallen der Preise, das jetzt die Kehrseite der guten Erntejahre bildet. Natürlich wirkt auch die Herstellung einer gleichmäßigeren und daher leichter absetzbaren Waare, die Verbilligung de» Transport» und die Einschränkung der Zwischenhandel» durch die Kornhäuser belebend auf die Nachfrage und den Preis, und die Konsumenten können sich über die Preissteigerung, die durch die Kornhäuser herbeigeführt
werden soll, nicht beklagen, da dieselbe nur einen naturgemäßen, der Billigkeit und Gerechtigkeit entsprechenden Zustand schaffen und die Landwirthschast nur von dem unberechtigten Preisdrucke in etwa befreien würde. Es darf indeß nicht verschwiegen werden, daß ein Theil der Landwirthschast fürchtet, gerade die Kornhäuser würden durch die Offenbarung der großen vorhandenen Getreidemengen preisdrückend wirken. Diese Befürchtung hängt aber doch sehr in der Lust, und erst durch einen plastischen Versuch, wie ihn jetzt die Regierung beabsichtigt, kann ermittelt werden, ob jene Befürchtung einigen Grund hat oder nicht.
Andererseits sind auch wir der Meinung, daß die Landwirthe nur nicht gleich ausschweifenden Hoffnungen auf eine starke PrsiSbefferung mittels der Kornhäuser sich hingegeben dürfen. Wie dieselben wirken werden, das hängt von den verschiedensten Fastoren, insbesondere aber von ihrer Einrichtung, ihrer Zahl und Größe, ihrer Verbindung mit Eisenbahnen und Wasserstraßen u. dgl. ab. Mit den drei Millionen, welch« in dec Kreditvorlage gefordert werden, ist nicht viel anzufangen. Auch der zehnfache Bettag würde dem Bedürfniß noch lange nicht genügen, denn es reicht unseres Erachtens keineswegs aus, wenn an einigen wenigen Hauptmarktplätzen für Getreide große Lagerhäuser errichtet werden, sondern e» müssen kleinere Kornhäuser auch an den Mittelpunkten engerer getreidebauender Bezirke angelegt werden. Gerade mit den Sekundär- und Kleinbahnen, die in die ärmeren, abge- legenrren landwirthschaftlichen Gegenden führen, sollte» solche Lagerhäuser verbunden werden.
Wir erkennen freilich an, daß sich die» nicht auf einmal verwirklichen läßt, aber eine höhere Smnme, als 3 Millionen Mk., hätten wir denn doch erwartet, zumal der Herr Finanzministrr Miquel sich stet» al» einen besonder» warmen Freund der Landwirthschast geberdet. So schlecht ist unsere Finanzlage nicht, wenn auch die Reichszuschüsse an die preußische Staatskasse durch da» SchuldentilgungSgesetz um einige Millionen vermindert worden sind. Hat doch Herr Miquel nicht einmal Gebrauch von den Anleihekcediten gemacht, die ihm zur Deckung der von ihm herauSgrrechnetrn, aber allerdings nur scheinbaren Defizits bewilligt worden find. Daß die Kornhäuser Berkauf»genossenschaften Werttagen werden sollen, darin scheint unS zunächst der größte und vielleicht einzig greifbare Nutzen der Kornhäufer zu liegen, weil wir hoffen, daß durch diese staatliche Förderung die genossenschaftliche Organisation deS Getreidebaues, die wir erstreben, wieder ein guter Stück vorwärts kommt. Aber auch deshalb wünschen wir sehr, daß ein etwa» rascheres Tempo eingeschlagen werde; wenn nur alle Jahre ttwa drei Milliönchen ausgewendet werden, dann sehen wir in absehbarer Zeit keine Hoffnung auf Verwirstichung unserer Wünsche im Interesse deS Bauernstandes. Wir
hoffen daher, daß der Landtag sich nicht scheue , ungeachtet der voraussichtlichen Widerstände- deS Finanzministers noch einige Millionen zuzulegen; daß da» Ganze dann an der Ablehnung der Regierung scheitern würde, fürchten wir nicht, denn Herrn Miquels Einfluß innerhalb der Regierung ist, wie sich zu unserer Genug'huung bei der SchuldentilgungSftage im Reich gezeigt hat, längst nicht mehr so groß, w'e früher.
Deutsches Reich.
Berlin, 10. April.
* Der Kaiser wird auch in diesem Frühjahre nach Prökelwitz zur Jagd fahren. AlS Zeitpunkt ist vorläufig Mitte Mai in Aussicht genommen.
* Der Aufenthalt des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe in Paris gibt den Pariser Blättern zu allerhand Betrachtungen Anlaß. Man will nicht gelten lasten, daß er lediglich durch private Angelegenheiten veranlaßt ist. Es werden die verschiedensten Muth- maßungen politische? Art aufgestellt. Nach einer Pariser Korrespondenz der ,Bost. Ztg/ ist an alledem kein wahrer Wort. Fürst Hohenlohe ist in Paris, um, wie eS seit vierzehn Jahren seine ständige Gewohnheit ist, seine Zähne vom Zahnarzt Dr. Byng der jährlichen Prüfung und Instandhaltung unterziehen zu lassen.
* Das Duell v. Schrader - v. Kotze hat heute, wie daS Wolff'sche Telegraphenbureau berichtet, auf dem Raver sberge bei Potsdam stattgefunden. Herr v. Schrader ist in dem Duell durch einen Schuß in den Unterleib schwer verwundet und nach dem städtischen Krankenhause in Polsdam gebracht worden.
* Im Reichstage sind nach einer Zusammenstellung des BureauS bis jetzt noch unerledigt der Gesetzentwurf Wer den Abgaben-Tarif für des Kaiser Wilhelm - Kanal, die Ge etzentwürfe über den unlauteren Wettbewerb, die Erwerbs- und Wirthschasts-Genoffen- schaften, Margarine, Abänderung der Gewerbeordnung, Börsengesetz, Bankdepots-Gesetz, Justiznoselle, Einrichtung von Handwerkskammern, Bürgerliche- Gesetzbuch, Zuckersteuer. Sodann liegen nicht weniger als 18 Berichte der Wahlprüfungs-Kommission unerledigt vor, darunter Beanstandung der Wahl der Abgeordneten Holtz, Rother und Reichmuth, UngiltigkritS-Er- klärungen der Wahl der Abgeordneten Meyer-Halle und Pöhl mann. Ferner sind unerledigt 34 Jnitiativ- Anträge, welche gleichzeittg beim Beginn der Reichstags-Session eingebracht wurden, außerdem acht nachher eingebrachte Jniüativ-Anträge. Ferner 23 Berichte der Petitions - Kommission. Hiernach ist eine Möglichkeit gar nicht mehr vorhanden, auch nur den wesentlichen Theil der Aufgaben dieser Reichstags-Session bir zum Beginn des Hochsommers zu erledigen, und daher wird unter allen Umständen eine Vertagung der Session eintreten müssen.
Gin Uachtdttd.
Unter dem hohen Thorbogen eines stolzen Gebäudes hatte es sich zusammengekauert, da» kleine, kaum siebenjährige Mädchen und blickte ängstlich in das Menschengewühl der Straße. Geflickte Schube, ein kurze- Röckchen und ein schmutzig graues Tuch, das den Oberkörper und den Kops umschlang und am Rücken in einen Knoten zusammengebunden war, bildeten die Bekleidung des Kindes in der stürmischen, kalten Winternacht, die eben ihren dunklen, weichen Schleier über die in Schnee gehüllte Stadt senkte.
Die vor Kälte blauen Händchen drückte das Kind an die Brust, während die kleine Gestalt, vom Frost geschüttelt, an den kalten Quadern der Portals einen Halt suchte. Zu Hunderten zogen die Menschen an der Kleinen vorüber: Geputzte Damen, in weiche Pelze gehüllt, müßige Pflastertreter, die ihren Vergnügungen nachjagten und eine Unzahl geschäftigter Leute, die nach des Tages Last und Mühe mit einem Gefühl der Befriedigung ihr Heim aufsuchten.
Im Herzen des Kinde- hatte da- Gefühl des ReideS oder der Erbitterung noch keinen Raum gefunden. Das frierende Mädchen sah den Menschentroß vorWerziehen und dachte in seinem Köpfchen, daS müsse so sein; es war nun einmal bestimmt, daß eS den Anderen bester gehe als ihr selber, die man hinaus- jogt in die eisige Nacht, um einige Pfennige zu er
betteln. Und heute war daS alte Weib, zu dem man daS Mädchen nach dem Tode der Mutter gebracht hatte, fast unerbittlich gewesen und hatte geschworen, sie lasse die Kleine nicht in die Stube, wenn sie nicht einige Sechser nach Hause bringe. Warum waren auch gerade heute die Leute so unbarmherzig? Jeder hielt die Hände in der Tasche und regte sich nicht, trotz der rührenden Bitte um ein Almosen.
Nun waren der kleinen Bettlerin vor Kälte die Lippen so starr geworden, daß sie keinen Laut mehr hervorbringen konnte. Wie ein halberfrorener Spatz auf verschneitem Ast duckte sie sich und schloß die Augen. Ein dumpfes Summen, wie das Geräusch einer fernen Brandung, schlug an ihr Ohr, dann wurde eS still ringsumher, nur von oben her fiel ein Heller Lichtschein durch die müdgeschlostenen Augenlider deS erstarrten Kinder. „Warum wird rs so Helle um mich?" flüsterten die bleichen Lippen, und daS Kind streckte die mageren Arme gerade vor sich hin, denn da stand eine hohe, majestätische Frauengestalt, deren Haupt ein Heller Schimmer umgab, während in den milden, blauen Augen unendliche Güte lag.
Das Kind starrte die Erscheinung an und leise fragte es: „Wer bist Du, schöne Frau? Dein Haupt leuchtet, wie da- einer Heiligen, doch Dein Gewand ist arm und dürftig. Du wirst mir wohl auch nicht helfen können in meiner Rath."
„Ich bin die Barmherzigkeit," sprach die Frau
und faßte die kleine, kalte Hand der Mädchen-, dem sogleich ein warmer Lebensstrom durch den Körper floß.
„Die Barmherzigkeit," entgegnete daS Kind. „DaS ist wohl nicht möglich. Die Barmherzigkeit ist reich und spendet allen Armen, die muß doch ein schönere- Kleid haben wie Du."
„Ich hatte viele Kleider und reichen Schmuck," entgegnete die Frau, „die trug ich mit Stolz und Freude, denn wo ich Roth und Jammer sah, da gab ich den Bedürftigen von meinem Ueberfluß, auf daß auch fie froh und zufrieden würden."
„Und jetzt hast Du Nicht» mehr zu verschenken?" fragte daS Kind traurig. „Hast Du Alles schon hergegeben, was Du hattest, und blieb für mich Nichts mehr übrig?"
„Nein, noch wäre ich reich genug," tagte traurigen Blickes die Erscheinung, „aber ich habe den Neid der anderen Frauen erregt, weil sie gesehen, daß man mich überall mit Freude und Dankbarkeit begrüßte, und daß in der ärmsten Hütte heller Jubel herrschte, wen« ich erschien."
„Und da haben fie Dir Alle- weggruommen, so daß Du den Armen keine Freuds mehr bereiten kannst," sagte das Kind und streckte dar zitternde Händchen nach der Frauengestalt ouS, die sich niederbeugte und da- frierende Wesen emporhob auf ihre weichen Arme.
„Sie vermochten mir nicht Alles zu nehmen," flüsterte sie dem Kisde in'S Ohr. „Doch fie hatten