Freitag, den 10. April 1896. 23. Jahrgang
uliulerNZkitiliiß
mit UrrterhaLtrmgs-Keilage „Sterne und Kimnen".
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K> Die Nationalliberalen wollen in diesem Jahre wieder einen Parteitag, einen „Delegirtentag", abhalten. Der letzte allgemeine Delegirtentag dieser verkommenen Partei sand bekanntlich m Frankfurt a. M. in jenem berühmten Sommer statt, wo die Mittelparteien zum ersten Male wieder seit dem Fallenlassm d s Sozialistengesetzes alle Register zogen, um eine neue Sozialiftenvorlage oder besser ein Gesetz zur Bekämpfung jedweder unbequemen Parteiagitationen zu veranlassen. Die Nationalliberalen insbesondere waren er, die damals auf ihrem Frankfurter Tage den ersten großen „Umsturzfeldzug" einlriteten, ind-m sie zugleich mit einer lüsternen Spekulation auf die Nachfolge Caprivi's Herrn v. Bennigsen als „Retter des Vaterlandes" ausriefen. Man wollte auf diese Art den verwesenden Körper der natioriaviberalen Partei gleichsam galvanisiren und ihm so künstlich neue Lebenskraft zuführen, und zugleich suchte man auch Hilfe außerhalb, man bemühte sich, ein neuer Kartell mit den Konservativen, ja, wenn möglich, sogar mit dem Centrum herzustcllen und auf den Krücken dieser krästigeren Parteien die eigene Partei verstärkt als führende Partei in einen neuen Reichstag einziehen zu lassen.
Alle diese schönen Pläne sind damals gar bald zu Nichte geworden, zu Nichte hauptsächlich durch die Taktik der CmtrumS. Kein Wunder, daß diese vereitelten Hoffnungen den Haß der nationalliberalen Kulturkämpfer gegen daS Centrum vermehrt haben. An dem Centrum sollte Rache genommen werden. DaS war der Grund, weshalb unter der kulturkämpferischen Führung, der auch der konservative Herr v. Levetzow, wohl ohne sich dessen recht bewußt zu sein, folgte, im März 1895 der Versuch gemacht wurde, dar Centrum unter, das kaudinische Joch einer hochpolitischen Huldigung vor dem Vater des Kulturkampfes, vor Bismarck zu zwingen. Der Versuch mißlang, und nun, in der ersten Erbitterung über diese neue Enttäuschung, zogen sich die „nationalen" Herren unter einem großen Aufwande „patriotischer" Entrüstung auS dem Präsidium der Reichstags zurück. Sie hofften wohl, die Regierung werde, gleichfalls zornentbrannt, mit „biet em Reichstage" unter einem „CentrurnSpräsidenten" nicht arbeiten wollen und daher den Reichstag auflösen, um dann unter amtlichem Hochdruck womöglich einen „nationaleren" Reichstag, unter Führung der nationalliberalen Partei, wählen zu lassen. Allein der Zorn ist ein schlechter Beisitzer, und der vorsichtig ab- wägend» Fürst Hohenlohe ist nicht der Staatsmann, der sich so schlecht berathen ließe; er sah sehr wohl ein, daß aus Neuwahlen ein Reichstag her vorgehen würde, mit dem er viel schlechter würde auskommen können, als mit dem jetzigen.
ES ging also Alles seinen ruhigen Gang, als wenn der große EntrüstungSrummel vom 23. März 1895 nicht gewesen wäre. Jetzt kam der Katzenjammer für die Nationalliberalen, und ihre Press; sprach eS offen
Um Gold und Ehre.
Bon L. von Neidegg.
25] ------- (Nachdruck verboten.)
Theobald zuckte die Achseln und ging langsam nach dem Saale zurück. Er war recht leer geworden unter der Zeit. Zu Fuß und zu Wagen hatte, wer konnte, sich entfernt. In kleinen Gruppen vereint standen diejenigen, welche durch irgend einen Umstand genöthigt worden waren, noch länger zu bleiben, und besprachen, die Einen schadenfroh, die Anderen mitleidig, das stattgehabte Ereigniß. Schadenfreude blieb in diesem Falle der vorherrschende Grundton; empfinden doch die Menschen eine Art prickelnden Genusses, ein Drama wie jenes, welches sich soeben hier abgespielt, nach allen Richtungen zu besprechen. Hierzu kam noch, daß, so beliebt Frau v. Kattenstätt auch war, Theobald keine wirklichen Freunde zählte. Was nun den armen Millionär betraf, der fremb in Norrenburg erschienen war, so hatte er von siher viel Neider gehabt, wie redlich er sich auch bemühte, bie Storren» bürget für sich zu gewinnen. Warum hatte aber auch sein Reichthum so sehr abgestochen gegen bereu durch- schnittlich geringe Wohlhabenheit? Warum hatte er sich spielend alles zu gönnen vermocht, wonach sie um» sonst sehnsüchtig verlangten? Wie gewonnen, so zrr-
aus, baß ber große Entrüstungsrummel eine große Dummheit gewesen war. Der Haß gegen daS Centrum, bem man bie Führung ins Reichstages selber in bie Hanb gespielt hatte, würbe natürlich burch die Er- kenntniß der eigenen Thorheit nicht gemindert, sondern, nach einer bekannten psychologischen Erfahrung, nur noch verstärkt.
Es hat uns deshalb nicht gewundert, daß die naticnalliberale Presse es mit ihrem Nationalgefühl vereinigen zu können glaubte, das Jubelfest des deutschen Reichstags zum Anlaß zu nehmen, diesen vor dem deutschen Volke und vor dem Auslände nach Krästen zu verungümpfin. Wenn dadurch im Auslände die weitverbreitete Auffassung, daß der Deutsche es liebt, seine eigenen nationalen Errungenschaften, unter denen der deutsche Reichstag doch obenan steht, herabzusetzen, so wird die Verantwortung sür diese Minderung des deutschen Ansehens gerade auf jene Presse fallen, die sich vorzugsweise die „nationale" zu nennen beliebt.
Auf diese Weise werden die Nationalftbrralen ganz gewiß nicht ihren Boden im deutschen Volke verbreitern. Es wäre zu wünschen, daß die Herren auf ihrem nächsten Delegirtentage einmal eine GewissenS- erforschung halten und sich fragen würden, auf welche Weise und aus welchen Gründen sie immer mehr an Boden im Volke verlieren. An äußeren Anlässen zu einer solchen Gewissenserforschung fehlt eS ihnen, auch abgesehen von ihren fortwährenden parlamentarischen Mißerfolgen, gewiß nicht. Sie brauchen sich nur einmal die Zusammensetzung ihrer Partei anzusehen, um geradezu niederschlagende Wahrnehmungen machen zu können. Da sitzen verbissene Manchesterleute und fortgeschrittene Sozialreformer, Freihändler und Schutzzöllner, Börsenfreunde und grimmige Börsenfeinde, Anhänger des „Bundes der Landwirthe" und Mitglieder der antiagrarischen Bundes, der neuen „Schutztruppe der Kommerzienräthe", Philosemiten und Antisemiten — alles in einer Fraktion zusammen. Diese Leute hält nur das eine, negative Element zusammen: bie gemeinsame Kulturkämpferei, aber jebes positive Band fehlt. Die nächsten Wahlen müssen auf eine so zusammenhaltslose Partei gerabezu verheerend wirken: die Nationalliberalen müssen entweder sich ganz und gar, mit Haut und Haar, dem „Bunde der Landwirthe" verschreiben, oder sie werden verschwinden. WvS kann der bevorstehende Parteitag daran ändern?!
Deutsches Reich.
Berlin, 9 April.
* Das Kaiserpaar wird neuerer Bestimmung zufolge bereits heute Mittag an Bord der kaiserlichen Dacht „Hohenzollern" die Reise nach Venedig fort» setzen, voraussichtlich morgen vor dem Bocche di Cattaro und wie ursprünglich geplant, am Sonnabend Nachmittag vor Venedig eintreffen, wo die Majestäten bis Montag, 13. d. M , Abends 7 Uhr, zu verweilen
gedenken. Die Ankunft in Wien erfolgt am Dienstag 14. April, Vormittags 10 Uhr. An demselben Tage Abends kehren die Kaiserin und die beiden ältesten königlichen Prinzen nach Berlin zurück, während der Kaiser am Mittwoch, 15. d. M., Abends 8 Uhr, von Wien über München nach Karlsruhe und nach kurzem Aufenthalt dort nach Kaltenbronn zur Auerhahnbalz weiterreift. Am 20. d. M. wird der Kaiser in Koburg eintreffen und am folgenden Tage von dort nach Wasungen reisen, um von hier aus bie erste AuerhahnSjagd zu halten, wird seinen Hofzug in Wernhausen auf kurze Zeit vrrlassen, um die Feldeisenbahn nach Brotterode zu besichtigen und Brotterode selbst zu besuchen. Vom Jagdrevier auS erfolgt am 22. d. M. früh die Fahrt nach der Wartburg.
* Die ,Nordd. Allg. Zeitung' schreibt: „Se. Durchlaucht der Reichskanzler, Fürst zu Hoheulohe-Schil- lingsfürst, hat seine Gemahlin nach Par i8.begleitet und hält sich feit einigen Tagen incognito' aus. Die ganz private Natur der Aufenthaltes Seiner Durchlaucht in Paris schließt offizielle Besuche und Empfänge aus. Der Fürst beabsichtigt, sich in einigen Tagen von Paris nach Wien zu begeben."
* Im Abgeordnet enhause ist daS vom Bureaudirektor Kleinschmidt zusammengestellte Berzeichuiß der uuerledigteu Vorlage« vertheilt worden. Es läßt erlernten, eine wie große Arbeitslast noch der Erledigung harrt. Bon Regierungsvorlagen sind nicht weniger als elf unerledigt, darunter daS Lehrer» besoldungSzefetz, dessen zwette und dritte Berathung noch anSsteht, der Gesetzentwurf betr. das Anerbenrecht bei Renten- und Ansiedelungsgütern, daS gleichfalls erst die erste Lesung im Plenum passirt hat, und die Vorlage, betreffend die Regelung der Richtrrgehälter und die Ernennung der Gerichtsassessoren, die nach der ersten Lesung an eine besondere Kommission verwiesen wurde und über die Berathung innerhalb dieser noch nicht hinauSgekommen ist. Der Handelskammergesetzentwurf, die Vorlage betteffend die Aufhebung der im Geltungsbereiche des rheinischen Rechts bestehenden Vorschriften über die Ankündigung von Geheimmitteln, und endlich der gestern erst eingebrachte Entwurf über die Erweiterung deS StaatSeifendahnnetzeS und die Errichtung von KornstloS müssen im Plenum noch alle drei Lesungen passiren. Dazu kommt noch eine ganze Reihe von Anträgen, deren Berathung in zweiter und dritter Lesung noch auSsteht oder die überhaupt noch nicht auf der Tagesordnung g «standen haben. So haben die Anträge der Abgg. Roeren und Gen. auf Abänderung des Besitzer über gemeinschastliche Holzungen und deS Abg. Knebel, der denselben Gegenstand betrifft, der Antrag deS Abg. Hobrecht auf Herabminderung der aus gutsherrlich bäuerlichen Re- guliiungen herrührenden Amortisationsabgaben und der Antrag des Abg. Wallbrecht, betr. die Sicherstellung der Forderungen von Bauhandwerkern, erst die erste Lesung passirt, während die Anttäge der Abgeordneten Dr. Kruse und Dr. MartenS auf Vorlegung einer
rönnen. ES geschah ihm Recht, dem Emporkömmling, | der sie alle gleichsam am Narrenseil herumgeführt. < Und dem eitel«, aufgeblasenen Kattenstätt geschah eS ’ auch Recht; dies war so ziemlich daS allgemeine Ur- ' ttzeil der Gesellschaft, welcher Theobald auf allen i Mienen ablesen konnte, als er seine Botschaft aus- ' richtete.
„Also die Hochzeit ist verschoben!" sagte mit ziem- ■ lich ernster Miene sein Oberst, dem er Mittheilung ; macht von Bessie'S Entschluß. „Ich kann Ihnen nur ; ratherr, sie möglichst bald stattfindm zu lassen."
Theobald verbeugte sich schweigend. Mußte denn i aller ihn zu der verhaßten Heirath drängen? Konnte | man eS ihm denn nicht überlassen, frei zu entscheiden > in eigener Angelegenheit? Er athmete auf, als eS ; immer leerer um ihn wurde, als er keine lästigen f Fragen mehr beantworten, keine ungebetenen Rath- ; schlüge mehr anhören mußte.
So tief eingewurzelt in jeder Menschenseele ist; aber das Bedürfniß nach Mitgefühl, daß selbst in diesem « kalten Egoisten das Verlangen danach sich regte, daß } er den Mangel desselben bitter empfand. Unsagbar wohlthuend berührte eS ihn daher, als, nachdem die anderen Gäste sich entfernt, Adelheid, sichtlich bewegt und bekümmert, auf ihn zutrat. Sie hatte vis dahin eS absichtlich vermieden, sich ihm zu nähern, nun kam
sie aber, und ihre bebenden Lippen, ihre thränen» feuchten Augen bewiesen ihm, daß sie treuen Antheil nahm an seinem Leid. W
„Armer Theobald," sagte sie, und vermochte nut mühsam ihr Schluchzen zu unterdrücken. „Wie schrecklich ist daS Aller! Wie grausam haben Dir die Elenden mitgespielt!"
Er machte keinen Versuch, seine Braut von der gegen sie erhobenen Beschuldigung rein zu waschen; daS tiefe Mitleid mit sich selber verdrängte jedes andere Gefühl.
„Ja," stimmte er ihr bei, „meine Existenz ist vernichtet! Die Braut habe ich — und den Bettelsack dazu."
„Nein, nein!" tröstete sie ihr. „Dahin wird eS nicht kommen, Rußwurm hat sich nur rächen wollen, gewiß steht eS mit dem Vermögen bester, als er gesagt, aber. . . ."
Er klammerte sich an den Strohhalm, welchen sie ihm bot.
„Meinst Du? meinst Du wirklich?" fragte er. „Nun, wir wollen sehen. Augenblicklich bin ich nicht im Stande, alles zu erörtern, selbst mit Dir nicht, Adelheid, die Du doch so treu zu mir hältst. Fahre heim, fahre zur Mutter. Unterrichte sie von allem, war hier vorfiel." In kurzen Worten theilte er die