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Donnerstag, den 9. April 1896.
23. Jahrgang
FuldaerWZeituiift
mit Unterhaltungs-Keila-e „Sterur mü» Klmneu".
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__X Die Lage^imZOrient.
Aus Paris kommt die Nachricht, daß General Kitchener, der Befehlshaber derenglisch-ägyptischen Truppen, den Befehl erhalten habe, sich auf die Besetzung von Akafche zu beschränken, also den Weitermarsch gegen Dongola aufzugeben. Auch soll der Ankauf von Lastthieren plötzlich unterbrochen worden sein, und die indischen Truppen, die in Suakim erwartet werden, werden angeblich diese Stadt nicht verlassen. Diese Meldung würde, wenn sie sich bewahrheiten sollte, beweisen, daß die Engländer ihren Feldzug gegen den mahdistischen Sudan zwar nicht aufgegeben, aber doch aufgeschoben hätten. Indessen ist zu beachten, daß die Meldung aus französischer Quelle stammt und daher sehr leicht mehr den französischen Wünschen, als der Wahrheit entsprechen kann, zumal auf französischer Seite nach dem letzten Mißerfolge in der ägyptischen Angelegenheit sicherlich der lebhafte Wunsch besteht, den Eindruck dieser Niederlage nach außen wie auch besonders nach innen bin durch solche Nachrichten abzuschwächen, die den Anschein erwecken können, als sei das „schneidige" Austreten der ftanzösischen Regierung gegen die Engländer auf letztere doch nicht ohne tiefen Eindruck geblieben.
Es ist auch gar kein Grund zu erkennen, weshalb die Engländer sich gerade jetzt viel au? den fran- zöfifchen Drohungen machen sollten. Denn Rußland zeigt doch durchaus keine Neigung, sich in die ägyp- tischen Angelegenheiten im jetzigen Augenblicke zu tief einzulassen, da seine Politik zur Zeit im äußersten Orient, speziell in Korea, und auch auf der Balkan- Halbinsel viel ernster beschäftigt ist. Verschiedene Anzeichen deuten darauf Hw, daß Rußland, obwohl da» Hauptziel seiner Politik gegenwärtig auf Verstärkung ferner Stellung am Stillen Ozean gerichtet ist, doch auch auf der Balkanhalbinsel wieder eine etwas aktivere Politik treibt, als Kaiser Alexander III. sie in seinen letzten Lebensjahren befolgte. Die Aussöhnung mit Bulgarien war der erste Schritt auf diesem neuen Wege der russischen Orientpolitik, der zweite Schritt wird folg-richtig der sein, Bulgarien wieder ebenso wie in der ersten Zeit nach seiner „Be- freiung" von der türkischen Herrschaft zu einem willenlosen Werkzeug und die bulgarische Armee zu einem Borposten der russischen zu machen.
Sehr zu Statten kommt den Rusien hierbei ihre gegenwärtige „dicke Freundschaft' mit dem Sultan. Früher konnte e» einem Stambulow gelingen, dar russische Joch, daS Bulgarien für das türkische eingetauscht hatte, abzuschütteln, weil der Sultan ihn stützte in der Erkenntniß, daß ein von Rußland unabhängiges Bulgarien für die Türkei der beste Grenzwall gegen die russischen EroberungSgelüste ist. Jetzt ccker hat sich der Sultan von Rußland bethören lassen und glaubt weise zu handeln, indem er die russischen Bestrebungen in Bulgarien unterstützt, um die Selbst-
ständigkeitsgelüste der Bulgaren zu ertödten und zugleich an Rußland einen Helfer gegen England zu gewinnen. Diese Politik wird sich für den Sultan noch einmal sehr bitter rächen. Wenn erst Rußland Bulgarien wieder vollständig beherrscht, dann besitzt es damit eine Machi, die ihm erlaubt, dem Sultan jederzeit die Pistole auf die Brust zu setzen, sei es um ihn dadurch einzuschüchtern und zum Sklaven Rußlands zu machen, sei es auch, um ber günstiger Gelegenheit — loszudrücken.
Was nun Bulgarien angeht, so spürt eS schon j jetzt die Folgen des verhängnißvollen Fehlers, den l Ferdinand der Abtrünnige mit seiner knechtischen Hin- ? gäbe an Rußland begangen hat. Wir haben uns : darüber erst kürzlich ausgesprochen, indem wir aus ] jüdische und protestantische Zeugnisse für unsere Ansicht - uns berufen konnten. Heute sei nur auf zwei neuere ? Thatsachen hingewiesen: die Forderung Rußlands, daß \ die bulgarischen Oifiziere, welche s. Z. wegen Em- J pörung gegen ihren Fürsten verfolgt, nach Rußland ; flüchteten, begnadigt und wieder in die bulgarische: Armee eingestellt werben sollen, und die von Rußland ; und dem schismatischen Patriarchen in Konstantinopel | erhobene Forderung der Aufhebung deS „bulgarischen s Schismas", d. h der Lostrennung der bulgarischen / von der griechisch-orthodoxen Kirche. Gegen die letztere i Forderung wehrt sich der bulgarische Exarch, dar Ober- Haupt der bulgarisch-schismatfichen Kirche, mit Händen und Füßen, aber schließlich wird Ferdinand ihn wohl < der russischen „Freundschaft" opfern müsien.
Auch die erste Forderung wird Ferdinand, wenn - er sich auch jetzt noch gegen diesen Streich gegen seine l Autorität als oberster Kriegsherr deS bulgarischen Heeres und gegen die Disziplin und den guten Geist ? seiner Armee sträubt, schließlich erfüllen müssen. Er will ja auch schon zugestehen, daß jene aufsässigen/ Offiziere mit voller Pension den Abschied aus - der Armee erhalten und nach Bulgarien zurückkehren; I da kann er sie gleich wieder anstellen, wenn er nicht i etwa eine kleine Zeit verstreichen lassen will, um den / Schein zu erwecken, als habe er sie erst auf die Probe : stellen wollen. In jedem Falle wird sich auch hieraus | wieder eine Minderung seiner Bedeutung und eine - Verstärkung der russischen Stellung in Bulgarien s ergeben. Das ist der Fluch der bösen That!
Deutsches Reich.
Berlin, 8. April.
* Eine Uebersicht deS z. Z. unter der Flagge be- findlichen Materials unserer Kriegsschiffe ergibt, daß von den 91 Schiffen unserer Flotte sich 44 im Dienst befinden und zwar sind dies: 10 Panzerschiffe, 11 Kreuzer, 9 Schiffe zu Schul- und Versuchszwecken, 5 Avisos, 3 Kanonenboote, 1 Vermessungsschiff und 5 Schiffe zu anderen Zwecken. Bon diesen 44 Schiffen befinden sich 16 im Auslande, nämlich 1 Panzerschiff,
10 Kreuzer, 3 Kanonenboote, 1 Vermessungsschiff und die kaiserliche Jacht.
* AuS Anlaß der Einweihung des Kaiser Wilhelm I.-Denkmals auf dem Kyfshäufer hat der Kaiser den Minister der öffentlichen Arbeften ermächtigt, den Mitgliedern der Krieger- und Militärvereine, die den deutschen Kriegerverbänden angehören und der für den 18. Juni in Aussicht genommenen Einweihung des Denkmals beizuwohnen wünschen, die Benutzung der 3. Wagenklasse zum Militärfahrpreise gegen Nachweis der Mitgliedschaft zu gestatten. Die Vergünstigung wird für die Zeit vom 15. bis 20. Juni dS. Js. bei Reisen zum Kyffhäuserfest nach den Stationen Berga-Kelbra, Roßla und Frankenhausen auf dem Bahnweg, für den die Fahrkarten im gewöhnlichen Verkehr gelten, zur Benutzung der Personenzüge gewährt; die Benutzung von Schnellzügen ist dagegen auch gegen Lösung von Zuschlagkarten ausgeschlossen. Auf den Stteckrn, auf denen anläßlich der Einweihungsfeier Sonderzüge gefahren werden, hängt die Benutzung der Personenzüge der gewöhnlichen Verkehrs von der näheren Bestimmung der betreffenden Eisenbahn-Direktionen ab. Die Fahrt kann auf dem Hin- und Rückwege je einmal unterbrochen werden. Freigepäck, mit Ausnahme des Handgepäcks und der von den Kriegervereinen mitzuführenden Fahnen und Standarten, die frachtfrei im Packwagen zu befördern sind, wird nicht gewährt. Ebenso wird den weiblichen und männlichen Mitgliedern der freiwilligen Krankenpflege von 1870/71, die nachweislich an der Lazarethpflege (auch im Jnlande) während des deutsch-französischen Krieges thättgen An- theil genommen haben, zum Zweck der Theilnahme an der in Berlin am 8. Mai dS. IS. stattsindenden Er- innerungSfeier für die deutsche freiwillige ßronleitpflejje die Benutzung der dritten Wagenklasse aller Züge, die diese führen, gegen Lösung einer Militärfahrkarte, sowie die Benutzung der zweiten Wagenklasse aller Züge gegen Lösung von zwei Militärkarten gestattet. Diese Personen haben ihre thätige Antheilnahme an der Lazarethpflege durch Vorzeigung der ihnen seiner Zett von den Chefärzten, Lazarethen oder anderen Militärbehörden über ihre Thätigkeit ausgestellten Bescheinigungen nachzuweisen. Die Vergünstigung der ermäßigten Fahrt erstreckt sich auf die Zeit vom 5. bis 11. Mai, und zwar auf dem Bahnwege, für den die Fahrkarten im regelmäßigen Verkehre gelten. Fahrtunter- brechung auf der Hin- und Rückreise ist unzulässig.
* Die Reichskommisfiou für Arbeiterstattsttk wird am 14. April im Reichsamt der Innern zu einer Sitzung zusammentreten, um die Erhebungen über die Verhältnisse der in der Konfektionsbranche beschäftigten Arbeiter zu beginnen. Zu dieser Sitzung sind Unternehmer und Arbeiter der Kleiderfektion geladen. Nachdem die Verhöre der in der Kleiderkonfektion Thättgen beendet sind, wird eine Pause eintreten und dann Ende April oder Anfang Mai mit der Erhebung
Um Gold und Ehre.
Bon L. von Neidegg.
24] ------- (Nachdruck verboten.)
Ein Kreis Neugieriger bildete sich um Weffelhöst, der dann fortfuhr:
„Franz Braunsberg ist das jüngste Kind eines Gärtners des alten Freiherrn von Kattenstätt, der, als Pathe jenes anstelligen Jungen, ein besondere» Wohlwollen für denselben empfand. Leider gerieth er, zwölf Jahre alt, in schlechte Gesellschaft. Karl Neu- dörffer, den Sie vorhin gesehen, wurde sein böser Geniu», und wußte den um einige Jahre jüngeren Kameraden erst zu thörichten, dann zu schlimmen Streichen zu verleiten. Diese gipfelten schließlich darin, daß Reudörffer ein Attentat auf den Schreibtisch des alten Freiherrn ausüben wollte — angeblich, um sich in äußerster Noth zu retten; Franz sollte Wache stehen, ihn vor Entdeckung zu bewahren. Mein Vater kam hinter den Plan, und obwohl eS sich herausstellte, daß Franz der Verführte war und für seine Person durchaus keinen Vortheil aus dem Raube ziehen wollte, so bestand doch mein Vater mit der ganzen Strenge seines Pflichtgefühle» darauf, daß unnachsichtlich auch gegen ihn verfahren würde. Der alle Baron sträubte sich dagegen; schließlich erklärte er seinem Verwalter, er habe den Jungen in ein KorrektiorshauS gesteckt; in
Wahrheit, was ich jedoch erst viel später durch Frei- ftau von Kattenstätt in Neurode erfuhr, hatte er ihm großmüthig verziehen, hatte ihn sogar mit Geldmitteln auSgestattet und ihn nach Amerika verschwinden lassen, wo des Jungen älteste Schwester ..."
„Ein Dienstmädchen war," unterbrach Rußwurm.
„Ganz richtig, sie war Dienstmädchen gewesen. Durch ihre Schönheit hatte sie aber die Aufmerksamkeit eine» angesehenen Mannes auf sich gezogen, der ihr einige Erziehung geben ließ und sie dann hettathete. Dank ihrer Klugheit, ihrem angeborenen Takte wußte sie ihre Stellung sehr gut aurzufüllen. Unter ihrem Schutze arbeitete sich Braun»berg empor und nach langen Jahren mühsames Ringens, nach manchen verfehlten Berfuchen wurde er, vom Glücke begünstigt, ein reicher Mann. — Halten Sie den Kopf oben, Herr BraunSberg," fuhr er freundlich fort, zum alten Manne gewendet; „mit Gottes Hilfe werden Sie auch den jetzigen Sturm Überstehen."
Aber BraunSberg erhob den Kopf nicht, den er ttef auf die Brust hatte sinken lassen; stumpf und theilnahmSlo» saß er da. Al» Besfie sich liebkosend bemühte, sei» Gesicht zu dem ihren emporzuheben, stierte er sie wie geistesabwesend an und murmelte einige unverständliche Worte.
„Der Mann hat eine allzu heftige Erschütterung erlitten," flüsterte Doktor Schröder, der als Hausarzt
eingeladen, beim Feste anwesend war und der, als er Wksselhöft hatte kommen sehen, sich sogleich in die Nähe des Freundes gedrängt hatte. „Miß Lightfoot, es wäre gut, wenn Sie Ihren Onkel überreden wollten, sich zurückzuziehen."
„Komm, Onkel Frank," bat sie schmeichelnd. „Wir wollen mit einander fortgehen."
Er umklammerte die Hand, welche so liebend die seine gefaßt hielt. „Ja — fort! Mit einander weit fort," murmelte er. Als er jedoch aufzustehen ver- suchte, mangelte ihm die Kraft, müde sank er auf den Sessel zurück. Der Arzt und Weffelhöst wechselten besorgte Blicke.
„Man muß ihn unterstützen," mahnte der Arzt. Kattenstätt trat vor; er fühlte, wie Aller Augen auf ihn gerichtet waren und er dmste nicht» merken lassen, wenn er auch vor innerlichem Zorn verging. Von ihm und dem Arzte gestützt, schwanke der zum hinfälligen Greise gewordene Braunsberg der Thür zu.
Bessie war langsam, gesentten Hauptes dem Onkel gefolgt An der Thür, einer plötzlichen Eingebung ge- horchend, kehrte sie um und eilte auf Weffelhöst zu.
„Gott lohne Ihnen, daß Sie sich des Onkels angenommen haben," sagte sie mit bebenden Lippen.
Er verbeugte sich ceremoniöS.
„Es war nur Christenpflicht, gnädiges Fräulein. Sollte ich dem kranken Manne in geschäftlicher Hinsicht