M 80 Mittwoch, den 8. April 1896. 23. Jahrqang
FuldacrWZeilung
mit AnterhaltnngsKeilage „Sterne n«d Klnmen".
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]-[ Cuba und die nordamerikanische Union.
Die Herren Amerikaner scheinen bisweilen einen ganz eigenthümlichen Begriff von der Freiheit zu haben, die sie als Republikaner für sich in besonders hohem Maße beanspruchen. Die Freiheit, die sie meinen, sieht dem, was wir auf gut deutsch Frechheit nennen, mitunter zum Verwechseln ähnlich; denn sie nehmen für sich die Freiheit in Anspruch aller zu thun, wa» ihnen beliebt, ohne Rücksicht auf Recht und Gerechtigkeit. Er beliebt ihnen, die Empörer auf Cuba g-gen Spanien burch Parlamentsbeschlüsse, heimliche Waffen- und Munitionslieferung, Zufuhr von Lebensmitteln und Verstärkungen durch Freibeuter zu unterstützen, weil sie darauf rechnen, daß eine unabhängige Republik Cuba sich den Bereinigten Staaten von Nordamerika eingli-dern werde. Daß sie kein Recht zu irgend welcher Einmischung in diese innere Angelegenheit Spaniens, und daß sie nicht den geringsten Rechtsanspruch auf Cuba haben, ist ihnen völlig gleichgiltig, denn für die Freiheit, die sie meinen, bestehen die Schranken des Völkerrechts ebenso wenig, wie die Schranken des Naturrechts.
Einzelne glauben allerdings, dem Rechte eine kleine Konzession ma^en zu sollen, indem sie zunächst nur den Ankauf Cubas durch die Vereinigten Staaten fordern — sehr bezeichnend für ein Land, in dem der Dollar allmächtig ist —, aber auch sie denken dabei mit Bezug auf Spanien: „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!" Daß die Spanier einen solchen Vorschlag, um Geld ihr guter Reckt zu verschachern, als eine Beleidigung empfinden müssen, kommt jenen Leuten vielleicht nicht einmal in den Sinn. Wenn dann die Erregung über die amerikanische Dreistigkeit in Spanien die Bevölkerung zu Ausschreitungen gegen amerikanische Konsulate und dergl. verleitet, spielen natürlich die Herren Amerikaner noch die Beleidigten und fordern von der spanischen Regierung Genug- thuung. Die spanische Regierung ist solchen Forderungen auch immer sehr legal gerecht geworden. Dank dieser Mäßiguna der spanischen Regierung und dank auch der vorläufig noch anhaltenden Besonnenheit des amerikanischen Präsidenten Cleveland ist eine ernstere Verwickelung zwischen Spanien und der Union bisher verhütet worden, aber er besteht gar keine Gewähr dafür, daß die „Freiheiten," die sich dar amerikanische Parlament herauSnimmt, nicht schließlich doch zum Kriege führen.
Freilich sind solche Bestrebungen in Amerika nichts Neuer, und man könnte daher saaen: Haben diese Bestrebungen bisher keine handgreiflichen Ergebnisse ge- habt, so werden sie vermuthlich auch jetzt im Sande verlaufen. Man kann z. B. darauf verweisen, daß die Amerikaner schon im Jahre 1848 den Spaniern eine ganze Million Dollars für die Insel boten und, als Spanien diesen Handel ablebnte, unter großer
Um Gold und Ehre.
Bon L. von Neidegg.
23] ------- (Nachdruck verboten.)
Ein Schatten war für Besste auf das Fest gefallen durch die Abwesenheit von Theobalds Mutter, die leidend zu Bette lag, und sich schonen wollte, um wenigstens der Trauung beiwohnen zu können. Theo- baldr Verwandte waren zwar ziemlich zahlreich erschienen; — wie fern standen sie ihr aber — wie unbekannt waren sie ihr! Fern standen ihr auch alle anderen Gäste; der Pomp ringsum vermochte sie nicht zu entschädigen für das Wegbleiben der einzigen, an der sie mit voller Seele hing. Und als sie so die glänzende G'sellschast betrachtete, welche sich versammelt hatte, um sie zu ehren, da fiel er ihr schwer aus'S Herz, wie einsam sie doch unter ihnen Allen sei. . . .
Doch waS war das? Mit einem Male war ein Lärm entstanden; zwei Männer drängten sich herein, gefolgt von gestrkulirenden, eifrig drein redenden Be- dienten, die chnen den Eingang wehren wollten. Der eine war Rußwurm, der andere ein langer, hagerer, sehr aller Mann, mit verwahrlostem Haar und Bart, in höchst vernachlässigter Kleidung.
Mr. Browning sah auf, als er den Lärm hörte, und verfärbte sich. Mit entschloffener Miene trat er indessen Rußwurm entgegen und sagte barsch: „Sie
Entrüstung den Spaniern sogar dak Reckt, den Verkauf zu verweigern, absprachen und 1854 erklärten: Wenn Spanien Cuba nicht verkaufen wolle, so hätten die Bereinigten Staaten das Recht, die Insel einfack zu annelliren. Man kann ferner daran erinnern, daß 1858 im Senate beantragt wurde, Spanien die Summe von 30 Mill. Dollar für Cuba zu bieten, und haS während des großen cubanischen Aufstandes von 1868 bis 1878 die Amerikaner ebenso seindselig gegen die Spanier sich geberdeten wie jetzt, ohne daß irgend einer dieser Schritte zum Verkaufe oder.zur Annexion der Insel die geringsten thatsächlichsten Folgen hatte.
Allein diese Erinnerungen sind nicht sehr beweiskräftig, schon deshalb nicht, weil die Männer, die heute die treibende Rolle in der amerikanischen Politik spielen, nicht nothwendig gerade so wenig beharrlich in ihrem Vorgehen gegen Spanien zu sein brauchen, wie die Jingos (Hetzer) von 1848, 1854 u. s. w. Dann aber ist namentlich zu beachten, daß bei dem zehnjährigen cubanischen Aufstande 1868/78 die Spanier Sieger blieben; dieser Umstand war es, der den Amerikanern den Beschluß, etwas geduldiger zu sein, mindestens sehr erleichterte. Wenn jetzt die Spanier unter General Wryler allmählich immer mehr den Aufständischen überlegen werden, so werden auch jetzt die amerikanischen Kriegshetzer vermuthlich wieder etwas gelindere Saiten aufziehen. Wenn aber die Spanier ernste Niederlagen erleiden sollen, so wäre kaum darauf zu rechnen, daß Präsident Cleveland den Kriegshetzern dann noch länger widerstehen würde. Die spanische Regierung hat daher Recht, wenn sie, statt sich durch die Frechheit des amerikaniscken Parlaments zum Kriege gegen Amerika reizen zu lassen, lieber alle Kraft daran setzt, des AufftandeS ans Cuba selbst Herr zu werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. April.
* Dem deutschen Kaiserpaar soll bei seinem Ein- tteffen in Wien am 14. d. Mts. ein besonders feierlicher Empfang am Südbahnhose bereitet werden. Zum Empfange der Kaiserin wird die Erzherzogin Maria Josepha in Vertretung der Kaiserin Elisabeth am Bahnhofe anwesend sein. Beim Einzug vom Bahnhofe in die Hofburg wird die Kaiserin mit den kaiserliche» Prinzen und der Erzherzogin Maria Josepha im vierspännigen Salawagen ä la Daumont fahren, in einem zweiten ebensolchen Wagen werden der Kaiser mit dem Kaiser von Oesterreich folgen; sodann kommen die Erzherzoge und die beiderseittgen Gefolge; NachmtttagS findet in her Hofburg ein Saladmer, Abends in der Hofoper Teähtre pare statt. Nach dem Diner reist die Kaiserin mit den kaiserlichen Prinzen nach Berlin ab. Am 15. fi"det in Wien die Frühjahrsparade statt, welche Kaiser Franz Joseph persönlich kommandirm wird. Der deutsche Kaiser wird sein Husarenregiment,
hier, uneingeladen, und noch dazu mit solchem Begleiter ?"
Rußwurm lächelte höhnisch.
„Mein Begleiter ist einer Ihrer ältesten Bekannten, Mr. Browning, deshalb habe ich mir die Frecheit genommen, ibn herzubringen. Er ging mit Ihnen in die Schule; seither sind Sie emporgestiegen, — ihm hingegen ist inzwischen das Unglück begegnet, ein wenig im Zuchthaus zu sitzen. Das ist nun vorbei, und . . ."
Kattenstätt war vorgetreten, sein Gesicht war pur- purroth, sein Blick drohend.
„Herr Rußwurm, war sollen diese unverschämten Scherze? Schicken Sie den Mann augenblicklich fort, — oder bester noch, gehen Sie mit ihm hinaus."
„Sehr verbunden, Herr Baron. Ich werde mich bald mit ihm entfernen; vorerst muß ich aber noch ein wenig mit Mr. Browning, früher BraunSberg, mich unterhalten. Zu lange habe ich mich schon daraus gefreut, ihm heute diese üeberraschung zu bereiten "
„Theobald!" tagte Beifie flehend, und legte ihre Aanb auf dessen Arm. „Theobald, befreie doch den Onkel von der Gegenwart diese- Marmes, welche so peinlich auf ihn wirkt."
Aber Kattenstätt hatte nur zu wohl daS Entsetzen beobachtet, welches sich auf Brownings Zügen malte,
Erzherzog Otto sei» Ulanenregiment vorführen. Der Parade folgt ein großes militärische- Siner in der Hofburg, Abend- reift der deutsche Kaiser wieder nach Berlin ab.
* lieber den weiteren Verlauf der Kaiserreise wird an- Italien gemeldet: In der Nacht von Sonntag auf Montag fuhr die „Hohenzolleru" au der Westseite SicilieuS entlang und traf am Montag früh vor Girgenti ein. Um 10 Uhr begaben sich die Majestäten bei prachtvoll-m Wetter an Land zum Besuch der alten dorischen Tempel. In Porw Empedocle, von der Volksmenge lebhaft begrüßt, beaaben sich die kaiserlichen Herrschaften sogleich zur Besichtigung der im Süden Girgenti'- belegenen Alterthümer. Um 11 Uhr kamen sie dort on und besichtigten die Tempel der Juno Lucina, der Concordia, de- Hercules, des Jupiter, de- Castor und Pollux und die Grotte Fragapane. Sie drückten dem Professor Salma- mehrfach ihre Bewunderung aus. Um 12 Uhr kehrte" die Majestäten inmitten der begeisterten Zurufe der Bevölkerung nach Porto Empedocle zurück. Nachmittag- verließen der Kaiser und die Kaiserin an Bord der „Hohmzollern" den Hafen auf der Abreise nach Syrakus unter den brausenden Hurrahrufen der Matrosen der italienische» Kriegsschiffe „Bausan" und „Doria".
* Der Mailänder ,Secolo' berichtet von einer Aeutzeruug des deutsche» Kaisers über Crispt dar Folgende: Als der Kardinal Sanfelice i«n Gespräche sagte, der Kaiser habe w hl den Rücktritt Cri-pi- sehr bedauert, habe dieser erwidert: „Nicht im Geringsten, Crispi ist für mich nichts, als eine schöne theatralische Figur."
* Der Reichstags- und bayerische LandtagS-Abgeord- nete Reindl, Geists. Rath und Domdekan in Eichstätt, ist heute (Dienstag) in Rosenheim in Folge eines Herzleidens gestorben. Die,Germania' widmet dem Dahingeschiedenen einen längeren Nachruf, in welchem es heißt: In feinem eigentlichen Berufe als Priester hat er in zwei bayerischen Diözesen mit solcher Auszeichnung und solchem Erfolge gewirkt, daß er zuletzt bis zur Würde eine- Dekans des bifchöflichen Kapitels hinaufsteigen durste. Auch als Parlamentarier erreichte er eine angesehene Stellung nicht durch große und öftere Reden, sondern durch eifrige, sachdienliche Arbeit in den Kommissionen. Innerhalb der Centtums-Frak- tion wurde dieser Wirken nicht gering geschätzt, und die Werthschätzung seines Rathes und seiner Tbat fand ihrer- Ausdruck in der Wahl zum zweiten Borsitzendm der CentrumS - Fraktton des Reichstages. Auch im bayerischen Landtage stand Reindl in hohem Ansehen und eS wurden ihm wichtige Referate anvertraut, auf deren gewissenhafte und sachgemäße Ausarbeitung er noch seine letzten Kräfte verwandte, bi» es nicht mehr ging. Mit Gewissenhaftigkeit und Emst in her Auffassung und Bethätigung seiner beruflichen Obliegen- beiten verband Domdekan Reindl große Milde und persönliche Liebenswürdigkeit in seinem qanzm Wfien
als Raßwurm den Nomen Braunsberg ausgesprochen, und auch seiner hatte sich tödtlicher Schreck bemächtigt. Dieser Mann hatte also unter ftemden Romen sich hier eingeschlichen! Als wessen Tochter würde sich schließlich noch seine Braut entpuppen? Gewalttger Zom stieg in ihm auf: — der Zorn des Egoisten, der sein lieber Ich von Enttäuschungen bedroht sieht; der Zorn des ettele» Mannes, der bloßgestellt wird vor aller Welt; Alle- vereinigte sich, um ihn unerbittlich zu machen gegen diejenige, die solche Demüthig- ungen über ihn gebracht. Eiskalt gab er zur Antwort:
„Ich kenne wirklich zu wenig von Mr. Browning» Vergangenheit, um mir ferner noch anmaßen zu tönnett, diejenigen zurückzuweisen, die sich für feine Freunde auSgebm."
Sie sah ihn an, und zog die Hand zurück, die auf feinem Arme gelegen: „Sie haben Recht!" jagte sie traurig mit zitternder Stimme. — Welche Kluft hatte sich plötzlich zwifchm ihr und biefem Manne ausge- thau! Wir war er ihr fo ganz unmöglich, das trauliche Du ihm gegenüber zu gebrauchen!
Mit ruhiger Würde näherte sie sich Rußwurm:
„Herr Rußwurm," bat sie, „führen Sie doch biefen . . . biefen Mann hinaus, her unmöglich ein Freund meines Onkels fein kann."
„O mein verehrtes Fräulein! Rar nicht allzu zu-