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23. Jahrgang

Dienstag, den 7. April 1896.

M 79

„Laß die dummen Reden! Die Hochzeit auffckieben, die Hochzeit, die zu erleben mein höchster Wunsch ist!! Könnte sie morgen stattstnden — morgen — morgen, wäre ich überglücklich! Bist Du als Frau von Kattenstätt erst wohlge^orgen, dann mag geschehen waS will. Ein Plätzchen, wo ich verborgen leben und sterben kann, findet sich immer noch für mich!"

Bessee fühlte, wie ihr dar Herz erzitterte. Worte, welche sie vorhin gehört, aber kaum verstanden hatte, fielen ihr wieder ein. Sie hatte zu viel unter Finanz- leuten gelebt, um nicht zu wissen, welchen jähen Wechselfällen man bei Spekulationen ausgesetzt ist. Ihr eigener Vater hatte ja dabei alles eingebüßt. Sollte der Onkel, statt auSzuruhen, wie es feine Ab­sicht gewesen, sich etwa in gewagte Unternehmungen eingelassen haben?

„Onkel!" sagte sie sanft. „Hast Du etwa Unglück gehabt in Geldgeschäften? Nimm eS Dir nicht zu Herzen, sage eS nur offen heraus. Wir vereinfachen dann unser Leben und aller ist gethan. Aber auch Theobald muß eS erfahren, er hat ein Recht darauf."

Browning lachte und legte liebkosend die Hand auf ihren Scheitel: , .

„Närrchen, Du meinst etwa, ich sei ruimrt? Nem, nein! Verluste habe ich vielleicht gehabt, aber veralte Browning kann immer noch ganz Norrenburg auf­

halten an Betriebsmitteln bei den Provinzialkassen in weitem Umfange ersparen und den Geldverkehr mehr und mehr bei der Reichsbank concmtriren.

* Die Furcht vor der Vorlegung einer christlichen BolkSschnlgesetzes läßt die liberale Presse nicht zur Ruhe kommen. Sie hält den Kulturminister v. Bosse noch immer für fähig dazu. Ihr einziger Trost ist nach der Maqdeb. Ztg.': daß ein Schulgesetz mcht Sache der Ressortministerr allein sei. „DaS StaatS- ministerium in seiner Gefammtheit aber dürfte heute schwerlich geneigt sein, seine Unterschrift zu der Wieder­holung einer Versuchs zu gebe«, der unser Volksleben bis in seine tiefsten Tiefen aufgerührt hat." Dazu bemerkt die ,Germania' mit Reckt: Es schadet unseres Erachtens gar nicht«, wenn das religiöse Bewußtsein des Volkes durch Vorlegung eines christlichen Volks- schulgesttzes wieder in seinen innersten Tiefen erregt wird. Im Gegentheil, dar kann nur zur Klärung beitragen. Die liberale Presse soll nur nicht immer den falschen Schein erwecken, als errege sich nur das dem Christenthum feindlich oder kalt gegenüber- stehende Volk über ein christliches VolkSschulgesetz, nein, auch das die überwiegende Masse der Volkes bildende christliche Volk wird sich erregen, freudig erregen über den Gesetzentwurf, entrüstet erregen über den künstlichen Sturm, welchen die Gegner der christlichen Schule wie allen Christenthums dagegen heraufzubeschwö ren suchen. Wenn das Gesammt- ministerium einig ist in der Ueberzeugung, daß dem Volke die Religion erhalten bleiben soll, dann muß eS auch einig sei» im Verlangen nach der christlichen Schule, zu deren gesetzlicher Grundlegung im Landtag die Mehrheit vorhanden ist.

* Unter dem Titel „Paragraphenregen und Bolks- beglÜckung" machen die ,Srenzboten'die folgenden etwas boshaften, aber sachlich sehr berechtigten Benlerkungen: „Nach den dem Reichstage vorliegenden Entwürfen enthält das Bürgerliche Gesetzbuch für daS Deutsche Reich 2359 Paragraphen, das Einführungs-Gesetz 217 Artikel. Gleichzeitig mit dem Bürgerlichen Gesetzbuche sollen eingeführt werden eine Grundbuch-Ordnung, ein Gesetz über die Zwangsversteigerung und ZwangSver- waltuug der unbewegltchen Vermögens, ein Gesetz über die freiwillige Gerichtsbarkeit einschließlich der Vor- mundschaftS-Ordnung, ferner Aenderungen des GerichtS- verfaffungS - Gesetzes, der Civilprozeß - Ordnung, der Konkurs-Ordnung und der Handelsgesetzbuches. Die Srundbuck-Ordnung umsaßt nach dem Entwürfe vom Jahre 1889 79 Paragraphen, daS Gesetz über die Zwangiversieigerung rc. der unbeweglichen Vermögens nach dem Entwürfe von demselben Jahre 245 Para­graphen. Von dem Gesetze über die freiwillige Gerichts- barkeit ist noch kein Entwurf veröffentlicht; auf minde­stens 400 Paragraphen wird man eS aber schätzen dürfen. Die Aenderungen de« Gerichtsverfassungs-Ge­setzes werden etwa 40-50 Paragraphen ausmachen. Eine vorliegende Zusammenstellung der Aenderungen der Civilprozeß-Ordnung, welche unmittelbar mit dem

Deutsches Reich.

Berlin, 6. April.

* DaS Kaiserpaar verweilte von Donnerstag bis Sonntag Abend in Palermo (auf der Insel Sicilien). Bei dem am Charfreitage an Bord der „Hohenzollern" stattgehabten Gottesdienst verlas der Kaiser die Epistel, worauf Dr. Dryander die Predigt hielt und das Abendmahl an Offiziere und Mannfchaften beider Schiffe in Gegenwart der Majestäten auslheilte. Nachmittags begaben sich der Kaiser und die Kaiserin an Land und unternahmen mit den kaiserlicken Prinzen nebst Gefolge in sieben Wagen eine Rundfahrt durch die Stadt, bei der sie die Kapelle Palatina, sowie das Königliche Schloß und den Park von Favorita und mehrere Denkmäler besuchten. Die Straßen waren mit italienischen und deutschen Fahnen geschmückt. Die Majestäten wurden auf der ganzen Fahrt bis zur Rückkehr auf die „Hohenzollern" von der äußerst zahl- reich zusaLmengeströmten Bevölkerung mit begeistertem Jubel begrüßt. Am Samstag Nachmittag unter- nahmen der Kaiser und die Kaiserin einen Ausflug nach Montr-ale. — Die Majestäten und die kaiserlichen Primen befinden sich im besten Wohlsein. Da« Wetter ist kühl unv trübe. Am Ostersonntage beabsichtigte das Kaiserpaar mit den beiden Prinzen Abends von Pa­lermo auf der „Hohenzollern" nach Girqenti in See zn gehen, wo die Ankunft am zweiten Osterfeiertage, Montag, 6. April, früh erfolgt sein dürste. Die Weiterfahrt von Girgenti nach SyrakuS ist für Montag Abend in Aussicht genommen; vor Syrakus dürfte die „Hohenzollern" am Dienstag, 7. April, Vormit- tagS vor Anker gehen und am 8. April, Mittwoch, Mittags von Syrakus nach Taormina weiterfahren. Am 11. wird da« Kaiserpaar in Venedig eintreffen, am 12. findet dann dort die angekündigte Begeg­nung mit dem italienischen KönigSpaare statt und am 13. die Weiterreffe nach Wien.

* Der Handelsvertrag zwischen Deutschland und Japan ist am Samstag von dem Staatssekretär v. Marschall und dem japanischen Gesandten am hiesigen Hofe, Aoki, unterzeichnet worden.

* Die G e n e r a l st a a t r k a s s e und die RegieruugS- Hauptkasseu, auch solche, die nicht an Bankpiätzen be- stehen, haben vom 1. April an Stelle der bisher an derReichrbank eingeräumten Conten Giro-Conten eröffnet. Einzahlung von 10000 Mark an werden von den Reichsbank-Haupt- und Bankstellen auch von Personen, welche kein Giro-Conto für Rechnung der GeneralstaatSkaffe haben, provision-frei angenommen. Auch bei den au den Bankplätzen befindlichen Spezial- kaffen werden nach Bedürfniß Giro-Conten eröffnet. Eine entsprechende Umgestaltung erfährt ferner der zwifchen den StaatSeisenbahn-Haupt- und Spezialkasien stattfindende Giroverkehr mit der Reichsbank. Die neue Einrichtung bedeutet einen bemerkerSwerthen Fortschritt in der Vereinfachung und der Erleichterung der GeldverkehrS. Sie wird dem Staate ein Bereit-

Uw Gold und Ehre.

Bon L. von Neid egg.

22] ------- (Nachdruck verboten.)

„Ja, mir war sehr unwohl!" sagte er endlich. „O wie empfinde ich jetzt meine Jahre! Wie alt, rote elend, wie müde fühle ich mich oft!"

Beffie beugte sich über ihn, und sah chm voll Theilnlchme in das Gesicht. Sie, deren Seele eben ein schmerzlicher Argwohn durchzuckt hatte, — ein Arg- wohn, welchen sie sich selbst nicht eingestehen mochte — fühlte sich unaussprechlich erleichtert, als der Onkel von Kranthrit und körperlicher Schwäche als Ursache seiner veränderten Gemüthszustander zu sprechen be­gann.

„Daß Du leidend bist, tonnte ich schon lange be­obachten, Onkel Frank," erwiderte sie. „O bitte, thur doch etwa« für Deine Gesundheit, berathe Dich mit Dr. Schröder. Gebrauche eine Badekur; wir wollen die Hochzeit noch ein wenig hinauSschieben, ich begleite Dich. . ."

Mr. Brownings Gesicht färbte sich dunkelroth. Mtt demselben zornigen Blick, welchen er damals auf Beffie gerichtet, als sie ihn aufgefordert, Rutzwurm nicht mehr bei sich zu sehen, suhr er das erschrockene Mädchen an:

Bürgerlichen Gesetzbuchs zusammenhängen, ergibt 106 geänderte und 153 neue Paragraphen; dazu kommen die geplanten, aber noch nicht veröffentlichten Aende­rungen de- ZustellungSwesenS, welche mindestens auf 60 Paragraphen zu veranschlagen sind. Die Lende- rungen der KonkurS-Ordnung umfassen nach der Vor­lage 48 Paragraphen. Die Aenderungen am Handels- gesetzbuche sind noch nicht zusammengestellt, bei einem mäßige« Anschlag kommt man auf etwa 100 Artikel. Gumma Summarum: 3817 Paragraphen und Artikel! Wenn daS deutsche Volk, nachdem sich dieser Paragraphen­regen ergossen haben wird, immer noch nicht glücklich sein sollte — die Herren am grünen Tische sind dann wirklich nicht schuld daran; denn noch mehr Para- graphen kann man billigerweise nicht von ihnen ver­langen. Ich lasse meinen Sohn, der bisher die Rechts­wissenschaft siudirte, Papiermüller werden!" Die ,Grenzboten' haben bei ihrer Paragraphen-Summirung noch den neuen Börsengesetz-Entwurf, dar Margarine- Gesetz, die RückwärtS-Revidirung der Gewerbeordnung und Zuckersteuer-Gesetz vergessen. Dadurch kommen noch einige hundert Paragraphen hinzu. Glückliches Deutschland! , u

* Anscheinend offiziös wird nun nachträglich den Blättern über daS Ergebniß der Konferenz der JnnnngS-Jntereff-nten mit dem Handel-Minister über die Handwerker-Or-anffatton Folgendes geschrieben: ES sollen die JnnungSverbände, deren Existenz äußerst gefährdet erschien, auch in Zukunst als autoritative Organe fortbestehen bleiben und noch nachträglich in die so weit fertig vorliegende Handwerker-Organisations- Vorlage eingefügt werben. — Die Ausgaben der In- nungSverbände bleiben, insoweit solche nicht bereits den zu errichtenden Handwerkskammern als Obliegen- hetten überwiesm worden sind, im Wesentlichen die bisherige».

* Der Justizminister hat neuerdmgS an alle Ge­richte eine Hinweisung auf die besondere Wichtigkeit des EntmLndtgungs-Berfahrens erlassen, und zwar in dem Sinne, daß zur Erzielung einer möglichst sorg- fälligen und vorsichtigen Bearbeitung jedes einzelnen Falle- die im Allgemeinen vorgeschriebenen Ermittelungen, welche den SeffteSzustand der zu Entmündigenden be­treffen, entschieden nicht zu beschränken, sondern auf jedes möglicherweise erhebliche Beweis- anerbieten au-zudehnen seien, natürlich ohne anders al- in Ausnahmefällen von der persönlichen Vernehmung des Seiste-kranken abzusehen. ES sollen ferner die Krankenlisten der Irrenanstalten als ein unter Umständen werthvolles Beweismittel brrücksich- ttgt werden, damit sich der Richter Kenntniß von ihrem Inhalt verschafft, bevor über den Antrag auf Entmün- digung Beschluß gefaßt wird.

* Die ,Nordd. Allg. Ztg.' vernimmt, daß zur Vereinfachung der Kassengeschäfte und zur Ber- Minderung des Schreibwerkes bei den kömglichrn Re­gierungen neue Vorschriften über Zahlung Verrechnung der Gehälter, Pensionen u. s. w. erlassen worben sind, kaufen, wenn e« ihm beliebt Da« ist eS nicht, darum mache Dir keine Sorgen. — Er handelt sich um andere Dinge. Jener Mann hatte mich gereizt, ich züchtigte ihn. Aber nun kein Wort mehr darüber. — Kein Wort an irgendwen! — hörst Du? — auch nicht an Theobald, — versprich eS mir."

„Vielleicht könnte aber Theobald rathen — er gehört zu unS; er sollte nun alles wifiett, waS uns betrifft." m

Wieder schwoll die Zornesader auf Mr. Browning» Stirne. ,,

„ES find meine Angelegenheiten, und ich »erbiete Dir, ihm davon zu sprechen, Beffie; ich verbiete eS, hörst Du wohl? Ich ließ mich zu ungerechtferttgiem Zorn hinreißen — das braucht er nicht zu wissen. Thue, waS ich befehle, — um waS ich Dich bitte, mein Kind!"

WaS konnte sie thun? Widerstrebend gab sie da» | erbetene Versprechen. .

13. Kapitel.

Jener Austritt mit Rußwmm, welcher Bessie so sehr beängstigt hatte, war ohne weitere Folgen vorüber- gegangen. Der Ban quier hatte sich bei Browning nicht mehr blicken lassen, und dieser, der die ersten Tage ’■ nach jener peinlichen Scene zusammengeschreckt war, । so oft er die Hausthüre aufgehen hörte, hatte seine

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