J£ 76 Mittwoch, den 1. April 1896. 23. Jahrgang
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rht Bourgeois und Bourgeosie.
Der Präsident der radikalen französischen Mini- steriums heißt Bourgeois (Bürger), aber er hat die Bourgeoisie (Bürgerschaft) Frankreichs ganz entschieden gegen sich. Die Radikalen, aus deren Reihen daS Robinet Bourgeois hervorgegangen ist, sind, seitdem sie sich eng mit den Sozialisten verbunden und verbrüdert, mit mehr als einem „Tropfen sozialistischen OeleS gesalbt," und diese Thatsache für sich allein mußte genügen, um die französische Bourgeoisie und ihre politische Vertretung, die opportunistische „republikanische" Partei gegen daS radikale Ministerium in die schärfste Oppositionsstellung zu drängen.
Die Thaten des RabinetS Bourgeois waren nicht dazu gethan, leine Beziehungen zur Bourgeoisie zu bestem: sein Eingreifen zu Gunsten der GlaSbrenner von Carmaux, die Wiedereröffnung der Arbeiterbörsen, die Wahrung der RoalitwnSrechtS der Eisenbahnarbeiter, die Rede der HandelSministerS Mesmeur, der geradezu den Sozialismus als Endziel des radikalen Ministeriums proklamirte, und bergt mehr. — DaS Alles ging den Opportunisten gar sehr gegen des Strich. Doch ganz außer sich geriethen sie erst, alr Herr Bourgeois der Bourgeoisie an den Geldbeutel zu rühren unternahm, als er das in seinem Antritts- Programm verheißene, vom Finanzminister Doumer ausgearbeitete Projekt einer progressiven Ein- kjo mm en steuer alr Bestandtheil der Budgets vor die Ramm« brachte.
Die Sache sah auch zunächst sehr gefährlich für Herrn Bourgeois aus. Die Kraftprobe, dn er sich durch die Einbringung d« Einkommensteuervorlage auSfetzte, schien doch etwar gar zu stark zu sein, wenn man die Parteivnhältnisie in der ftanzöfischen Rammet inr Auge faßte. Die Opportunisten oder „Gemäßigten," d. h. die politischen Vertreter d« Bourgeosie, find nämlich für sich allein schon im Besitze der Mehrheit, wenn sie zusammenhalten, und dazu kommen dann noch die Monarchisten. Auch untn den Radikalen der älteren — mehr manchestnlichen — Richtung gibt » eine ganze Anzahl, die für eine Einkommensteuer nach Art bttjrnigen Herrn Bourgeois und Doumer nicht- weniger als begeistert waren, zumal die Einkommen- steuer in Frankreich weithin im Gerüche steht, den revolutionären Grundsätzen b« Freiheit und Gleichheit zu widnsprechen: Der Freiheit wegen deS in der Selbsteinschätzungspflicht liegenden Zwanges und wegen des behördlichen Eindringens in private ErwerbSvn- hältniffe; der Gleichheit aber wegen der verschiedenen Maßstabs der Besteuerung, insbesondere wegen
b« aufsteigenben Steuerprozente zu Lasten bet Wohlhabenderen.
Andererseits mußte eine solche Steuer, die mit d« Abschaffung der Thür-, Fenster- und Wohnsteuer ver> bunden war, bei den Rammern sehr populär sein, besondns deshalb, weil sie die Einkommen bis zu 2500 Frks. jährlich ganz steuerfrei ließ, und auch die mittlnen Einkommen — bis 5000 Frks. — sehr mäßig besteuerte und dann natürlich die höhnen desto schärf« traf. Die Gegnn der Einkommensteuer mußten sich daher sagen, daß sie durch ihren Widerstand gegen diese populäre Steuer einen großen Theil ihrer Wähler in die Arme der Radikalen .und Sozialisten treiben würden.
Auf diesen Umstand baute Bourgeois seine Rechnung auf. Er ließ sich daher keineswegs dadurch ent- muthigen, daß in die Budgetkommijs on 29 Gegner und nur 4 Freunds seiner Einkommensteunvorlage gewählt wurden. Er dachte, daß sich die Abstimmungen in der Rommee selbst, die allen Wählern bekannt werden, doch ganz anders gestalten würden, als die Abstimmung in der Rommifsion, die natürlich ganz zu Ungunsten der Vorlage ausfiel. So, wie die Vorlage wat, konnte sie allerdings auch im Plenum auf keine Mehrheit rechnen; ober Herr Bourgeois war klug genug, sich nicht an die Vorlage festzuklammem, vorausgesetzt, daß sich die Rammet nur für das Prinzip derselben erklärte. Et begnügte sich bei dm Verhandlungen in der Rammet mit ein« „Tagesordnung", welche das Prinzip der progressiven Einkommensteuer anerkannte, die Ausführung desselben ab« bis auf Weiteres vertagte. Diese Tagesordnung würbe schließlich mit ein« Mehrheit von 48 Stimmen angenommen, da ein groß« Theil der „Gemäßigten" doch nicht wagte, sich prinzipiell gegen die Einkommeu- fteuer auszusprechen. Freilich wurde außerdem ein Antrag angenommen — mit 9 Stimmen Mehrheit —, durch welchen die Pflicht der Selbsteinschätzung und die EinschätzungSgtundsätze an die Kommission zurück- verwiesen wurden; ob« Herr Bourgeois begnügte sich weislich mit dem prinzipiellen Erfolge fein« Vorlage und wendete daher gegen den zweiten Antrag nichts ein. Die Kommission wird sich mit der Prüfung jener Punkte kaum allzusehr beeilen.
Die Einkommensteuer ist also für diesmal noch von der Bourgeosie zurückgeschlagen — im Senate hätte die Vorlage ohnehin nicht durchdringen können —, und trotzdem ist He« Bourgeois d« wirkliche Sieg«. Denn erstens verbleibt er jetzt im Amte und behält dah« — worauf von Anfang an seine Absicht hauptsächlich gerichtet war — die Leitung d« im Mai stattfindenden allgemeinen Gemeinderalh-wahlen, und zweiten» ist diesen wie auch allen weiteren politischen Wahlen durch die An«keuuung des Prinzips der progressiven Einkommensteuer für die Radikalen und Sozialisten vortrefflich vorgearbeitet. Bon dem Ausfall der Gemeiuderathswahlm hängt ab« ht Frankreich sehr viel ob; fie zeigen besonders auch, wie bei
Ww Gow und Ehre.
Bon L. von Neid egg.
19] ------- (Nachdruck verboten.)
An einem Nachmittage, kurz vor dem Feste, war Besfie wieder in Neurobe, und eS erschien der Onkel, fie abzuholen. Er war sehr aufgeräumt — kein allzu häufiges Borkommniß in letzt« Zeit. Er sch«zte mit Besfie, schäckerte sogar mit d« unnahbaren Adelheid, für welche « jene Verehrung empfand, die jedn Mann — ob jung ob alt, ob feingebildet oder derb — einem edeln Gesichte stets entgegenbringt. Er fragte fie, ob fie denn auch anfange, sich für sein herannahendeS Fest in die richtige Ballstimmung zu versetzm.
„DaS wäre ein urmöthigeS Beginnen," erwiderte sie, „da ich ja daran nicht theilnehmen w«de."
„WaS!" rief er aus. „Da- schönste Frauenzirnrn« in der ganzen Gegend sollte dabei fehlen! Da würde mir die ganze Freude verdorben."
„DaS will ich nicht hoffen," gab fie zurück, unwillkürlich doch etwa- geschmeichelt durch daS Kompliment, wenn sie Denjmigen, dn eS aussprach, auch einen ungeleckten Bären nannte. „Ich besitze aber kein hochzeitliches Gewand, daS eS mir nmöglichte, an jenem Feste zu erscheinen. ES wird ja jedenfalls d« Tausend und (Einer Nacht würdig sein."
„Wie eS dort zuging, weiß ich nicht," gab der ehrliche Browning zur Antwort, dem die Märchen böhmische Dörf« waren. „DaS ab« weiß ich, daß mein Ball nichts wäre ohne Sie. Ihr Weib« habt immer Anstände mit Kleidern, als ob es bei einem schönen Gesichte darauf ankäme! Wmn eS aber nur daran fehlt, so will ich Ihnen gern eins schenken, daS schönste wett und breit, wie Sie noch nie ein» besessen haben. Sie dürfen Besfie nur sagen, wie Sie eS Haden wollen."
„Ich muß bitten, He« Browning.....* fing
Adelheid an, al» Besfie hocherröthend einfiel:
„Adelheid steht Dir zu fern, Onkel Frank, al» daß Du eS Dir erlauben könntest, ihr ein Geschenk anzu- bieten; vielleicht darf Theobald e» wagen, b« für fie wie ein Bruder ist . . ."
Da» Wort „Bruder" übte eine unglückselige Wirkung auf Adelheid au». Hochfahrend« als je entgegnete sie:
„Auch von Theobald laste ich mir kein Geschenk machen. Selbst von der Tante, die ich wie eine Mutt« verehre, habe ich, seit ich erwachsen bin, für meine Toilette keine Beisteuer angenommen; so viel als möglich, will ich auf eigenen Füßen stehen!"
„Ob Du mir damit eine Freude gemacht hast, steht
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ben nächsten Kammerwahlen b« Wind wehen wird. He« Bourgeois und mit ihm die Radikalen und Sozialisten haben dah« allen Anlaß, sich deS Ausgangs der Emkommmsteuerdebatte zu freuen.
Deutsches Reich.
Berlin, 31. März.
* Der Kaiser hat gestem, wie ans Neapel gemeldet wird, an Bord der „Hohenzollem" den Präfekten von Neapel empfangen, der die Mitglieder b« Munizipalität vorstellte, sowie die Gennäle Sterpone und Rugin und die Admiräle Corsi und Palumbo in einstündiger Audienz. (Er drückte denselben seine Bewunderung für die Schönheit Neapels aus, «kündigte sich nach den in Afrika verwundeten Soldaten und dankte für die Aufnahme, welche das Conceri d« Kapelle der „Hohenzollem" im Theater San Carlo fettens des Publikums gefunden hat. Der Kaiser besuchte nachher den Botschafter von Bülow im Grand-Hotel und machte dann einen Spaziergang. Später traf da» Kaiserpaar in der Villa Gallotti beim Prinzen Heinrich zusammm, wo daS Frühstück eingenommen wurde. Von dort be» gaben sich die hohen Herrschaften nach Camaldoli. Am (Eingang des Klosters, für dessen Betreten der Kaiserin DiSpenS ertheilt war, begrüßte der Erzbischof von Neapel, Kardinal San Felice, ba» Kaiserpaar. Die jungen Prinzm besuchten um dieselbe Zeit mit ihrem Erzieh« Pompeji. Die „Hohenzollem" wird heute Abend nach Palermo abgehen, wo sie morgen stütz eintrifft.
* Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe feierte heute feinen 77. Geburtstag. Im Auftrage des Kaisers wurde ihm als Geburtstagsgeschenk eine Büste de» Kaisers in Bronce auf graumelirtem, reichvergoldetem Rarmorsockel überreicht. Zahlreiche Henen der Ber- lin« Gesellschaft, barunt« bie Minister unb Staatssekretäre, die Botschafter und die Mitglied« des diplomatischen Korps «schienen im Laufe deS Vormittags, um chre Glückwünsche darzubringen. Bon dem Prinzregenten Luitpold von Bayem, ferner dem Großherzog von Baden, vom Fürsten v. Bismarck, dem bayerische» Ministerpräsidenten Frhm. v. Crailsheim, dem Staatssekretär im Reichspostamte Dr. v. Stephan, der Stadt Straßburg und den bärtigen Kriegervereinen, dem Metzer Rännergesangv«ein, bet GeburtSstabt beS Fürsten, Rotenburg a. d. Fulda, waren Gratulationstelegramme eingelaufen. Morgen geben# sich b« Fürst unb bie Fürstin zu Hohenlohe nach Baben- Baden zu begeben. Bei dies« Gelegenheit sei bemerk, daß daS fürstliche Paar in diesem Jahre die goldene Hochzeit feiert.
♦ Der von dem Abg. Jrmer verfaßte Kommis- siouSbtticht zum Lehrerbesoldungsgesetze umfaßt 97 Seiten. Redaktionell ist bet Entwurf fast in jedem Paragraphen tierbeffert; die materiellen Aendnungm beschränken sich, nach einer Zusammenstellung bet ,Freis. Ztg.', auf FolgenbeS: „Auch bie provisorische freilich dahin," tiratoie» mit sanftem Tadel die Baronin. „Daß eS mir eine Freude märe, Dich an jenem Abend an meiner Seite zu haben, statt Dich einsam in Neutode zu wissen, kannst Du Dir wohl selbst tagen."
„Nun denn, so will ich also kommen," erklärte Adelheid nach kurzem Besinnen; „ab« man muß mich eben nehmen wie ich bin."
So hatte man sie also gezwungen, dem Triumph der verhaßten Nebenbuhlerin anzuwohnen! Dies« Gedanke erfüllte sie mit Zorn und Bitterkeit, und in eigensinnigem Trotze bestand fie darauf, die freund- lichen Anerbietungen ihr« Tante zurückzuweisen.
Wed« direkt noch indirekt, so sagte fie sich, sollte von den Millionm der KrämerStocht« — wie sie Besfie nannte — etwa» an sie lommeit. Gewiß habe diese die ganze Szene künstlich auSgesonnen und herbeigeführt, um die arme Kousine zu demüthigen. Lieb« wollte fie in Sackleinwand erscheinen, als aus dies« Hand etwas annehmen! Ohne jegliche Mithilfe bestand fie darauf, sich eine Toilette zu unfertigen, bie bann auch an Einfachheit nicht» zu wünschen übrig ließ. M» sie dann aber am Ballabend hinter der sehr anspruch»- loS, aber geschmackvoll und passend gekleideten alten Tante in bie pomphaft btlorirten Räume b« Brow- nirg'schen Billa trat und sich mit den hier Anwesendm verglich, da regte sich in ihr die weibliche Eitelkeit, unb