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Donnerstag, den 19. März 1896.
23. Jahrgang
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Die ,Fuldaer Zeitung' behandelt die neuesten Tagesfragen in allgemein verständlicher Weise. Die politischen Nachrichten find kurz und übersichtlich zusammengestellt, den lokalen und provinziellen Vorkommnissen wird große Sorgfalt gewidmet, und aus ein spannendes, sittlich reines Feuilleton besonders Gewicht gelegt. Zahlreiche zuverlässige Mitarbeiter in Berlin sowie m der Provinz setzen uns in den Stand, über alle wichtigen Ereignisse bedeutend früher zu berichten, als die anderen hiesigen Blätter. Die __________
Fuldaer Zeitung 3™
ist unter den in Fulda wöchentlich mehrmals erscheinenden Blättern das w e i t a u s g e l e s e n st e Blatt und eignet sich deshalb auch ganz besonders als Jnsertionsorgan. Anzeigen sind von sicherer Wirksamkeit.
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Ein Schrei der Entrüstung
geht dmch die deutschen Lande ob der Schmach, mit welcher der deutsche Name wiederum in Afrika bedeckt ist. Hohnlachend sehen die anderen Völker auf uns und fragen: „Also das ist die Kultur, welche die frommen Deutschen nach Afrika bringen wollen? Leist, Wehlau, Peters, drei Scheusale und Bluthunde, sind das Pionire des deutschen Geistes in Afrika? Diese find bekannt geworden; wie viele wögen sonst noch, reich besoldet von deutschem Steuergelde, in Aftika ihren Lüsten und ihrer Grausamkeit stöhnen?" So hält man uns entgegen, und da- Schlimmste ist, daß wir so weutg darauf erwidern können. Zur „Ent- schuldi^ung" hört man deutscherseits ansühren, diese Fälle seien nur „vereinzelt." Das ist aber nicht zutreffend, wenigstens was die bis vor Kurzem be-
Uw Gold und Ehre.
Bon L. von Neid egg.
9] ------- (Nachdruck verboten.)
4. Kapitel.
In übelster Laune hatte Kattenstätt Browning's Villa verlaffen. Bcssie's Bild mit dem ironischen Zug um die Lippen, dem spöttischen Ausdruck in den lustigen braunen Augen verfolgte ihn unablässig; das verwöhnte Glückskind vermochte eS nicht zu ertragen, keine ungeteilte Bewunderung zu erregen — und das gerade dort, wo er so sehr um dieselbe sich bemühte.
Man tagt: Ein Rosenblatt genüge, um eines Sybanten Lager zu einem Folterbett zu gestalten. Theobald war durch die Schwäche seiner Eltern zu einem Sybariten gewacht worden, dem jede rauhere Berührung, ob physisch, ob moralisch, geradezu unerträglich dünkte. Aber auch die Welt hatte ihn später verwöhnt; er war schön, hatte tadellose Manieren, besaß auch ein ausreichendes Maß von Klugheit, außer wenn seine unbegrenzte Eitelkeit ihn hinriß. Er hatte Verwandte, die, wenn auch nicht reich, so doch angesehen waren, und die in ihrer begrenzten Sphäre, als Würdenträger an den benachbarten kleinen Höfen eines gewissen Einflusses sich erfreuten. Wo immer er aufgetreten, hatte er bis jetzt auf freundliches Entgegenkommen rechnen können; ganz besonders war dies der
folgte Kolonialpolitik betrifft; vielmehr sind bisher, tote Dr. Kayser selbst indirekt zugab, moralisch unantastbare Persönlichkeiten eine Ausnahme gewesen, und darin liegt das Peinliche, zum Zweifel am Werche der ganzen Kolonilpolitik Führende.
Die Art und Weise, wie Dr. Kayser über den Fall Peters sprach, hatte ihre bedenklichen Seiten; es bleibt die Befürchtung wach, daß eine durchgreifende Besserung trotz deS besten Willens der Regierung schwer zu erreichen sein wird. PeterS, Leist, Wehlau stellen ein System dar, und zwar daS System der jungen, unerfahrenen Beamten, welche mit hohem Gehalte, den weitgehendsten Vollmachten und großen Karriere-Aussichten auf einige Jahre die Abenteurer spielen, durch keine moralische Schranken beengt und durch kein sittlicher Berantwortlichkeitsgefühl belastet. Unterstützt wird dies Element dmch eine skrupellose „Industrie," welche dmch Pulver und Alkohol die fiuttur der „Wilden" heben will oder, besser gefügt, dem Grundsätze folgt, welchen die ,Köln. Ztg.' vor ungefähr 10 Jahren au-sprach: „Wir wollen nicht diese Neger bekehren, sondern mit ihnen Handel treiben." Diese beiden Elemente bilden eine unüber- steigliche SÄranke für den wahren Zwk ck der Kolonialpolitik, für die Civilisirung unserer Kolonien, und wenn eS nicht gelingt, ihnen vollends ihre Orgien unmöglich zu machen, thun wir bester, daß wir eher heute als morgen unfern Kolonialbesitz dem ersten Besten überlassen und keinen Pfennig mehr dafür be- willigen.
Unter dem Rufe: „Gott will eS!" erhob sich die Begeisterung für den schwarzen Erdtheil; aber waS PeterS, Leist, Wehlau und verschiedene Andere noch nicht öffentlich Entlarvte trieben, »st nicht, waS Sott will, sondern waS der Teufel will! „Die Kritik soll eine Grenze am Patriotismus finden," hat Graf Arnim im Reichstage gesagt — sehr wahr, wir handeln nach diesem Grundsätze, halten es aber für einen bessern Patriotismus, die Ehre deS deutschen Namens durch offene Bemrtheilung eines Blutmenschen wie PeterS zu retten, als solche Greuel in etwa zu beschönigen. Wohin Peters in Afrika gekommen ist, sind seine Spuren mit Blut besudelt, Dutzende von Negern hat er ohne irgendwie zureichenden Grund, wie er selber frech gesteht, niedergeknallt; wenn er in Deutschland dm zehnten Theil der „Thaten" begangen hätte, bereit er in seinem Buche sich selbst rühmt, säße er längst im Zuchthause oder hätte wahrscheinlicher keinen Kopf mehr auf dem Rumpfe.
Unsere Regierung hat die ernste Absicht, Freveln, Wie sie im Reichstage zu den das deutsche Herz durch- schneidenden Debatten geführt haben, ein Ende zu machen; speziell zu W iß mann haben wir das vollste Vertrauen, daß, so lange er an der Spitze von Deutsch» Ostafrika steht, dort Leuten von der Sorte Peters kein Raum verstattet werden wird. Aber man weiß auch, mit welchen Schwierigkeiten es verknüpft war,
ihn auf diesen Posten zu Bringen und zu halten; noch jetzt find einflußreiche Strömungen vorhanden, die ihn gern morgen am Tage stürzen möchten. Hoffentlich haben die Debatten der vorigen Woche solchen Elementen gründlich den Garaus gemacht, und wenn daS der Fall sein sollte, würde man sie al» reinigendes I Gewitter begrüßen können und müssen. Die Krittk
soll ihre Grenze am Patriotismus finden, aber daS Kolonialbeamtenthum soll auch die Grenzen respettiren, t welche die zehn Gebote unverbrüchlich gesetzt haben. ' Auch in Afrika gilt: Du sollst nicht tödten, du i sollst nicht ehebrechen!
; Bon diesem Standpunkte wird daS Centrum auch ; fernerhin die Kolonialpolitik betrachten und daran» die l letzten Konsequenzen ziehen. Sache der Regierung l ist es, unserer Partei zu ermöglichen, der Kolonial- politik fortan seine Unterstützung zu leihen, und da» kann nur geschehen, wenn allenthalben in den Kolonien das System Leist-Wehlau-PeterS gründlich anSgerottet wird. DaS fordern wir im Namen der Humanität, im Namen der Sittlichkeit, im Namen der Religion, im Namen der Ehre unseres deutschen ! Volkes und Vaterlandes; Gott will e»!
Deutsches Reich.
Berlin, 18. März.
* Der Kaiser und die Kaiserin unternahmen heute | früh den üblichen Spaziergang durch den Thiergarten. I Um 11'/, Uhr wohnte der Kaiser einem Konkurrenzreiten im Tattersaal in der Luisenstraße bei. Später ; empfing der Kaiser im Schlöffe den Minister der öffentlichen Arbeiten Thielen, und den Chef deS Se- l Heimen CivilkabirietS zum Vortrage. Abends um 7 Uhr besuchte der Kaiser den Staatssekretär deS Reichs- Marineamtes, Bieeadmiral Hollmann. — Die Kaiserin besuchte heute gegen Mittag die Kaiserin-Augusta- Stiftung in Charlottenburg. — Die Nachricht, daß der Kaiser und die Kaiserin sich nach ihrer Ankunst in Genua zunächst von dort nach Rom begeben würden, um daselbst mit den prinzlich Heinrich'schen Herrschaften daS Osterfest zu verleben, wird jetzt als völlig auS der Luft gegriffen bezeichnet. Von einer Reise de» Kaiserpaares nach Rom sei am hiesigen Hofe nie» I mal» die Rede gewesen.
* Zu dem Jubiläums - Festessen im Reichstage am 21. März haben bereits 140 Mitglieder au» früheren Wahlperioden ihre Betheiligung zugesagt, darunter 41 Mitglieder au» der ersten Session 1871. In dieser letzteren Zahl sind indeß auch diejenigen Mitglieder einbegriffen, welche noch gegenwärtig dem Reichstage angehören. Im Ganzen haben aus früheren Perioden ihre Betheiligung zugesagt 25 Konservative, 22 Freikonservative, 50 Nationalliberale, 36 Freisinnige, 6 Wilde, 1 Pole (v. Koscielski). Ueber die Theil- nahme ehemaliger CentrumSmitglieder liegt eine bestimmte Ziffer noch nicht vor. Eine Vereinbamng
Fall gewesen — da er für eine gute Partie galt —, wo es sich auch nur um den Anschein einer Bewerbung handelte; und da kam nun dieses Mädchen, das nicht schön und nicht vornehm, nicht einmal besonders geistreich war, und nahm sich heraus, ihn von oben herab zu behandeln! Einen Augenblick dachte er daran, die Bewerbung aufzugeben; noch war er nicht so weit, daß er diese Amerikanerin um jeden Preis haben mußte. Am besten, er ließ sich versetzen in irgend eine Großstadt; und da mußte es doch schlimm hergehen, wenn es ihm nicht gelang, dort eine reiche Erbin zu finden, di- dann auch der gräßlichen Zugabe einer lächerlichen alten OnkelS eMbehrte. Heirathen war ja in seinen Augen ohnehin eine schauderhafte Institution. Seine Freiheit hingeben, daS ganze lange Leben hindurch gekettet sein an ein und dasselbe Menschenkind, — durch eine eiserne Hand im Sammethandschuhe verhindert daS Leben in vollen Zügen zu genießen, — entsetzlich! — Aber - aber — er hatte Reichtum nötig, und nur eine kluge Heirath konnte ihm den Mammon bringen. DaS Mädchen war am Ende doch so übel nicht, wenn sie ihre widerspenstigen Tage nicht hatte; und der Onkel war geradezu vernarrt in ihn, warf sie ihm förmlich an den Kopf. ES Wäre doch sehr leichtsinnig gewesen, die Geschichte so kurzer Hand abzubrechen. WaS thun? waS thun?
In solche Gedanken verttest, hatte Kattenstätt seine
Wohnung erreicht. Der Bursche stand vor der Haus» thüre und meldete: seit einer halben Stunde erwarte ihn Besuch; Herr Banquier Rußmann sei oben und habe erklärt, er wolle die Rückkehr des Herrn Lieutenant abwarten. Sin Fluch entschlüpfte den Lippen des über- raschren jungen Mannes. Ec wußte sich aber schnell zu fassen; anscheinend unbefangen, ein Liedchen trällernd, stieq er die Treppe hinauf.
Als er die Thüre deS mit ausgesuchtestem Luxus ausgestatteten Gemachs öffnete, sand er den Besucher, einen hageren Mann mit energischen, scharf ausgeprägten, jedoch keineswegs gewinnenden Zügen, behaglich tn einem Fauteuil ausgestreckt. Sr hatte sich eine Cigarre angezündet, und sah au», als sichle er sich hier ganz zu Hause.
Lächelnd streckte er dem Offizier die Hand entgegen, und begrüßte ihn, als sei er hier der Herr und nicht der Eintretende.
„Mein Bursche hat Ihnen wohl nicht rnttgetheilt, daß ich möglicher Weise den ganzen Abend auSbletben könnte, Herr Rußwurm?" fragte Kattenstätt, aus's unangenehmste berührt durch daS selbstbewußte Auftreten deS Mannes. „Das Warten muß Ihnen lang geworden fein, und wie leicht hätte es zu einem endlosen sich ausspinnen können!"
; „Ich vertraute eben meinem guten Stern ent» ’ gegnete der Banquier, und that, als bemertte er den