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62 Samstag, de« 11 März 1896. 28. Jahrgang

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Zweites Blatt.

x Das soziale Wirken der katholischen Kirche in Oesterreich.

III. (Schluß)

Dar ist da- „Bürgerspital.* So spricht mit gewiss-'m Stolze der SMtebewohner, wenn er dem Fremdlinge den groß« Bau zeigt, in welchem eine große Anzahl von Kranken ärzliche Behandlung und sorgsame Pflege findet. Nicht selten besteht die Meinung, dar da» Bürgerspital von den Bürgern der Stadt ge­gründet und mit Gütern ausgestattet sei. Sehr oft aber ist diese Ansicht falsch, denn nur verhältnismäßig wenige Spitäler, welche bis in dar Mittelalter zurück- gehen, wurden von den Bürgern gegründet. Wohl stehen heute die meisten dieser theilweise alten Hospi­täler unter der rein bürgerlichen Verwaltung der Stadt, ihre Gründung aber war rein kirchlich. Die christ­liche Barmherzigkeit bewog begüterte Geistliche und Adelige, für die leidenden Mitmenschen ein Spital zu gründen. So war er auch in dem Herzogthum Kärnten. Dar Bürgerhospital in der Stadt Friesach wurde 1138 von Konrad I., Erzbischof in Salzburg, unter dem Namen Magdalenen-Hospital gegründet und mit 40580 Gulden dotirt. Dar Bürger Hospital der Stadt Gemünd wurde besonder- durch den Erzbischof Pari- von Lodaon (1637) reichlich unterstützt. Da- Heilig-Geist-Bürgerspital zu Villach wurde im 16. Jahrhundert gestiftet. 1510 gab der Priester B. Lassarin 9000 Goldgulden und Fürstbischof Aschhausen erhöhte das Stiftungskopftal auf 11000 Goldgulden. Dai Hospital zum hl. Geist in Straßburg wurde um dar Jahr 1500 von dem Fürstbischof von Gurk ge­stiftet. Diese Anstalten wurden in Gemeinden ge­gründet, welche heute kaum 2000 Seelen zählen. Sie waren also im Stande, die sämmtlichen bedürftigen Kranken aufzunchmen und ohne jegliche Vergütung zu ver­pflegen. Aber nicht bloß in den Städten, sondern auch auf dem flachen Lande sorgten die Geistlichen für das Wohl der Kranken. So gründete Erzpriester Her­mann und sein Bruder Otto von Ortenberg zu ihrem Seelenheile im Jahre 1191 auf ihrem eigenen Grund und Boden eine Kapelle und ein Hospital und statteten dieselben mit eigenen Gütern zum Unterhalte der Armen au-. Auch die Klöster besaßen regelmäßig ihre Spitäler, in welchen hilflose K anken und Arme um Christi willen liebevolle Aufnahme fanden. So lag nahe bei der Cisteicienserabtei Victring das Kloster- hospital, in welchem sieche Personen und elternlose Kinder ihre Versorgung, letztere auch Unterricht er- hielten. Außer den genannten gab e» weitere Hospi- tälrr in Obervellach, Bölkermarkt u. s. w.

Wer wurde nun in diese Hospitäler ausgenommen? Nicht bloß die wirklich Kranken, sondern alle Armen und Hilfsbedürftigen, welche durch eigene Ar- beit ihr Brod nicht mehr verdienen konnten. In allen Statuten wird ausdrücklich betont, daß arme, arbeit-- r.nd erwerbsunfähige Leute, in den Städten vorzugs­weise die Bürger, ausgenommen werden sollten. Hier­aus ergibt sich, wie falsch die Behauptung ist, daß im Mittelalter die Arbeit gering geachtet und dem Müßiggänge Vorschub geleistet worden sei. Indem die Stifter ausdrücklich betonen, daß nur arme und erwerbsunfähige Leute ausgenommen werden dürfen, haben sie die Gesunden an die Arbeit ver­wiesen. Die Hospitäler de- Mittelalter- nahmen auch die Invaliden der Arbeit auf und ersetzten so die Alter-- und Arbeitsunfähigkeits-Versicherung unserer Zeit. Ja, die Mildthätigkeit der so viel verschrieenen christlichen Vorzeit ging noch weiter; eS wurden be- sondere Stiftungen für Wittwen und arme Frauen gemacht, um auch diesen in schwerer Zeit eme menschliche Existenz zu sichern. Daß in solchen Epitälern elternlose Kinder Aufnahme fanden, tturbe b.reitS oben erwähnt.

Wir müsien somit in gewisiem Sinne dem Mittel- alter einen Vorsprung vor unserer Zeit zuerkennen; denn die Versorgung von Wittwen und Waisen ist ja heute noch ein frommer Wunsch, ein Ziel, welche- die Gutgesinnten erstreben. Wer ist nicht schon von Leuten angedettelt worden, die durchaus mittellos aus dem Spttale kamen und, weil »och m beittunfähig, Al- wosen erbitten mußten? El war deshalb eine sehr

weise Einrichtung, daß die au- dem Krankenhospitale de- Deutschen Orden- in Friesach entlasienen Pfleglinge beim Au»tritte eine kleine Geldunterstützung empfingen, deSgle-chen auch Reisegeld. Hierfür wurden jährlich 50 Gulden au-gegeben, eine für da- Mittelalter hohe Summe.

So wirkte die Kirche in Kärnten in der 5*®' gangenheit und sie wirkt fort bi- auf unsere Tage. Denn die schönen und segensreichen Stiftung« bestehen noch zum Wohle des Volke-. Auch heute noch sind die Diener der Kirche und die vom christlichen Geiste beseelten Laien bemüht, dem menschlichen Elende nach Kräften zu steuern. Wohl ist in Oesterreich die Kirche nicht mehr reich; dennoch vergißt sie nicht ihre erhabene Aufgabe, nach Kräften sich der Armen anzunehmen. Hier sei besonder- der Armer pflege der Klöster gedacht. An der Pforte der Dominikaner und der zwei Frauen­klöster in Friesach werden täglich 60— 70 Arme gespeist. Die Jesuiten zu St. Andrä geben täglich 10—15 Per­sonen eine kräftige Suppe und gelegentlich auch andere Speisen. Wöchentlich werden 8—9 Laib Brod und an Geld 1 fl 70 kr vertheilt. In den beiden Meiereien erhalten die Armen täglich Lebensmittel, bei verschiedenen Gelegenheiten auch Kleidungsstücke sowie kleinere und größere Gaben an Geld. Reisende werden oft, im Winter fakt täglich, beherbergt. In Klagenfurt bieten dar bischöfliche Hau- und die OrdeuShäuser täglich 120—150 Bedürftigen die ausreichende Nahrung. Die Franziskaner zu Villach spenden jeden Taz 50—60 Armen die nahrhafte Klostersuppe. Die Geldspenden deS Benedikinerkloster- St. Paul betragen jährlich nahe­zu 600 Gulden.

Die alte schöne Sitte, braven jungen Leuten bei ihrer Verehelichung die nöchige Ausstattung ganz oder theilweise zu verschaffen, blieb dem kärglich bestellten Kleru- nicht fremd. Ern Pfarrer Brauschak machte seiner Pfarrei eine Aussteuerstiftung, au» welcher jährlich 40 Gulden an arme, aber brave Leute vertheilt wer­den können. Fürstbischof Adalbert Lidmansly stiftete einen VermahlnngSfond-, au- welchem jährlich zwei Familien der gewerbetreibenden Klaffen mit Gaben bedacht werden können.

Die hier mitgetheitten Thatfachen auS dem schönen Werke deS Benediktiner- Cigoi beweisen zur Genüge, wie die Diener der Kirche ihrer sozialen Pflichten stet- eingedenk und demselben in jeglicher Hin­sicht g e r e ch t zu werden bestrebt waren. Der Liberalir- muS nnd der radikale Sozialismus, welche stet- so heftige Anklagen gegen die Kirche erh bm, mögen ihrer­seits das Beispiel de- genannten Geschichtsschreibers nachahmen; sie sollen in einer besonderen Schrift die Werke anführen, welche sie im Jrtrnsie ihrer arbeitenden, darbenden und leitenben Mitmenschen im Laufe der Jahrhunderte mit eigenen Opfern in- Leben gerufen haben.

Der Leo-Gesellschaft in Oesterreich darf man zu der vorliegenden Schrift Glück wünschen; sie hat ein zeitgemäße- apologetische- Werk geschaffen, welche- die Anerkennung aller Wohldenkenden verdient und sicher auch finden wird. Hoffentlich erscheinen auch die Arbeften der anderen Diözesen bald rasch nach. Glück auf!

£ Mädchenschutz.

Da die heutige Sozialdemokratte nicht an eine be­friedigende Besserung der bestehenden WirthschaftS- und Gesellschaftsordnung glaubt, so erstrebt sie eine völlige Gleichstellung, nicht nur sozial und politisch, sondern auch wirthschastlich. DaS hat daun selbstverständlich die Beseitigung de- Unterschiedes der Ge­schlechter bezüglich ihrer Stellung im sozialen und wirih'chafrlichen Leben zur Folge. Dabei vermögen ihre Schliststeller keinen Beweis für die Möglichkeit der Durchführung ihrer Pläne aus der Kulturgeschichte anzuführen, ohne zugeben zu müffel', daß die Rückkehr zu der allerprimitivsten Kulturstufe die unbedingte Folge sein würde. Der Plan, an der Stellung der Frau in der Gesellschaft da- Programm der Zukunstftaate- zu entwickeln, war so erfolgreich, daß das Bebel'sche Buch über die Frau die 25. Auflage erlebte.

D.e- erklärt unS auch, wie berechtigt von ver­schiedenen Seiten man nun Anstrengungen macht, Für­sorge für jene große Menschenklaffe, die weibliche arbeitende Jugend, zu treffen, aus der so viele Familienmütter und Hausfrauen hrrvorgehen werden.

Mädchenschutz, in leiblicher, geistiger und sittlicher B«. zichung, Hilfe und Rettung Arbeiterinn« Dienstboten, Ladengehilfinnen zu biete», drein ist ein wahrer Wett­streit entbrannt. Da kommen die Sozialisten mit ihren gewerkgenossenschaftlichen oder Berufsorganisationen und laden alle ein. Dann der Bund

deutsch:: Aüarnvereine und die vaierlärdffch?« grauen- teilte besonder- derselben an.

Schütz den Fabrikarbeiterinnen in nutz außer der Fabrik! In der Fabrik: man erstrebt eine Reform de- Fabrikinspektorat- dmch weibliche Fabrikinspektoren. Wenigsten- foll die Anstellung weib­licher Asiistenten angebracht sein. In der bayerischen Kammer ist ein diesbezüglicher Antrag der Sozial- demokraten mit großer Majorität angenommen worden. In den Vereinigten Staaten Nordamerikas gibt e- bereit- 28 weibliche Gewerbe-Inspektoren, in der Schweiz wird ihre Einführung befürwortet, in England, wo man soeben ben Versuch mit vier begonnen hat, wird ihre Nothwendigkeit und Nützlichkeit vom Centtal- inspettor begründet. Derselbe weist darauf hin, wie durch die weiblichen Organe ein BerttauenSverhältniß zwischen Arbeiterin und Inspektion geschaffen wird, wie eine Frau Alle-, wa- die weiblichen Eigenthüm- lichkeiten d s Erwerbsleben- auSmache, mit tieferem Verständnisse zu erforschen wisse, ebensowie auch die Arbeitsbedingungen in ihrer Rückwirkung auf Gesund­heft, Familienleben und Sittlichkeit der Frau.

Schutz der Fabrikarbeiterin außerhalb derFabrik! Wenn nach den Berichten der Gewerbe­inspektoren in Fabriken 223 328 Arbeiterinnen von 16 bis 21 Jahren, 337 499 Arbeiterinnen über 21 Jahre, außerdem noch 72692 jugendliche (13—16 Jahren) beschäftigt sind, dann muß ihnen, besonder- den allein­stehenden, größerer Schutz in Asylen, Hospizen, Heimen, mehr Ausbildung in hau-wirthschaftlicher Beziehung geboten werden. Dazu sollte und müßte ein Thril bet 400 Millionen Mark der VersicherungSanstal en ver­wandt werden. Wenn diese Anstalten bi- jetzt Geld für Errichtung von Arbeiterwohnungen hergaben, warum sie dann' nicht auch in Anspruch nehmen für diesen noch wichtigeren Zweck in gesundheitlicher und sittlicher Beziehung, nämlich für Arbeiter- und Arbeiterinnen- Hospize?

Schutz aber auch den Heim-Arbeiter­innen! Wie bekannt, wird die Heimarbeit von Biel« der Fabrikarbeit vorgezogen. Aber wie wird diese Frauenarbeit oder auch die in KonfektionSfabriken be­zahlt! Eine Münchener Militäreffektenfabrik zahlt für ein Dutzend Damen- und Arbeiterhemd« je 1,25 Mr, für zwei Handtücher 1 Pfg. für eine Unterhose 10 Pfg., wie die ,Ulmer Schnevpost' berichtet. Zu letzter Zeit kommen nun Damen der Berliner Aristokratie und wend« sich an VertrauenSpersonen der Heim-Arbeiter- innen der Schneiderbranche und mformir« sich auf'- Genaueste über ihre Berhältniffe durch Fragebog«. Sie bezweck« dadurch Bevorzugung der Geschäfte, die sie besser bezahlen und behandeln, Andere auch dazu zu veranlaff«.

Auf katholischer Seite wirkten bi- jetzt die ver­schiedenen Vorrichtungen in dieser Fürsorge fürMädchm- schutz gewiß äuch segensreich, aber er mangelte bisher an einer zielbewußten Organisation. Die einen wissen nicht- von den andern, sind nach außen auch nicht be­kannt, weil kein gemeinsame- Organ für unsere Wohl- fahrtSeinrichtungen existirte. DaS letztere ist jetzt, Gott sei Dank, al- Zeitschrift für die Werke der Rächst«- liebe im katholisch« Deutschland unter dem Namm ,Charita-' erschien«. (Freiburg, Herder, 3 Mk. jähr­lich) Die erste Nummer bringt die wichtige Mit­theilung, daß nun auch der Anfang einer Organisation gemacht ist, um jenen Urbelständ« abzuhelfen. In München ist eine Anzahl kathol. Frau« zur Gründung eines Verein- zusammengetretm unter dem Namen: „Marianischer Mädchenschutzverein* und hat sich unter den Schutz von Maria vom gut« Rath gestellt. Er will alle Vereine zum Schutze der weib­lichen Jugend unterstützen und fötbern helfen.

Zu diesem Zwecke sind in'- Auge gffaßt: 1) Be­kanntgabe und Empfehlung der bestlhend« katholisch« Anstalten und Vereine durch die Preffe. Plakate an ben Bahnhöfen, Anschaffung eine» „Führer-*; 2) Samm­lung von ^Beiträgen zur Errichtung von Stellm- vermittelungSbüreaux, Dienstbotenanstalten, bezw- Unter­stützung der bestehend«; 3) Gewinnung katholischer