M 61
Freitag, den 13. März 1896.
23. Jahrgang
Erscheint ttzlich, Seim- hi* Feiertage ausgenommen. — »ierteljährlicher Abo«neme»t»»reir ohne Briugerlohn und BesteSqelt in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten btt einspaltige Sarmonbzeile ober deren Raum 15 Pf., Reklamen die Prlitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
FiildiierWZtitlllig
mit Unteichaltrrngs-Kettagr Sterne und Klnwen".
X Das soziale Wirken der katholischen Kirche in Oesterreich.
u.
„In einer vollkommen ausgefialteteni'Gesellschaft müssen auch die Kunst und die Wissenschaften die gebt hrende Stellung einnehmen. Denn sie veredeln den Geist und verschönern dar Leben. Geistliche und Mönche sind die geborenen Feinde der Kunst und der Wrssen- schast, deshalb auch Feinde einer allen billigen Anforderungen entsprechenden gesellschaftlichen Ordnung."
So unsere Gegner. Ihre Behauptung aber wird durch die Thatsachen widerlegt. Das verhältnrß- rnäßig kleine Kärnten hat euch ein wohl entw ckelter, geistiger, wissenschaftlicher Leben und merkwürdig, Geistliche und Mönche sind in hervorragender Weise daran betheiligt. Theologie und Philosophie in allen ihren Zweigen, besonders die Naturwrssenschuften, werden von Benediktinern und Jesuiten mit Vorliebe gepflegt und auch im Interesse der landwirthschaftlichen Bevölkerung praktisch verwerthet. Wer sich hierüber genauer unterrichten will, lese den vierten Abschnitt in Cigvl'S Schrift (S. 188—217). Als 1764 in Kärnten die „Landwirthschasts-Gchllschift" gegründet wurde, waren unter den wenigen Mitgliedern die Geistlichen wohl am zahlreichsten vertreten; unter diesen waren der Bened knner-Abt Bernhard zu Bictr ng, die Jesuiten P. Halerstein und Wulfen u. A. Auch heute noch gehören viele Geistlichen dieser die Lar-dwirthschast fördernden Gesellfchaft an. Die Meiereien der Benediktiner gelten geradezu als Musterwirthschaften. In einem am 3. Sept. 1892 erstatteten Berichte über den landwirthschaftlichen Betrieb der Benediktiner-Stiftes St. Paul heißt es u. a.: „Die Rindviehzucht ist eine der schönsten. Diese Original Mariahofer-Race wird dort in der sorgsältigsten Weise gezüchtet; eS ist eine Rindviehheerde vorhanden, welche weit und breit berühmt ist und int Lavantthale für die Zucht als muster- giltig von der Bevölkerung anerkannt wird. Die große volkSwirthschaftliche Bedeutung auf dies- m Gebiete ist nur der Opferwilligkeit deS Benediktinerftistes zu danken, welcher die Kosten für das allgemeine Beste eigentlich allein trägt."
DaS rst wahrlich eine Anerkennung, so ehrenvoll, wie man sie sich nur denken kann. Wie steht denn nun mit d?n Arbeitern in diesen den finsteren Mönchen gehörenden Musterbetri bm? Die beiden Meiereien von St. Paul unterhalten etwa 90 Arbeiter; 41 Handwerker und Diener werden beschäftigt. Für die Handwerker trägt daS Kloster die Beiträge zur Krankenkasse und Unfallversicherung ohne irgend welchen Abzug. Die übrigen Diener genießen im Krankheitsfälle freie Apotheke und ärztliche Behandlung. Das Kloster trägt die Begräbnißkostcn der Verstorbenen. Wer von den Dienern 10—15 Jahre im Stifte bedienstet war, findet daselbst, wenn er durch Krankheit oder hohes Alter dienstunfähig geworden ist, Kost und Pflege verbunden mit einer Pension, die zur Deckung kleiner Bedürfnisse auSreicht. So gibt es gegenwärtig 20 Arbeiter und
Um Gold mtfr Ehre.
Bon L. von Reib egg.
4] —---- (Nachdruck verboten.)
Der Kreis lichtete sich zusthendS. E n Wagen nach dem andern rasselte davon. Mr. Brownings vielbesprochene Equipage war noch nicht erschienen. Ein anderer Gefährt raste daher, dessen muthige Pferde gescheut hatten vor irgend einem wehenden Wimpel. Aller stürzte auseinander, ihnen au« dem Weg; Browning, der ko pulent-, schwerfällige Mann, flüchtete einen mit Steinen besäkten Abha'g hinunter, sto^p.rte und fiel der Länge noch hin. Ern kleines Weilchen, und d- r Kutscher jenes Wagens hatte sich wieder zusammen- gefunden, nur Mr. Browning lag noch immer regungslos am Boden. Augenblicklich war Bestie an seiner Seite, und von W-sselhöst unterstützt, der eilfertig berbeigesprungen war, bemühte sie sich, den schweren Mann auf-urichten. ES gelang ihn in die Höhe zu bringen; als er jedoch auf die Füße sich stellen wollte, knickte er mit dem schmerzlichen Ausruf: „An meinem Bern ist etwas nicht in Ordnung!" wieder in sich zusammen.
Besorgt kniete Bestie neben ihm nieder: „Ist kein Arzt in der Nähe?" fidgte sie ängstlich.
Diener, welche dem Kloster seit 10—37 Jahren angehören und von denen einige nicht mehr dienstsähig find. Die musterhafte Einrick tung des klösterlichen land- wirthschastlichen Betriebes wirkt anregend auf die umwohnende Landbevölkerung; den Interessen derselben dienen direkt einzelne Einrichtungen; so eine nach dem neuen Walzenfystem eingerichtete Kunstmühle, welche sich in jeder Hinsicht als eine Wohlthat für die Bevölkerung erweist. An der mit vielen Kosten hergestellten Wasterleitung des Stiftes nehmen auch mehrere Bewohner des Markrflckens ohne jegliche Bezahlung Antheil. Den Missionären, welche von 1752 bis 1780 in der Pfarrei Stockenboy wirkten, wird nach-Mühmt. daß sie neben der Seelsorge auch an der wirthfchaft- lichen H bung des Volkes arbeiteten und dieses besonders in der Bienenzucht und im Obtzbau unterrichteten. Auch die Benediktiner von St. Paul hab» fick in dieser Hinsicht große Verdienste erworben. Ihre treffliche Baumschule liefert veredelte Obstsorten nicht bloß für bei eigenen Bedarf, sondern auch für die Umgegend. Die beiden letzten Prälaten Ferdinand Steininger und Augustin Duda waren tüchtige Promologe», deren Wissen der umwohnenden Bevölkerung Vorth-il brachte.
Deutsches Reich.
Berlin, 12 März.
* Der Kaiser nahm gestern Abend an dem Mahle bei dem italienischen Botschafter Grafen Lanza Theil. Heute Vormittag unternahm der Kaiser den gewohnten Spaziergang durch den Thiergarten und hatte auf dem Rückweg eine Unterredung mit dem Staatssekretär des Auswärtigen Freiherr» Marschall von Bieberstein. Im Schloß emt firg der Kaiser dann den Maler Professor Doepler, Hörle den Vortrag des Kriegsmimsters und arbeitete längere Zeit mit dem Chef des MilitärkabinetS General v. Hahnke. Um 1 Uhr wurde der Präsident der königlichen Regierung zu Koblenz Dr. Wentzel vom Kaiser empfangen. Um iVt Uhr fand im königlichen Schlosse aus Anlaß des Geburtstag s des Prinzregenten Luitpold von Boyern eine Frühstückstafel zu nahezu 40 Gedecken statt. Heute Abend wohnte daS Kaiserpaar der Trauung des dlenstihuenden Flügeladjulanten des Kiffers Grafen v. Moltke in der DreifaltigkeitS- kirche bei.
* Der österreichisch - ungarische Minister deS Auswärtigen Graf von Goluchowski hatte heute Vormittag sowohl mit dem Reichskanzler, als auch mit dem Staatssekretär Frhrn. v. Marschall eine längere Unterredung, wie denn überhaupt in diesen. Tagen zwischen den genannten hohen Herren ein sehr reger Meinungsaustausch stattgesunden hat. Bestand bereits vor dem Eintreffen des G aftn Goluchowski Ueber- einstimmung mit den leitende »deutschen Staatsmännern, so ist diese, wie die ,Rat. Ztgck von zuverlässiger Seite vernimmt, nunmehr sowohl in Bezug aus die wechselseitigen B ziebungen Oesterreich-Ungarns und Deutschlands als auch hinsichtlich b i allgemeinen Lage liesest i g t worden.
„Willi! Willi Schröder!" rief Wesselhöft. „Mein Freund u. Verwandter Dr. Schröder ist mit mir hierher gekommen," erklärte er zu Bestie gewandt. „Ich sehe ihn daher eilen. Erlauben Sie, daß er dar Bein besteht? Hoffentlich kann er dann konstatiren, daß keine ernstliche Verletzung stattgefunden hat."
„Hoffentlich!" seufzte B-ssie, und sahisich erwar'ungs- voll um. „Ach, wenn er nur käme!"
Der alte Mann streichelte sanft ihre Wange. Wenn er sich einfach gab, so gewann sein gutmüthiges Gesicht einen ganz veränderten, einen beinahe angenehmen Ausdruck: „Es ist nichts, Bessre!" tröstete er, „höchstens eine kleine Quetschung."
Dr. Schröder war herangetreten und hatte das Bein untersucht. Er korstatitte einen Bruch in der Nähe des Knöchels und sprach von der Nothwendig- keit, eine Art Verband anzulegen.
Befsie erwies sich als echte Samariterin. W der jammerte noch klagte sie; ruhig war sie dem Arzte behilflich, so sehr sie konnte. Im Sande gekauert, hielt sie Kcpf und Oberkörper des alten Mamers mühsam aufrecht. Als Dr. Schröder sich nach irgend etwas nmsah, daS er zum Nothverband verwenden könnte, hatte sie aber nichts anzubieten, als ihr Taschentuch. Mit spöttischer Geberde warf der Arzt das leichte
* Am SamStag (14.tzMärz) kehrt sder Todestag Windthorst's zum fünften Male wieder. Möge der von unserem unvergeßlichen Führer so oft geäußerte Wunsch: „Gedenket meiner im Gebete, wenn ich nicht mehr bin!" besonders an diesem Tage in allen kathol. Gemeinden Deutschlands beherzigt werden.
Q In Nr. 52 der ,Fuld. Ztg.' wird es mit Recht als eine Härte bezeichnet, daß den im Kultmkamps im AuSlande angestellt gewesenen Geistlichen diese Jahre bezüglich der AlterSzulagen in Preußen nicht ««gerechnet werden. DaS muß um so mehr befremden, wenn die Betreffenden nicht etwa in England oder Oesterreich, sondern sogar in einem deutsche« Bundes st aale gewirkt haben. Dieß ist doch eine eigenrkLml'che Illustration zu der (mit Recht) viel gepriesenen Einigung der deutschen Stämme unter Preußens Führung. Wie aber erst, wenn dazu noch kommt eine auf Verträgen gegründete Verpflichtung? Nehmen wir da als Beispiel speziell unsere Diözese Fulda. Bei Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse in Deutschland im ersten Viertel unseres J-chrhrmderts wurde die Diözese Fulda gebildet aus den Katholiken deS KurfürstenthumS Hessen, mit welcher Diözese dann noch die Katholiken des Groß- herzogthums Sachsen - Weimar - Eisenach vom päpstliche« Stuhle unter Zustimmung sowohl der karfü-stlich-h ssffchrn als auch der großhwzoglich.sächsi. scheu Regierung verbunden wurden. So hat sich offenbar ein RechtSverhältniß gebildet. Seitdem amtirten kurhessische Unterthanen im Großherzogthum Sachsen, und großherzoglich'sächsische Unterthanen in Kurhessen als Pfarrer. Aber keiner von beiden Regierungen ist es je eingefallen, bezüglich der GehaltSbezüge je danach zu frage», ob es eigene oder frembe Unterthanen seien, ob sie im biesseitigen oder jenseitigen Theile der Diözese vordem Dienste getharr. Alle würben im Gehalte gleich gehalten. Auch heute noch macht bie groß- herzoglich ° sächsische Regierung bei Anstellung eines Pfarrers keinen Unterschieb und zahlt betten, bie vorbem im (jetzt) preußischen Antheile angestellt gewesen sind, nicht weniger Gehalt als betten, die etwa stets in ihrem Gebiete amti t haben. Im preußischen Diözesanantheile wird dagegen Sachsen-Weimar noch immer als Ausland betrachtet. Bor kurzem durchlief eine Notiz die Zeitungen, daß ein?m vordem im We'marischen angestsllten Pfarrer auf eine spezielle Beschwerde hin eine Abfindungssumme gewährt worden sei. Wie aber, wenn der betreffende Pfarrer eine weitere Altersstufe erreicht? Sollten nach dem bärge« legten Rechtsverhältnisse nicht den betreffenden Geistlichen die im Weimar eschen verbrachten Priester jahre ein für alle Mal selbstrebenb unb ohneWeiteres angerechnet werben? Preußen hat doch wohl anno 1866 ur.S kurhessische Katholiken nicht bloß mit uuftren Pflichten, sonbern auch mit unseren bestehenden kirchlichen Rechten übernommen?
' % In ber Bndgetkommission bek Reichstage» brachte heute Dr. Lieber Namens ber Centrumspartei bett Antrag ein, bie clausula Franckenstein für bie
Gewebe von sich, nahm kurz entschlossen W-sftlhöfts Taschentuch, riß es in Streifen, unb umwickelte sorgsam ben verletzten Fuß. Darauf instruirte er den Freunb, wie er ben Kranken anzufassen habe, und von Bessie unb einem herbeigerufenen Schutzmann Liter« stützt, trug er ihn bem Wagen zu, der mittlerweile herangekommen war.
I Als man daran gehen wollte, ihn in den Wage» zu heben, kam athemlos ein junger Kavallerie-Offizier baher. Er war ein schlanker, auffallend hübscher Mensch, mit regelmäßigen, nur vielleicht etwa» weibischen Zügen;
| auch lag auf bem Gefickt ein Ausdruck von Selbst- l zufriebenheit, ber nicht angenehm berührte. Er be- | grüßte flüchtig, gleichsam von oben herab, bie be ben ; um Mr. Browning beschäftigten Männer, bie ebenso I kurz ben Gruß ertoiberten, verneigte sich tief vor ber l erröthenden B ssie und wandte sich dann eifrig zudem I alten Herrn.
(„Meine ganze Freude ist mir verdorben," sagte er. „Daß dieser Unfall Sie gerade heute, gerade hier treffen mußte ..."
„Wenn Sie zufassen wollten, Herr von Karten« j städt, und helfen, Mr. Browning in den Wagen zu heben," unterbrach ihn W-sselhöst, „wäre eS dem Kranken sehr dienlich."