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Dienstag, dm 10. März 1896.
23. Jahrgang
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mit Unterhaltungs-Keilas» „Sterne und Htumeu". _______________
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«L Die italienische Krisis und der Dreibund.
In diesen Tagen weilt der Leiter der auswärtigen Politik Oesterreich-Ungarns, Graf Golu- chowSki, in Berlin. Die Offiziösen in Berlin und Wien haben sich beeilt, diesen Besuch als einen längst beschlossenen Gegenbesuch darzustellen, bett Graf GolnchowSki dem Fürsten Hohenlohe schuldete. Da» letztere ist richtig; daraus folgt aber keineswegs, daß der Aufenthalt der Grafen GoluchowSki in Berlin keine unmittelbaren politischen Zwecke verfolge. Der Besuch konnte ja ruhig noch etwa- hinauSgeschoben werden; daß er gerade jetzt, nach der Niederlage der Italiener bei Adua erfolgt, ist durchaus kein zufällige» Zusammentreffen, sondern steht, wie wir bestimmt zu wissen glauben, in engstem ursprünglichen Zusammenhänge mit den gegenwärtigen Nöthen unsere- dritten BnndeSgenoffen. Auch ein Artikel der ,Köln. Zeitung', der von dem offiziösen Wolff'schen Telegraphenbureau weiterverbreitet worden ist, deutet darauf hin. ES wird in diesem Artikel ohne Weitere- zugegeben, daß der Besuch des österreichischen Minister- kein bloßer HöfllchkeitSakt ist, sondern auch den Zweck einer gründlichen Aussprache über die schwebenden politischen Fragen hat; und dann wnd in dieser Beziehung besonder- da- Unglück Italiens hervorgehoben. Der Artikel betont, daß dieses Unglück „bie Ueberzeugung von bet Rothwenbigkeit festen Zusammenstehens zwischen bett beiden mitteleuropäischen Staaten unb Italien nur noch weiter kräftigen unb bamit ben Drei- bunb, soweit eS möglich ist, noch mehr befestigenwerbe. , ...
Die gleiche Anschauung finben wtr auch tu einer Reihe anberer, besonder- nationalliberaler Blätter vertreten, während auS den AuSlaffungen mehrerer konservativen Blätter ein leiser Zweifel an der Rütz- lichkeit der italienischen Bunde-genossen- schäft hervorblickt. Dort, wo die Meinung vertreten wird, gerade da- jetzige Unglück Italiens beweise die Rothwenbigkeit beS DrribunbeS, sehen wir stets folgenbe Beweisführung wieberkehren: Bestäube ber Dreibuab nicht, so wäre Italien jetzt in ber größten Gefahr, von Frankreich überfallen zu werden, unb ohne baS Bünb» niß mit Deutschlanb unb Oesterreich wäre Italien gar nicht im Staube, baS Mutterlaub von feinen besten Truppen zu entblößen unb mit bieten in Afrika bte erlittene Nieberlage zu rächen. DaS ist vollkommen richtig; aber wa» wirb baburch bewiesen? Doch nur, daß das Bestehen de» Dreibünde- augenblicklich für Italien sehr vortheühast, ja vielleicht seine einzige Rettung ist, nicht aber, daß auch Deutschland und Oesterreich auS dem Bündniffe Bortheil haben. Wir wollen damit gewiß nicht den Rath geben, Italien jetzt im Stiche zu lassen; daS wäre in der That weder ritterlich noch edel. Aber e» kommt da» ja auch jetzt gar nicht in Frage, denn der Dreibundvertrag bleibt bi» zum Jahre 1898 in Kraft. Dann aber, beim
Um Gold und Ehre.
Bon L. von Neidegg.
1] ------- (Nachdruck verboten.)
1. Kapitel.
Reges Leben war in den gewöhnlich so stillen Wusteroder Grund gekommen; daS im Städtchen Rorrenburg garnisonirende Kürassier-Regiment hielt dort zum erstenmale eine» der seither zur stehenden Entrichtung gewordenen Wettrennen ab. <58 war nicht leicht geworden, einen dazu geeigneten Platz zu finden in jener hügeligen Gegend, welche nur eine Abwechselung bot von fruchtbaren Feldern, von wohlgepflegten Obstgärten oder aber von aller Kultur unzugänglichem Land. So hatte man fich endlich für die Wusteroder Ebene entscheiden müffen, welche steinig, flüubig, von der Sonne ausgebrannt, zwischen zwei kahlen Hügelreihen sich hinzog, auf welchen einzelne FUiblöcke — wie Reste alter Cyk.opeumaueru anzusehen — ihre energischen Profile zeigten.
Daß der Platz, mit dem man sich begnügen mußte, ben Auforberuugeu, welche man au eine Rennbahn stellt, nur in geringem Maße entsprach, hatte bie Schaulust unb Neugierde ber Stadt- wie Landbewohner nicht zu dämpfen vermocht. Born schönsten Sonnenschein begünstigt, hatten sie sich in Hellen
Ablauf des Vertrag», sind wir vollkommen berechtigt, ganz nüchtern und nur mit Rücksicht auf Deutsch- land» Jntereffe die Frage zu ettoägen, ob ei fich empfiehlt, den Vertrag mit Italien zu erneuern. Und wenn die Antwort daun lauten sollte: „ Das Bünduiß mit Italien nützt uns wenig, birgt aber große Gefahren für uns in fich/ so find wir nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, den Vertrag nicht zu erneuern; denn in erster Linie haben die deutschen Staatsmänner da» deutsche und nicht das italienische Interesse zu vertreten.
Der Zeitpunkt, wo wir uns diese Frage vorlegen müffen, ist gar nicht mehr so fern; thatsachlich wird sie von den betheiligten Regierungen auch schon lauge erwogen. Damm sind wir auch heute schon derechttgt, die Frage zur Erörterung zu stellen: Wa» nützt nn» das Bünduiß mit Italien? Und da müssen wir doch ganz offen gestehen, daß wir diesen Nutzen für sehr zweifelhaft halten. Dem äußeren Anscheine nach bedeutet ja der Zutritt Italien» zum deutsch-österreichischen Bunde einen Machtzuwachs, aber nicht jeder äußere Machtzuwachs bedeutet zugleich eine innere Stärkung unb Festigung. Verpflichtet fich Italien, uns bei einem Angriffe seitens Frankreich» berzustehen, so verpflichten boch auch wir uns, ben Italienern zu helfen, wenn sie von ben Franzosen angegriffen werben. Unb ba entstehen zwei Fragen: 1) Ist bie Hilfe, die wir von Italien zu erwarten haben, ebenso viel werth wie die Hilfe, die sie von un» beanspruchen können? und 2) wa» ist wahrscheinlicher, daß wir den Italienern oder daß die Italiener un» zu helfen haben werden?
Wa« die erste Frage angeht, so dürste boch wohl Nieman bezweifeln, daß der bewaffnete Beistand, den wir den Italienern leisten können, sehr viel mehr werth ist, als die Hilfe, die von ihnen für uns zu erwarten ist. Die deutschen Truppen haben sich 1866 wie 1870 vorzüglich bewährt, die Italiener ober sind Überall, wo sie mit anderen europäischen Truppen zu kämpfen hatten, geschlagen worden. Und jetzt sind sie sogar von „Barbaren", denen die europäische Kriegskunst ganz fremb ist, aus'S Haupt geschlagen worden. General Baratieri berichtet, daß die italienischen Truppentheile zuerst vor den Schaaren Menelik» die Flucht ergriff m haben, während die eingeborenen Truppen erst nach tapferem Widerstande zurückwichen. Jedenfalls taugte die Leitung aber noch viel weniger, als die Soldaten. Der Führer der vordersten Kolonne, General Albertone, ging höchst unvorsichtig vor und marschierte in einer Art Hurrahstimmung durch die GebirgSpäffe, um dann hinter diesen, noch in der tief- gegliederten, gedrängten und hilflosen Marschordnung, von den Abeffyniern überfallen zu werden, die — wohlüberlegt — die Italiener erst mhig hatten die Pässe pasfiren lassen. Unb bann erbat fich Aibertone vergeblich von Baratieri Hilfe; bieser wollte gar nicht glauben, baß Albertone Hilfe uöthig habe, zauberte unb zauberte, unb als er dann schließlich boch bie Haufen auf bem Festplatz eingefunben; — in eleganten Equipagen bie einen, in bürftigen Gefährten ober zu Fuß unb mit Staub bedeckt, bie anderen. — DaS letzte Rennen ging zu Ende; die Erregung der vielköpfigen Menge hatte den Siedepunkt erreicht. Von den sechs Reitern, die vom Ausgangspunkte abgeritten waren, blieben nur mehr drei, welche man dem Endziele sich nähern sah. Der eine, eine schlanke Gestalt in weiß und rothen Farben, war hinter seinen Mitbewerbern etwa» zurückgeblieben. Ein letztes — ziemlich bedeutender — HinderUiß mußte aber noch genommen werden. DaS ermattete Pferd des einen Jockey refüfirte aber so vollständig, daß dem Reiter nichts andere- übrig blieb, als schmachbedeckt die Bewerbung aufzugeben. Das zweite Pferd setzte wohl hinüber, damit schien aber seine Kraft erschöpft; denn, während der Weiße und Rothe, der klug auSzuhalteu gewußt hatte mit seiner Leistungsfähigkeit, wie ein Pfeil daS Hiuderniß nahm, und dann im schnellsten Lauf die Bahn fortfegte, blieb der Blaue und Rothe hinter ihm immer mehr zurück.
AthemloS verfolgten die Zuseher ben flotten, weiß unb rothen Reiter mit ihren Blicken; ein paar @e- lunben heißen Ringens, unb er hatte fein Ziel erreicht. „Hnrrah! Hurrah bem Weiß unb Rothen! Hurrah ftattenftäbt!" brach eS los unter ber Menge.
Reserven vorschickte, war eS zu spät — bie Schaaren «Ibertone« kamen ihnen, soweit sie nicht niedergemacht ober gefangen waren, in »über Flucht entgegen unb brachten so auch bie Hinteren Linien in Verwirrung. Unb babei hatte man boch sicher nicht bie schlechtesten Generale nach Afrika geschickt! General Balbiffera, ber neue Oberbefehlshaber, wird fich große Mühe geben müffen, wenn er ben ungünstigen Embruck, ben man bisher von ben italienischen Truppenführern erhalten hat, mieber verwischen will. Außerbem hat man jetzt auch erfahren, wie große Mängel bie ganze italienische HeereSorganisation hat: in Italien bestehen fast alle Truppentheile jetzt größtentheilS auS Rekruten!
Dies führt uns zur Beantwortung ber zweiten Frage; benn gerabe biefe Schwäche Italiens bildet einen starken Anreiz für Frankreich, den Krieg vom Zaune zu brechen. Bei der großen Erregung, die in Italien über die wirkliche ober angebliche geheime Unterstützung MenelikS burch Frankreich herrscht, können ja leicht Ausschreitungen vorkommen, in beiten Frankreich, wenn ei will, ben Kriegsfall erblicken könnte. Auch hat die Großmannssucht, die durch Crispi in die italienische Politik gebracht ist, und die Sucht nach kolonialen Eroberungen die Streitpunkte zwischen Italien und Frankreich vermehrt unb zugleich die italienischen Kaffen geleert. Kurz, es ist heute weit wahrscheinlicher, daß Frankreich die nächste Gelegenheit zu einer blutigen Abrechnung mit Italien benutzt, als daß es den Rachekrieg gegen Deutschland wagt. Rur da» Bündniß Frankreich» mit Rußland bietet, solange ba» letztere in Europa beit Frieben braucht, einige Gewähr für Frankreich'» Enthaltsamkeit.
Schließlich kommt auch bie Zunahme ber revolutionären Strömung in Italien in Betracht. Italien al» Republik ober auch al» Monarchie unter einer rabikalen Parlamentsmehrheit wird stet» zu Frankreich neigen und ist für ein Bündniß mit so konservativ-monarchischen Staaten wie Deutschland und Oesterreich-Ungarn verloren. Brauchen wir die Italiener überhaupt? Wir verneinen dies ganz entschieden, zumal wenn wir eine vernünftige Friedenspolitik wie seither führen und un» angelegen fein laffen, in der langsamen, aber unleugbar fortschreitenden Besserung unserer Beziehungen zu Rußland unb Frankreich weitere Fortschritte zu machen. Der beutsch-österreichische Zweibunb wirb, richtig geleitet, allen Möglichkeiten gewachsen sein unb bietet babei bie beste Gewähr für bauernben Bestaub. Deutschlanb unb Oesterreich gehören von Natur zusammen; für ihr Verhältniß zu Italien läßt sich nicht dasselbe sagen.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. März.
* Der Kaiser unb bie ft aif er in besuchten gestern Vormittag den SotteSbienst in ber Dom-JnterimSkirche unb fuhren auf bem Rückwege bei ber Kaiserin Fried-
Damen klatschten in bie Hänbe und schwenkten ihre Tücher — Männer winkten mit ben Hüten unb Mützen — man hätte meinen können, ber Weiß unb Rothe habe ba» Vaterlanb gerettet, mit solcher Begeiferung würbe sein Sieg bejubelt.
Auf einer der Tribünen war die Theilnohme eine ganz besondere; die OffizierSfrauen au» ben benachbarten Stäbtchen unb die sogenannte bessere Gesellschaft au» eben jenen Orten hatten dort ihre Plätze und verfolgten die Reiter mit gespannter Aufmerksamkeit. Am meisten jedoch unter allen Zuschauern that sich durch rege Antheilnahme ein grauhaariger, breitschulteriger alter Herr hervor. Ein Herr auf der Tribüne gehörte ohnehin zu den weniger häufigen Erscheinungen; dieser eben fiel ganz besonders in» Auge durch sein lautes, beinahe lärmende» Wesen, und durch sein vierschrötige» Aussehen, gegen welches seine ausgesucht feine Kleidung eigenthümlich abstach. SIS der weiß und rothe Reiter hinter seinen Mit- bewerbetn zurück zu bleiben schien, da war der alte Herr mißmuthig auf feinem Sitze hin und her gerückt 5 und laute Ausrufe der Unzufriedenheit waren ihm entschlüpft. Al» bann bie brei Reiter fich bem Hin- ' bemiß genähert, ba hatte er sich von seinem Sitz er- ? hoben, um alles besser beobachten zu können, unb i hatte badurch, wie begreiflich, bie sittliche Entrüstung