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Neilagr Mv Wulöaev Leitung.

23. Jahrgang

Samstag, öen 7. März 1896.

* Amerikanische Betrügerei.

Die amerikanischen Blätter geberden sich höchst ungeberdig, daß man in Deutschland fich vor ver­fälschten amerikanischen Nahrungsmitteln zu schützen sucht. Zu rechter Zeit kommt unS indessen ein amt­liches Schriftstück in die Hände, dar eclatant beweist, wie im „freien" Amerika dieser Schwindel betrieben wird, und wie sehr wir sogleich im Rechte find, wenn wir uns dagegen verwahren. Der NahrungSmlttel- Kommissar Wells von Pennsylvanien veröffentlicht nämlich einem amtlichen Bericht, welcher unter der Rubrik: „Verfälschte Nahrungsmittel", so viele ver- schiedene Posten aufführt, daß man wahrhaftig zu der Aage berechtigt ist: WaS ist nicht verfälscht? In der langen Liste der unreinen oder verfälschten Genuß- mittel, die in den Handel kommen, finden wir Back- pulver, Butter, Buchweizenmehl, Zuckerwerk, „Catsup", Apfelwein, Käse, Zimmet, Gewürznelken — fast aus» fchließlich aus Kokosnußschalen hergestellt mit kaum wahrnehmbarem Geruch oder Geschmack; ferner die als Stärkungsmittel verkaufte Zusammensetzung von Fleischbrühe, Wein und Eisen, Kaffee — auS Weizen und Gerste gemacht und mit Zucker geröstet; Schell» fisch, getrockneter Kabeljau, der kein Kabeljau ist, son- dein einfach billiger getrockneter Fisch; Cremor tartari, mit Mehl verfälscht; Flachssawen mit Stärke vermengt; Obstbutter, wie Apfelbutter, Pfirsichbutter, stark mit StärkeabfälliU und Salizylsäure versälscht; Ingwer, vermengt mit Reishülsen, ReiSmehl und spanischem Pfeffer; Schweinefett; Ahornzucker — aus Glukose hergestellt durch Hinzufügung von etwa 20 Prozent Wasser; Oravgensast, Zitronen»Oel, Melasse, Senf, Olivenöl, Pfeffer, Essig, Vanillenextrakt; alle Arten Präserven, Erdbeeren- und Himbeer - Gelee und Thre.

Dem Erdbeeren- und Himbeerensaft fügte man, um die Täuschung vollkommen zu machen, etwas Klee- samen hinzu, Butter, Käse, Milch färbte man — zu­meist mit Annatto —, condenstrter Milch gab man einen Zusatz von Schlemmkreide u. s. w. DaS künst­liche Färben von Nahrungsmitteln ist sehr gebräuchlich, doch ist man, dank der Anstrengungen der Gesundheits­behörden, von der Benutzung von Arsenik, Kupfer- und Bleiverbindungen abgekommen, und benutzt heutzutage zumeist Indigo, Blauholz, Annatto, Cochenille und andere Farbmittel, die wohl nicht als schädlich anzu­sehen sind. ....

Während man die künstliche Färbung auch bet dm besten Qualitäten der verschiedenen Nahrungsmittel anwendet, beschränken sich die direkten Fälschungen hauptsächlich auf die minderwerthige Waare, die von den breiten Massen der ärmeren Schichten des Volkes gekauft werden, also gerade von denjenigen, die sich am wenigsten gegen Betrug und Uebervortheilung schützen können.

Selbst die in solchen Dingen sehr „tolerante" amerikanische Presse bricht über dirse Fälschungen in EntrüstungSausbrüche aus, denn so schlimm hatte man sich das doch nicht vorgestellt. So schreibt z. B. die ,Chicago Abendpost': „Der Mann, der Weizen und Gerste als Kaffee, oder gebrochene Kokosnußschalen als Gewürznelken verkauft, ist ein ebenso großer Schwindler, als der Falschmünzer, der ein geprägtes Stück Blei für einen Silberdollar ausgibt, und er sollte ebenso verfolgt und bestraft werden. Natürlich gefchieht das nicht, man nennt im Gegentheil solch einen Mann noch einen „smarten" Geschäftmann; aber er wäre doch wohl an der Zeit, daß man diese etwas fragliche Ge­schäftsmoral an den Nagel hängte und auch den kleinen Mann vor Betrug zu schützen suchte. DaS wird eine schwere Aufgabe sein, und sie ist wohl kaum zu lösen, wenn die Bürger nicht selbst mit Hand anlegen. DaS wiederum kann aber nur geschehen, wenn rhnm Ge­legenheit geboten wird, die Fälschung zu erkennen, und deshalb dürste sich die von Sekretär Morton seiner Zeit vorgeschlagene Anlage von öffentlichen Laboratorien, in denen die Lebensmittel behufs ihrer Reinheit untersucht werden könnten, dringend em- pfehlm. Wissentlich werden nur die Wenigsten ver­fälschte Waare kaufen, und die Geschäftswelt würde, wenn das Ergebniß von Nahrungsmittel-Untersuchungen veröffentlich würde, bald genug merken, daß daS alte Sprichwort „Ehrlich währt am längsten" — immer noch wahr ist."

Der Wilderer.

Wir find im Bayerischen, im Gebirge, in dem malerischen Aufundabgewoge von Berg und Tyal, welches sich um das liebliche Partenkirchm weitet und lhürmt. Wie kräftig in den Bergen der Hochwald rauscht, und wie sich der beste Theil deS Lebens in eben bieiem Waldwinkel konzentrirt! Die Jagd ist hier gleichsam

die natürliche Beschäftigung für Jedermann, und da geschieht es denn, daß die Leute, welche nicht jagen dürfen, sich dieses „Lebensbedürfnisses" auf ungefetzliche Art erfreuen. Das Leben ist in der ganzen Welt ein Kampf um's Dasein; im Waldgebirge ist eS vornehm­lich ein Kampf und die Beute, um da» Wild, ein Kampf zwischen Jäger und Wildschütz.

Da gab eS nun eine Zeit, wo daS femdselrge Ber- hältniß zwischen Jagdschützen und Wilderern aus das Höchste getrieben war. Der Förster K. war pflicht­getreu und unerbittlich, die Gehilfen muthig und treu, die Wilderer wurden verfolgt und gereizt bis zur Tollheit. So standen die Sachen. Fast jede Woche wußte man von blutigen Zusammenstößen zu erzählen, die immer zum Nachtheil der Wildschützen ausfielen. Der Balzer war der bekannteste Wilddieb weit und breit. Man wußte, daß er „davon nicht lassen" könne, nickt au» Habgier, sondern aus Lust am Jagen. Und sein Sohn, der Anderl, war ebenfalls auf die Jagd versesfen. Da geschah es eines Tages, daß Ander! mit seinem Vater aus'S Wildern ausging. Und eben, als sie Über einen Rehwechsel schlichen, da knallte ein Schuß durch das sonnig fluchende Morgenlicht und der Anderl fiel getroffen zu Boden. Süll blieb es ringsum. Nur den Zornschrei deS BaterS hörte man, der sich auf seinen Sohn stürzte und den Sinkenden mit seinen Armen ausfing. . .

„DaS war der Förster!" wüthete der Balzer auS tiefster Brust heraus. Dann zerfloß feine Wuth in Leid.

Die Rofengluth deS Morgens übergoß die freund- liche Lichtung mit ihren Fluthen. Herrlich war der Wald und majestätisch wie ein Dom, und auch der Altar fehlte nicht. Ein MattergotteSbild lächelte von dem Baume herab, au diffen Stamm das junge blühende Leben verblutend zusammengesunken war.

„AuS is's Vater!" sagte der Ander!. „Gut, daß daS Bilde! da is!" Dabei schaute der Anderl mit düsteren Augen nach demselben hinauf, faltete die Hände und sagte: „Bet' laut für mich, Vater!" Die Thränen aus den Augen de» Alten rannen auf ihn herab. „Weine doch nit fo. Da» thut so weh!"

„Verwünscht soll der Mann sein, der Dich er­schossen hat! Dem schwör' ich blutige Rache. „Fallen soll er, wie Du da liegst!"

„Red' nit so, Vater! Mach' die Sünd' nit noch größer. Wie kann mir denn der Herrgott vergeben, wann ich nit verzeih'! Versprich mir also, daß Du dem Alten nichts thust! Versprich mir's, vor dem Bilde dort oben, Vater!"

So angstvoll klang die Stimme deS Sterbenden, und so blaß wurde er, daß der Alte nichts thun konnte, als nicken. Und dann beteten sie noch einige Worte, endlich betete der Alte nur noch allein. Und die Sonne stieg auf, und der ganze Wald war voller Glanz!

Wie aber der Balzer sich auftrchtete von dem lobten, da war kein Glanz in ihm, sondern nur finstere Wuth, und er rief in das rauschende Laub hinauf: „Und rächen will ich Dich doch!" Aber das Bilde! hatte fein früheres Versprechen gehört, und das mußte er doch auch*halten.

Der Förster durchschritt in der Morgendämmerung fein Revier. Was hörte er da im Gebüsch? Und wie er näher schlich, was sah er da? Einen Zwölfender, den eben mehrere Männer unter dem Tannenreisig hervorziehen wollten. Er wollte sich rasch ducken, da verrieth ihn ein Knacken unter den Füßen.

„Ha!t!" schrie es ihn an, und im Nu waren die Männer um ihn. „Herunter das Gewehr!"

Fünf Flmttnkäufe waren auf ihn gerichtet. Mit rasendem Gebell fuhr der Hund des Försters die Wilderer an und fiel als erstes Opfer.

„Mach' Reu' und Leid, Jägersknecht!" schrie der Galgenhirl dem rasch entwaffneten Manne zu. „Denkst noch daran, wie ich Deinetweg-n zwei Monate in der Frohnveste gesessen, und Weib und Kind haben betteln müssen? Jetzt ist der zahlende Tag gekomm-n!"

„Das Loch in meiner Joppe da is von Deiner Kugel, und nimmer hab' ich'- stopfen lassen, bevor mir nit Rache geworden iS für den Schuß, der mich fast zum Krüppel gemocht hat!" rief der Tirolersepp.

„Jetzt bet' noch ein Vater unser, denn hin mußt werden, so gewiß die Hand da nur noch drei Finger hat! Aber glaub' ja nit, daß Dir ein ehrlicher Jager- tob beschieben is! Büßen sollst für Alles, was Du den Wilderern schon angethan!" höhnte der vergantete Bauer von der Wegeralm.

Der Förster erbebte vor Schmerz bei dem Ge­danken an den Jammer von Weib und Kindern. Aber sollte er die rohen Menschen um sein Leben bitten? Da hörte er, wie unter den zu einer Bc- rathung seitwärts getretmen WUdschützrn sich einer

erbarmte und um sein Leben bat. Es war der (YXa/a am

„Und wenn er zehn Eide schwört, er darf nicht leben! Ja, wären wir schwarz gemacht im G'ficht wie sonst! Aber er kennt jeden von uns und er muß stumm gemacht werden, so wahr ich der Tirolersepp Ijitt!"

Vergebens bat der Balzer. Man gestattete ihm nur, bei der Exekution unbetheiligt zu bleiben und sich entfernen zu dürfen. Um Verzeihung bat er noch den unglücklichen Mann und empfing seine letzten Grüße und Segnungen für Weib und Kinder.

Hart an einem fchwindelndeu Abgrunde erhob sich der gebleichte Stamm einer vom Blitze zerschlagenen Weißtanne, an deren Fuße sich ein starker Ameisen- Haufen austhürmte. Hierher schleppten die Unmenschen den schon vorher gebundenen Förster und sprachen da- Urtheil über ihn: anfgebunden zu werden am dürren Stamme mit den Füßen nach oben, so daß der Kopf auf den Ameisenhaufen zu liegen kam in der heiß niederbrennenden Sonne. Da bat der arme Mann schaudernd, — nicht um sein Leben, sondern um eine mitleidige Kugel! Aber er wurde nur verlacht, und selbst die letzte Bitte um einen Trunk Wasser wurde ihm versagt. Das Gräßliche geschah. Einsam, ver­lassen, vom brennenden Durste gequält, dem Wahn­sinne nahe, fühlte der Unglückliche, wie die gereizten Insekten ihm in Nase, Ohren und Augen krochen und ihn mit starken Zangen und ätzender Säure angriffen. Das gewaltsam zum Kopfe gedrängte Blut raubte ihm bald die Besinnung, und Todesnacht erlöste den Armen vom ausbrechenden Wahnsinne!

Vom bösen Gewissen gejagt, entfernten sich die Wilderer von dem Schauplatze ihrer Schandthat und waren kaum außer Sicht, als ein Mann int schnellsten Schritte dem SchreckenSorte zueilte, mit raschen Schnitten die Bande der Unglücklichen zertrennte und demselben mit dem frischen Wasser des nahen Baches den glühenden Kopf kühlte und reinigte, die erstarrten Gelenke rieb und freubig aufathmete, als ber Förster bie Augen öffnete. Der Retter war ber Balzer.

„Balzer, Du bist's?" flüsterte ber Errettete.

„Ja, ich! Hab' Dich selber umbringen wollen, für meinen Anberl. Aber wie Du bag'legen bist, ba war mir's, als ob's in mir reben that: „WaS hast Du benn versprochen? Wenn ber Ander! im Himmel iS, darfst nit in die Höll kommen." Und nur darum hab' ich'- gethan."

Der Förster war gerettet, aber fein vor dem Tage noch fo dunkele- Haar war fchneeweiß geworden, und nie mehr kehrte die frühere Spannkraft ganz in ihn zurück. Bon den Wilderen fielen zwei bei einer Streife, die beiden Anderen blieben verfchollen. Der alte Balzer wurde auf die Fürsprache deS Försters hin als Waldhüter angestellt. Und er hat seinen Posten ehrlich und treu au-gefüllt.

Literarisches.

Die Wahrheit. Herausgeber: Philipp Wasserburg. Er­scheint am 1. und 15. jeden Monats. 30. Jahrgang. Verlag von Rudolf Abt, München. Jährlicher Abonnementspreis für die 24 Hefte 8 Mark, Einzelnpreis für das Heft 50 Pfg. Zu beziehen durch alle Buchhand- lungen und Postanstalten.

Inhalt des 5. Heftes: Mariaberg und die Presse, von Dr. H. Rody; Aus Oesterreich-Ungarn, von A. Trabert; Wissen- schäft, Kunst und Religion, von Dr. Frhr. zu Weichs-Glon; Majcstäisbeleidigungen, von Dr. M.; Das Mysterium der Eucharistie und das soziale Wohl, von Dr. A. Cigoi; Plaude- rtie.-, von Herbipolensis; Postalische Rathschläge, von Benner; Aus unserer Mappe, von Dr. Ratzinger.

,Charitas', Zeitschrift für die Werke der Nächsten­liebe im katholischen Deutschland. Monatschrist mit 12 Jahresheften, jedes 16 Seiten stark. Herder'scher Verlag zu Freiburg im Breisgau. Preis 3 M. für den Jahrgang.

Von dieser neuen Zeitschrift sind bis jetzt drei Monats- Numrern erschienen, welche außerordentlich reichhaltig und be­lehrend sind und durch ihren Inhalt das Unternehmen jedem Katholiken, der sich für WohlthätigkeilS-Bestrebungen interessirt, vorzüglich empfehlen. Beiträge haben bis jetzt geliefert die Pro- sessorcn Dr. Hitze und Dr. K eppl er, dieLandesräthe Brandts und Schmedding, P. Cyprian 0. Cap, Domkapitular Woker, Direktor Müller u. a. Kein charitativerVerein, keine Ordens-Niederlassung oder Erzichungs - Anstalt sollte es unter­lassen, diese wichttge Zeitschrift zu halten.

Konfessionelle Brununvergiftuug, die wahre Schmach des Jahrhunderts". Unter diesem Titel ist soeben im Berlage von Heinrich Kester in Regensburg ein höchst zeitgeniäßeS Merkchen rrschienen. Der Verfasser, Redakteur des Deutschen Hausschotzes, weist auf Grund eines erdrückenden Materials nach, wie von pro:estantischer Seite der konfessionelle Haß in systematischer Werse gepflegt wird und bis zu welcher unglaublichen Höhe er gestiegen ist. Die Belegstellen, die der Verfasser in den Abthei lungen: Wesen und Geschichte der Kirche, Papst und Popstthum, Kai dinäle und Bischöfe, der Jesuitenorden, die übrigen Orden, der Seelsorgeklerus mittheilt, bekunden stellenweise eine Rohheit der Gesinnung, die glaubt, gegen uns Katholiken sei alles erlaubt. Das Büchlein, dessen niedriger Preis (1,20 Mk.) allgemeine Ver­breitung gestattet, wird ohne Zweifel reinigend wirken. Der Seeforger wird es kaum entbehren können.