23 Iahraang
Samstag, den 7. März l8W.
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Hierzu eine Keilage
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Die Ansprache des Papstes an die Kardinale am 2. März 1896
hat nach der Uebersetzang der ,Köln. VolkSztg.' folgenden Wortlaut:
Mit lebhaftester Dankbarkeit erbeben Wir Unfer Herz zu Gott, der fo liebreich über Untere Ledenstage wacht, und seinem anbetungswürdigen Willen vertrauen Wir die warmen Wünsche an, welche das Heilige Kollegium für Unser Wohlergehen ausgesprochen. Die Last der Jahre und die unaufhörlichen Anstrengungen deS Pontifikates erwecken die Schnsucht nach der ewigen Ruhe, indessen, von oben gestärkt, haben Wir den Mulh, zu wiederholen: Non recuso laborem — Ich scheue die Mühe nicht, so lange Unsere Arbeit nur immer dem Ruhme Gottes und dem Besten seiner Kirche dienen kann.
Sie, Herr Kardinal, erinnerten treffend an die Erneuerung der Hierarchie unter den katholischen Kopten, welche von UnS vor kurzem beschlossen worden ist. Wrr glaubten, deren heiße und wiederholte W tusche gewähren zu müssen, nicht nur wohl kundig der glanzvollen Geschichte der Patriarchalkrrche von Alexandrien und deren ganz besonderen Beziehungen zu Rom, sondern vor allem, weil Wir die bemerkenSwerthen Fortschritte des alten Glauben- in verschiedenen Theilen Aegypten- in Betracht zogen. Schon die ersten von UnS besagter Nation zugewandten Aufmerksamkeiten und dann das von Un- an dieselbe gerichtete Schreiben fanden, Gott sei Dank, sehr freundliche Aufnahme, wie sich das so erfreulich in die Reihe von Beweisen dankbarer Anhänglichkeit aller Stände an den heil. Stuhl zeigte.
Bei io frohen Vorzeichen gereichte Unsere neue kirchliche Verfassung nicht weniger den unirten Kopten zur Genugthuung, al- den getrennten zur erwünschten Anregung. Ein nicht kleiner Theil der letztem antwortete entgegenkommend auf Unsere Einladung und ist glücklich, in den Schooß der wahren Kirche zurückgekehrt zu sein.
Zu der allgemeinen Freude gesellt fich der that- sächliche Beginn der Einrichtung derselben Hierarchie; bereit- in den nächsten Tagen werden die angesehenen Sitze von Hermopoli- und Theben in Mittel - und Ober-Aegypten nach so langer Verwaiftheit ihre eigenen Bischöfe begrüßen, welche vom Nachfolger Petri neuer» ding- dorthin gesandt sind.
Diese wichtigen Anfänge bestärken in UnS die Zuversicht für Unsere weiteren Pläne hinsichtlich der anderen, trauriger Weise gespaltenen christlichen Gruppen. Unser Denken und Fühlen ist ihnen allen, im Osten wie im Westen, völlig zugewandt, in heiliger Absicht des Friedens. Christus, der Erlöser, der die wirksamsten Augenblicke für daS Heil der Menschheit wohl abwägt, er ist es, der Unsren Eifer verdoppelt: Caritas Christi urget nos — Christi Liebe drängt Un-, und ihm, dem guten Hirten, dem Fürsten der Hirten, verlangen Wir glühend nachzuahmen, immer mehr darauf hinwirkend, daß da- Testament seiner Liebe bei den Gläubigen zur Geltung komme. Dabei stärkt UnS da- Beispiel Unserer Vorgänger, welche chre ganz besondere Aufmerksamkeit b;efeui Ziele widmeten, wie ein Jnnrcenz III., Eugen IV., JuliuS III., die drei Gregore X., XIII. und XV., Urban VIII. u. A , die auch hierin reich an großen Verdiensten find.
Sollte eS Un- nicht verliehen sein, die Früchte davon zu erblicken, welche Sie, Herr Kardinal, Voraussagen, so haben Wir doch die innerste lieber» zeugung, daß in nicht ferner Zeit, wie Wir auch schon früher hier versicherten, die Voraussagung zur Wirklichkeit werden wird, unter Führung Göttis durch die irdischen Fährlichkeiten. Für Un- ist e- schon viel, daß Wir in Liebe den Samen der ersehnten Einttacht haben beleben und pflegen können, und Wir hören nicht auf, alle aufzurufen, die in der Brust wahren Eifer für da» Reich Christi haben, mit UnS zu arbeiten, vor allem mit der kräftigen Hilfe deS Gebetes. Sähe man nur nicht die Schmach, daß ein so ausgewählter
Same gerade von denjenigen gefährdet würde, welche die göttliche Güte der katholischen Einheit angeschlossen hat. Hat Un- ja in diesen Tagen das so beweinenS- werthe Vorgehen eines Manne- betrübt, der unnnqe- denk deS feierlichen Worte- im Evangelium Quam dabit homo commutationem pro anima sua in be- klagenSwerther Weise nicht nur seine eigene Seele, sondern auch diejenige seine- unschuldigen Sohne- preisgegeben hat, indem er Erwägur-gen menschlicher Politik über d" Würde de- christlichen Gewissen- und da- heilige Recht Gottes setzt.
Aus tiefstem Herzen bitten Wir den himmlischen Vater in seiner unendlichen Güte, er möge die Irrenden erleuchten und zum Heile zurückführen, er möge nicht zulassen, daß daS so traurige Beispiel irgendwie daS heilige, von Un» gepflegte Werk der scied- lichen Ausbreitung seines Reiches auf Erden störe oder bindere.
Deutsches Reich.
Berlin, 6 März.
* Der,ReichSa"t-iger' veröffentlicht die Ernennung de- Fürsten zu Fürstenberg zum Oberst-Marschall mit dem Range einer obersten Hofcharge. Dieses Kronamt war seit einer Reihe von Jahren unbesetzt. Bemerkenswerth erscheint, daß eine der höchsten Würden am Kaiserhofe zum ersten Male dem Chef eines ehemals reichsständischen HaufeS übertragen wird, dessen Stammlande zum überwiegenden Theil in Süddeutschland belegen sind. Fürst Karl Egon zu Fürstenberg ist Mitglied de-Reichstage-, in welchem er den zweiten badischen Wahlkreis vertritt, des preußischen Herrenhauses, der württembergischen Kammer der Standes- herren und der ersten badischen Kammer; einer Fraktion hat er sich nicht angeschlossen. Der Mrst steht im 44. Lebensjahre und ist Major ä la suite der Armee. Gleich dem Oberst Truchseß Fürsten Radolin, Kaiserl. Botschafter in Petersburg, und dem Oberst» schenk Fürst Hatzfeldt-Trachenberg gehört Fürst Fürstenberg dem katholischen Bekenntniß an, während die übrigen Kroßwürdenträger der Krone, Oberstkämmerer Erbprinz Christian Kraft zu Hohenlohe- Ochringen und Oberst-Jägermeister Fürst Pleß evangelisch sind. Mit dm Funktionen ir« Oberst - Marschalls war bisher interimistisch der Oberst-Jägermelster Fürst von Pleß bettaut.
* Graf Goluchowski, der österreichisch-ungarische Minister deS Aeußern, wird am Montag in Berlin eintteffen; sein Besuch ist, wie wir hören, auf drei Tage berechnet und steht — trotz offiziöser Ableugnungen— mit der durch die Niederlage bei Adua für die Italiener geschaffenen kritischen Lage in Zusammenhang.
* In der ,Deutschen Tageszeitung' lesen wir in einem Bericht über die gestrige Rrich-tag-sitzung: Als Herr v. Ploetz sich zum Wort gemeldet hatte, und nach der Rednerliste der nächste dazu war, erhob sich der preuß. LandwirthschastSminister Herr v. Hammerstein-Loxten von seinem Platze und verließ ihn mit den so laut gesprochenen Worten, daß ein Theil der Konservativen ihn verstehen mußte: „Wenn der redet, gehe ich hinaus."
* Der ,Reichsbote' meldet, schon vor längerer Zeit habe sich der Evangelische Oberkirchenrath mit einer Eingabe an das Kultusministerium gewendet in dem Sinne, daß im bürgerlichen Gesetzbuch der Trauung ihre volle eheschlietzeude Bedeutung neben der Beurkundung drS Civilstandrbeamten gewahrt werden und eS also jedem Brautpaare fteistehen solle, seine Ehe durch die Trauung schließen zu lasten, nachdem alle Elforderniste deS CivilstandsamteS erfüllt sind. Thatsächlich sollm über diese Frage Verhandlungen zwischen dem KultuSminifterium und dem Ober- kirchenraih gepflogen und der letztere von dem Kultus- Ministerium zu einem Gutachten aufgefordert worden sein.
* Die Abgeordnetenhaus - Kommifsion für das Lehrerbesolduugsgesetz hat gestern über den § 25, den sogen. Städteparagraphen, derathen. Ein Beschluß ist nicht gefaßt worden. ES wiederholten fich im Ganzen die Ausführungen, die bei § 4 von den verschiedenen ©eiten gegeben wurden. Der Finanzminister legte dar, daß die Vorlage an sich scheinbar kein Unrecht gegen die Städte bedeute; daß aber Rücksicht zu nehmen sei
auf die Thatsache, daß den Städten gegenwärtig große Leistungen gesetzlich gesichert sind. Bindende Erklämngen könnten seinerseits nicht abgegeben werden, bevor das Staatsministerium die Angelegenheit berathm hat. Ein Entgegenkommen stelle er in Aussicht. Die National- liberalen erklärten zum Schluste der Berathung, daß ihr Jntereffe für das Gesetz im Laufe der Debatte fcurüdgegangen sei; dasselbe erklärte der freisinnige Vertreter. Vom Centrum wurde eine größere Anlehnung an die Bestimmungen der V-r» fastung, welch- die Bedürftigkeit geprüft sehen will, empfohlen, im Uebrigen aber die Verbesserung der Vorlage gegenüber von 1888/89 nicht verkannt.
Ausland.
* Wien, 6. März. Die SemeinderathSwahlen sind gestern mit den Wahlen der ersten Abtheilung zu Ende gekommen. Obwohl die Liberalen im Gan-m eine erhebliche Stimmenmehrheit hatten (rund 2700 gegen 1600), verloren sie vier Sitze (Margarethen, FünfhauS und zwei in Währing). Da die Anti-Libera'en bekanntlich ihren Besitzstand im dritten (Mmmtliche 46) und zweiten Wahlkörpec (32 Mandate) behaupteten und jetzt im ersten zu den bisherigen 14 noch 4 gewannen, ist ihre Gesummt-ahl von 92 auf 96 gestiegen, welchen nur noch 42 Liberale gegenübersteh m. Sie verfügen mithm über eine erhebliche Zweidrittelmehrheit.
* Paris, 6. März Dir gesummte französische Preffe bejubelt den Sturz CriSpi'S und erwartet die Sprengung deS Dreibundes durch das neue Ministerium.
* Rom, 6. März. Die italienische Kammer, welche gestern zusammentrat, ist sofott, nachdem Crispi seine Demission und deren Annahme durch den König mitgetheitt hatte, wieder vertagt worden, ohne daß man sie irgend wie hätte zu Wotte kommen lassen. Diese That deS Ministerpräsidenten Crispi, durch die er nach seinem Sturze eine ihm begreiflicherweise sehr peinliche Diskussion zu verhindern wußte, bildet den passenden Abfluß seiner durch und durch unehrlichen unheilvollen Wirksamkeit. Hätte man der Kammer Gelegenheit gegeben, sich zu äußern, so hätte man allerding« au8 ihrer Mitte heraus sich aas eine elementare Aeußerung der Entrüstung, der Empörung gefaßt machen können, wie sie in diesen Tagen durch da« ganze italienische Volk geht; die Sitzung würde sich ausgenommen haben wie em verzweifelter Fluch, den die Nation dem gewissenlosesten unter allen Politikern der Gegenwart nachsendet. AIS der Präsident die Sitzung aufhob, beschwerten sich denn auch eine Reihe Abgeordneter, weil die Linke den Anttag eingebracht hatte, das Ministerium in Anklagezustand zu verfitzen. — Wie die Krisis ausgehen wird, ist noch sehr zweifelhaft. Im Lande wie in der Hauptstadt herrscht begreiflicher Weise eine hochgradige Aufregung. In Rom und den übrigen größeren Städten fanden zahlreiche Straßenkund^ebungen statt, die der Erbitterung des Volkes gegen Crispi und seine Aftika- Politik Ausdruck gaben. An vielen Stellen mußte die Polizei einfdjreiten. In Bologna, Turin, Brescia, Palermo, Neapel durchzogen große Menschenmengen unter den Rufen: „Nieder mst Crispi!" die Straßen. UeberaQ beschließen politische Vereine Tagesordnungen, die sich gegen die Fortsetzung des afrikanischen Feldzuges erklären. Das Aufgeben des unseligen Unternehmens würde jedenfalls dem allgemeinsten Wunsche des Landes entsprechen, dennoch scheint es unS vorläufig noch unglaublkch, was da- ,Berl. Tgbl.' über London erfährt, daß nämlich die Regierung des Königs Humbert, eine Revolution im Innern fürchtend, bereits Friedens»Verhandlungen mit dem NeguS Menelik angeknüpft habe. Thatsächlich droht die Revolution an allen Enden. Der BolkSunwille richtet sich schon nicht mehr bloS gegen die Regierung, sondern vielfach gegen da» Haus Savoyen selbst. Gerade in den letzten Wochen hat die republikanische Bewegung im Lande große Fottschritte gemacht.
* Madrid, 6. März. Die Rgierung veröffentlicht einen Anf rns, worin sie die Bevölkerung zur Ruhe er- mahnt und versichert, daß alle Maßregeln getioffen worden seien, um den Besitz Cuba's tu behaupten. CampoS räth neuerdings dringend zur Ertheilung der Autonomie. Die ,Tlme-' meldet, Frankreich habe