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Mittwoch, den 4. März 1896.

23^Jahracmq

iildaerMZeitiliiß

mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Hlumen".

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L Weibliche ^abrikinspektoren in Hessen.

In der Abgeordnetenkammer zu Darmstadt fand bezüglich der Anstellung weiblicher Fabrikinspek- toten am 15. Februar eine sehr eingehende Verhand­lung statt, welche die Beachtung aller Freunde der Sozialreform verdient. Hessen zählt bn -iner Million Einwohner 7041 Arbeiterinnen in 352 Betrieben. Dieselben finden vorzüglich Verwendung in den Kar- tonagen-, Cigarren- und Schuhfabriken, sowie in den Schriftsießereien und Gürtlereren. Nach der Ansicht von Sachkennern wird die Frauenarbeit für die nächste Zukunft eher zu- als abnchmen.

Vor einiger Zeit war in der ersten Kammer ein Antrag, für die zahlreichen in der Industrie beschäftig­ten Frauen und Mädchen e>ne Frau mit den Ge­schäften eine Fabrikinspektors zu betrauen, sehr beifällig aufgenommen worden. Nun hat der „Bund deutscher Frauen vereine" eine Eingabe an di? zweite Kammer gerichtet, in welcher ebenfalls um Anstellung weiblicher Gewerbeinspektoren gebeten wird. Der Ausschuß btr Kammer beantragte, die Regierung zu ersuchen, im nächsten Staatsbudget einen Ausgabeposten vorzusehen, um den Fabrikinfpektoren weibliche Assistenz mit vorstehender Beschränkung beizugeben. Der Abgeordnete Reinhart gir g weiter und beantragte die Anstellung eines weiblichen Fabrikinspektors.

In der sachlich geführten Berathung wurde auSge­führt und allgemein anerkannt, daß die Beschäftigung von Frauen und Mädchen in einzelnen Industriezweigen der Gesundheit sehr nachtheilig sei. So sei z. B. in manchen Arbeitslokalen der Kartonagefabrikation eine so schreckliche Lust, daß man kaum begreife, wie die Arbeiterinnen e- darin aushalten und arbeiten können. Auch in der Schuhfabrikatwn und in dm SchrrftMßerein sei die Beschäftigung für die Gesund­heit der Frauen verderblich. Bezüglich der Nachtarbeit, der Arbeitszeit in den einzelnen Betrieben müsse eine strenge Aussicht geführt werden, welche bezüglich der Arbeiterinnen nur von einer Frau geübt werden könne. Ebenso wurde aber auch anerkannt, daß die Arbeiter­innen aus leicht begreiflichen Gründen dem Fabrikin- spektor über den Einfluß der Arbeit auf den weiblichen Oi ganiSmus keine Mittheilmg machen, da kS sich hier um sehr delikate Dinge handle. In Betrieben, in welchen nur Frauen beschäftigt sind, wird ein männ­licher Inspektor wohl sehr selten auf bestehende, mit der Gewerbeordnung unvweinbare Mängel urd Ge­brechen aufmerksam gemacht werden. Ein Vertrauter der Arbeiterinnen kann und wird der Fabrikinspektor nicht werden.

Auch im Interesse der Sittlichkeit wurde die Ansttllunq von Frauen gefordert und dabei schließlich auf Fror kreich verwiesen, wo die geforderte Einrichtung bereits bestehe.

Es verdient giw-ß alle Anerkennung, daß ine Ab­geordneten albr Parteien — Liberale, Freisinnige,

Unverhofft.

Erzählung von L. v. Neidegg.

8] ------- (Nachdruck verboten.)

Der Staatsanwalt sah sinnend vor sich hin. „WaS ist zu thun?" fragte er halblaut, wie im Selbstgespräch.

„Zuzugreifen!" rief BirSeck entschieden. „Auch ich hörte dar Lob deS Fräuleins von Stetten singen: fein- gebildet, liebenswürdig, auch ganz hübsch, dabei ein be» klagenSwerthes Geschöpf, entthront im Herzen der Vaters durch die intriguante Stiefmutter, die trotz ihrer Jahre noch immer eine schöne Frau ist. Bedenke nur Ocko, von jeher ist es ein Ritterdienst aewesen, gefangene Jungfrauen auS der Gewalt alter Drachen zu befreien. Wag' Du solches, mein Freund! Glück zu!"

Nachdenklich ließ Roden flüh den Redeschwall deS Freundes über sich ergehen; er zog mächtige Züge aus seiner Pfeife und sprach kein Wort.

Bnsick begann sich überflüssig zu fühlen. „Jch gihe nach Hause," sagte er. „Nimm aber guten Rmh an. Opfere nicht dem Schatten das Wesen; laß nicht Deine Eisenbahn - Schöne zwischen Dich und Bet.y Stetten treten, Freund Otto."

Er ging hinaus. Der Staatsanwatt saß noch ein Weilchen in Gedanken verloren; endlich rüttelte er sich auf. „Dummes Zeug," sagte er. „Fr-tz hat im Grunde

Centrum, Anüsemiten und Sozialdemokraten — darin einig waren, daß in irgend einer Weise die Frage weiblicher Fabrikinspektoren gelöst werden müsse; auch die Regierung war derselben Ansicht. Schwierigkeiten bestehen nur bezüglich der Ausführung der bean­tragten Neuerung. Zunächst wurde geltend gemacht, daß Frauen, welche in aller und jeglicher Hinsicht den vielfachen und schwierigen Obliegenheiten des Gewerbe- infpektors nachkommen könnten, nicht vorhanden seien; dem gegenüber wurde betont, daß Aerztinnen sich wohl für die Stelle eignen und auch zu finden wären. Die­selben würden sich ja wohl bald in ihr Amt einarbeiten. Als weitere Schwierigkeit wurde hervorgehoben, daß eine Frau den Arbeitern gegenüber keine Autorität sich erringen und sichern, in Betrieben mit Arbeitern und Arbeiterinnen ihres Amtes also nicht walten könne. Soll die Jnfp.-ktorin nur die Betriebe mit Strbeiter» innen beaufsichtigen, so werde ganz Hessen ihr unter­stellt werden müssen und dann komme sie mit den Ein­zelnen wegen der Ausdehnung des Bezirks kaum in Berührung. Sei die Frau bloß Assistentin des Fabrik- inip ktors, so würden, meinte man, bald Kowpetenz- Streitigkeiten entstehen, deshalb solle jene in dner gewissen Koordination mit dem Fabrikinspektor stehen.

Die Regierung stand, wie bemerkt, dem Anträge nicht feindlich gegenüber, konnte aber noch keine Lösung der verschiedenen Schwierigkeiten finden; die Erkun­digungen, welche in anderen Ländern eingezogen wur­den, haben ein befriedigendes Resultat nicht gehabt. Seitens des RegierungS-Vertreters wurde die Ansicht ausgesprochen, das angchrebte Ziel tonne erreicht wer­den dadurch, daß Frauen angestellt würden, welche den Fabrikmspektoren als Aufschlutzpersonen dienen.

Das Resultat der gründlichen Erörterung war, daß zunächst weibliche Assistenten dem Fabrik» inspeltor beigegeben werden sollen. Der ein stimmig angenommene Beschuß lautet: „Die zweite Kammer ersucht die großberzogliche Regierung, im nächsten Staats- budget einen Ausgabeposten vorzufehen, um den (2) Fabrikinspektoren weibliche Assistenten bei­zuordnen."

Da die erste Kamrn.r diesem Besch usse beitreten wird, so dürfte das kleine Hessen den übrigen Staaten wenigstens in diesem wichtigen Punkte ein gutes Bei­spiel geben. Der Anregung, daß der eine Fabrikinspektor int Centrum der hessischen Industrie, in Offenbach am Mam, seinen Wohnsitz nehme und sich dort die Stelle eines Vertrauensmannes der zahlreichen Arbeiter erringe, wird hoffentlich an zuständiger Stelle ent­sprochen werden.

Deutsches Reich.

Berlin, 3 März.

* Der Kaiser unternahm gestern Nachmittag einen Spazierritt. Um 8 Uhr Segab-n sich der Kai-er und die Kaiserin zum Gesellschastsabend nach dem Opern» hauie und wohttin der Vorstellung daselbst bis zum

Rrcht. Was ficht mich jenes Weib an, das obendrein verheirathet ist! An die Arbeit jetzt, nachher wird der Mutter Generalvollmacht ertheilt."

Er setzte sich an den Schreibtisch, und so groß war seine Willenskraft, daß seine Gedanken sich sofort den Geschäften zuwandten, daß seine Feder, unbekümmert um Reisegefährtinnen und um Bräute, emsig über das Papier glitt. Eine geraume Zeit mochte also ver­gangen sein, als er auf unerwartete Weise unterbrochen wurde. Ein Brief wurde ihm überbracht, den Herr von Birseck soeben geschickt. Es war ein mit vielen Stempeln bedeckter Eeldbrief. Hin und her war er gewandert, dem Adressaten nach auf seiner Vergnügungs» reise, bis er ihm endlich nach Kronburg zum zweiten Male zugesandt worden war.

Mit einer Hast, die gegen sein sonstiges Phlegma sehr abstach, griff Roder flüh nach dem Briefe und riß ihn auf. Das geliehene Geld entfiel bim Umschlag; er beachtete es gar nicht, sondern nahm gleich den zierlichen Briefbogen zur Hand, der die Sendung be­gleitete.

„Eine feste, ausgeschriebene Hand", dachte er. „Sie scheint sich kurz zu fcssen; ich hafle das sentimentale Gewäsch schreibseliger Weiber. Diese hier bleibt hübsch bei der Stange."

Der Brief lautete also:

Schluffe bei. Heute Vormittag machten der Kaiser und die Kaiserin von 9 Uhr ab den gewohnten ge­meinsamen Spaziergang durch den Thiergarten. Rach dem königl. Schlosse znrückgekehrt, hörte der Kaiser die Borttäge des Chefs des Jngenieurkorps, Generals Goltz und des Chefs des Milttärkabinets, Generaladjutanten v. Hahnke, empfing um ll* 1 * * * s/» Uhr den neuernannten großbritanischen Militär-Aitachö, Oberstlieutenant Srier- fon, in Audienz und nahm um 1 Uhr militärische Meldungen, sowie die Rapporte der Leibregimenter entgegen.

* Die sämmtlicken früheren Retchstagsabgeord- neten, die itatfi 1871 in den Reichstag gewählt worden find, werden Namens des Reichstags-Präsidiums ge­beten, an der Jubiläumsfeier des Reichstages am 21. März gefälligst theilzunehmen.

* Behufs Aenderung des Civtlehegesetzes richtet der konservative ,Reichsbote' in Berlin einen Aufruf an die deutschen Christen aller Parteien. Darin wird von dem Drückenden und Wiedersinnigen einer doppelten Eheschließung (?) und der Vergewaltigung deS christ­lichen Bewußtseins gesprochen und schließlich eine Pttitionsbewegung angeregt, damit der betreffende Paragraph des bürgerlichen Gesetzbuches folgende Fassung erhalte: „Die Eheschließung kann durch einen Standesbeamten oder durch einen Geistlichen geschehen. Im letzteren Falle hat der Standesbeamte nach er­folgtem Aufgebot zu bescheinigen, daß der Eheschließung nichts entaegenstkhe und daß der Geistliche dem zu­ständigen Standesamt von der erfolgten Eheschließung innerhalb zwei Mal 24 Stunden Mittheilung zu machen hat." Der Vorschlag ist gut, allein sobald es mit der Vertretung der christlichen Moralgrundsätze ohne Rück­sicht auf alle Konsequenzen Ernst werden soll, sind er die ..Konservativen", die mit Eleganz umfallen.

* Gegen Hammerstein ist die Voruntersuchung ab» | geschloffen. Die Akten sind der Staatsanwaltschaft zur 1 Erhebung der Anklage zugeftellt worden. Hammerstein l ist in vollem Umfange geständig. TS sollen nur wenige l Zeugen geladen totrben.

I * Die Kosten der Zusammenlegung der vierten l Bataillone sollen, nach dem ,Hamb. Korresp.', nicht, wie man üSher annahm, 350,000 Mark, sondern l 600,000 M. betragen; in diese Summe sind aber die i Kosten für die Unterbringung nicht eingerechnet. Sine ; Entscheidung über die Zeit der Einbringung einer dies- j bezüglichen Vorlage im Reichstage sei noch nicht ge» l troffen; man wünsche zwar mit Rücksicht auf die am 1. Oktober erfolgende Rekruten-Einstellung eine Er­ledigung der Vorlage in dieser Session; da jedoch nicht alle Fragen, welche auf die Unterbringung u. s.w sich | bezögen, bis zum 1. Oktober aelöst werden könnten, sei kein Grund vorhanden, die Vorlage noch in diesem i Winter einzubringen. Der Personenstand soll nur vom : Hauptmann aufwärts eine Aenderung erfahren.

♦ Mit dem Inkrafttreten des neuen Stempelstemr- j gefetzes sollen auch neue Stempelwerthzeichen zur - Einführmg gelangen. Das Finanzministerium beab»

„Die geliehene Summe send» ich hiermit zurück

l mit dem Ausdruck wahrer Dankbarkeit. Die Dankes-

i schuld dafür, daß Sie mich vor einem entsetzlichen

I Tode bewahrt haben, die werde ich Ihnen niemals s ebtragen können. Im täglichen Gebet werde ich ) Gott ar flih .n, daß er es thue, und werde, so lange l ich lebe, mit aufrichtigem Interesse Ihre Laufbahn i verfolgen. Ihre ergebene Ella von Neudorf."

Er faltete den Brief zu ammen. „Kurz gesagt j und nett gesagt; so hab' ich's gern. Warum muß ) gerade dieses Werb erneu Mann haben! Könnte sie

s nicht Wittwe sein oder Mädchen?"

Er legte das beschriebene Blatt in ein Exttafach I seines Schreibtisches, in dem die ihm besonder» werthen i Briefe sich befanden, unter andern auch Briefe seiner i Mutter. Dann blieb er, den Kops in beide Hände ' gestutzt, eine geraume Zeit vor seinen Akten sitzen, die - an diesem Tage ihre ganze Anziehungskraft verloren = hatten. Endlich hatte er einen Entschluß gefaßt, er | nahm einen Briefbogen und schrieb Folgendes:

„Liebe Mama! Zur Sache also, wie Du das \ schöne Beispiel gibst. Ich bitte Dich, sofort alle ] Unterhandlungen mit Frau von Stetten abzubrechen.

Sage ihr, ich sei ein Skarr, ein Sonderling, sage, \ was Du willst; aber mache alles rückgängig. Ich i gestehe ein, daß meine neuliche Anschauung ein.