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Dienstag, den 3. März 1896.
23. Jahrgang
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FulixlkrWZeitilng
mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klumen".
□ Die Kultusdebatten im Abgeordnetenhause
haben bis jetzt einen Verlauf genommen, mit dem wir durchaus zufrieden fein dürfen. Nicht, als ob der Kultusminister sich gegen die gerechten Forderungen des katholischen Volkes entgegenkommender gezeigt hätte, als feither — im Gegentheil! Aber gerade LaS unsichere, zum Theil pereizie, jedenfalls nervöse Verhalten der Herrn Bosse beweist, wie wenig behaglich er sich in seiner Rolle fühlt und wie geringe Sicherheit er in seiner schwachen Vertheidigungsstellung empfindet. Nur nebenbei sei hier deS krampfhaften Bemühens des ThümmelverehrerS v. Eynern gedacht, daS Centrum in die Vertheidigung zurückzudrängen. Daß er zu glauben behauptet?, daS sei ihm gelungen, war eben nur einer der zahllosen unfreiwilligen Witze, in denen Herr v. Eynern Meister ist; möge er in dieser angenehmen Eigenschaft noch recht lange dem hohen Hause erhalten bleiben!
Richt um Herrn v. Eynern zu widerlegen, sondern um zu zeigen, daß in der dreitägigen Redeschlacht die Ausfirhrungm der CentrumSredner trotz aller Gegenbemi. Hungen deS Kultusministers und seiner Fremde im Hause in allem Wesentlichen unwiderlegt und unerschüttert blieben, wollen wir im Folgenden kurz darlegen, wie iS den Kernpunkten derselben in der Debatte ergangen ist. Den ersten Punkt bildet die imparitätische Behandlung der Kalho- liken im Allgemeinen und im KultuSfache im Besonderen. Der Kultusminister hat zweierlei gegen diese Beschwerden inS Feld geführt: erstens suchte er den von den CentrumSrcdnern, speziell von Dr. Bachem gegebenen Zahlenbeweisen andere Zahlen entgegenzustellen, die sogar eine Bevorzugung der katholischen Kirche vor der evangelischen erkennen lasien sollten, und zweitens warf er ein, mit einer solchen „mechanischen", „rein kalkulatorischen" Parität dürfe man überhaupt nicht kommen. Der letzte Einwand erledigt sich einfach dadurch, daß die Redner deS CentrumS eine solche mechanische Parität gar nicht verlangt und daß sie ausdrücklich die Unterstellung zurückgewiesen haben, als forderten sie, daß das Zahlen- verhältniß der katholischen zu den evangelischen Beamten, der Aufwendungen für katholische zu denen für evangelische Zwecke genau dem Verhältnisse der katholischen zur evangelischen BevölkerungSzahl entspreche.
Die Forderung der Katholiken geht vielmehr dahin, daß mit der imparitätischen thatsSchlichen und doch kaum „zufälligen" Zurücksetzung der Katho- liken gebrochen werden soll. Und daß diese Zurück- setzung wirklich besteht, haben die Zahlen dks Kultusministers nicht widerlegen können. Diese Zahlen sind zunächst unkontrolirbar; dann aber gehen sie bei der Berechnung der Aufwendungen fiir katholische und für protestantische Zwecke offenbar nicht von gleichmäßigen Grundsätzen aus. Sie sind zudem sehr lückenhaft, waS die Aufwendungen für evangelische Zwecke an-
Unverhofft.
Erzählung von L. v. Neidegg.
7] ------- (Nachdruck verboten.)
Fritz von Birst ck schlank, mit feinen Zügen, fröhlich in die Welt blickenden Augen, heiterem Tewpera- ment, liebenswürdig und gewandt — nur etwas oberflächlich vielleicht, wie Allerwelt-Lieblinge meist zu sein pflegen —, stach sonderbar ad gegen Rodenflüh, den rauhen Mann mit dem barschen Wesen und dem ernsten ja strengen Ausdruck deS unschönen Kopfes. D« «noch — vielleicht auch deshalb — hatte« sie Wohlgefallen aneinander gefunden, und eS als besondere Gunst deS Schicksals begrüßt, daß der Beruf, den Bride erwählt, eS mit sich brachte, daß sie meistens nach einer und derselben Stadt vers-tzt worden waren. BirSeck blickte zu seinem filtern Freunde auf, dessen Ueberlegenheit er anerkannte, wenn er sich auch den Anschein gab, seine Tigenthümlichkeiten zu verspotten. Jede — auch noch so kurze — Trennung von demselben war ihm unangenehm. Auch er war von Kronenburg abwesend gewesen und war erst mehrere Tage nach Roder flüh'S Rückkehr wieder eingetroffen; sein Erster war eS gewesen, den Freund aufzusucyen, von dem er .nun so überraschende Dinge zu hören bekam.
geht. Herr Dr. Bosse läßt aber vor allen Dingen außer Acht, daß die staatlichen Aufwendungen, die anf rechtlichen Verpflichtungen beruhen, nicht zusammengeworfen werden dürfen mit den freiwilligen Leistungen des Staates. Rur ein Vergleich dieser letzteren für die katholische und für die evangelische Kirche könnte als Maßstab für den Grad deS Wohlwollens des Staates für beide ReligionS- gemeinfchasten dienen. Die rechtlichen Verpflichtungen sind ja nur ein schwacher Ersatz für daS, was der katholifchen Kirche vom Staate genommen worden ist. Freiwillig aber leistet der Staat für die katholische Kirche ganz entschieden viel zu wenig im Verhältnisse zu seiner Fürsorge für protestantische Zwecke. Und nun gar das Berhältniß der katholischen zu den protestantischen Beamten! Herr Boss-! meinte, es gäbe jetzt „eine Menge" katholischer RegierungS- räthe, Oberrcgierungsräthe, Präsidenten u. s. w. Dabei hat er selbst nur mit einem einzigen Oberregierungsrath in den Dezernatea für katholische Schul- und Kirchensachen aufwarten können, und dieser eine ist (in Münster) erst in letzter Zeit ernannt worden! Desgleichen ist der einzige katholische Oberprfisider.t, Fürst Hatzfeldt für Schlesien, auch erst kurze Zeit im Amte.
Die zweite Forderung des CentrumS von denjenigen, die überhaupt in diesen Debatten hauptsächlich in den Vordergrund getreten sind, ist die Aushebung deS Falk'schen Erlasses, der auch den Religionsunterricht lediglich der staatlichen Leitung und Beaufsichtigung unterwirft. Herr Dr. Bosse antwortete darauf eineStheils nur mit Phrasen (daß die „Staatshoheit" aufrecht erhalten werden müsie und die Schule nicht der Herrschaft deS Klerus ausgeliefert werden dürfe), Phrasen, die so recht „liberal" sind, daß Herr Dr. Bosse, indem er sie sich zu eigen macht, jeden Anspruch auf den Namen einer konfervativen Redners verwirkt. Und andererseits antwortete er damit, daß der Staat doch nie in den dogmatischen Gehalt des Religionsunterrichts eingegriffen habe. Dar ist nicht richtig, da im Kulturkämpfe versucht wurde, einen Religionslehrer, der altkatholisch wurde, auch weiterhin in seiner Stellung als katholischer Religionslehrer zu erhalten. Aber wenn ks auch richtig wäre, daß der Staat bisher solche Uebergriffe nicht begangen hätte, so wäre das doch nicht dem Falk'schen Erlaß zu verdanken (denn dieser macht solche Eingriffe geradezu zum Rechte deS Staats), sondern lediglich dem „Wohlwollen" oder vielmehr der Vorsicht der bisherigen Kultusminister. Das gibt uns keine Bürgschaft für die Zukunft, und darum müssen wir verlangen, daß der Erlaß aufgehoben wird; schon seine Existenz ist ein Unrecht gegen die Kirche, und die Hartnäckigkeit, mit der die Regierung an ihm festhält, ist doch ein klarer Beweis dafür, daß man ihn zu gelegener Zeit doch immer noch anzuwenden gedenkt.
Aehnlichsteht eS mit der dritten und wichtigsten Forde-
„Otto! Otto!" lachte er. „Eines ist mir hauptsächlich klar geworden: daß Du in die Klauen einer Harpye, einer durchtriebenen Abenteuerin gefallen bist. Das Geld müßte ja schon längst da sein. „Fahr' wohl, auf Nimmerwiedersehen" kannst Du Deinen schönen Moneten wohl nachrufen. Zwanzig Gulden sind aber nicht zu viel, »Denn man sich dafür gut amüsirt hat."
Rodenflüh. der sonst des Freunde- matteste Witze zu belachen pflegte, blieb dies Mal ernst.
„Ich denke doch, ich weiß eine ehrbare Frau von einer zweifelhaften Persönlichkeit zu unterscheiden," er- widerte er mit steifer Würde. So ehrliche braune Augen können nicht täuschen."
„WaS, Du hast sogar bemertt, wsS für Augen sie hat, Du, der Du sonst nicht weißt, ob die weiblichen Wesen, die Du mit Deiner Ünterhattung beglückst, überhaupt Augen im Kopfe haben! Aber gut eingefädelt hat sie ihre Sache, die Hexe! Die Geschichte mit dem gestohlenen Portemonnaie war fein auSgedacht. Reu war der Witz vielleicht nicht — indeffen, wenn nur das Publikum bei guter Laune ist, zieht auch ein zweifelhafter."
„Gewiß; aber es gibt auch fein fein sollende Witze, die so geschmacklos find, daß sie niemals ziehen," gab Rodenflüh noch steifer zur Antwort.
rung: der eines christlichen BolkSschulgeseHeS. Der Einwand lautet auch hier: waS ihr verlangt, daS haben wir ja schon in der Praxis, unsere Volksschule ist doch christlich Gut, aber — fragen wir auch hier — wer verbürgt uns das für die Zukunft? Welche Gewähr haben wir dafür, daß nicht später ein „liberaler" Kultusminister auf dem Verwaltungswege oder auch durch Gesetz mit Hilfe eines anders als heute zusammengesetzten Abgeordnetenhauses die Schule ganz und gar ihres christlichen Charakters beraubt? Darauf konnte Herr Boffe keine Antwort geben, natürlich, denn er kennt seine Nachfolger nicht. Eben darum aber darf der jetzige Augenblick, der so günstig ist wie später vielleicht nie wieder , nicht verpaßt werden. Es handelt sich hier nicht, wie Herr Stöcker richtig bemerkte, um den Gegensatz zwischen katholisch und protestantisch, sondern um den Gegensatz zwischen positiv und liberal, d. h. gläubig und ungläubig. ES war daher ein vollstäLdig verfehltes Manöver seitens des Minister-, den „evangelischen Minister" gegen dis Forderung des Schulgesetzes auszuspielen. ES freut uns, daß dieser Manöver gerade von evangelischer Seite, von den Abgg. v. Heybeörand und Stöcker, zurückgewiesen wurde. Besonders dis Rede des Herrn v. Heydebrand war eine hochbedeutsame, inhaltlich wie formell gleich ausgezeichnete Kundgebung. Was wir brauchen, ist nicht ein evangelischer, sondern ein christlicher Kultusminister, ein muthi ger Kultusminister! So rief Herr v. Heydebrand dem Kultusminister zu, dem man die größte Verlegenheit deutlich ansah. Der Be fall, der Herrn v. Heydebrand auf der Rechten und im Centrum wurde, war so lebhaft und anhaltend, wie wir ihn in diesem Hause seit den Tagen deS Zedlitz'schen Entwurfs nicht mehr vernommen haben.
So wurde festgestellt, daß für ein Schulgesetz eine starke Mehrheit vorhanden ist, und wenn Herr Boffe trotzdem kein solches Gesetz einbriugeu will, so beweist daS eben nur, daß wir entweder keinen christlichen oder — keinen muthigen Kulturminister haben!
Deutsches Reich.
Berlin, 2. März.
* Der Kaiser und die Kaiserin wohnten gestern Vormittag dem Gottesdienste in der Kaiser Wilhelm- Gedächtnißkirche bei. — Heute Vormittag Hütte der Kaiser den Vortrag des Chefs der CivilkabinetS und nahm sodann die Marinevorträge entgegen.
% Herr Reichstags-Abgeordneter Müller-Fulda schreibt uns heute aus Berlin: Im Etat pro 1896/97 find die Zuschüsse zum DirpositionS-FondS Sr. Maj. des Kaisers zur Bewilligung von Unterstützungen an solche Kriegstheilneh- mer, deren Invalidität nicht nach denvollen gesetzlichen Regeln erwiesen ist, mit 700000 Mark eingestellt worden, so daß jetzt im Ganzen
BirSeck lachte überlaut: „Danke! DaS geht auf mich. Also nichts weiter gegen sie. Stumm bleibt der Mund. Wie heißt sie doch eigentlich?"
„Frau von Neudorf aus Schlüsselburg."
BirSeck schüttelte den Kopf: „Ich habe dott viele Bekannte; den Namen habe ich aber niemals gehört. Ich will mich indessen für heute jeder mißliebigen Bemerkung enthalten. Möchte nur wissen, ob Du ihr wirklich so fremd warst, als sie vorgab. Wie magst Du nur drein geschaut haben, als sie Dein liebes Ich so grausam zerpflückte?" Er lachte hellauf.
„Sehr einfältig jedenfalls," gab Rodenflüh ttockev zur Antwort. „Aber genug davon. UebrigenS — hier kommt ja die Post."
Sein Diener brachte eben Poststücke herein, einen Haufen Zeitungen und Briefe. Rodenflüh griff nach den letzteren. „Von der Mutter!" rief er. „ES ist feiten, daß sie sich zum Schrecken herbeiläßt; ihre Briefe sind aber immer amüfant." Er öffnete den Brief und laS ihn durch — ein Mal — zwei Mal. Dann fuhr er sich durch das dichte schwarze Haar. „Die Sache muß man sich am Ende doch überlegen."
„ES scheint, Du kommst aus den GemüthSbeweg- ungen nicht heraus," spotttte BirSeck. „WaS ist e-, das Deine Nerven jetzt erschüttert?"
„Du kannst eS gleich hören, kannst auch Deinen