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Umlage Mv Wulöaev Amtung.

50 Samstag, den 29. Jebruar 1896. 23. Jahrgang

Die Haftung der Gastwirthe für die eingebrachte« Sache« der Gäste «ach dem Entwürfe des neuen bürgerlichen Gesetzbuchs.

Es ist Pflicht eines jeden Gastwirthes, der im Betrieb feines Gefchästes Reifende mit ihren mitge­brachten Gegenständen bei stch aufnimmt und beherbergt, die zum Schutze dieser Habe deS GasteS zweckmäßigsten Einrichtungen zu treffen. Denn mit der Aufnahme des Publikums in feiner Wirthfchast übernimmt er stillschweigend die Zusage, für die Sicherheit jener Habe zu sorgen. Diesem Grundsätze folgen die meisten Gesetzbücher, u. A. auch daS preußische Landrecht, und eS ist vor Jahren vom Reichsgericht entschieden wor­den, daß der Gastwirth haftet, wenn z B. ein Dieb­stahl erfolgt. Ebenso hat der Entwurf deS neuen Bürgerlichen Gesetzbuches diese strengere Haftung der Gastwirthe für den Verlust oder die Beschädigung der von den Gästen eingebrachten Sachen in einer Weise ausgenommen, welche den letzteren wirksamen Schutz gewährt und dabei doch die Wirthe nicht unbilliger Weise belästigt. Hiernach umfaßt nämlich, wie die ,Straßb. Post' in einem dieser Frage gewidmeten Ar­tikel ausführt, die Haftung des Wirthes ohne Rückficht auf eigene Schuld jeden Schaden, der durch seine Leute, andere Gäste oder durch Dritte oder auch durch einen nicht als höhere Gewalt anzusehenden Unfall bezüglich der hereingebrachten Sachen herbcigeführt wird. Unter „höherer Gewalt" stnd nicht nur Natur­ereignisse, wie Erdbeben und Wasserfluthen, sondern überhaupt Vorkommnisse zu verstehen, welche die mensch­liche Vorsicht in der gegebenen Lage der Verhältnisse übersteigen, z. B. Einfall der Feindes während der Friedens.

Bringt der Gast Geld, Werthsachen und Kostbar­leiten ein, so hastet der Wirth nur bis zum Betrage von 5000 SRI., jedoch darüber hinaus, wenn er diese Sachen in Kenntniß ihrer Eigenschaft zur Aufbewahrung übernommen oder ihre Aufbewahrung abgelehnt hat, oder wenn der Schaden von ihm oder seinen Leuten verschuldet wird.

Frei von Haftung ist der Wirth, wenn der Gast selbst oder einer seiner Begleiter oder dritte Personen, die er bei sich ausgenommen hat, den Schaden verur­sacht haben, sowie wenn derselbe durch die Beschaffen­heit der Sache oder höhere Gewalt entsteht. Selbst­verständlich kann das Maß der Haftung durch Ver­einbarung zwischen Wirth und Gast verringert oder auch erlassen werden. Rechtlich wirkungslos ist, wenn der Wirth in seinen Räumen durch einen Anschlag erklärt, daß er die Haftung ab lehnt. Ist dem Reisenden vom Wirth der Schlüssel zu den Behältnissen, worin sich die Sachen befinden, überlassen, so reicht für die Haftung der WirtheS die bloße Behauptung des Gastes, daß er an seinen Sachen im Gasthofe einen Verlust erlitten habe, nicht auS, sondern er muß, da er sich den Schaden durch eigene Nachlässigkeit zugezogen hat, mithin dieser von ihm selbst zu tragen ist, noch weiter darthun, daß er das Zimmer beim Verlassen verschlossen hat, oder daß, wenn auch solcher geschehen wäre, der Verlust selbst nicht vermieden worden wäre.

UebrigenS dauert die Verantwortlichkeit deS Wirthes auch nach der Abreise deS Gastes wegen solcher Sachen noch fort, die derselbe mit Vorwiffen des WirtheS zurückgelassen hat.

Eine neue und sehr zweckmäßige Bestimmung des Entwurfes ist eS, daß der Gast bei Vermeidung des Verlustes seiner Ansprüche den Witth sobald als möglich vom Eintritt deS Schaden- in Kenntniß setzen muß, bannt dieser in der Lage ist, seinerseits die Angaben des GasteS zu prüfen und rasche Schritte zur Abwendung der Schadens zu thun. Hiervon ist nur die eine Ausnahme gemacht, wenn dem Wirth der Gegenstand zur Aufbewahrung übergeben war, Weiler in diesem Falle auch später noch die Richtigkeit der Angaben deS GasteS zu prüfen vermag.

Unverhofft.

Erzählung von L. v. Neid egg.

5] ------- (Nachdruck verboten.)

Ein paar Stunden waren sie Wetter gefahren, bald schweigend, bald plaudernd; jede- Mal war eS aber der sonst so verschlossene Mann gewesen, der das Zeichen gegeben zur Wlederaufnahme des Gesprächs. Sie unterhielten sich von Allem und Jedem; nur über die beiderseittgen Verhältnisse sich auszusprechen, ver­mieden Beide; RodenWH hatte sein Jrcognito zu wahren gewußt, und Frau Ella mußte wohl nicht zu den mtttheilsamen Weibern gehören — eine Wahr- vehmung, die Rodenflüh angenehm berührt hätte, wäre

nur seine Neugierde nicht gar zu sehr im Spiel ge­wesen.

„Wenn ich recht verstanden habe, so ist Schlüssel­burg daS Ziel Ihrer Reise, gnädige Frau?" sagte er endlich, vom Wunsche übermannt, Näheres über sie zu erfahren.

„Ganz richtig, Schlüsselburg," war ihre kurze Antwort.

„So genau ich alle Länder und Ländchen, alle Städte und Städtchen hier im Süden kenne, gerade Schlüsselburg ist mir ziemlich fremd- Nur eine Menschenseele ist dort, für die ich eine gewisse An­hänglichkeit habe — die alte StaatSräthin Krieg."

„O, die kenne ich sehr wohl!" rief Frau'Ella leb- hast. „Wie häufig besuche ich sie und lese ihr vor, der guten alten Frau!"

„Sehr lobenSwerth von Ihnen, meine Gnädige; denn anregend kann man die alte Dame nicht nennen, trotz ihrer sonstigen Vorzüge. Namentlich"stört mich ihr gänzlicher Mangel an Heiterkeit."

„Wie sollte sie — blind, kränklich, alleinstehend in der Welt — sich den Frohsinn und die Liebens­würdigkeit ihrer ftüheren Tage bewahrt haben?" ver­wies Frau Ella. „Um so nothwendiger ist es des­halb, daß man auf jede Weise die alte Frau zu zerstreuen sucht, daß man Heiterkeit in ihr trauriges Heim bringt."

„Ich suche lieber Unterhaltung, als daß ich sie bringe," bekannte Rodenflüh fteimüthig. „Jeder ist sich selbst der Nächste."

„DaS sagen Sie wohl nur im Scherz. WaS wir ausschließlich unS selbstffzufLiebe thun, hinterläßt'ost bittere Reue; ein Opfer, daß wir Anderen gebracht, ist unS noch nach Jahren^ eine^ wohtthätige'lMrinne- rung."

„Eine ernste Lebensauffassung, gnädige Frau! Leicht auszusprechen, schwer durchzuführen; sie trägt nicht dazu bei, das Leben freudenreicher zu gestalten."

„Jedenfalls Hilst sie, manches Leid zu ertragen — und vielleicht nicht ohne Verdienst," erwidertes Frau Ella und sah nachdenklich vor sich hin.

„Die Ehe ist eine unglückliche und der Mann ein Rüpel!" dachte Rodenflüh und verstummte. Nach und nach schwand die Wolke von Frau Ella's Stirne, unbefangen sah sie hinaus in die Landschaft, auf welche die Abendschatten sich langsam zu senken be­gannen. Ihr Reisegefährte sah auf die Uhr. „Dies war MolSheim, und es ist fünf Uhr. Die nächste Station ist Warendorf, wo unsere Wege auseinander­gehen. Wäre es unbescheiden, gnädige Frau, wenn ich Sie bäte, mir Ihren Namen zu nennen, damit ich weiß, wem ich eine der interessantesten Fahrten meines Lebens zu verdanken habe?"

War eS daS unerwartete Kompliment, das der jungen Frau die Röthe auf Stirne und Wangen trieb? Sie, sonst so sicher, war verlegen wie ein Schul­mädchen.

„Frau von Neudorf," sagte sie stammelnd.

„Neudorf?" wiederholte er sinnend. „Bis jetzt hatte ich nicht die Ehre, Jemand dieser Namens zu kennen. Ja, gnädige Frau," fuhr er fort, „noch ein paar Minuten, und ich brause weiter, während Sie eine Stunde Wartezeit durchwachen müssen. Dafür kehre ich in meine Junggesellenhöhle zurück, von Nie­mand bewillkommnet, während Sie, sehnsüchtig er­wartet, in Ihrer Häuslichkeit wieder eintreffen."

„O, nach mir sehnt stch Niemand — mich ver­mißt Niemand!" Unwillkürlich brach die Klage von Ihren Lippen.

„Ihr Herr Gemahl, gnädige Frau?" . . . „Den Mann sollte man viertheilen," dachte er im Stillen, „der diese Frau nicht zu schätzen weiß."

„Ja so — mein Mann."

„Ihre Kinder?"

War dies etwa der wunde Punst in chrer Ehe? „Ich habe keine Kinder," sagte sie leise. Sie griff nach ihrer Handtasche, legte ihr Buch hinein und ordnete langsam ihre Effekten.

Der Staat-anwalt war aufgestanden und sah hinaus. „Die Verheerungen, welche die letzten Wolkenbrüche an­gerichtet haben, sind schlimmer, al» ich meinte," sagte er bedauernd. „Auch der Bahnkörper hat gelitten, da­her wohl daS Rütteln unseres Wagens."

Aengstlich sah nun auch Frau von Neudorf hinaus. „Was war das?" rief sie erschrocken, al» plötzlich ein gewaltiger Ruck den Wagen erschütterte. Die Stöße wiederholten sich; die im Netze aufbewahrten Gepäcks- Gegenstände flogen herunter, immer bedenklicher wur­den die Schwankungen des Wagens.

„Wir sind verloren!" stammelte sie und machte das Zeichen de» Kreuzes. „Empfehlen wir unsere Seelen dem Herrn."

„Gewiß, doch wollm wir vorerst noch um unser

Leben kämpfen," rief Rodenflüh. Er riß die erschrockene Frau empor und hob sie auf den Vordersitz. „Halten Sie sich fest, ganz fest!" mahnte er; „von rückwärts kommt der Stoß." Dann eilte er zur Thür, langte zum Fenster hinaus, rüttelte an derfelben — mit einem gewaltigen Fußtritt gelang er ihm, die Thür aufzu­stoßen. „Nun thun Sie genau, war ich Sie heiße," befahl er der jungen Frau und stieg zu ihr auf die Bank. Tin Prasseln und Krache« entstand; was sich zugetragen hatte, konnte Frau Ella später niemals ge­nau beschreiben. Der Waggon schwankte, legte sich auf jene Seite, wo die Thür verschloflen war —ihr schien, als bebe drr Boden unter ihren Füßen. Funken flim­merten vor ihren Augen — noch ein furchtbarer Stoß — ein Krach — ein Geschrei aus unzähligen Kehlen — dar Gefühl, als werde e» Nacht um sie herum. Nur daran wußte sie später, wie im Traume, sich zu erinnern, daß ihr Reisegefährte ihr befohlen, ihm nach­zukriechen, hinaus zur offenen Thür auf bett umge­stürzten Waggon, baß er sie in seinen Armen empor- gehoben ttttb ihr geboten, sich ganz sest an ihn zu klammern; dann kam das Gefühl wie von einem Spmng in dunkele Tiefen hinab. War es in einen Abgmnd gewesen? — war eS nur über eine Böschung hinab? ES mußte wohl letzterer gewesen sein, denn als sie wieder zur klaren Besinnung kam, saß sie in einem Graben; Rodenflüh, über sie gebeugt, blickte ihr besorgt in das Gesicht.

„So, gnädige Frau !" sagte er, aMsie die Augen zu ihm aufschlug, „wir sind gerettet; so Gott will, die Mehrzahl unserer Mitreisenden auch. Eine Entgleisung hat stattgefunden. Bleiben Sie nur hübsch ruhig hier; ich will nun gehen und mich umsehen,°§wo ich helfe« kann; dann hole ich Sie ab."

„Vielleicht kann auch ich helfen," sagte sie und machte Miene, aufzustehen.^„Jch bin keine Zierpuppe, ich möchte mich nützlich machen."

„Nichts thun können Sie, als höchstens int» Män- nertt im Wege stehen," verwies er barsch. „Bleiben Sie hier und sprechen Denen Muth zu, die wir hier­her bringen, das ist da» einzige Vernünfttge." Er sprach im Tone eines Manne», welcher zu befehlen ge­wöhnt ist.

Halb betäubt folgte sie "der'Mahnung und harrte aus auf ihrem Poste«. Rach und nach wich die Läh­mung, welche bisher auf ihr gelegen hatte; sie faßte die Gegenstände,'welche sie umgaben, in'sAuge. Die Maschine lag einige Schritte vom Geleise über die Böschung herabgestürzt. Pack- und Personenwagen lagen zertrümmert übereinander" gethürmt theils auf dem Geleise, dasselbe versperrmd, theils auf der Böschung, während der Rest des Zuges noch auf den Schienen stand." VerworreneS'Geschrei, Hilferufe tönten von der Unglücksstätte zu ihr herüber. Wo war jener Wagen, in dem sie gesessen hatte? Ihr wurde schwarz vor den Augen — halb verdeckt vom folgenden Wagen lag er da; vielleicht wäre sie jetzt unter jenen Trümmern, hätte nicht eine starke Hand sie herauSgezogen.

(Fortsetzung folgt.)

.Literarisches.

Alle Welt hat in den letzten Wochen so viel und so vieles über Armenien und die erbarmungswürdigen Zustände daselbst gelesen, daß fast die Möglichkeit ausgeschlossen erscheint, noch etwas wirklich Neues und Eigenartiges über diesen Gegenstand zu sagen. Wer indeß also denkt, der vergißt, daß die Mehrzahl der uns Belehrenden ja schließlich gar nicht in dem Lande ge­wesen ist, und daß es schon ein GlückSfall genannt werden muß, wenn es einer Zeitschrift gelingt, den Mann zu finden, der aus eigenster Auschauung und als geistig hervorragender Be­obachter über Land und Leute Aufschluß zu geben im Stande ist. Ein solcher,Glücksfall wurde der „Alten uud Neuen Welt" zu th'il, die in ihrem Februarhefte einen sehr unterhaltenden reich illustrirten Aufsatz: „Selbander durch Armenien", Reiseerlebnifle von Dr. Paul Müller-Simonis, bringt. Es ist uns keine Zeitschrift bekannt, der eS gelungen wäre, ihren Lesern einen so interessanten und schön ausgestatteten Aufi tz über „Armenien" zu bringen, als wie die „Alte und Neue Welt", die dadurch wie­der einmal bewiesen, daß sie in jeder Hinsicht auf der Höhe der Zeit steht. Als zweite Nummer in diesem Hefte erwähnen wir den packenden Schluß der modernen Studenten - Novelle „Im ersten Semester" von Ferd. Bonn, die allweil spannende Fort­setzung deS Romans „Die Tochter des Intendanten", eine natur« frische heitere Erzählung „Der Wirthin Töchterlein" von Leo von Husen und die urgelungene Humoreske „Ihr Hochzeitstag" von K. Kleebeck. Eine Zierde des Heftes bildet unstreitig der Artikel „Unsre Volkstrachten" von" dem berühmten Bolksschrist- steller Heinrich Hansjakob. An zeitgenöffischen Biographien bietet das Heft einen beachtenswerthen Aufsatz aus der tüchtigen Feder H. Kerners: Zur Erinnerung an Kardinal Melchers, und einen ebensolchen von Dr. Marcour über den unlängst verstorbenen Vorkämpfer der katholischen Presse, Th. Stahl. Die köstliche Plauderei über „Meister Spatz" von C. A. Klee nennen wir zuletzt, im Voraus sicher, daß sie nicht zuletzt gelesen wird. Das Heft ist reich mit Bildern ausgestattet und mit einem äußerst geschmackvollen Umschlag versehen.

Der Dampfer „Illinois" der „Red Star Linie" in Ant­werpen ist laut Telegramm am 24. Februar wohlbehalten in Philadelphia angekommen.