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Freitag, den 28. Februar 1896.

_____ 23. Jahrgang

mit Unterhaltungs beilage „Sterne un- Klumen".

Unverhofft.

Erzählung Von ß. ö. Neidegg.

Sollte durch eine unglückliche Ehr diese Zeit ihre» Abschluß gefunden haben? fragte sich Rodenflüh.

Wie dem auch war, bis jetzt hatte ste eS ver­standen, sich ihre Ngenart zu bewahren. Sie begnügte sich nicht damit, fremde Gedanken breit zu treten, son­dern hatte ihre selbständigen Ansichten über Menschen und Vorkommnisse, ohne sich jedoch dabei für Be­lehrung unzugänglich zu zeigen. Der Staatsan­walt packte seine Akten ganz ruhig in die Mappe, deren Durchsicht auf einen geeigneteren Augenblick ver­schiebend, und dachte gar nicht mehr daran, die Unter­haltung auszugeben. Er war ganz überrascht, al» nach einer Zen, die ihm kurz erschienen, der Schaffner die Thüre öffnete und „Dernburg! Alle» aussteigen!"

I sorger sehen dar Gift, gegen dar die MäßigkettS- vereme ankämpfm, unter euch wieder stärker wirken;

i sie sehen, wie eS von neuem eure Familien zerrüttet, eure Jagend verroht, eure Leidenschaften aufregt und euch bei den wichtigsten Entscheidungen über euer irdische» Glück den freien Blick und ruhige Ueber- legung verwirrt. Darum erheben sie ihre Stimme und ich vereinige die meinige mit der ihrigen, euch zurufend: Erlahmet nicht im Kampfe gegen eueren schlimmsten Feind! Wir sehen da neben dem Vater und Sohn die Mutter und die Tochter sitzen, da» verhängnißvolle Getränk an die L pprn setzend, da» die einen «ach einiger Zeit von HauS und Hof treibt, die anderen um Arbeitslust und Arbeitskraft, um daS Vertrauen der Menschen, um Ehr- und Schamgefühl und endlich um Gesundheit und Leben bringt. Sie sehen in euren Häusern Zufriedenheit und'HäuSlichkeit, Ordnung und Recht, Friede und Eintracht schwinden und den Verfall des häuslichen und Familienglücks um sich greifen. Sollen wir nun ruhig zusehen, bis der Abgrund, der sich vor euch aufthnt, euch ver­schlungen hat! In bett fernen Ländern Amerika- und Australiens hat die Branntweinpest bereits ganze Völkerschaften dahingerafft, soll eS auch mit euch so

-Ja, dar ist immer ein Unglück," wiederholte die junge Frau, und ein wehmüthiger AuSdrrck trat in ihre Augen. Sie fuhr sich über die Stirne, als wolle sie einen traurigen Gedanken verscheuchen: — " einem nach durch dar ganze Leben."

.»Ja wohl," bestätigte Rodenflüh. „9htr die Mutter allein vermag daS Kind wirklich zu erziehen; sie ist'-, welche die Unebenheiten im Charakter glätten — welche suchen muß, die Fehler der KlvdeS zu entdecken und dieselben auSzunurzen. Väter vermögen eS in den seltensten Fällen; Otto'» Vater, ein voi trefflicher, aber

„Komplimente haben Sie ihm allerdmgr nicht ge­macht, gnädige Frau, — die Wahrheit muß man aber ertragen können, für seine Freunde, wie für sich. Und etwa- Wahrheit mag in dem, war Sie sagen, liegen. Run hören Sie ober auch, war man zur Entlastung dej armen Otto Vorbringen kann: er war ein ziemlich schwierig zu behandelnder Kmd, und dabei hat er früh die Mutter verloren. DaS ist immer ein Un­glück."

.Nach meinem Tode mag kein anb’rer Herold Bor der «erwesung meine Ehre schützen AIS solch ein ehrlicher Chronist.

Wle Königin Katharina könnte auch Ihr Freund sprechen." j

lesen, aber nur Gute-, mit Auswahl und Urberlegung. Ihr Vater hatte diese Wahl geleitet. „ES war eine glückliche Zett," setzte sie mit halbem Seufzer hinzu, „jene Zeit, wo er in mir den Sinn für alle» Sdele zu wecken suchte."

------- (Nachdruck verboten.)

-Habe ich Sie etwa in Ihrem Freunde beleibtat ? fuhr Frau Ella fort.

* Die Mäßigkeits-Bewegung und die katholische Kirche.

Während die erste Mäßigkeit- - Bewegung in der Mitte unsere- Jahrhunderts von kirchlicher Seite ausging, wurde die zweite gegen da» Jahr 1883 von weltlicher Seite angeregt. Da, Jahr 1895 ist nun von beionberer Bedeutung für die Stellungnahme der katholischen Kirche zu dieser Frage. Die katholische Kirche war zum eisten Mole bei den beiden großen Mäßigkeit-- Versammlungen in Basel und München durch kirchliche Würdenträger vertreten. Auf beut inter­nationalen Kongrtsse zu Basel war der Bischof von St. Gallen, De. Egger, der Vorkämpfer gegen den AlkoholiSmuS in der Schweiz, als Vertreter b?8 heil. Stuhle- zugegen. Die Aufnahme, welche er .in Basel fand, war sehr entgegenkommend, seine begeisternde Rede der Höhepunkt der Virsammlung. Er gab die Erklärung im Namen des heil BaterS ab, daß Leo XIII. die Bestrebungen für die Bekämpfung des AlkoholiSmuS mit hoher Befriedigung begrüße und denselben stets sein besondere- Wohlwollen angedeihen lasten werde. Der in großer Medrzabl aus Protestanten bestehende Kongreß — ca. 500 Theilnehmer — sandte ein be­sondere- Sympathie-Telegramm an Leo XIII. ab. Ter Bischof, welcher selbst Abstinent ist und seit Jahren an der Spitze der Bewegung der katholischen fireife in j der Schweiz steht, theilte mit, daß der Papst nicht nur I die Mäßigkeit- - Bestrebungen begünstige sondern die gänzliche Enthaltsamkeit von geistigen Geträn­ken und da- dadurch gegebene gute Beispiel empfehle.

In der That richtete der hl. Vater an den Bischof von St. Paul in Minnesota Worte der besonderen Empfehlung jener frommen Vereine, die sich gänzliche Enthaltsamkeit aller geistigen Getränke zur Aufgabe ge­macht haben. Er zweifle nicht, daß jener feste Wille etn äußerst wirksame» Heilmittel gegen da- verderbliche Laster der Trunksucht sei. Besonders müßten die Seel­sorger durch unermüdliche Ermahnungen die Pest der Trunksucht abwenden und durch da» Beispiel der Ent- haltsamktit hervorleuchten. Diese Stellung deS PopsteS war auch die der Mehrzahl der Theilnehmer de» Kon- greffeS, ja eine nicht geringe Anzahl deutscher abstinenter Äerzte vereinigte sich dort zu einem besonderen Vereine.

Aus der andern großen Mäßigkeits-Versammlung des vorigen Jahre», der General - Versammlung deS deutschen Verein» gegen den Mißbrauch geistiger Ge­tränke in München, waren dagegen die Anhänger der Mäßigkeit im Gegensätze zur Enthaltsamkeit im Ueber- e. Auch hier war zum ersten Male ein offizieller

er der Kirche, ein Münchener Domkapitular, al» Vertreter deS Erzbischofs anwesend. Sowohl in der öffentlichen Berfarnmlung im Rathhause, wie in der der General. Versammlung im Gebäude der Akademie der Wissenschaften zeigte sich der große Fortschrrttt in der Mäßigkeit- - Bewegung der letzten Jahre. Zum ersten Male war auch der Bund deutscher Frauen- Vereine, welcher seit 1894 besteht und ca. 30,000 Mit-

«lieber zählt, vertreten und stellte sich ausdrücklich in dm Dienst der MäßigkeitSsache. Besondere Erwähnung fand die Resolution der 42. Katholiken-Ver. sammlung Deutschlands, welche die in deutschen Landen in weiten »reifen sich auSbreitende Mäßigkeit-- Bewegung mit Freuden begrüßte und in allen darauf hinzierenden Bestrebungen ein verdienstliche» Werk sah.

„Die Abstinenzbewegung ist eine nothwendige ■ Reaktion gegen da- schlimmste Nebel unserer Zeit und hat alr solche eine sehr hohe Bedeutung; sie soll eine eigentliche soziale Mission erfüllen," diese- sind die Elnleitung-worte zum gemeinsamen Hirtenschreiben der hochwürdigen Bischöfe der Schweiz über „den Kampf gegen den Mißbrauch geistiger Getränke" vom letzten Jahre. Dasselbe bringt die Statuten und Organisation der Mäßigkeit-- und Enthaltsamke-tS- vereine und stellt die Aufgabe von Kirche, Staat Familie und Schule, Presse und Vereine, Hoch und Nieder, Arm und Reich, W rthe und Wirch-Häuser mit kiaren u d beredeten Worten dar. „Wer sich berufen glaubt, im öffentlichen Leben miizufprechen, der darf an der Alkoholsrage nicht gleichgilrig vor- übergehen," so lautet ihr nur zu begründete-, Mahn­wort an die Gläubigen.

Interessant ist, wie der praktische Engländer I kommen?" ' '

auch beim englisch,n Episkopat in unserer Frage in |---------------------

den letzten Jahren zum Durchbruch kam Dir 'eng- j -

lischen Bischöfe richteten im Jahre 1891 ein gemein- I alCla)»

sames Hirtenschreiben an alle Gläubigen mit der Ser- Berlin, 27. Februar

ordnung, dasselbe an jedem ersten Sonntage de- * Der Kaiser unternahm gestern Nachmittag eine MoeatS m allen Kirchen zu verwnden. Nachdem da- I Ausfahrt und verblieb, von derselben in das Schloß Schreiben in scharfen Worten das furchtbare Nebel zurückgekehrt, im Arbeitszimmer und erledigte Regie- der Unmaßigkeit gegeißelt, fordert eS auf, den einen rung-geschäfte. - Heute, am Hochzeitstage des oder anderen der folgenden Vorsätze zu machen: Die I Kaisers und der Kaiserin, nahmen dieselben SonntagSmessr und Andacht für die Unterdrückung Vormittags die Glückwünsche der nächsten Umgebung der Trunksucht aufzuopfern, oder in dieser Mei- entgegen und begaben sich zur Frühstückstafel bei der Snfcn "kin? Si?, M JT' lIt öffentlichen Kaiserin Friedrich. Im königlichen Schlöffe fand heute Schänken «ine geistigen Getränke zu verlangen — I eine größere Abendgesellschaft statt, zu welcher an die Freitags und Som-tag- sich dersüben zu enthalten - I früheren und jetzigen Umgebungen bei Kaiser- unb ber r* s» AstimmteS Jahr ober für baS ganze Leben I Kaiserin Enladungen ergangen waren. — Anläßlich sich bes Branntweine- zu enthalten. Gemeinsam mit bei heutigen Hochzeitstages beS Kaiserpaare- liefen im d^kster still ober laut, sollen sie bann diese» j kql. Schlosse äußerst zahlreiche kostbare Bouquet- und Versprechen Gott aufopfttn m elnerbestimmten Formel, I Blumen-Arrangernent-, sowie briefliche und telegraphische die vorgebetet wird. Kardmal ManningS Stellung Glückwünsche ein a w

unb Verdienst int Kampfe um die Mäßigkeit ist bekannt. * Prinz Heinrich von Preußen beabsichtigt, wie n^,iOrbnter. r ' zu, machen, diese» die ,Post' höre, nach Beendigung seine- Aufenthalte-

? toäIbe beiden ber- m Italien sich nach England zu begeben, um daselbst

nachlassigt, welches da» Herz ber Gesellschaft ber- längere Zeit zu verweilen unb Reisen auszuführen. P

zehrt, das häu-.iche Glück unserer arbeitenden Klaffen I * Profesior Dr. Hans Delbrück, der früher vernichtet und vielleicht mehr liebel anrichtet, al- | Mitglied der Reichspartei im Reichstage war wendet irgend.eine andere Ursache m m-serern Zeitalter." i sich in seinen „Preußischen Jahrbüchern" gegen den

So: dendeut;chen Kirchenfürsten, die ihre Freiherrn v. Stumm, welcher in der Reichstag-.

»R b,efe8 Laster, sitzung vom 18. Februar gesagt hatte, Delbrück sei so Deutschland- größten Erbfeind, erheben, erwähnen j ziemlich m das sozialistische Fahrwasser gerathen und Mr, außer deut Kardinal. Fürstbischof von Bre-lau I werde von seiner Partei nicht mehr zu ^drn Ihrigen Melch or von Dtep nb ock seinen Nachfolger Kar- gezählt. Herr Delbrück bemerkt darauf, er wiffe nicht, drnal Kopp. Hören tote noch fein ernste- Wort ob diese Ausstoßung auf einem Prrteibefchluß beruhe tm Hirtenschreiben vorn Jahre 1895: „Eure Seel- j oder ob Freiherr v. Stumm bereits so sehr der Gr»

etwa« heißblütiger Mann, obendrein sehr in Anspruch j „Ach, e?te citiren Shakespeare, gnädige Frau " genommen durch daS Amt, da» er mit großem Ge- rief der Staatsanwalt, herzlich froh, von dem Thema schick verwaltete, war dazu nicht im Stande. Otto I seiner Fehler und Vorzüge lorzukornmen. „DaS beweist bekam autgeze,chnkten Unterricht, der weibliche Einfluß daß Sie ihn wirklich kennen, nicht bloß mit feiner fehlte aber ganz bei feiner Erziehung. Es man fein," | Bekanntschaft lequettrren."

fügte er nachdenklich hinzu, „ja, t» wird wohl fein, I DaS Gespräch fand neue Nahrung. Frau Ella daß er zu sehr studentische Allüren sich bewahrt, daß hatte, nfe sich herausst llte, gerade nicht sehr viel ge- et es nicht gelernt hat, sich in Andere zu schicken, oder ,*t" -----« ■■ - - -.....- 8

ihnen nachzugeben, — daß — um e» heraus zu sogen — der feinere Schliff ihm fehlt. AlS sein Vater wieder heirathete, hatte der junge Mensch fja bereit» daS Gymrastum verlasien; er erschien nur wenig mehr im elterlichen Haufe. D<e Zeit, wo der Einfluß seiner feinfühligen, femgebilbeten Stiefmutter sich hätte geltenb machen können, war verpaßt, unb so ist er benn ein rauher Geselle geworden. Jedoch ist er unfteundlich nicht au» böser Absicht — glauben Sie mir dar

. . ... gnädige Frau — nur au» Mangel an Lebensart, weil

. „Das geht Niemand ihn an Selbstbeherrschung g not Hit."

„Wie warm Sre für ihn plaidiren!" lächelte Frau Ella.