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M 48 Donnerstag, den 27. Februar 1896. 23. Jahrgang

FiildakrWZtituiiij

mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klumen".

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Zur Lage in Oesterreich-Ungarn.

Heute (Donnerstag) beginnen die Wiener Ge­meinderathswahlen. Das ist binnen einem Jahre nun schon das dritte Mal, daß die Gemeindewähler der Stadt Wien über die Zusammensetzung des Gemeinde­raths und über die Besetzung des Bürgermeisterpostens zu entscheiden haben. Bei den bisherigen leiden Wahlen zeigte sich die anti-liberale Bewegung in starkem Auf- steigen begriffen. Hatten die Antr-Liberalen im März deS vorigen Jahres nur mit knapper Roth der liberalen Herrschaft ein Ende gemacht, so errangen sie bei den nach der Auflösung des GemeinderathS notbwendig ge­wordenen Wahlen int September bereits 92 von 138 Gemeinderalhssitzen, also die genaue Zweidrittel-Mehr- heit und erst damit die volle uneingeschränkte Herr­schaft über Wien, weil zur Giltigkeit verschiedener Be­schlüsse eine Zweidrittel-Mehrheit erforderlich ist.

Der Führer dieser gewaltigen Mehrheit, Dr. Karl Lueger, wurde zum Bürgermeister gewählt, aber auf Antrag deS Ministerpräsidenten Grafen Badeni vom Kaiser nicht bestätigt. Der Gemeinderath ant­wortete darauf, indem er Dr. Lueger zum zweiten Male wählte. Jetzt wartete dassMinisterium Badeni die Entscheidung des Kaisers gar nicht erst ab, sondern erklärte sofort, nachdem Dr. Lueger die Wahl ange­nommen, den Wiener Gemeinderath für aufgelöst. Dieses Verfahren wurde von den Anti-Liberalen nicht für gesetzmäßig erachtet und durch Beschwerde beim Verwaltungsgerichtshof angefochten. Allein diese Be­schwerde wurde zurLckgewiesen. Wie dem auch sein mag, jedenfalls hat dieser Verfahren deS Grafen Badeni nicht dazu beigetragen, die große Mchrheit der Wiener Bevölkerung regierungSfteundlicher und denanti-liberalen Parteien abwendig zu machen.

Auch sonst hat sich äußerlich nichts ereignet, was geeignet gewesen wäre, der unterlegenen liberalen Partei, die seit Badeni's Amtsantritt recht eigentlich Re­gierungspartei geworden ist, diejenigen Wähler- kreise wieder zuzuführen, welche ihr durch ihr gewalt- thätiges korrumpirtes Stadtregiment, durch eine engere Verbindung mit dem Judenthum und manches Andere entftemdet wurden. Die Liberalen gehen daher auch sehr entmuthigt in den heute beginnenden Wahlkampf. Sie rechnen selbst nicht auf einen irgendwie nennens- werthen Erfolg, obwohl Graf Badeni die mittleren und unteren Beamten mit Peitsche und Zuckerbrod, nämlich mit verschärftem Gewissensdruck, aber auch mit kleinen Gehaltsaufbesserungen zur liberalen Regierungs­partei, der sie schon längst den Rücken gekehrt haben, wieder zurückzuführen versucht hat. Auf anti-liberaler Gegenseite ist man auch voller Siegeszuversicht. Aller­dings befürchten Manche, daß durch den Druck von oben ein Theil der Beamten, wenn auch nicht zur Abstimmung im liberalen Sinne, so doch zur Stimm­enthaltung bewogen werde, und dadurch vielleicht das eine oder andere Mandat verloren gehen könnte. Aber daß trotzdem eine starke anti-liberaleMehrheit,

vor Allem eine Mehrheit, die ausreicht, Dr. Lueger auf's Neue zum Bürgermeister zu wählen, wieder in das Rathhaus einziehen wird, bezweifelt Niemand. Freilich treten diesmal auch die Sozial­demokraten zum ersten Mal mit in den Wahlkampf ein, aber allzuviel dürsten sie wohl nicht erreichen.

Die politische Welt in Oesterreich, welcher Partei­stellung sie sonst auch angehören möge, stellt sich also ; nicht die Frage: Bekommen wir wieder eine anti- ; liberale Mehrheit im Wiener Raihhause und den ■ Dr. Lueger zum Bürgermeister von Wien? sondern ? die einzige Frage ist die: Welche Folgen wird : diese abermalige Wahl Lueger's nach sich ' ziehen? Wird Badeni wagen können, abermals von I dem Kaiser die Nichtbestätigung Lueger's vorzuschlagen, * und wenn er es wagt, wird der Kaiser angesichts der ; wiederholten überwältigenden Willenskundgebung des I Volkes sich wiederum entschließen, dem Drängen des : liberalisirenden Ministerpräsioenten nachzugeben? Es ■ ist klar, daß von der Beantwortung dieser Frage auch das Verbleiben oder Nichtverbleiben des jetzigen Mini- i steriums im Amte abhängen wird. Es muß freilich - bemerkt werden, daß von Seiten derR-giernng jeden- ) falls auf einen Theil der zu erwartenden ap.ti-liberalen Mehrheit dahin eingewirkt werden wird, daß man von - der Wiederaufst'llung des Dr. Lueger absehen möge. . Badeni wird mit jedem andern Bürgermeister, den die Anti-Liberalen etwa wählen möchten, zufrieden sein. Nur den Dr. Lueger kann er sich, nachdem er denselben - so heftig bekämpft, nicht gefallen lassen. Et ist auch möglich, daß mancher Anti-Liberale, um endlich die i Herrschaft im Rathhause wirklich antuten zu können, I recht gern einen andern als Dr. Lueger wählen möchte.

Doch werden sie keinenfallS ihn im Stiche lassen, wenn I er nicht selbst freiwillig auf seine Wiederwahl ver­zichtet.

In den Wiener Gemeindev-rhältnissen liegen aber nicht die einzigen und nicht die größten Schwierig- I letten für die Regierung des Polen Badeni. Eine viel ernstere Schwierigkeit muß ihm über kurz oder lang aus dem Nationalitätenkampf erwachsen.

1 Sein sichtliches Bemühen, die Czechen für sich zu ge- e Winnen, denen er ja auch schon den bisherigen energi- ■ schen Statthalter Böhmens, den Grafen Thun ge- ' opfert hat, mag zwar zunächst seine parlamentarische ° Stellung ein wenig befestigen, auf die Dauer aber ' kann diese Politik zu nichts Gutem führen. Wenn i man die Sache vom Standpunkte Badems aus be­trachtet, so muß man zugeben, daß sein Bestreben doch ' hauptsächlich darauf gerichtet sein muß, die Hauptstütze ■ seiner Mehrheit, die Polen und Liberalen, sich zu ; erhalten. Die Liberalen aber müssen entweder in die i; Opposition gedrängt werden, wenn Badeni den Czechen ? noch weitere Zugeständnisse macht, oder aber, wenn sie > trotzdem auf der Seite Badems bleiben, sich selbst zu : Grunde richten; denn ihre Wähler, abgesehen von den ‘ Juden, sind in nationaler Beziehung sehr empfindlich und würden, wenn die liberale Partei dauernd ein

Unverhofft.

Erzählung von L. v. Neidegg.

3] ------- (Nachdruck verboten.)

„Aufdringlich ist sie zum Glück nicht," dachte Roden- flüh, und erleichtert wandte er sich seinen Akten wieder zu. Ab und zu alitten seine Blicke indessen zu der schweigsamen Gefährtin hinüber. Ganz jung war sie nicht mehr, sie mochte zu Ende der zwanziger Jahre stehen; dem bleichen Gesichte fehlte der Ausdruck sorg­loser Jugend, eS war das Gesicht eines Wesens, dessen Leben Prüfungen und Enttäuschungen aufzuweisen hat und dar nur unter schweren Kämpfen sich den tmtern Frieden errungen. Ter Mund war etwas groß, die Nase jedoch fein — Alles in Allem entbehrten diese Züge wohl der klassischen SchörH it, dabei aber durch­aus nicht der Anmuth; fester Wille und VerstandeS- schärfe lag auf ihnen ausgeprägt; den Glanzpunkt deS Gesichtes bildeten jedenfalls die braunen Augen mit den langen Wimpern und der sanft geschwungenen Linie der feinen Augenbrauen.

So ausdrucksvoll sie waren, diese Augen blieben beinahe fortwährend gesenkt. Niemals, wenn Roden- flüh zu der jungen Frau hinübersah, begegnete er ihrem Blicke. Unverdrossen las sie fort — gab sich nicht bloß den Anschein, es zu thun — nein! — als wäre

sie allein, vertiefte sie sich in ihr Buch. Er schielte nach dem Titel desselben: es war kein seichter Roman, | es war ein geistreich geschriebenes, gediegenes Buch — ! einer, das er wohl kannte und das die wenigsten Frauen i zu schätzen wußten. Sie aber würdigte dessen Inhalt:

hier und da trat eine Falte deS Nachdenkens zwischen ; ihre Augen — dann wieder lächelten die Lrppm. Sie j genoß ihre Lektüre, wie sie auch die Gegend zu ge- ; meßen wußte; denn sobald man an besonders maleri- • scheu Punkten vorüberkam, legte sie das Buch weg, und

dann sahen ihre ausdrucksvollen Augen bewundernd hinaus in die sonnenbeschienene Landschaft, ohne daß sie es jedoch für nothwendig gefunden hätte, durch überschwängliche Ausrufungen ihrem Entzücken Worte ; zu verleihen.

I So war man an vielen Stationen vorbeigekommen; kein Theil hatte das Schweigen gebrochen. Nun kam aber ein längerer Aufenthalt an einer Station, welche be­rühmt war für die guten Bissen, die am Buffet ihrer Restauration geboten wurden. Rodenflüh stieg aus, um sich zu erquicken; auf den Stufen des Waggons drehte er sich um: „Soll ich für Sie etwas holen, i gnädige Frau?" fragte er.

„Ich danke, nein,“ war ihre kurze Antwort.

Sie hatte seine Unart nicht vergeben; das verdroß * ihn. „Pardon; ich vergaß, daß Damen ätherisch sind

czechenfreundliches, polnischer Ministerium unterstützt, in Hellen Haufen zu den Deutsch-Nationalen übergehen, die meistentheils zur Opposition halten. MWW

Die allergrößte Schwierigkeit liegt aber gerade in der Aufgabe, zu deren Lösung Graf Badeni ganz besonders in sein j tzigeS Amt berufen wurde: In der Erneuerung des Ausgleichs mit Ungarn. In ganz Oesterreich herrscht nur eine Stimme darüber, daß bei den bisherigen Vertragsverhältnissen zu Ungarn Oesterreich schwer benachtheiligt war und daß bei den jetzigen Ausgleichoerhandlungen Oesterreich unbedingt günstigere Bedingungen erreichen oder aber auf dm Ausgleich ganz verzichten soll. Selbst die Liberalen, die doch durch ihre natürliche Verwandtschaft mit der liberalen ungarischen Regierungspartei auch in der Ausgleichsfrage an sich zu den weitestgehenden Zuge­ständnissen an Ungarn bereit wären, müssen doch dem Drucke der gesammten öffentlichen Meinung Oester­reichs folgend für eine günstigere Gestaltung des neuen Ausgleichs für Oesterreich eintreten. Umgekehrt aber behaupten die Ungarn, sie wären bei dem bis­herigen Ausgleich die Geschädigten gewesen und ver­langen deshalb, daß Oesterreich in dem neuen Aus­gleich ihnen noch weitere Zugeständnisse machen soll. In Oesterreich wie in Ungarn droht man für den Fall, daß der Ausgleich nicht nach Wunsch geräth, mit der Kündigung der Handels- und ZollbiindmsftS und mit der Errichtung einer Zollschranke zwischen beiden Reichen.

Wie bei diesen Gegensätzen der Ausgleich zustande kommen soll, ist ein Räthsel. Der einzige Mittelweg wäre nur, daß einfach der bisherige Ausgleich mit allen seinen Punkten erneuert würde. Aber das gerade ist es, was auf beiden Seiten, wenn auch aus entgegmgesetzten Gründen, lebhaft zurückgewiesen wird. Wrr sehen daher keine Möglichkeit für den Grafen Badeni, feine Hauptaufgabe, die Emeuerung des Aus­gleichs, in einer beide Länder befriedigenden Weise lösen zu können. Die allgemeine Sage in Oesterreich- Ungarn ist demnach unter dem Grafen Badeni nicht weniger kritifch, als unter dem Koalitionsministerium Windifchgrätz.

Deutsches Reich.

Berlin, 26 Februar

* Drei Milliarden (3 000 000000) Mk. hat der Betrag der GesammtauSprägu gen an Reichsgold- münzen — abzüglich der wieder eingezogenen Stücke — am Schluffe des Monats Januar d. I. über­schritten. In diesem Monat sind 16,5 M>ll onen Mark in Doppelkronen geprägt worden, wodurch sich der Gesammtbetrag von 2998,4 Millionen Mark er­höht hat. Vor nahezu neun Jahren, im März 1887, hatten die GesammtauSprägungm an R-ichsgoldmünzen den Betrag von zwei Milliarden Mark erreicht. Ver­anschlagt man die Beträge an R-ichsgoldmü^zen, welche seit Bg'mn der Anfügungen in das Ausland

und im Rufe stehen sollen, sich ausschließlich von Thautropfeu zu nähren," sagte er spöttisch.

„Ob er solche Thörinnm gibt, weiß ich nicht," gab Frau Ella scharf zur Antwort. „WaS ich we,ß, rst, daß ich vorziehe, mir meine Leckerbissen selbst auszu« wählen." Rasch war sie auSgestiegen, und ohne ihn weiter eines Blick ti zu würdigen, ging sie leichten Schrittes vor dem Staatsanwalt her, der Restauration zu. Ihre schlanke, graziöse Gestalt vermochte selbst die damals — wenn auch etwas abgeschwächt — noch herrschende Krinoline nicht zu verunziren. Das schwarze Hütchen mit der langen Feder saß leicht auf dem wohl­geformten Kopf, um den eine reiche braune Flechte gelegt war, glatt und einfach, wohlthuend abstechend von den umfangreichen Haarbauten der damaligen Zeit. Eine Frau, welche den Muth hat, sich einigermaßen von der herrschenden Mode zu emanzipiren, ist immer­hin keine allzu häufige Erscheinung, so dachte Roden­flüh bei sich; mit ihr ein paar Motte zu wechseln, verlohnte sich vielleicht der Mühe; er mußte ihr doch zeigen, daß er nicht der bärbeißige Geselle sei, für welchen sie ihn offenbar hielt.

Auf dem Perron traf er wieder mit seiner Reise­gefährtin zusammen, und der Zufall wollte, daß beim Einste'gen in den Waggon ein Packetchen ihr entfiel. Er erkannte sich selbst kaum wieder in der Dienst-