JK 46 Dienstag, den 25. Februar 1896. 23. Jahrgang
FuldllcrWZkitliiiß
mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klumen".
Erscheint täglich, Sonn- und FeieNage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile ?5 Pf. bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
M dkl fflmt Mts
werden Abonnements auf die
KW Fuldaer Zeitung
nebst der illustrirten Sonntagsbeilage ,Sterne «nd Blumen^ von allen Postanstalten, sowie Landbriefträgern, Zeitungsträgern und von unserer Expedition (Harmonie) zum Preise von 50 Pf. (nebst Bestellgeld) jederzeit entgegengenommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 24 Februar.
* Der Kaiser ist am SamStag Abmd aus Wilhelmshaven zurückgekehrt; vom Bahnhof Charlotten- burg aus begkb er sich nach dem Konzert in der Ka ser Wilhelm-Gedächinißkirche und fuhr nach SLlaß desselben nach dem Königlichen Schlosse. — Astern Vormittag wohnten Se. Majestät dem Gottesdienst in der Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkirche bei. — Heute nahm der Kaiser Vormittags von 10 Uhr ab den Vortrag deS Chefs de» Civ lkabinetS und die Marine- vv! träge entgegen.
* Das Staatsmiuisterium hielt am Montag unter dem Vorsitz e des Fürsten Hohenlohe eine Sitzung ab.
* Der ehemalige Botschafter m St. Peiersburg, General v. Werder, dec sich auf Einladung desK aisers N'kolauS dieser Tage nach Sc. P terSbmg begeben und auch eine Einladung zur Krönung in Moskau erhalten hat, wurde, wie ein Berichterstatter meldet, vor seiner Abreise von Berlin vom Kaiser Wilhelm zur Tafel gezogen und mit der Ueberbringung einer eigenhändigen Schreibens bei Kaisers an den Zaren betraut.
* Finanzminister Miquel schwimmt — so schreibt die ,Freis. Ztg/ — „jetzt so zu sagen im Gel de. Die Januar-Abschlüsse haben darge han, daß das laufende EtatSjc.hr im preußischen Staatshaushalt, dal etatmäßig mit einem Defizit von 34 Millionen Mark abschlicßen sollte, thatsächlich einenUeberschuß von mindesten- 30 Millionen Mark ergeben wird. Um nicht weniger als mindestens 64 Millionen Mark hat also Herr Miquel bei der Ausstellung deS Etats die Finanzlage zu ungünstig angesehen. Herr Miquel und seine Leute können zwar Steuern veranlagen, aber keine richtigen Etat! aufstellen ... . Die Finanzlage PrmßenS ist gegenwärtig eine solche, daß sie gestattet, nicht bloß allen Städten und Gemeinden nach gleichen Grundsätzen StaatSzuschüsse für das Bolksschulwesen zu gewähren, sondern auch die Medizinol-Reform sofort einzuleiten und mit der Besold angS-Verbesserung an besonders dafür dringenden Stellen zu beginnen. Dabei sehen wir noch ganz und gar ab von der weiteren Perspektive, welche sich in einer Ersparniß von 48 Millionen aus einer Herabsetzung der Zinsen der Staatsschulden eröffnet."
Von sonst gut unterrichteter Seite wird der
i ,Nat.-Ztg/ mitgetheilt, daß innerhalb der Ab- ? theilungBerlin der deutschen Kolonialgesellschast ; in Folge der Wahl Dr. PeterS zum Vorsitzenden und ‘i deS darauf erfolgten Austritt- des Prinzen Arenberg ° eine Spaltung bevorsteht. Ein großer Theil der Berliner Kolonialfrr unde, darunter Namen von bestem ' Klang, bedauere den Rücktritt deS Prinzen Areuberg l und fei nicht gewillt, sich einer nuhr oder minder per- i fönlichen Zwecken dienenden Agitation anzuschließen, - deren Folgen nicht abzusehm seien. D-ese Herren | hätten beschlossen, aus der Ortsgruppe, nicht aber aus j der Kolonialgesellschast ausmtreten. Die ,Nat.-Ztg/ f räth diesen Herren, eine Ortsgruppe Charlottendurg t zu gründen. — Bon Interesse ist in diesem Zufammen- j hange auch da- vom Kaiser auf eine Huldigun s- \ devcsche der Abtheilung Hamburg der demschen I' Kolonialgeselschsst abg sandte Antworttelegramm, in welchem cs heißt: „Möge es der Abtheuu g gelingen, dort, wo sich unsere überseeischen Inter ssen konzentriren (d. h. in Hamburg), der Nochwe-digkeit auf baldige Schaffung eines ausreichenden Schutzes dieser Interessen Anerkennung in weüeren Kreisen zu verschaffen." Mögen die reichen Hamburger, um ihren Handel zu schützm, doch einmal in ihren eigenen Beutel greifen! Aber offenbar haben sie den bisherigen Schutz durch unsere Flotte für ausreichend erachtet, und wir wissen auf keinen Fall, wo es an diesem Schutz gefehlt hätte, soweit er überhaupt beansprucht werden kann. Natürlich kann ja nicht jedem Handelssch.ff zum Schutz: ein Kriegsschiff mitg geben werden.
K. Die Abgeordnetenhaus-Kommission für das Lehrerbesoldnngsgesetz setzte am SamStag Abend ihre vor 8 Tagen abgebrochene Berathullg bei § 13 fort, in welchem der dritte Absatz, der die kleineren R pa- raturen den Lehrern auflegt, einstimmig gestrichen wurde. Bei § 14 beantragte Abgeordnete Hodler (C»r.) im Anschluß an Petitionen, den Lehrern in allen Fällen eine den örtlichen Berhältniff-n entsprechende Miethsentschädigung zu sichern und demgemäß die für die Miethsentschädigung festgesetzte Maximalgrenze zu streichen. Der Antrag wurde gegen die CentrumSstimmen a b g e l e h n t, desgleichen der Antrag v. Tzschoppe (frk.), die Maximalgrenze von 1I& auf XU des Grundgehalts und deS Alterszulage- kaffen-Zufchuffes zu erhöhen. Ein Antrag Nölle und Gen. (natl), dieses Fünftel zur Regel zu erheben, fiel ebenfalls. Absatz 1 deS § 14 erhielt auf Antrag Jrmer (konf.) folgende Fassung: „Die Höhe der Miethsentschädigung für L-Hrer und L hrerinnen ist so zu bemessen, daß sie eine ausreichende Entschädigung für die nicht gewährte Dienstwohnung bildet; sie soll aber in der Regel ein Fünftel deS Grundgehalts und des für die Schulstelle von dem Schulverband zu zahlenden AlterSzulagekassenbeitrags nicht übersteigen." Zu Absatz 2 des § 14 wurden die Anträge Hodler (Clr.), dre Worte „und unverheirachete Lehrer ohne eigenen Hausstand" in deren Interesse zu streichen,
Unverhofft.
Erzählung von L. v. Neid egg.
1] ------- (Nachdruck verboten.)
1.
„Otto, dir Flausen müffen jetzt aufhören! Du mußt heirachen!" Mit diesen, im bärbeißigsten Ton ge prochenen Worten stellte sich der alte Oberlandes- gerichtS-Rath von Rodenflüh breitspurig vor seinen Sohn hin und sah demselben grimmig in dos Gesicht.
„Jawohl, Papa! Gleich morgen, wenn Du mir nur die Braut beschaffen willst," erwiderte der Sohn, den der väterliche Zorn ganz unerschüttert ließ, und streckte seine langen Glieoer noch bequemer in dem tiefen Lehnstuhl, in dem er saß.
Ss waren große Gegensätze, dieser Vater und dieser Sohn; der Vater aufbrausend, lebhaft, liebenswürdig in den Formen, weltmännisch im Auftreten; der Sohn phlegmatisch, kurz angebunden in der Rede, ungenirt im Wesen. Auch dal Aeußere der beiden Männer kennzeichnete die innere Verschiedenheit. Der Vater trug sich noch immer kerzengerade, kotz seiner vorgerückten Jahre. Mit seinen feuerigen blauen Augen, den scharf ausgeprägten Zügen dcS glatt- rasirten Gesichtes, der hohen Gestalt, deren Eindruck die gewählte Kleidung noch erhöhte, war er das Bild
eines wohlerhaltenen schönen alten Mannes. Der Sohn hingegen war die vergröbette, karrikirte Ausgabe des Vaters. Der hünenhafte Körper war etwas nach vornüber gebeugt, auf den breiten Schultern saß ein mächtiger Kopf mit großer Nase und massivem Kinn. Die buschigen Augenbrauen gaben den geistreichen, an sich schönen Augen etwa- Finsteres, und ein dichter schwarzer Schnurrbart verdeckte die feinen Linien des wohlgeformten Munde-. Die Kleidung ist nachlässig — die eines Mannes, dem es höchst gleichgiltig war, welchen Eindruck er hervorbringt. So wie er da saß, war Otto von Rodenflöh, wenn auch eine unschöne, doch keine unangenehme, jedenfalls keine alltägliche Erscheinung. Das mußte auch seine Stiefmutter finden, die, ihre Arbeit im Schooße, am Fenster saß und abwechselnd vom Mann zum Sohne blickte — bewundernd zum alten Eheherrn, aber doch auch mit einer Art mütterlichen Stolze- zu besten so gänzlich verschiedenem Sohne.
„Die Braut beschaffen!" grollte der alte Herr. „Als ob Du nicht auch da- Deine dazu thun müßtest! Was wir aber gut machen, Deine Mutter und ich, daS verdirbst Du immer wieder. So geht eS nun schon zum dritten ober vierten Male — ein Korb nach bent anbernl"
Der Sohn verzog ba- Gesicht: es gibt gewiffe
sowie HauSmann (natl), den ganzen Absatz zu streichen, abgekbnt unb die F.ssm; der Vorlage an« nommen. In § 15 wurde Absatz 2: „Das Recht auf die Gewährung freier Feuerung umfaßt auch den Anspruch auf Anfuhr und Zerkleinerung deS Brennmaterials" gestrichen. Absatz 1 und 3 wurden mit eimr lediglich redaktionellen Amderung angenommen. Nächste Sitzuna Montag Abend.
K. Die Budgrtkommijsion des Abgeordneten« hauses hat nach mehreren Stzang-n den Kultusetat unverändert genehmigt. Betreff» der V rthei- lung dks für des ElernentarunterrichtSwesea bestimmten Fonds, die zur Unterstützung unvermö.ender Sctul- verbände verwendet werden sollen, beschloß sie, dem Plenum zu empfehlen, die Regt runq auftufordern, folgende Maßnahmen zu treffen: 1. Die Grundsätze, nach denen aus diesen Fonds Beih: fe zu geben ist, werden vom Kulturminister gemeinschfftliü mit den Ministern des Innern und der Finanzen festgestellt. 2 Die Fonds selbst werden von den genannten Ministern auf die Regierungsbezirke verthe lt. 3. Die Regierungspräsidenten bewilligen s lbständ g nach den ad 1 festgestellten Grund ätzen die einzelnen Beihilfen nach Anhörung der S ldstv-rwa'tungskörper.
* In der Konfektionsindustrie ist cm Montag fast überall die Arbeit wieder ausgenommen worden- Die gegenrh iligen B schlösse verschiedener Versammlungen wurden nicht befolgt.
Ausland.
* Rom, 24. Febr. Seine Eminenz Kardinal Kopp, Fürstbischof von Breslau, ist heute hier ein- getroffen. In der nächsten Woche wird auch der Erzbischof von Pofen, v. StablewSki, hier erwartet.
* Sofia, 24. Febr. Der deutsche Generalkonsul ad interim, Konsul Dr. von Boigts-Rhetz, ist am Sonnabend von dem Prinzen Ferdinand in Audienz empfangen worden. — Das Ministerium hat folgende Umgestaltung erfahren: Soilow bleibt Minister-Präsident sowie Minister deS Innern und übernimmt interimistisch da- Ministerium des Auswärtigen, Naischewitsch das Ministerium für Handel und Ackerbau, der früherr Kammer-Präsident Theo« dorow das Just z - Minister um, Weiitscbkow daS Ministerium für öffentlichen Unterricht und Madjarow daS der öffentlichen Arbeiten.
* Konstantinopel, 24. Febr. Die aus Sofia zu- rückgekehcrm lürtlschen Abgesandten überbrachten dem Sultan ein Handschreiben beS Prinzen Ferbi- nanb. — Nach amtlichen türkischen Quellen wirb bie Nachricht, daß in Kcusarieh cmMlich der Ermordung eine» MohamedanerS ernstliche Ruhestörungen vorgekommen seien, als gänzlich erfunden bezeichnet. Auch int Bilajet Simas sei die Sage, entgegen den Nachrichten einzelner Blätter, wieder eine normale geworden, Die Bevölkerung gehe ruhig ihren Geschäften noch.
Thatsachen, an die man sich nicht g m erinnern lägt. — „Ja", fuhr der Vater fort, unbekümmert um die Gefühle des Sohnes. „Ja, ein Herzens Eroberer bist Du nun ein Mal nicht; aber ein Bißchen Mühe Dir geben, liebenswürdig zu sein, das solltest Du vermögen. Mit Fräulein von Hennings war ja alles im besten Gange. Was in aller Welt brachte Dich nur dazu, am Abend, an dem Du Dich hättest erklären sollen, statt mtt ihr Dich zu unterhalten, den einen Theil del Abends mit Minister Aldorf Politik zu treiben, den Rist desselben mit Herrn von Waltershofen intereffante Prozesse durchzunehmen. Kein Wunder, daß sie Dir dann einen Kord gab und hinterher ihrer Mutter erklärte: sie könne doch keinen Mann heirathen, dem eine alte Zeitung lieber sei alS sie."
Otto lachte: „DaS war vielleicht die einzige kluge Antwort ihres Lebens. Wovon hätte ich mit dem dummen Ding mich unterhalten sollen, das für nichtl Sinn hat, als für Tand? Ihr blieb eS ja unbenommen, thkilzunehmen an meinem Gespräch mit Aldorf; aber sie versteht nicht dal Geringste von Politik — keine Frau versteht etwas davon —, D» ausgenommen, Mama."
Frau von Rodenflüh, eine noch immer hübsche Frau in Mittlern Jahren, quittirte das Kompliment