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Umlage Mv Wulösev Zeitung.

M 38

ScrrnsLag, öen 15. Jebrucrr 1896.

23. Jahrgang

(0 Wer Wochen Ferien!

Original-Novelle von ®. Borges.

10) —— (Nachdruck verboten.)

Siegfried beobachtete Andrea- Roller am nächsten Tage aufmerksam. Er schien zerstreut, war schweigsam und vermied eine Zusammenkunft mit seinem Vater; augenscheinlich kämpfte er zwischen Liebe und Pflicht. Er konnte Lydia Ehrenfeld, welche durch die Schuld de- Vaters ihres Vermögens beraubt war, nur aus zwei Gründen als Gattin heimführen: der Mansch, nach besten Kräften das Unrecht wieder gut zu machen oder durch das Verbergen der Schuld den alten Namen fleckenlos zu erhalten. Er mußte seinerseits freilich ein Opfer sein, denn er liebte Lydia nicht, daher entschloß sich der Künstler, seinem Nebenbuhler zuvorzukommen und ihm daS Opfer zu ersparen.

Die Reisenden waren in Rom angekommen. In dieser alten ehrwürdigen Stadt mit ihren prächtigen Kirchen und berühmten Museen sollte Rast gemacht werden. Herr Roller nahm zum Aufenthalt eine reizende Villa am Tiber und freute sich, daß sein Sohn sich anscheinend seinen Wünschen geneigt zeigte. Am Abend ging Lydia allein am Strande spazieren und Siegfried, der längst auf einen günstigen Augenblick gewartet hatte, folgte ihr ungesehen. Er mußte Ge­wißheit haben, denn nur wenig konnte durch eine Ver­zögerung gewonnen, aber viel verloren werden. In wenigen Augenblicken stand er an ihrer Seite.

„Fräulein Ehrenfeld!"

Die Avgeredete sah erstaunt auf; doch als sie den Künstler gewahrte, spielte ein glückliches Lächeln um ihre Lippen.

„Wollen Sie meine Gattin werden und mit mir ein bescheidenes Heim in Deutschland theilen?"

Lydia warf ihm einen langen, erstaunten Blick zu, dann wandte sie ihm den Rücken und suchte Muscheln am Strande, um die Pmpurgluth ihrer Wangen zu verbergen. — „Welch ein sonderbarer Antrag!" flüsterte sie halblaut. —

„Beziehen Sie diese Worte auf die späte Abend­zeit, auf die unvorbereitete Art und Weise oder über- Haupt auf meine Kühnhnt, daß ich wage, Ihnen einen Antrag zu machen?" —

„ES kam mir so Plötzlich — wirklich ganz uner­wartet," versetzte sie mit silberhellem Lachen, um ihre Auftegung zu verbergen. —

„ES blieb mir gewiß keine andere Zeit," gestand der Maler offen. „Augusta Roller beobachtete mich an Bord stets mit Argusaugen, dort fand ich kaum Gelegenheit, mich Ihnen zu nähern." —

„Sind Sie mir deshalb rachgegangen?"

„Ja, Fräulein Ehrenfeld, — Lydia, Geliebte, ahnen Sie nicht, wie aufrichtig ich Sie liebe? Sagt Ihnen nicht Ihr Herz, daß ich Sie auf Händen tragen und Sie glücklich machen will? Freilich bin ich nur ein armer Mann, aber ich fühle die Kraft in mir, mir eine Stellung und guten Namen in der Welt zu erringen. Willigen Sie ein, meine Gattin zu werden, und Gott ist mein Zeuge, daß ich aufrichtig danach streben werde, Sie glücklich zu machen."

Seine offenen, ehrlichen Worte ließen Lydia'S Herz vor Freude lauter schlagen. Sie hatte den inter­essanten, bescheidenen Künstler lieb gewonnen, und nur der Verdacht, den si: gegen ihn und ihre Zofe schöpfte, trübte ihr da» Glück dieser Augenblicker.

„Wir kennen un» erst seit kurzer Zeit," bemerkte sie ausweichend, „vielleicht täuschen Sie sich in Ihren Gefühlen."

Der junge Mann erröthete. „Wahre Liebe bindet sich nicht an Zeit," versetzte er bestimmt, „sie ist eine Pflanze, die oft in der kürzesten Frist Wurzeln schlägt und wuchert. Zweifeln Sie nicht an der Aufrichtigkeit meiner Worte? Lydia, Sie sind er allein, die ich liebe und begehre; ich trachte nicht nach Reichthum und Ver­mögen. Geben Sie mir Gelegenheit, Ihnen das zu beweisen; für Sie zu arbeiten, zu wirken und zu schaffen soll mein größtes Glück auf Erden sein."

„O! ich habe Sie niemals für einen Leichtfuß an­gesehen," erwiderte sie lebhaft, „dazu sind Sie zu ehrlich. Aber Ihr Antrag kam mir so unerwartet; ich kann Ihnen jetzt noch keine Antwort geben."

„Geliebte! Geben Sie mir nur Hoffnung; Sie werden mit der Zeit mich lieben lernen. Vielleicht war ich allzu vorschnell, aber es drängte mich zu reden. Ich frage nicht nach Vermögen; nehmen Sie Ihr Geld und zerstreuen Sie er nach allen Himmels- gegenden, und ich werde nie fragen, war damit ge­schehen ist."

Sie lachte herzlich. Dieser sonderbare Antrag, die Kühnheit seiner Worte waren ganz nach ihrem Geschmack. „Ich weiß den Werth des Golder mit all' seinen Vottheilen nur zu gut zu würdigen, um

das zu thun," scherzte sie, „em pcaklijches Mädchen im neunzehnten Jahrhundert ist vor solchen Extra­vaganzen sicher."

„Welche Antwort haben Sie für mich?"

„Warten Sie ein oder zwei Tage, dann werde ich sie Ihnen geben;" mit diesen Worten wandte sie sich raschen Schrittes der Billa zu.

Es war am Nachmittage de- folgenden Tages. Andreas Roller und Lydia saßen im Pavillon; doch ein Gespräch konnte nicht unterhalten werden, auf alle Fragen erhielt die junge Dame nur einsilbige und zer­streute Antworten. Der Maler war nicht zugegen. Da trat Augusta mit leuchtenden Augen und hoch- gerötheten Wangen zu ihnen.

„Diese interessante Sc-ne, die ich beobachtet habe," rief sie fast athemlos und mit unheimlichem Lachen. „Ich muß Dich darauf aufmerksam machen, Lydia, es muß Dir eine Warnung für die Zukunft sein. Mariam Heron, Deine Dienerin, die Du ohne Empfehlung engagirt hast, ist zweifellos eine gute Bekannte von unferm Künstler."

Mit diesen Worten bog sie die dichten Zweige einer Hollunderstrauches auseinander, und man sah in geringer Entfernung den Künstler und Miriam stehen. Sie hatten keine Ahnung, daß sie beobachtet wurden; doch Lydia sah, wie der Künstler ihre Hand ! erfaßte und sie lange fest in der seinen hielt.

„Wollen Sie mir helfen? ich habe Ihnen jetzt Alles gesagt," hörten die Beobachter die Stimme des bebenden Mädchens.

„Ja. Um Ihretwillen und um des Versprechens willen, daS ich Jhiem Vater gegeben habe," lautete ernst die Antwort.

Andreas Roller wandte sich ab; sein Antlitz war aschfahl geworden, seine Glieder bedien, ein krampf­hafter Schmerz drohte sein Herz zu durchbohren. Lydia, kaum wissend, was sie that, folgte ihm.

»Es ist nicht unsere Angelegenheit," stieß er müh­sam und mit sichtlicher Anstrengung hervor. „Es scheinen Liebende zu sein. — Lydia--wenn ich

Dich bitten würde, meine Gattin zu werden, welche Antwort würdest Du mir dann geben?" Sie sah schmerzbewegt zu ihm auf; diese Frage kam ihr wieder gänzlich unerwartet.

„Ist es Dein Ernst, Andreas?" fragte sie nach einer kleinen Pause.

Er lachte bitter. — „Ich pflege keinen Antrag im Scherz zu machen," versetzte er. „Wir haben ja schon seit Jahren zusammengelebt und haben uns immer gut verstanden, nicht wahr, Lydia? Willst Du meine Gattin werden? Du glaubst nicht, wie viel von unserer Ver­bindung abhängt." —

Er sprach vollkommen ruhig, seine Worte ver- riethen keine Leidenschaft, keine Liebe. Er sprach so lietzend, wie ein Knabe, der seine Lektion aufgesagt, der gut gelernt hat.

„Ich hatte keine Ahnung--" Lydia stockte.

Sie sah in der Ferne ihre Zofe der Villa zuschreiten. Der Maler nahte sich ihnen.

„Erhalte ich noch heute meine Antwort?" flüsterte er flehend seiner Geliebten in's Ohr. Lassen Sie mich nicht allzu lange in Ungewißheit."

Ein stolzer, verachtender Blick traf ihn, dann legte sie ihre Hand auf Andreas Arm. „Ich bin mit Andreas Roller verlobt," sagte sie mit fester Stimme. —

Der Maler hatte seine Antwort.

«Fortsetzung folgt.)

"E Wie Lerlin fährt, uud was es dafür anfweadet, darüber dürften nur wenige Leser unter ichtet und daher das Nachstet-ende von Interesse sein.

1. Innerhalb eines Jahres wurden befördert auf der Eisenbahn und zwar: a) auf bcr 11,-26 km. langen Stadtbahn 39270000 Personen für 6 905000 Mk., b) auf der 36,97 km. langen Berliner Ringbahn nebst Anschlüssen an die Stadtbahn (32,63 km) rund 16460000 Personen für 1982000 Mk, c) 'm Vorortverkehr 23300000 Pe s. für 5262000 Mk.; in dieser Zahl sind zwar auch die eigentlichen Borortbewohner ent­halten, indessen stellen auch hier die Berliner theils als Billen- besitzer, theils als Sommerfrischler die größte Zahl. Eingeschaltet wag hier w rden, daß auf der Stadtbahn täglich 188 Fern- u. Vorortzüge und 495 Stadtbahnzüge verkehren. Außerdem werden im ? ommer des Sonntags fast ebensoviele Extrazüg-- abgelassen.

2. Die drei Berliner Pferdeeisenbahngesellschaften, deren 1855 km lange Strecken zum Theil ebenfalls die Vororte mit der Hauptstadt verbinden, haben während des Jahres 1894 rund 155000000 Pers befördert, welche an Fahrgeld rund 12 850000 Mk. entrichtet haben. Zur Beförderung dieier erheb­lichen Pe sonenzahl waren 6 289 Pferde und 1285 Wagen er- forderlich

3. Die 351 Omnibus haben rund 38 250000 Personen benutzt und dafür 5120000 Mk. verausgabt. Die Zahl der Omnibuspferde beziffert sich auf 2 706 Stück.

4. An Thorwagen (Kremsern) waren241 mit352Pferden vorhanden Die Zahl der von denselben beförderten Personen und der vereinnahmte Betrag ist speziell zwar nicht festgestellt;

I unter Berücksichtigung des Itznstandes, daß diese Wagen nur während des Sommers dem PKsonenverkehr - zu Landpartien — | dienen, kau mit einiger Sicherheit angenommen werden, daß jeder Wagen während 5 Monate täglich 15 Mk. verdient und etwa 20 Pers, befördert, das ergibt eine Einnahme von zirka 642010 Mk und eine Personenzahl von 723000.

5. Droschken sind 7057 mit 10436 Pferden vorhanden Auch hinsichtlich dieser ist die Zahl der beförderten Personen und der Einnahme an Fahrgeld zwar nicht amtlich festgestellt, indessen kommt eine durchschnittliche Tageseinnahme von 8 Mk. per Droschk und eine Beförderungszahl von etwa 8 Personen der Wirklichkeit nahe. Dies ergibt eine Jahreseinnahme von zirka 20 600000 Mk. und eine Personenzahl von gleicher Höhe.

6. Als weiteres öffentliches Fuhrwerk sind etwa 400 Lohn­kutschen vorhan' en, welche hauptsächlich zu Taufen, Trauungen und Begräbnissen benutzt werden; da für die Benutzung derselben, namentlich der sehr luxuriös aulgestatteter Brautwagen, ganz erhebliche Beträge gezahlt werden, so geht man, unter Berück­sichtigung des Urnstanies, daß beispielsweise im Jahre 1893 hier 16 955 Eheschließungen, 51246 Geburten und 37537 Todesfälle zu verzeichnen w>ren, wohl nicht fehl, wenn man auf jedes Gefährt eine durchschnittliche Tageseinnahme von 10 Mk und die Beförderung von 5 Personen veranschlagt. Dies ergibt eine Jahreseinnagme von 1460000 Mk. und eine Personenzahl von 750 00.

7. Auf den Dampfst raß en bahnen wurden ca. 3100 000 Pers, befördert, welche ein Fahrgeld von etwa 620000 Mk. ent- richtet haben. Endlich ist

8. noch die Dampfschifffahrt mit rund 620000 Pers, und 240000 Mk. zu berücksichtigen. — Hiernach sind die Personen­beförderungsmittel Berlins in einem Jahre von 297 972 000 — täglich816 500 — Personen benutzt, welche dafür62762 000 Mk. —, täglich rund 172000 Mk. — gezahlt haben.

Vermischtes.

* Petersburg, 14. Febr. Ein drolliges Mißverständniß hat sich dieser Tage auf der sogenannten „Petersburger Seite", dem vorzugsweise von einer armen Fabrikbevölkerung bewohnten Stadttheil zwisckien einem Senator und einem Offizier abge­spielt. Einem Offizier, der in vorgerückter Abendstunde diese etwas unsichere Gegend passirte, folgte in naher Entfernung auf Schritt und Tritt ein Herr in Civil, der in dem vor ihm gehenden Jünger des Mars den besten Schutz vor einem etwaigen Raubüberfall zu finden hoffte, während Letzterer anfing, sich über den ihm beständig folgenden Civilisten eigene Gedanken zu machen. Als nun der Offizier nach seiner Uhr sehen wollte und diese nicht fand, wandte er sich blitzschnell um, packte den Civi- listei am Kragen und schrie: „Sie haben meine Uhr gestohlen, geben Sie dieselbe sofort zurück, sonst geht es Ihnen schlecht." Der Civilist überreicht denn auch mit zitternden Händen dem Offizier eine Uhr und läuft, was ihn die Beine tragen. Zu Hause angekommen, macht der Offizier die Entdeckung, daß seine eigene Uhr auf dem Toilettentisch liegt und er selbst eine fremde Uhr geraubt hat. Der Offizier begab sich nun sofort zur Polizei, um von dem Vorfall Mittheilung zu machen. Hier rief seine Mittheilung hellen Jubel vervor, denn kurz vor ihm war ein Herr Senator auf der Polizei gewesen, hatte seine Beraubung angezeigt und in einer für die Petersburger Sicherheitspolizei wenig schmeichelhaften Weise darüber geklagt, daß die Frechheit der Petersburger Spitzbuben schon so weit gehe, daß sie sich zur Ausübung ihres sauberen Handwerks sogar in Offiziers- uniform kleiden.

* München, 14. Febr. Es wird immer schöner! In die hiesige Klinik wurde dieser Tage ein 18jähriger Gymnasiast mit einer Schußwunde im Kopse eingeliefert, di- er angeblich auf der Jagd erhalten haben soll. Nach der,N. Fr. Bolksztg/ ist dagegen die Verwundung die Solge eines Duells, das der un­reife Einfaltspinsel, welcher bereits dem „Ehrbegriff" der Duell­mörderei verfallen ist, mit einem dito Einfaltspinsel unweit München „ausgefochten" hat.

* Neuestes Aufsatzthema für Abitnri Uten. Auf dem Gymnasium in Emden lautete bei den vor einigen Tagen gefer­tigten schriftlichen Arbeiten der Frühlings-Abiturienten das Thema des deutschen Aufsatzes: „Was meint: Fürst Bismarck mit den Worten, die er am l. April 1895 an die „deutschen Studenten" richtete: „Halten wir vor allen Dingen zunächst fest, was wir haben?" — Die .Deutsche Bolksztg/ bemerkt in treffend lakonischer Weis- dazu: „Sollte er nicht die Bismarck ­spende ober den Welfenfonds gemeint haben?"

Literarisches.

L teraturblatt für katholische Erzieher. 27. Jahrgang. Jähr­lich 24 Nummern. Preis 1 Mark. Verlag von L. Auer in Donauwörth. Durch alle Buchhandlungen zu beziehen.

Kurze Inhaltsübersicht von Nr. 1 und 2: Unser ,Literaturblatt'. Pädagogik. Religion. Sprache. Dichtungen. Rechnen. Geschichte und Geographie. Naturkunde. Schreiben und Zeichnen. Biographieen. Volks- und Jugendschriften. Gebet- und Erbauungsbücher. Musik. Verschiedenes. Lieferungs- we ke. Kalender. Bücherverzeichniß. Zusammenstellung von Büchern für bestimmte Zwecke. Warnungstafel. Bolksstimmen. Vermischtes. Frage- und Antwortkasten. Dr. Albert Stöckl f. Zeitschriften. Einiges vom Lesen.

Kneipp - Btätter. Zeitschrift für arzneilose Heilmethode und naturgemäße Lebensw ise, zugleich offizielles Organ des Kneipp-Vereines in Wörishofen. 6. Jahrgang. Jährlich 26 Nummern. Preis pro Halbjahr 1.25 Mark. Verlag von L. Auer in Donauwörth. Durch alle Buchhandlungen und Postanstalten zu beziehen.

Inhalt von Nr. 1—3: Zum Namenstage! Das Tabak­rauchen. Chirurgie und Wafferheilverfahren. Der menschliche Körper (mit Illustrationen). Randbemerkungen zur Behandlung der Epilepsie (Fallsucht). Kneipp'sche Wafleranwendnngen (mit Illustrationen). Heilungen. Goldkörnlein. Aus den Vereinen. Korrespondenz. Nachrichten ans Wörishofen. Rückblick auf das Jahr 1895 (Feuilleton). Merk'-! Allerlei. Für Küpe und Haus. Rezension. Aerztlicher Rathgeber. Korrespond-nz der Redaktion. Anzeigen. Geschwollene Füße. Die gesundheitliche Leibsorge des Lungenkranken. Die Honigproduktion und ibre Förderung. P. Theobald Mathew, Kapuziner, Begründer der Mäßigkeitsvereine (Feuilleton). Das Turnen. Für Mütter und Töchter (Feuilleton).