Einzelbild herunterladen
 

M 36

Donnerstag, den 13. Februar 1896.

23. Jahrgang

uldaerMZritunß

mit UnterhaLtungs-Kettage „Sterne und Hinmen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Der Generalstreik der Berliner Konfektionsarbeiter.

Wie wir schon gestern meldeten, Hecken die Berliner Konfektionsarbeiter und Arbeiterinnen am Montag einen Generalstreik beschlossen, d. h. 60,000 Personen wollen die Arbeit niederlegen. In ganz Deutschland ist seit längerer Zeit eine tiefgehende Bewegung unter den Arbeitern dieser Branche im Gange, und man hat folgende zwei Forderungen gestellt: Errichtung von B e t r i e b s w e r k st ä t t e n durch die Konfektionsgeschäfte und höhere Löhne. Man weiß, daß die Löhne im Konfektionsgewerbe geradezuerbärmlich sind; nur für die besseren Sachen wird ein einigermaßen an­ständiger Lohn gezahlt, wenn dieser auch noch immer zu dem Preise, den das Publikum für das Stück zahlen muß, in keinem Verhältniß steht. Fär die große Masse der gewöhnlichen und billigen Waaren werden den Arbeitern einfach Hungerlöhne bezahlt. Materielles und sittliches Elend ist, insbesondere bei den Arbeiterinnen, die Folge. Manche Konfektionsgeschäfte rechnen förmlich damit, daß die Arbeiterinnen noch unsittlichen Nebenverdienst haben. Wo ein noch einigermaßen auskömmlicher Lohn von den Ge­schäften bezahlt wird, pflegt er leider den Arbeitern nicht zu Gute zu kommen, sondern der Rahm wird von den Zwischenmeistern abgeschöpft. Die Ge­schäfte geben die Arbeit meistens nur an „Meister"; diese geben sie an Arbeiter und Arbeiterinnen weiter, die sie entweder in ihrer Werkstätte sitzen haben, oder zu Hause die Sachen machen lassen. Erhielten die Arbeiter den Arbeitslohn aus erster Hand, so würden sie sich erheblich besser stehen.

Deshalb verlangt man, daß die Geschäfte selbst Werkstätten errichten sollen, in denen die Arbeiter die Sachen nähen; der Zwischenmeister würde damit fort­fallen und verhindert sein, einen Theil des Arbeits­lohnes in die eigene Tasche zu stecken. Freilich Arbeiter­innen, die zu Hause Familie und Kinder haben und deshalb bei sich arbeiten müssen, könnten von der Wohlthat der Werkstätten keinen Gebrauch machen. Die Geschäfte wollen aber auch nirgends auf die Forderung eingehen; sie sei unmöglich wegen der Kosten usw. Ja Berlin haben in den letzten Tagen vielfach Verhandlungen und Versammlungen in der Sache stattgesunden. Auch die Regierung hat derselben ihre Aufmerkiamkeit zugewandt und einen Rath aus dem Handelsministerium zur Vermittlung beordert. Es ist auch neuerdings eine Einigung dahin erzielt worden, daß die Arbeiter die Forderung der Betriebs- Werkstätten haben fallen lassen. Dazu soll besonders die Erklärung des Regierungsvertreters beigetragen haben, daß die Regierung dem Reichstage noch in dieser Session eine Vorlage bezüglich der KonfekiionS- arbeiter werde zugehm lassen. Es w:rd sich wohl um die Stellung der Werkstätten der Zwischenmeister unter die Gewerbeaufsicht bandeln.

c Uier Wochen Ferien!

Original-Novelle von C. Borges.

8) ------ (Nachdruck verboten.)

Andreas prallte entsetzt zurück. „Verloren! Ge- brandmarkt! — was meinst Du mit diesen Worten, Vater", stammelte er verwirrt. —

„Ich stehe vor einem gähnenden Abgrund — ich habe unglücklich ip fuhrt." —

Und nun soll Lydia's Vermögen unsere zerrütteten Verhältnisse wieder Herstellen," sagte schneidend der junge Mann. —

„Nein. Wenn Du einwilligft, sie zu heirathen, so ist unser guter Name gerettet, aber nicht ihr Ver­mögen. Ich habe mit dem Erbe meines Mündels spekulirt — Lydia Hot keinen Pfennig mehr." —

„Guter Gott, ist das möglich?" —

„Leider. Tadle mich, wenn Du es willst, daS Unglück ist geschehen, und ich hatte eS so ehrlich ge- merm!" —

„Wirum rührtest Du ihr Geld an?" fragte An­dreas mit heiserer Stimme.

„Du weißt, unser Vermögen liegt größtemheils in festem Grundbesitz, daS laut testamentarischer Be­stimmung nicht veräußert werden darf. Ebenso ist daS Baarvermögen so sicher gestellt, daß nur die Zinsen erhoben werden können. Ein Freund von mir

Das mag ja einigen Schutz gegen allzu große Aus- • Nutzung der Arbeitskraft und gegen Beschäftigung in gesundheitsschädlichen Räumen bieten. Allzu viel nützt es nicht, da noch immer die Hausindustrie bleibt. Jedenfalls fchafft es keine befferen Löhne. Wie verschiedentlich anderwärts, so sind auch in Berlin die Geschäfte nicht abgeneigt, höhere Löhne zu zahlen. Ein großer Theil bezahlt auch schon die Löhne, welche die Arbeiter fordern; diese erhalten sie nur nicht, und deshalb ist die Frage, wie man sie ihnen sichert. Es ist vorgeschlagen worden, die Zwischenmeister zu ver- j pflichten, einen bestimmten Prozentsatz deS ihnen ge­zahlten Lohnes den Arbeitern zu geben und dafür einen Tarif aufzustellen, den sie innehalten und in ihren Geschäften aurhängen müssen. Wenn man nur auch die Garantie hätte, daß er wirklich innegehalten wird. Der Arbeiter sind so viele, daß sich immer welche finden werden, die zu einem niedrigeren Lohne zu arbeiten bereit sind. Ob mit Lohnbüchern und durch die Geschäfts-Inhaber oder Gewerberäthe eine wirk­same Kontrolle geübt werden könnte, muß dahin gestellt bleiben. Dis Beste wäre, man könnte daS : ganze Sitz- und Schwitz ystem radikal verbieten. Aber die ganze Konfektion ist so auf die Zwischen- meister zugeschnitten, daß, wenn man sie beseitigen wollte, wohl nur die großen Geschäfte die Neuordnung mitmachen könnten, die kleinen aber zu Grunde ? gingen. , i

Wir wollen hoffen, daß recht bald eine Verständi­gung über die Besserung der Lage der Arbeiter erzielt wird. ES ist einfach himmelschreiend, daß die Konst ktions-Jndustrie blühen soll Dank dem mate­riellen und moralischen Elend derArbeiter. Wir fürchten, daß der Streik nur noch zur Ver­größerung des Elendes beitragen wird. Geld haben die Konfektions-Arbeiter ja nicht, um den Aus­stand lange aushalten zu können. Bei der Menge von Personen, um die es sich hier handelt, würde auch die Opferwilligkeit der übrigen Arbeiter nicht im Stande sein, sie auf die Länge vor Roth zu schützen. Die ' Sympathie des großen Publikums ist ge- i wiß für die Streikenden, aber das Geld dürfte ■■ doch verhältnißmäßig spärlich fließen.

Von Seiten der rationalliberalen Partei ist im . Reichstage eine Interpellation eingebracht wor- ; den darüber, welche gesetzgeberischen Maßnahmen die i Regierung zum Schutze für Gesundheit uns Sittlichkeit s und gegen Ausbeutung der Konfektions-Arbeiterinnen ? durch das Trucksystem zu ergreifen beabsichtigt. Die ? Interpellanten beziehen sich auf einen ReichstagS-Be- ' schluß vom Jahre 1885. Es ist für daS Reich der ' sozialen Reformen etwas beschämend, daß in den ’ 11 Jahren für die in Frage stehenden Arbeiterinnen ' nichts geschehen ist. Die Interpellation ist am ■ Mittwoch (gestern) im Reichstage zur Verhandlung ge- ■ kommen. (Vergl. Parlaments-Bericht.)

vergrößerte seine Kapitalien auf's Zehnfache; das i reizte mich, auch mein Glück zu versuchen. Ich nahm ; Lydia's Erbtheil — Du kennst jetzt den Erfolg, i Wenn sie heirathct und ihr Gatte fordert Rechenschaft : von meiner Vormundschaft, so muß die Wahrheit | an's Tageslicht kommen. Darum bitte ich Dich, t nimm Du sie zur Gattin, nur allein in dieser Weise l kann unser guter Name fleckenlos erhalten bleiben." I

„Ich möchte lieber gestorben sein, als diese Worte ' von Dir hören zu müssen", stieß Andreas heiser hervor. ? „Der Name Roller hatte bisher einen guten Klang s — jetzt sind wir entehrt."

„Urtheile nicht zu streng, mein Sohn. Ich habe s unüberlegt gehandelt, aber ich habe eS nicht schlecht \ gemeint. Du kannst die Singe jetzt nicht mehr ändern." •

„Und um Deine ungerechtfertigte Handlung zu I vertuschen, soll ich Lydia heirathen? DaS arme Kind!" $

„ES gibt keinen anderen Ausweg, um öffentlichen \ Skandal zu vermeiden", stöhnte der Vater.

Andreas erhob sich. „Laß mir Zeit zum Nach- \ denken", bat er leise. „Deine Mittheilung war für | mich ein unerwarteter, überraschender Schlag. Dein guter Name und der meine sind identisch. Morgen > will ich Dir meine Aniwort sagen — jetzt weiß ich i noch nicht, was ich thun soll." —

Tausend Dank, mein lieber Junge! Weiß Gott, •

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Februar.

* Der Kaiser wird sich heute Abend kurz nach 10 Uhr nach dem Stettiner Bahnhof begeben und von dort auf mehrere Tage nach dem Jagdschloß HubertuS- stock reisen. Anfangs März reist der Kaiser zur Rekrutenvereidigung nach W i l h e l m S h a v e n und wird bei dieser Gelegenheit den Großherzog von Olden­burg besuchen. Wie der,Deutsch. Tagesztg.' geschrieben wird, gedenkt dann der Kaiser im April einige Tage als Gast des GroßherzS Karl Alexander auf der Wart­burg zu weilen und von hier aus in den Wasunger und Schallunger Revieren dem Auerhahns nachzugehen. Wahrscheinlich werde der Kaiser auch dem großherzog­lichen Hofe in Weimar einen Besuch abstatten. In Verbindung mit jenen Reisen wird auch die nach Coburg zur Vermählung der Prinzessin Alexandra mit dem Erbprinzen von Hohenlohe-Langenburg gebracht.

* lieber die Rekruttrung d s Heeres für 1896/97 hat der Kaiser Folgendes bestimmt: I. Entlassung der Reservisten: 1) Der späteste EntlassungSta-; ist der 3. September 1896. Das Nähere bestimmen die General-Kommando's, für die Fußartillerie die General- Jnspektion der Fußartillerie. 2) Bei denjenigen Truppen- theilen, welche an Herbstübungen theilnehmeu, hat die Entlassung der zur Reserve zu beurlaubenden Mann­schaften, unter Berücksichtigung der in Ziffer 1 getrof­fenen Festsetzung, in der Regel am zweiten, ausnahms­weise am erstm oder dritten Tage nach Beendigung derselben bezw. nach dem Eintreffen in den Standorten stattzufinden. Abweichungen hiervon können daS Kriegs- mmisterium und in Bezug auf einzelne Mannschaften die General-Kommando'S verfügen. 3) Die zu halb­jähriger aktiver Dienstzeit im Mai bezw. im November eingestellten Trainsoldaten sind am 31. Oktober 1896 bezw. am 30. April 1897, die Traingemeinen, sowie dieOekonomie-Handwerker am 30. September 1896 zu entlassen. II. Einstellung der Rekruten: Die Ein­stellung zum Dienst mit der Waffe hat nach näherer Anordnung des General-Kommando's bei der Kaval­lerie baldmöglichst nach dem 1. Oktober 1896, jedoch grundsätzlich erst nach dem Wiedereintreffen in den Standorten von den Herbstübungen, bei den Train- Bataillonen zum Herbst am 3 November 1896 und für die Drainsoldaten zum Frühjahr am 1. Mai 1897 zu erfolgen. Die Rekruten für die Unteroffizierschulrn, sowie die als Oekonomie - Handwerker ausgehobenen Rekruten sind am 1. Oktober einzustellen. Für die Rekruten aller übrigen Truppentheile hat das Kriegs­ministerium den näheren Zeitpunkt der im Laufe deS Monats Oktober 1896 stattfindenden Einstellung fest­zusetzen.

* Aus der Budgetkommission des Abgeordneten­hauses ist der LandtagSabgrordnete Wallenborn (Centrum), nachdem er im Wahlkreise Mayen-Ahrweiler auch zum Abgeordneten für den Reichstag gewählt ich hätte Dir gern diese Stunde erspart, aber ich konnte eS nicht."

Andreas ging langsam fort, sein Vater folgte ihm. Der Künstler athmete erleichtert auf, und zog sich un­gesehen auS seinem Versteck zurück. AlS unfreiwilliger Laufcher hatte er eine wichtige Unterredung mit an­gehört; konnte er Nutzen daraus ziehen? Freude er­füllte sein Herz. Die Kluft zwischen Lydia Ehrenfeld und ihm war überbrückt; sie war ebenso arm, viel­leicht noch ärmer als er selbst, und wiewohl sie eS nicht wußte, blieb es doch eine unumstößliche That- sache. „Es ist besser, viel besser," überlegte der Maler, als er langsam im Hellen Mondenschein auf dem Deck hin und her ging, „daß sie einen armen Mann heirathet, dec sie aumchtig liebt, als einen anderen, der durch diese Verbindung nur ihre Ver- Mögensverhältnisse verheimlichen will." Stand es aber in seiner Macht, sie glücklich zu machen? Er gelobte sich tm Stillen, daß, wenn es ihm gelänge, Lydia als Gattin heimzuführen, er keine Rechenschaft von Herrn Roller über die Verwaltung des Vermögens fordern wolle.

In solche Gedanken versunken, stieg er hinab in die Kajüte, die als gemeinschaftlicher Salon benutzt wurde. Niemand war anwesend, außer Mirjam Heron, die dort nach einem vermißten Gegenstand ihrer Herrin suchte. Andreas Roller ging gerade an