Jg 35 Mittwoch, den 12. Februar 1896. 23. Jahrgang
FulioicrWZcitlinß
mit Unterhaltung» KeUage „Sterne und Slumen".
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£ Einfluß der Arbeiterversicherung auf die Armenpflege.
Nach der Botschaft des Kaisers Wilhelm I. vom Jahre 1881 ging der Hauptzweck der Arbeiterver- ; sichwungSgesetz? dahin, den Arbeitern in den durch / Krankheit, Unfall, Invalidität und Altersschwäche her- s beigesührtrn Nothlagen eine wirksamere uno würdigere s Versorgung, ein Anrecht auf standesgemäße, vor \ der Armenpfl ge zu bewahrende Fürsorge gesetzlich , stcherzustrllen. Ob dieser Zweck durch die Gesetze erreicht und die Armenlast der Gemeinden sich durch die Bersicherungsgesttze verringert hat, ist wiederholt untersucht worden Wenn auch noch kern ganz sicheres, allgemein giltigeS Resultat dieser Erhebungen vorliegt, so ist doch der Einfluß dieser Gesetze auf die Armenpflege nicht mehr zu verkennen. Der deutsche Verein für Armenpflege und Wohlthätiykeit hat von Armenverwaltungen und Versicherungs-Vorständen Gutachten über diese Frage erbeten und Dr. Freund, der Vorsitzende der Jnvaliditäts- und AlrerSversicherunasanstalt Berlin, hat Auszüge auS 108 Gutachten nebst einem Resumö darüber im 21. Hefte drr Schriften des Vereins veröfftntücht. Bon 33 größeren Städten, welche sich über die Frage der Entlastung bestimmt ausge- sp,och« haben, haben 25 eine bejahende und nur 8 eine verneinende Antwort gegeben. Bon den befragten S-ädten über 100,000 Emwohnern haben 10 bejahend und keine direkt verneinend geantwortet.
Die Zahl der Se bstunterstützten (ohne Familin) in den zuletzt genannten Städten ist m den Jahree von 1880—1893, mit Ausnahme von München, im Verhältnisse zur Bevölkerung gefallen und zwar ist der Rückgang in einigen Städten nach den von Alberti angestellten Berechnungen ziemlich bedeutend, in Magdeburg z. B. von 4,62 auf 3,13 Prozent. ('Soziale Praxis' 1895, Nr. 49.) Die Gesammtausgaben der Armenverwaltung auf den Kopf der Bevölkerung find in 5 Großstädten gefallen, während dieselben in 8 gestiegen sind. Die Unterstützung des einzelnen Armen »st nämlich in der angegebenen Zeit durchgehends eine größere geworden, so daß m manchen Städten trotz der Verringerung der Zahl der unterstützten Armen im Verhältnisse zur Bevölkerung die aufgewendete Summe sich vermehrt hat. Dr. Freund führt das darauf zurück, daß die Arbeiterversicherung die gesammte Lebenshaltung der unteren Bevölkerungs- klafien gehoben habe, wodurch denn die Armrnver- wastungen stch genöthigt sähen, ihre Leistungen für den einzelnen Armen zu erhöhen.
Die Ergebnisfe der genannten Enquete werden auch durch andere Veröffentlichungen bestätigt. So sind nach dem Verwaltungsberichte der Stadt Charlotten- burg dafelbfi von 1886/87—1894/95 die Ausgaben der Armenverwaltung pro Kopf der Bevölkerung von 1,79 auf 1,50 gefallen, während die Zahl der Unterstützten von 2,69 pCt. der Bevölkerung auf 1,63 pCt. herabgegangen ist. Der Bericht führt daS Sinken der
(0 Wer Wochen Ferien!
Original-Novelle von C. Borges.
7) ------- (Nachdruck verboten.)
5. Kapitel.
Acht Tage waren vergangen. Genua mit feinen hohen stolzen Thürmen lag weit, weit hinter ihnen. An den tiefblauen Fluthen des Arno hatten die Reisenden kurze Rast gemacht, besonder- auf Augufia'S Wunsch, die hier neue Skizzen aufnehmen wollte. Sie war mit ihrem Lehrer nicht in dem Sinne zuftieden, wie sie gehofft hatte, trotzdem er die übernommenen Pflichten treu und gewissenhaft erfüllte. Sie stand ihm so fern, wie am ersten Tage, und fühlte es wohl, daß er nur ihren geringen Fortschritten, durchaus aber nicht ihrer Person Interesse zollte. Augusta Roller stand ja schon lange in dem Alter, in dem manche ihrer Gefährtinnen oft verzweifelte Anstrengungen machen, ihre Lage und ihr einsame» Leben zu ändern. Da es ihr in der Jugendzeit nicht gelungen war, ein eigenes Heim zu gründen, hatte sie mit einem Eifer Kunst und Wiffenschast ergriffen, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre.
Zuerst hatte sie bei einem berühmten Professor Musik- und Gesangunterricht genommen; doch schon bald entdeckte sie, daß der schwarzäugige ratereffante
Armenlast ausdrücklich auf die Arbeiterverficherungrn zurück. Auch der letzte Berwaltungsbericht der Stadt Frankfurt a. M. stellt fest, daß die Kosten der offenen Armenpflege in Folge der sozialen Gesetzgebung zurückgegangen sind. (.Soziale Praxis' 1895, Nc. 3 u. 8.) Dasselbe Resultat liefern durchgehends die statistischen Erhebungen, welche sich auf das Herzogthum Braunschweig, das Großherzogthum Baden und das Königreich Sachsen beziehen. In letzterem Staate wurden 1880 wegen Unsalles 1079 Personen von der Armenpflege unterstützt, 1890 waren es nu» 617 und die Zahl der wegen Krankheit von der Armenpflege Unterstützten fiel während der Jahre 1880—1890 von 16683 auf 12 783 (,Der katholische Seelsorger' 1896, S. 45).
In den kleineren Städten und auf dem Lande scheint die Entlastung, wo sie überhaupt stattgefunden hat, sich bis jetzt weniger bemerkbar gemacht zu haben.
Um die Entlastung richtig zu beurtheilen, muß man beachten, daß die Jnvaliditäts- und Altersversicherung noch wenig Einfluß gehabt und zudem das letzte Jahrzehnt vielfach besonderen wirthschaftlichen Nothstand gezeigt hat. Da. wo die Armenlast nicht gefallen, sondern selbst geftiegen ist, wäre ohne die Versicherung gewiß eine größere Steigerung der Armenlast eingetreten.
Mag nun die Armenlast im Verhältnisse zur Bevölkerung zurückgegangen sein, oder nur die Zahl der unterstützten Armen sich verringert haben, so ist in jedem Falle eine gute Einwirkung der BersicherungS- gesetze auf die Armenpflege eingetreten. Die steigende Lebenshaltung der niederen BolkSklassen ist ja auch ein Gewinn, und zwar nicht nur für diese, sondern auch für die ganze Gesellschaft.
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Februar.
* Der Kaiser unternahm heute Vormittag den üblichen Spazierganz im Thiergarten, hörte, nach dem Schlöffe zurückgekehrt, den Vortrag der Generals v. Hahnke, empfing um 12 Uhr Mittags den bisherigen rumänischen Gesandten Gregor Ghika in Abschiedsaudienz und nahm dann militärische SRelbun^en entgegen. Rach 1 Uhr Mittags begab stch der Kaiser zu einem zu Ehren bei großbritannischen Obersten Swaine vorn OsfizierkorpS bes Leib-Garde-Husaren- regiments gegebenen Frühstück nach Potsdam. — Wie die ,Berl. Reuest. Nachr.' aus angeblich guter Quelle erfahren, wird die „Hohenzollern" Anfang März ausgerüstet sein. Dann finden während mehrerer Tage Probefahrten statt und nach deren Beendigung wird die Dacht für Se. Majestät bereit stehen. Um die Mitte de» März schifft der Kaiser stch auf der Dacht ein, um eine Mittelmeerreise anzutreten. Als erstes Ziel wird R-apel genannt. Boa hier geht es Wester nach Korfu. Ob der Kaiser die Reise von Kiel
Herr eine Braut habe, ja sogar, daß die Hochzeit nahe bevorstand, und damit war natürlich da» Studium beendet. Dann legte sie sich mit rastlosem Eifer auf ftanzöfische Konversation. Der höfliche, bleiche Franzose überhäufte sie mit Schmeicheleien, wußte ihr thörichteS Herz bald zu gewinnen und entlieh schließlich von ihr eine Summe Geldes, um damit auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Der Gedanke, sich jetzt in der Malerei zu vervollkommnen, schien ihr ein glücklicher; mit Siegfried Bergheim wollte sie den letzten Versuch machen. Doch eine neue Enttäuschung stand ihr bevor. Sie hatte in diesen wenigen Tagen erfahren, daß der Künstler, obwohl er nur auf seine Kunst angewiesen war, trotz ihre- Vermögens ihr niemals Hand und Herz anbieten würde. Es ging ihr wie ein Stich durch's Herz, wenn sie ihn im heiteren Geplauder an der Seite Lydia'» sah. So weit hatte fie er noch nicht gebracht. Er stand ihr nur als strenger, ernster und gewiffenhafter Lehrer gegenüber, und das mißfiel ihr. Die arme Augusta! Oft stiegen bittere Thränm der AergerS in ihre Äugen, wenn fie Siegfried und Lydia beisammen sah, o ! wie gern hätte fie die Beiden getrennt, wenn eS nur in ihrer Macht gestanden hätte! '
Dar Wetter blieb herrlich; ein ungünstiger Wind trieb da» Keine Fahrzeug weiter und weiter: vorbei
oder von Wilhelmshaven au» antritt, scheint noch nicht festzustehen, wenigstens ist darüber nichts bekannt geworden.
* Prinz Georg von Prentzen feiert am Mittwoch seinen 70. Geburtstag und zugleich sein 60jährigeS Dienstjubiläum. Er »st das älteste Mitglied deS preuß. Königshauses.
* Präsident Freiherr v. B u o l hat den ReichStagS- mitgliedern mitgetheilt, daß auf feine Veranlassung am nächsten Donnerstag im Anschluß an die übliche gesellige Vereinigung von BundeSrathS- und ReichS- tagsmitglredern im Kuppelraum deS ReichStagS- gebäudes ein Vortrag über die Röntgen'schen Strahlen mit Experimenten ftattfhben wird.
• Die ,Nordd. Allg. Ztg.' schreibt gegenüber der ,Post' in hochoffiziösem Sperrdruck, an maßgebender Stelle bestehe „die an sichere Erwartung grenzende Hoffnung", daß es der ruhig fortschreitend den Arbeit aller Betheiligten aelingen müffe, die parlamentarische Behandlung des Bürgerlichen Gesetzbuchs in dieser Session zu Ende zu führen. Ob diese Hoffnung begründet ist, möchtet wir doch sehr bezweifeln, wenn auch gewiß die Mehrheit der Kommission einschließlich der CemruMsmitglieder den ernsten Willen haben, bei aller Sorgfalt die Berathung dennoch möglichst zu fördern. Der Ausdruck „ruhig fortschreitende Arbeit" enthält übrigens auch eine Abweisung derjenigen, die daS so wichtige Gesetzwerk ohne wirkliche Prüfung durch gepeitscht wissen möchten.
K. Die Unterstützung der dentscheu Schulen im Auslände, für welche im Etat des Auswärtigen Amts, wie alljährlich, 100,000 Mark eingestellt sind, führte in der heutigen Sitzung der Budgetkommission zu einer längeren Erörterung. Seitens der evangelischen Kirchengemeinde zu Bukarest lag eine Petition vor, welche um Erhöhung da» dieser Gemeinde zu Schulzwecken aus obigem Fonds seither schon gewährten Zuschusses von 6000 Mark auf 40,000 Mark jährlich bat. Der Referent Abg. Dr. Bürklin (natl.) beantragte, diese Petition, obwohl er die darin enthaltenen Forderungen für übertrieben ansehe, dem Reichskanzler zu ernsthafter Erwägung zu überweisen. Dem gegenüber erklärt der Abg. Müller-Fulda (Ctr.): Die Verhältnisse der deutschen Gemeinde in Bukarest seien keineswegs so ärmlich, daß dieselbe chre Schulen nicht selbst unterhalten könne —; im deutschen In- lande fändm sich weit bedürftigere Gemeinden vor. Daher sähe er fich, so sehr er auch damit einverstanden sei, daß man auch im Auslande durch Förderung der deutschen Schulen daS Deutschthum erhalte, nicht veranlaßt, diese Petition zu befürworten, besonders so lange die Finanzlage deS deutschen Reich» keine befriedigendere sei. Diesen Ausführungen des Abg. Müller-Fulda trat man von nationalliberaler Seite entgegen, während sie von den CentmmSabgeordneten Dr. Lingens und Gröber unterstützt wurde. Bei näherer Prüfung der Petition stellte eS sich dann auch heraus, daß die eigentlichen Schulausgaben der deutschen Gemeinde
an der blumenreichen Insel Elba, dem Garten Italiens, dem tyrrhenischen Meere zu. Der tiefblaue, wolkenlose hohe Himmel, herrlicher Sonnenschein, lange warme Rächte erhöhten die heitere Stimmung der Reisenden. Aber noch immer wartete der junge Maler auf einen günstigen Augenblick, sich ungesehen Laura von Waltersdorf zu nähern und wenn möglich ihr Vertrauen zu gewinnen. Es schien ihm als eine sonderbare Verkettung der Umstände, daß er gerade mit ihr dieselbe kleine Reise machte und dieser Gedanke beschäftigte ihn unaufhörlich.
ES war ein schwüler Nachmittag. Kein kühler Luftzug milderte die glühende Hitze der sengenden Sonnenstrahlen, und Siegftied, der allein hinter dem Schutz eines aufgespannten Segels saß, fühlte sich matt und schläfrig, besonders, da er Lydia nicht auf Deck sah. Da hörte er Augusta'S Stimme, die sich in geringer Entfernung mit Andreas Roller unterhielt; fie war mit ihrem Skizzenbuch bewaffnet und forschte laut nach chrem Lehrer.
Siegfried hatte au dem Tage schon zwei volle Stunden bei ihr geduldig auSgehartt und fühlte fich jetzt nicht in der Stimmung, ihr nichtssagender Geschwätz anzuhören. Er schleuderte seine brennende Cigarre iuS Meer, schloß die müden Lider und war blttd ruhig eingeschlafen. Wie lange er geschlafen hatte,