JE 34 Dienstag, dm 11. Februar 189«. 23. Jahrgmg
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[1 Der aroße Nikolaus und der kleine Ferdinand.
Das inbrünstige Bemühen des Prinzen Ferdinand, sich vom Zaren Nikolaus als Fürst von Bulgarien anerkannt zu sehen, scheint das Herz deS Zaren nun wirk- lich einigermaßen erweicht zu haben. Tas „Opfer" Ferdinands, die schmähliche Verschucherung der Seele seines KindeS an das Schisma, hat zwar sicherlich die Achtung des Zaren vor dieser Karrikalur eines Fürsten nicht erhöht, sondern eher noch vermindert, aber als Oberhaupt der schismattschen Kirche Rußlands kann Zar Nikolaus nicht umh n, sich über diesen Triumph des Schismas zu freuen und an demselben den demürhig erbettelten offinellen Antheil zu nehmen. Eine Ablehnung der Bitten F-rdmands war auch schon deshalb nicht gut möglich, weil die russische Sitte die Ablehnung einer angetragrnen Parhenschast verbietet, ein Umstand, der den Zaren zum Pathen einer Unmenge von Kindern seiner getreuen Unterlhanen macht. Zu diesen Un tert Han en hat sich jetzt also auch, im eigentlichsten Sinne des Wortes, der Fürst Bulgariens unter Preisgabe seines Seelenheils und der Seele seines Sohnes, unter Verlust seiner Würde und der Unabhängigkeit Bulgariens gestellt; der kleine Ferdinand liegt, um Gnade bettelnd, zu Füßen des großen Nikolaus.
Und warum diese Selbsterniedrigung? Um von Rußland als rechtmäßiger Fürst von Bulgarien an- erkannt zu werden, d. h. also, um eine formelle Anerkennung zu erlangen, die er sowohl wie auch sein Land acht Jahre lang recht wohl hat entbehren können, acht Jahre, in denen Bulgarien an Macht und Wohlstand überraschend zugenommen hat. War die Anerkennung seitens Rußlands also unbedingt nothwmdig für Bulgarien und seinen Fürsten? Niemand wird diese Frage im Ernste bejahen wollen. So gut Rußland acht oder neun Jahre lang sich gehütet hat, mit Waffengewalt die Bulgaren zu zwingen, sich seinen Forderungen zu unterwerfen, ebenso gut hätte Rußland auch noch weiter -ich in Geduld gefaßt. Ja, gerade der Umstand, daß Bulgarien unter Stambulow's Leitung sich feindlich zu Rußland gestellt und zur Vormacht der Türkei gegen jeden russischen Einfall gemacht hatte, zwang Rußland, Frieden zu halten und die Balkanstaaten in Ruhe zu lassen. Wenn jetzt wieder der russische Einfluß in Bulgarien maßgebend wird, so muß sich die Türkei hierdurch ernstlich bedroht fühlen. Augenblicklich hat Rußland allerdings nichts gegen die Türkei im Schilde, ja, eS herrscht sogar daS beste Einvernehmen zwischen dem Zaren und dem Sultan; aber Rußland beobachtet diese freundliche Haltung nur, um England dadurch im Orient auS dem Sattel zu heben, und wird seine wahre Gesinnung gegen die Türkei, sein Streben nach Eroberung Konstantinopels, sofort wieder zeigen, wenn der englische Einfluß im Oriente gänzlich gebrochen sein wird.
Daher verträgt sich auch die russisch- Politik, die
© Uier Wochen Ferien!
Ariginal-Novelle von $. Borges.
6) ------- (Nachdruck verboten.)
„So, jetzt habt Ihr mich und könnt mich nicht so leicht wieder los werden," rief er mit lauter, fast kreischender Stimme, „wolltet Ihr denn diesen Sommer die Reise ohne wich machen, wie?"
„Durchaus nicht, lieber Onkel, schrie ihm Andreas ins Ohr, „wir dachten nur, die Hitze wäre zu groß für Dich und Du ertrügest nicht gern die Strapazen einer Seefahrt."
„So, so, deshalb gabst Du mir nicht einmal Ge- legenheü, Eure Einladung abzulehnen?" höhnte der Eindringling, „aber ich kam noch gerade zur rechten Zeit. Die Seeluft wird mich eben so gut stärken, wie Euch."
„Wärest Du doch lieber in Deutschland in Deinem Landhause geblieben," brummte Herr Roller.
„Was sagst Du da, sprich doch lauter," rief Onkel Fritz.
„Wir freuen mrS Alle, daß Du hier bist," kam Andreas seinem Vater zu Hilfe, „denn jetzt wird e» uns nie an Unterhaltung fehlen."
Der alte Herr sah seinen Neffen scharf an. — „Steh doch nicht und stiere mich fo an, als ob ich
auf die Herrschaft am Bosporus niemals verzichten wird, nicht mit den großbulgarischen Bestrebungen, denen die gegenwärtigen bulgarischen Minister und wahrscheinlich auch Fürst Ferdinand huldigen. Rußland wird niemals zugeben, daß an die Stelle der altersschwachen Türkenherrschaft sich ein aufstrebendes Königreich Großbulgarien oder gar das von den Bulgaren erstrebte südslavische Kaiserthum setzen wird. Dazu hat Rußland nicht die Opfer an Gut und Blut gebracht, nm sich auf der Balkanhalbrnsel einen Nebenbuhler großzuziehen. Nein, Rußland strebt selbst nach der Herrschaft auf der Baikanhalbinsel, und Bulgarien soll nur ein russischer Vasallenstaat sein. Indem die jetzige bulgarische Regierung zu jeder Erniedrigung sich bereit ze'gt, um Rußlands Anerkennung für die kobnr- gische — oder auch eine andere — Dynastie zu erlangen, unterwirft sie sich den russischen Herrschaftsgelüsten und macht Bulgarien tyatsächlich schon jetzt zum Vasallenstaate Rußlands.
Das ist die große „Gnade", die Ferdinand und seine Rathgeber vom Zaren Nikolaus erflehen, eine „Gnade", die sich der Zar überdies noch sehr theuer abkanfen läßt! Ja, eS ist noch nicht einmal sicher, daß das „Opfer" des Prinzen nicht am Ende noch vergeblich gebracht ist. BrS jetzt wenigstens hat der Zar nur zugestanden, einen Vertreter zu der „Salbung" des kleinen Boris zu entsenden. Der russische ,Re- gierungbote', der dies ankündigt, nennt die Ueber- lieferung des Erbprinzen an das Schisma bezeichnender Weise nur den „ersten Schritt" in der Richtung einer „Wendung zum Beffern", einen „Anfang zur Wiederherstellung der russischen Beziehungen zu dem Fürstrnthum". Daraus ergibt sich, daß Zar Nikolaus durch die „Umtaufe" des Prinzen Boris allein noch ; nicht befriedigt ist, und daß er die Wiederaufnahme 1 der Beziehungen zu Bulgarien von mindestens noch j einer weiterenBedingung abhängig macht. Welche ? Bedingung mag daS sem: erwa die Abdankung! Ferdinands zu Gunsten seiner Sohnes? Oder soll Ferdinand selbst sich einer Neuwahl unterziehen? Was auch immer Rußland zu fordern im Sinne hat, eS wird eins weitere Demüthigung Ferdinands fein. DaS Alles hätte sich dieser ersparen können, wenn er von Anfang an den Forderungen seiner rnffen- | freundlichen Minister entschlossen widerstanden hätte. | Jetzt hat er Alles preisgegeben, waS ein Mensch, ein | Mann und Fürst preiSgebm kann — bis auf eine « Fürstenkrone, die ihm vielleicht auch noch genommen z wird. So tief kann der Mensch sinken, wenn er keinen Charakter hat.
Deutsches Reich.
Berlin, 10 Februar
* Der Kaiser begab sich gestern Vormittag vom; Stadtschloffe in Potsdam zum Gottesdienste nach der I Garmsonkirche und kehrte um 12 Uhr nach Berlin zurück. Am Abend besuchte daS Kaiserpaar die Vor-
ein Wunderkind wäre, Andreas. Rufe lieber den Diener, der mein Gepäck in die Kajüte bringen kann. Lydia, mein- Kleine, hast Du auch Platz hier?" wandte er sich darauf an seine Schwester, die nichts weniger als angenehm von seinem Erscheinen berührt war: „Na, da find wir ja Alle beisammen? Verstehe ich eS nicht gut, Such zu Überraschen? Aber wer ist daS?" Dabei zeigte er mit seinem langen Rohr nach dem Künstler, der verwundert der Szene zuschaute.
„Herr Bergheim, ein Künstler," schne ihm die Schwester inS Ohr, indem Pmpurglnth ihre Wangen färbte. — „ „ . , „ _ ,
Hm! sollte der hier meine stelle emnehmen? DaS dulde ich nicht! Was will er hier? ist er Dein Geliebter oder Lydia'»?"
Onkel Fritz war von Kindheit an taub gewesen und glaubte daher ganz bestimmt, daß andere die Bemerkungen ebenso schlecht verstehen könnten, wie er selbst; daher hatte er seinen Verwandten durch unbedachte Redensarten schon manche Verlegenheit be- t<lh%r ist unser Gast", gab ihm Lydia zu verstehen, dann nahm fie dm Arm deS alten Herm und führte ihn in seine Kajüte. — n
Von all' seinen Verwandtm war Lydia Ehrenfeld die einzige, die dem alten Onkel auftichttg zugeneigt
stellung im Berliner Theater. — Heute Vormitta. emfing der Kaiser den mit der Führung des III Armee-KorpS beauftragten General-Lieutenant von Liegnitz. Hieraus hörte er den Vortrag des Chefs deS CivilkabineiS Dr. von LucannS und die Marinevorträge.
* Die Kommission für das Bürgerliche Gesetzbuch tritt am 17. d. M. zu ihrer ersten Sitzung zusammen. — Die Hoffnung, daß der Entwurf in der jetzigen Session von der Kommission durch- berathen werden könne, ist, wie die ,Post' hört, in „maßgebenden" Kreisen bereits aufgegeben. Di- Kommission würde also wohl ermächtigt werden, ihre Arbeiten nach Schluß der Session fortzusch-n und ihren Bericht erst in der nächsten Session dem Reichstag vorzulegen. Wir bezweifeln, ob dies geschäftr- ordnungsmäßig zulässig ist; eS bleibt ja noch, wie s. Z. bei dem Arbeiterschutzgesetze, der Ausweg, die Session gar nicht zu schließen, sondern bis zum Herbst zu vertagen; dann bleibt die Kommission zu Recht bestehen.
* Ein Städtetag, der am Sonntag in Berlin versammelt war, hat eine Petition an den Landtag gegen die Benachtheiligung der Städte über 25 000 Einwohner durch daS Lehrerbesoldungsgesetz angenommen. In der Petitton wird ii. A. betont, daß nach Annahme dieses Gesetzes infolge des Ausfalls deS größten TheilS der bisherigen Staatsunterstützungen der Zuschlag zur Einkommensteuer erhöht werden müßte: in Berlin um 4,02 Proz , Charlottenburg 2,54 Proz., BreSlan 7,38 Proz, K el 12,04 Proz. (!!), Frankfurt a. M. 1,08 Proz., Elberfeld 7,09 Proz., Essen 4,63 Proz., Köln 4,41 Proz., Aachen 4,07 Proz. Diese große Benachtheiligung ist in der That nicht zu rechtfertigen.
* Der christlich-soziale Parteitag am 26. d. M. soll nicht in Berlin, sondern in Frankfurt a. M. stattfinden.
* Köln, 10. Febr. Bei der heutigen Landtags- Ersatzwahl in Köln-Stadt wurde ReichStagSabgeord- neter Rechtsanwalt Trimborn mit 593 gegen zwei Stimmen gewählt.
AusLaud.
* Rom, 10. Febr. Am Freitag, dem Todestage deS Papstes PuS IX., wurde in der Sixttnischen Kapelle eine Trauerfeier abgehalten. Der Papst wohnte der feierlichen, durch Kardinal Vincenz Vannutelli celebrirlen Messe bei und gab nachher die Absolutio ad tumulum. Sämmtliche in Rom anwesenden Kardinäle, die Bischöfe und Prälaten waren zugegen. Auf besonderen Tribünen befanden sich der römische Adel, daS diplomatische Corps und die höheren Würdenträger des Malteserordens. Einige hundert Fremde wurden zugelaffen und wohnten dec C-remonie bei. — In der St. Laurentmskirche, wo PmS IX. begraben liegt, wurde auch ein feierliches Hochamt gehalten, und an dem Tage besuchten viele Andächtige die Grabstätte.
war. Sie fühlte Mitleid mit dem alten, gichtgeplagten Mann, der als Junggeselle sein einsamer Dasein auf einem kleinen Landgute führte.
ES war Abend geworden. Der Künstler stand allein auf Deck; der sternenbesäte Himmel, daS milde Licht deS Mondes imd daS gleichmäßige Rauschen der Wogen übten einen mächtigen Eindruck aus seine Seele aus. Eine nie gekannte Friedensstille kam über ihn, so daß er in diesem Augenblick sogar Augusta Roller — den einzigen Meßton in seiner Ferienzeit — vollständig vergaß. So traf ihn Lydia Ehrenfeld, die leise an seine Seite getreten war. Keiner wagte die friedliche Stille zu unterbrechen, eS bedurfte auch nicht der Worte, ihre Herzen hatten sich ohne solche gefunden. , , . ,
DaS große elektrische Licht beleuchtete zwei glückliche Menschenkinder, die, obwohl sie nie ein Wort von Liebe gewechselt hatten, sich dennoch so gut ver- standen.
„Welch' ein herrlicher Abend," flüsterte Lydia leffe, und schaute mit ihren seelenvollen Augen den Gast an, „oh! ich liebe die See über Alles! Pfeilschnell, wie auf Flügeln deS Winde» über die sanft bewegten Wellen zu gleiten, ist für mich der größte Reiz de» Leben»."
„Zeit meines Leben» werden mir diese Tage m