Einzelbild herunterladen
 

tg 33 Vrontag, dm 10. Februar 1896. ^ayrgw

Wl-anW Zeitung

mH NnterhaHuugs-Krit«^ .Ltrimr »«d Ktumrn"._______________

ziehungskrast," fuhr Augusta fort, .Lydia ist nebenbei noch eine reiche Erbin. Sie besitzt ein ganz betracht» ljches V-rmögen. Gerade dieser Umstand hat meinem Bruder die Vormundschaft unendlich erschwert; er be­fürchtet immer, daß sie die Beute eine- Glücksritter« werden könnte, obgleich Lydia jetzt majorenn ist.

Heiße Gluth stieg bei diesen Worten ,n die Wangen der jungen ManneK. Lydia eine reiche Erbin; da that sich ja zwischen ihr und ihm eine weite Kluft auf, die kaum zu überbrücken war. Nur einige Tage erst hatte er sich in ihrer Nähe gesonnt, jetzt wurde e« Nacht um ihn her, trotz jener sengenden Sonnenstrahlen, die fast senkrecht auf rhn herabfielen N

Die Dame an seiner Seite hatte von „Glücksrittern gesprochen! War eS möglick, daß er damit gemernt war? Stolz erhob er sein Haupt. „Wirkttch? ver­setzte er, „unter dem Schutze eine» treuen Vormundes dürsten es nach meiner Ansicht Glücksritter mcht mögen, bei Fräulein Ehrenfeld ihr Glück zu versuchen. Auch scheint mir das Fräulein viel zu geistreich und scharf­blickend zu sein, als daß fie bie Beute eine« solchen werden könnte." _ ~

Fräulein Roller schüttelte ungläubig bas HaiWt. — Daran zweifele ich doch. Junge Mädchen lasten sich gern beeinflussen; warum sollte Lydia eiue AuS- nähme machen und nicht gern Schmeicheleien Gehör I schenken. Mein eigener Vermögen, obgleich mcht so

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Februar.

Heber die Marinepläne

hat am Freitag in der Buvgetkommission deS Reichs» tagS der Staatssekretär Freiherr v. Marschall eine wichtige Erklärung abgegeben, deren Wortlaut tmr be­reits in der vorigen Nummer zur Kenntniß unserer Les-r gebracht haben. Den Anlaß bot dem Staats- sekretär der Abg. Dr. Lieber (Centr), der auf die Beunruhigung hinwieS, welche durch die Gerüchte . von einer bedeutenden Vermehrung der Flotte im Auslande wie im Jnlande beivorgerufen worden — Gerüchte, die einerseits aa die kaiserliche Depesche an den TranSvaalpräsidenten Krüger, andererseits an die vom Kaiser auf dem Bankett am 18. Januar g'haltene Rede anknüpften. „Diese Aspirationen", fügte Dr. Lieber hinzu, „sind unrealisirbar (d. h. auf deutsch: diese Forderungen find unerfüllbar. D. Red.) Darauf gab Staatssekretär Freiherr v. Marschall die Erklärung ab, daß dem Reichstage in dieser Session keine Marinevorlage zugehen werde, doch bestätigte er, daß thatsächlich schon seit geraumer Seit Erwägungen über eine stärkere Vermehrung der Flotte schweben; über ihr Ergebniß werde dem Reichstage volle Klarheit gegeben werden, auch über die erforderlichen Mittel.

Da der Staatssekretär deS Weiteren ausdrücklich vorn Standpunkte des auswärtigen Amts aus ein Be- d ü r f n i ß namentlich zum Baue neuer Kreuzer behauptet hat, so ergibt sich aus seiner Erklärung klar und deut­lich, daß demnächst ein schnelleres Tempo in der Vermehrung unserer Flotte angeschlagen werden soll; nur der Zeitpunkt und die Höhe dieser Forderungen bleiben noch unbestimmt. Wenn daher trotzdem diese Erklärung auf die Kommissionsmitglieder im Ganzen beruhigend gewirkt hat, so erklärt fich diese Wirkung nur dadurch, daß erstens der Staatssekretär anSdrück- sich versicherte, der Plan beruhe nicht auf neuerlichen Ereignissen im AuSlande, noch auf einer «enberung unserer auswärtigen Politik (eine solche sei nicht beab­sichtigt), und daß man zweitens aus der Erklärung vor allen Dingen die Abweisung der überspannten Projekte L la Peter« und die Vertagung des ganzen Planes heraushörte.

Dazu beachte man, daß die Abgg. Richter und Dr. Lieber nachdrücklich gegen daS Jntriguenspiel Front machten, daS von gewissen Kreisen, die FriedrichS- ruh sicherlich nicht ferne stehen, gerade mit Hilfe der MarinevermehrungS-Phantasien gegen den Fürsten Hohenlohe, fotoie gegen die Staatssekretäre Freiherr v Marschall und Hollmann betrieben wird. Dr. Lieber tagte z. B-, die Erklärung fei ja an fich beruhigend, und er fei auch überzeugt, daß weder der Reichskanzler noch der Staatssekretär für jene uferlosen Pläne zu gewinnen sein werden, aber ein Wechsel in den Personen sei doch nicht unmöglich. In diesen zwei Sätzm ist in der Thal die ganze Lage klar gezeichmt. Es kann nur der Krone wie dem Volke nützlich fern,

----- --—7. - Bi.rlHMrUchkr « b 0■■_« ■ e»Hf r ei t »tz« «nngnwhnm» b^fle Wren Raum 15 Ps„ Mefew« bie A Pf, 1

„Sine Vernachlässigung, die morgen doppelt nach­geholt werden soll," versicherte Siegfried verbindlich, denn die Worte waren so laut gesprochen, dag er sie hören mußte.

Augusta, so unsympaiisch sie ihm auch war, hatte doch die Veranlasiung zu seiner kleinen Erholungsreise gegeben, und er war verständig genug, die eingegangenen Verpflichtungen nicht zu vernarylässtgen, um so mehr, als er nicht wie ein bezahlter Lehrer, fonbern wie ein gern gesehener Gast gehalten wurde. Endlich war eS ihr gelungen, den Künstler allein im Garten-Pavillon zu treffen, und da sie doch den Vorzug eines bestimmten Anrechts auf feine Zeit hatte, wollte sie diesen Augenblick nach Kräften auSnutzen. Siegst red körte ehr geistloses Geichwötz geduldig an; er tröstete sich mit der Hoff­nung, daß es an Bord der Jacht leichter s-m wurde, ihr auszuweichen, wenigstens außerhalb der Hnterrich.» f^SBie gefällt Ihnen Lydia Shrenfeld, das Mündel meiner BruderS?" fragte Augusta plötzlich, als die junge Dame am Arme ihres Vormundes im Garten auf9unb ab ging, und ihr ftöhlicheS silberheller Lachen in den Pavillon hinüberdrang.

I „Sie ist bezaubernd!" gestand der Maler offen. „Kem Künstler könnte blind gegen solch anmuthige Schönheit und solche Reize sein." . .

I „Ihre Schönheit ist keineswegs die einzigste An-

* Der Kaiser, welcher gestern Abend aus Oldm- burg hierhin zurückkehrte, horte heute Vorträge deS Staatssekretärs Frhrn. von Marschall und deS Chefs des Seneralstabs Grafen von Schlieffen. Später be­sichtigte er die Rekruten des Füsilierbataillons deS ersten GarderegimentS z. F. in Potsdam.

* Der .Berliner Lokal-Anzeiger' brachte vor einigen Wochen eine Mittheilung über ein neues Gewehr, welcher von einem Berliner Ingenieur Paul Brand konstruirt sei. Dieses Gewehr habe keine Zündvor­richtung; daS HmauSschleudern deS Geschosses werde durch Ausdehnung eines kornprirnirteu Gases bewirkt. Unter dem 4. Februar d. I. kam der,Lokal-Anzeiger' nochmals ans das Gewehr zurück und stellte die Be­hauptung auf, eS sollten mit demselben in den Tagen vom 5. bi« 8. d. M bei der Gewehr-PrüfungSkom- Mission in Spandau Schießversuche stattfinden, welchen auch der Kaffer beiwohnen wollte. Der,Reich«an- zeiger' bemertt heute dazu: „Richtig ist, daß sich ein Ingenieur Paul Brand au« Kulm im Oktober v. I. in Sachsen eine« von ihm erfundenen Gewehres mit einem Immediatgesuch an Se. Majestät gewandt hat. Er hat aber bisher — trotz entsprechender Aufforderung — der Gewehr-Prüfungskommissiou weder sein Gewehr vorgestellt, noch sich überhaupt mit ihr in Verbindung gesetzt. Danach beruht die Nachricht von den Schieß- versucheu, denen auch der Kaiser beiwohnen wollte, durchaus aus Erfindung." L

* Herr Stöcker hat am Freitag Abend vor einer stark besuchten christlich-fozialenBerjammlung die Gründe für die Trennung der Chnstlich-Sozialen von den „Konfervat'men" dargelegt. Wiederum hat er dabei als die tiefere Ursache die Erschlaffung de« sozial- reformatorischen Eifer« der „Konfervattven" bezeichnet. _ Sm 26. Februar soll in Berlin ein Parteitag der Christlich-Sozialen zusammen treten.

* Der Ausschuß de« Vereins der Rohzncker- Fnbriken hat eine Ruhe von Abänderungsvorschlägen zur Zuckersteuervorlage beschlossen. Als Gesammt- Kontingent für 1896/97 wurden mindestens 17 Mill. Doppelzentner Zucker gefordert. Einstimmig wurde die Betriebsabgabe verworfen. Die Abgabe auf das Heber» Kontingent soll sich, unter Wegfall der im ©ntwurfe vorgeschlagenen Begrenzung der jährlichen Zuschuß­summe, auf 4 MK. pro Doppelzentner Zucker, also den vollen Betrag de« Zuschüsse» belaufen.

* Während in Berlin Besprechungen stattfinden, wie man dem drohenden Wett-Petroleum-Monopol begegnen Kann, macht die Betreiberin dieser Monopol- Pläne, die beKannte Standard Oil Co. immer weitere Fortschritte. Nach dem ,Berl. Tgbl.' wird au« PittSburg telegraphirt, die Standard Oil Co. solle in einer Korporativen Form mit dem doppelten Kapital, da« sie gegenwärtig besitzt, „reorganisitt" «erden. Da«

c vier Wochen Ferien!

Original-Novelle von C. Borges.

5) ------ (Nachdruck verboten.)

4. Kapitel.

Auf der geräumigen Terrasse einer eleganten Billa stand der junge Maler, an seiner Seite Lydia Ehren- seid und Augusta Roller. Seit wenigen Tagen weilte bie Familie in Genua, und jetzt lag die Kleine Jacht zur Abfahrt gerüstet im Hafen, in wenigen Stunden wllten die trügerischen Wellen die reiselustige Gefell- schäft Neapel, ihrem nächsten Ziele, entgegen fügten.

Lydia selbst war sehr thätig gewesen. Vom frühen Morgen an hatte fie oft den Kurzen Weg von der Billa nach dem Hafen zurückgelegt, um sich selbst zu Überzeugen, daß alle« so bequem und behaglich wie möglich hergerichtet würde, und immer hatte sie noch Mängel entdeckt, die den Komfort beeinträchtigen und daher schnell beseitigt werden mißten. Siegfried tteß es sich nicht nehmen, sie noch Kräften in ihren Be­mühungen zu unterstützen, doch Augusta grollte über jede AufmerKfamkeit, die der Künstler der jungen Dame so bereitwillig zollte.

„Ich verliere durch feinen Elfer," zürnte sie, „der Maler ist jetzt so sehr in Anspruch genommen, daß e« ihm unmöglich ist, auch nur einen Augenblick sich meiner Kunst zu widmen."

wenn der ersteren durch eine solche klare, unumwundene Aussprache gezeigt wird, daß man im Volke wie im Reichstage sich nicht über die geheimen Ursachen der jüngsten Gerüchte täuscht, und daß man die Leute Kennt, die au« jedem Worte aus hohem Munde, au« jeder persönlichen Aeußerung de« Monarchen Kapital zu schlagen versuchen für ihre selbstsüchtigen, gegen die verantwortlichen, freigewaplten Rathgeber der Krone gerichteten Minif Bestrebungen. m

Die ©rKiärung de« Freiherrn v. Marschall bestätigt daß diese verantwortlichen Rathgeber zwar auch eine stärkere Vermehrung der Flotte für ein Bedurfmß halten, aber doch die thatsächlichen Verhältniffe tm Reichstage und die VolkSstimmung nicht verkennen und zu klug sind, um mit dem Kopfe durch die Wand rennen zu wollen; daher bie Vertagung der Flotten­pläne auf unbestimmte Zeit. Insofern hat allerdings die Erklärung de« Freiherrn v. Marfchall etwa« Be- ruhigendes. Aber — und auf diese Frage kommt s man nothwendig immer wieder zurück — wirb der bedächtige, vorsichtige Fürst Hohenlohe noch lange im Amte bleiben? Wir hoffen zwar, daß der Kaiser das Jntriguenspiel gewisser Kreise jetzt durchschaut und, da ihm die« in der Seele verhaßt sein muß, nur um so fester zu feinen jetzigen Rächen hält. Indessen bleibt die bekannte Vorliebe des Reifer« für die Manne doch stet« ein Moment der Beunruhigung, solange man nicht erfährt, daß der Kaiser sich von der U n m ö g l l ch k e l t überzeugt hat, für irgendwelche Marinepläne, he au« unserer Flotte mehr als eine VertheidigungSflotte machen wollen, die Zustimmung des Reichstags und de« Volkes zu erlangen.

Darum begrüßen Wir e«, daß Herr Dr. Lieber in der Kommission Niemand, der sehen will, im Zweifel darüber gelassen hat, daß alle solche Pläne unerfüllbar sind, und daß er sowohl wie auch der Abg. Prinz Stenberg betont haben: Sollte ein Flottenerweiterungs- plan an da« Hau« kommen, so muß zugleich gezeigt werden, woher die Deckung dasür genommen werben oH Auf biefen Punkt kommt sehr viel an, beim eS ift klar, daß mancher, an sich einer Flottem, ermehrung vielleicht geneigte Abgeordnete sich dagegen stimmen muß, wenn al« Deckung z. B. eine neue Bier steuer vorgeschlagen wird, die er nicht annehmen mag ober ^"Nähere Mittheilungen sollen beim Marineetat von ber Regierung gegeben werben. Einstweilen mag es daher b-i vorstehenden allgemeinen Erörterungen fern Bewenden haben. Doch dürfen wir schon heute unsere Befriedigung darüber aursprechen, baß nunmehr end- lich an Stelle der phantastischen Gerüchte in einigen Preßorganeu nüchterne Erklärungen ber Regierung treten, bie bem Reichstage Gelegenheit geben, zu zeigen, daß alle überschwänglichen FlottenvermehrungSplane nicht die geringste Aussicht auf Erfüllung haben.