M 32 Samstag, den 8. Februar 1896. 23. Jahrgang
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MF* Erstes Blatt. -JR
V Zur Besserung der Wohrmngs- Berhältnisse.
„Die Beseitigung der WohnungSnoth ist in der That das erste Mittel, durch welches der religiöse und soziale Niedergang unseres Volkes aufgehalten werden kann." Wenn diese Worte, mit welchen Paul Lechler auf die Nothwendigkert einer nationalen Wohnungs-Reform hinweist (Nationale WodnungS-Reform S. 9), auch von Einseitigkeit nicht frei sind, so steht doch die große Bedeutung der Wohnungsfrage außer allem Zweifel. Auf die Gefahren für die Sittlichkeit, welche die zu kleinen Wohnungen mit sich bringen, braucht man nicht erst hinzuweisen. Man muß sich nur wundern, daß in den K-ndern, welche in solchen Wohnungen aufwachsen, überhaupt nicht jedes Gefühl für Sittlichkeit ausgemerzt wird. Die Unsittlichkeit untergräbt dann auch zugleich die Religion. Die -schlechten und überfüllten Wohnungen lassen auch kein Familienleben aufkommen, sie treiben den Mann in das WmhShaus und die Kruder auf die Straße. Unsitllichkeit, Li» derlichkeit, Religionslosigkeit und Trunksucht sind wieder die Ursachen der verschiedensten Verbrechen.
Die Sterblichkeit in den niederen Volksklassen, und zwar besonders bei den Kindern, ist viel größer als in den wohlhabenden Klassen. Dazu wrrken verschiedene Ursachen mit und die schlechte Ernährung ist dabei gewiß von großer Bedeutung. Wenn man aber sieht, wie einerseits die Krankheiten der wohlhabenden Klassen vielfach die Folge einer zu guten Ernährung sind und andererseits viele Leute trotz karger Ernährung gesund sind und ein hohes Alter erreichen, dann wird man sich der Einsicht nicht verschließen können, daß bei den niederen Volksklassen die Wohnung auf die Gesundheit ost einen größeren Einfluß auSübt als die Ernährung. Wenn in einem Zimmer mehrere Personen wohnen und schlafen, in demselben gekorbt wird, die Fenster aber im Winter nicht längere Zeit geöffnet werden können, oder wenigstens nicht geöffnet werden, weil immer Personen im Zimmer sind, dann muß die Gesundheit untergraben werden. In landwirthschast- lichrn Zeitschriften liest man jetzt so oft, wie die Ställe für die Thiere eingerichtet sein müssen, welche Größe ste haben sollen und welche Vortherle so eingerichtete Ställe für das Vieh bieten. Sollte es da nicht an der Zeit sein, nicht nur zu erörtern, wie die Wohnungen der Menschen beschaffen sein müssen, sondern auch energisch dahin zu arbeiten, daß die Wohnungen den Anforderungen der Gesundheitslehre wenigstens einigermaßen entsprechen?
Die unzureichenden und ungesunden Wohnungen sind aber nicht nur für die Bewohner derselben verderblich, sondern auch für die wohlhabenden Bolksklassen sehr gefährlich. Sie sind die Herde für die ansteckenden Krankheiten aller Art, wie besonders deutlich die Cholera in Hamburg gezeigt hat.
Nun ist ja mancherlei geschehen, um Abhilfe zu treffen, aber im Verhälinisse zu dem, was geschehen müßte, sehr wenig. Zu einer gründlichen Abhilfe hält deshalb Pau! Lechler die Mithilfe der Regierungen für durchaus nothwendig. Für je einen Regierungs-Bezirk, den Verband einiger Kreise oder für eine größere Stadt sollen Landes-Baukommisfionen gebildet werden, welche aus geeigneten Mitgliedern der Handelskammern, der Großindustrie, der landwirth- schaftlichen Kreisvereine, Vertretern der JnvaliditätS- Kassen, Handwerkern und Arbeitern bestehen. Die Landes-Baukommilsionen würden zunächst über den Bedarf an kleinen Wohnungen für Arbeiter, Handwerker, niedere Beamten rc. sowohl eigene Erhebungen anstellen, als auch die Wünsche, welche nach dieser Richtung von Gemeinden, Vereinen und Korporationen zu erwarten wären, in Erwägung ziehen. Die Landes-Baukommissionen würden dann kleine Wohnungen nur bauen, wenn ein anerkannt dringendes Btdürfniß nicht durch Privat-, Vereins-, Genosienschasts- oder Gemeinde- Fürsorge seine Befriedigung findet. Das Reich oder die Einzelregierungen müßten dann die Mittel gewähren durch garantirte Reichs- oder Landes-Baupfandbriefe. Da die gebauten Häuser selbst die sämmtlrchen Kosten
decken und auch die Anlegung genügender Reserven für den Ausfall an Miethe bei leer stehenden Häusern ermöglichen werden, so wird die Garantie des Reiches oder der Einzelstaaten sehr gering sein, da ja die Pläne zu einem jeden Bau von der Regierung genehmigt werden müssen.
Diese Vorschläge von Lechler sind nicht ohne Widerspruch geblieben; doch hat der bekannte National-Oekonom Schäffle imWesentliche sich dafür erklärt und eingehend erörtert, wie die Vorschläge im Einzelnen zur Durchführung kommen müßten. (Deutsche Kern- und Streitfragen. S. 305—328.) Schäffle gibt aber zu, daß auch diese Landes-Baukommissionen nicht zu einem guten Ziele kommen können, wenn nicht die Vorschriften der „Gesundheit und Sitte bewahrenden Wohnungs- Polizei" verschärft und entschiedener gehandhabt werden. Em Anfang ist ja in Hessen damit gemacht worden und auch in Baden ist im November 1895 ein hierauf bezüglicher Gesetzentwurf von der Regierung den Kammern vorgelegt wordn. Auch sind ja von einzelnen Städten Erhebungen angestellt worden über die Wohnungs-Verhältnisse, doch unseres Wissens in keiner Stadt so sorgfältig und eingehend, wie sie für den Monat Januar in Bern angeordnet ist.
Die in Bern zur Anwendung kommenden Erhebungs- Grundsätze sind, wie die .Soziale Praxis vom 9. Januar mit Recht sagt, für alle Gemeinöen, die sich mit ähnlichen Absichten tragen, von Bedeutung. Für eine Uatersuchuag von 3550 Wohnhäusern sind 50 Erhebungsbeamte und 4 Kontrollbeamte vorgesehen. Das von der städtischen Sanität-kommission aufgestellte ErhebungSformular verlangt u. A. folgende Angaben: Beruf des EigenthümerS oder MietherS, jährlicher oder monatlicher MiethzinSbetrag, Angaben etwaiger im Miethpreise inbegriffener Dependenzrn, wie: Keller, Estrich, Stallung, Scheune, Garten, Land u. s. w. Die Tabelle enthält ferner folgende Rubriken: Treppenzahl, Nummer des untersuchten Raumes, Art der Verwendung desselben, Zahl der sich in demselben bei Tag und Nacht aufhaltenden Personen, Erwachsene und Kmder unter 16 Jahren. Ferner wird gefragt, ob im Raume gekocht wird, ob er Sonne habe, ob die Wände trocken ober feucht sind, ob der Raum hell oder dunkel sei. Dann folgen die Maße nach Länge, Breite und Höhe, die Zahl und Lichtfläche der Fenster, die Heizeinrichtung, der baul'che Zustand, die Beschaffenheit der Lust, der Wasserbezug, die Aborte. Endlich sind noch Bemerkungen zu machen über den Zustand des Hofraumes, der Treppen, der Umgebung deS Hauses und die Gefährlichkeit der Wohnung mit Rücksicht auf Brandausbruch.
Angeregt ist diese Enquete in Bern durch 22 städtische Vereine. Hoffentlich werden auch bei unS ähnliche Enqueten angeregt und, was wichtiger ist vorgenommen. Wenn das an vielen Orten geschieht, wird auch die Besserung nicht ausbleiben; mag nun daS Eingreifen der Wohnungspolizei wie in Hessen und der Bau neuer Wohnungen durch Gemeinden und Ge-wfsmschasten sich als ausreichend erweisen oder mögen Landes-Bau- kommissionen nach dem Vorschläge von Lechler sich als nothwendig Herausstellen.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Februar.
* Der Bundesruth hat am Donnerstag u. A. beschlossen, demReichstagSbeschlusse 6etr.Erhebungen über Arbeitszeit der Arbeiterinnen usw. keine Folge zu geben. DaS ist die Antwort auf einen Beschluß, der vom Reichstage einstimmig gefaßt war! Es handelt sich um die Resolution Hitze-Lieber (Centr.), durch deren Annahme der ganze Reichstag seine Bereitwilligkeit zur Fortführung deS Arbeiterschutzes zu erkennen geben wollte. Was muß man demnach von dem sozialen Reformeifer der Herren vom Bundesrathe halten?!
* Mit der Führung des 3. Armeekorps ist, wie die ,Post' hört, der bisherige Kommandeur der 11. Division in Breslau, Generallieutenant v. Lignitz beauftragt worden. Das Kommando der 11. Division hat GeneralmajorFhr. v. Meerscheidt-Hüllessem erhalten, zu dessen Nachfolger im Kommando da: 42. Jnfanteriebrigade (Frankfurt a. M.) Generalmajor v. Massow, bisher Chef der Eisenbahnabtheilung im Gmeralstaoe der Armee, bestimmt worden ist. An
- seine Stelle tritt voraussichtlich Oberstlieutenant Budde r vom 11. Jnf.-Req.
* Ueber die FlottenvermehrungS-Pläue hat der i Staatssekretär Freiherr v Marschall heute (Freitag) i in der Budget - Kommission deS Reichstages auf eine ; Anfrage des Abg. Dr. Lieber folgende Erklärung I abgegeben: „Dem Reichstage werde in dieser Ses- ; s io n eine über den gegenwärtigen Etat hinauSgehende l Forderung für Marinezwecke nicht vorge» - legt werden. Schon seit geraumer Zit bilde die 1 Frage einer stärkeren Vermehrung der Flotte Gegen- ; stand der Erwägungen der beteiligten Ressorts. Der i Zeitpunkt, wann dieselben zum Abschluß gelangen • würden, sei noch nicht bestimmbar. JhrErgedniß \ werde seiner Zeit den verbündeten Regierungen und sodann dem Reichstage, und zwar in einer Form unter» : Breitet werden, welche volle Klarheit gewähre sowohl ; über die Bedürfnißfrage und die angestrebten Ziele, wie ; über die finanziellen Mittel, welche für die Gegenwart ß und die Zukunft an einmaligen und fortdauernden Aus- ? gaben erfordert würden. Vom Standpunkte des auswärtigen Dienstes könne vorläufig nur betont werden, j daß das Bedürfniß nach Vermehrung unserer Flotte, ! insbesondere an Kreuzern, sich seit vorigem Jahre nicht I nur vermindert, sondern im Gegentheil erheblich ? vermehrt habe. Dies beruhe nicht etwa auf einer l Aendermrg unserer überseeischen oder überhaupt unserer s auswärtigen Politik; eine solche sei weder eingetreten j noch beabsichtigt; vielmehr seien die im vorigen Jahre [ entwickelten und vom Reichstage gebilligten Gesichtspunkte maßgebend geblieben; es handele sich um Siche» ß rung unserer Kolonien, um Erhaltung und Be- ■ festigung der deutschen Autorität daselbst und dann । darum, die Deutschen im Auslands und unsere : überseeischen Interessen, vornehmlich unser» Handel ; und unsere Schiff sahrt nach Maßgabe der Verträge | und des Völkerrechtes wirksam zu schützen. Die St-ige- ; rung jenes Bedürfnisses entspringe auch nicht ein» | zellten Vorgängen der jüngsten Zeit, ste habe I sich vielmehr organisch entwickelt aus der stetigen Zu- I nähme unserer überseeischen Interessen, insbesondere auch i der Ausfuhr deutscher Produkte nach fernen Ländern, - welche im vergangenen Jahre einen besonderen Stuf» l schwung genommen habe. Daß die deutsche Flotte mit l der Zunahme jener Interessen gleichen Schritt halte, i sei eine Forderung, welcher das Reich sich nicht ent» j ziehen könne. Die nähere Darlegung dieser Ge- l sichtspunkte werde für die Berathung der Mari ne- i Etats vorzubehalten sein."
* Der Kolonialrath hat gestern seine Berathungen beendigt. DaS AnSwanderungSgesetz wird noch in der ’ laufenden Tagung dem Reichstage zugehen. — Der ] vom Kolonialrath vorberathene Gesetzentwurf, betreffend die Ableistung der Wehrpflicht in den Schutz» i gebieten, wird, wenn sich eine diesbezügliche Meldung | des ,Hamb. Corr/ bestätigt, den Reichstag noch in i dieser Session beschäftigen.
* Der Kommission für das bürgerliche Gesetzbuch | gehören vom Centrum an die Abgeordneten Spahn, - Dr. Lieber, Gröber, Lemo, Dr. Schädler, Dr. Bachem. ; Vorsitzender ist Abg. Spahn, sein Stellvertreter Abg. [ Kaufmann (frs. Bg).
* Auffallender Weise sagen die meisten liberalen \ und farblosen Blätter bei der Meldung von der ? Verhaftung des Frhrrt. Hubert v. Schorlemer kein i Wörtchen davon, daß Vieser „Edle" nicht zum Centrum, i sondern zur konservativen Partei gehört, dagegen be- f tonen sie alle, daß eS der Sohn des verstorbenen z CentmmSführerr ist; die Leser sollen also in öem ! Glauben belassen werden, als sei hier eine Stütze des l Centrums gefallen. Die Verhaftung der Freiherru ; würde weit weniger Auffehen erregen, wenn der Mann j es nicht für gut befunden hätte, in dem bekannten - Reneaatenstile von oben herab „als guter Katholik" | dem Centrum „die Leviten zu lesen" und zu- * weilen einen Prügel zuzuwerfen. Er hat daS gethan - bei der Berathung der Militärvorlage im Jahre 1893 l und zuletzt im vorigen Jahre, als die Umsturzvorlage - im Vordergründe des Interesses stand. Dieser „inter- ° essante" Herr war in früheren Jahren als verlorener : Sohn schon einmal in Amerika, hat überhaupt seinem s verstorbenen Vater viel Herzeleid gemacht. Dieser • mußte denn auch, als der Sohn ganz „abgeriffen" anS l Amerika wiederkam, wieder für ihn sorgen. Später l hatte der jetzt Verhaftete daS Glück, daß sich eine reiche