jfä 31 Freitag, den 7. Februar 1896. 23. Jahrgang
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Zum Kapitel „Militarismus."
Wie schon früher kurz erwähnt, hat der frühere bayerische Premierlieutenant Rudolph Krafft, dem bekanntlich wegen feiner Schrift „Glänzende-Elend" der Osfizier-titel entzogen wurde, bei Robert Lutz in Stuttgart eine weitere Broschüre, „Kasernenelend" betitelt, erscheinen lassen, die das Leben in der Kaserne und den Militarismus einer scharfen Kritik unterzieht. Neuer wird in der Schnfi kaum vorgebracht, wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß der Verfasser den Stoff m t großem Geschick verarbeitet und mächtige Waffen gegen den Militarismus damit geliefert hat; freilich scheinen unS hie und da Uebertreibungrn mit untergelaufen zu sein.
Von besonderem Interesse ist das Kepitel «Die Zahlenwuth", in welchem der Verfass r den Nachweis zu erbringen unternimmt dafür, daß er in einem künftigen Kriege sehr schwierig, wenn nicht ganz unmöglich sein wird, die riesigen Mmschenmassen, welche bei einer Mobilmachung inS Feld rücken müssen, richtig zu führen und vor allem zu — ernähren.
Der Verfasser erinnert zunächst daran, daß Napoleon I-, als er gegen Rußland zu Felde zog, ein Heer von rund 500,000 Mann auf die Beine gebracht, und daß Deutschland den Feldzug 1870/71 mit 447,000 Mann eröffnet habe. Diese Zahl weist jetzt schon unsere stets unter den Waffen stehende aktive deutsche Armee auf, die seit der letzten Militärvorlage eine Durchschnittsstärke von 479,229 Mann (Gefreite, Obergefreite und Gemeine) aufweist. Die Durchschnittsstärke des deutschen Heeres in einem künftigen Kriege berechnet Krafft folgendermaßen: Unsere mchtberittenen Truppen hiben zweijährige Dienstzeit; man darf da- , . u 479,229 oaoet.™
her eilten Jahrgang mit—— 239,614Mann ansetzen. Die aktive Armee und die Reserve werden nun auS sieben Jahrgängen gebildet und hätten demnach eine Stärke von 7 x 239,614 — 1,677,298 Mann. Da diese Summe in Anbetracht des Umstandes, daß die berittenen Truppen drei Jahre dienen müssen, und daß von der Reserve mehr ober minder Mannschaften wegen Felddienstunlaaglickkeit oder auS anderen Gründen nicht einrücken, zu hoch gegriffen wäre, so rechnet Krafft von den eben erwähnten 1,677,298 Mann mehr alS 25 Prozent ab und nimmt als Streiter in erster Linie 1,200,000 Mann an.
Im Frieden haben wir nun 20 Armeekorps, die durch die Einziehung der Reserven auf die Kriegsstärke gebracht werden. Ein kriegsstarkes Armeekorps 'st an Gefechtstruppen rund 36,000 Mann stark. Unsere 20 Armeekorps würden demnach in Kriegsstärke 20 x 36,000 — 720,000 Manu erfordern. Weiter berechnet Krafft für die Formation der Kavallerie- Divisionen, der Stabswache u. s. f. nochmals 80,000 Mann; es würden dann immer noch 400,000 Reservisten übrig bleiben- Für diese müssen wieder neue Armeekorps gebildet werden zu je 36,000 Mann; mithin
c Pier Wochen Ferien!
Original-Novelle von C. Borges.
3) ------- (Nachdruck verboten.)
Der Erzähler hielt erschöpft inne; ermattet sank er auf einen Stuhl und bedeckte sein bleiche- Antlitz mit den bebenden Händen.
„Es ist eine traurige Geschichte, die mich tief ergriffen hat," bemerkte der Künstler; so gern er auch den alten Herrn getröstet hätte, so konnte er doch die rechten Worte nicht finden.
Herr von Waltersdorf erhob sich. „Ich würde sie Ihnen nicht mitgetheilt haben," lächelte er wehmüthig, „jedoch daS Portrait, welche- Sie unter so sonderbaren Umständen gemalt haben, riß von Steuern die alten Wunden wieder auf. Ich kam vor wenigen Stunden voller Hoffnung zu Ihnen, um nun leider enttäuscht heiwzukehren." '
„Sollte ich jemals dmch Zufall mit dem Original meines Bildes in Berührung kommen, so werde ich Ihnen sofort Mittheilung machen," versicherte der Künstler.
„Das Berfprechen ist gewiß sehr aufrichtig gemeint, ich danke Ihnen dafür; hier ist meine Adresse." — Der alte Herr schrieb einige Worte auf seine Karte. „So lange ich in der Stadt wohne, bin ich hier zu
würden sich elf neue Armeekorps als nöthig erweisen. Unsere aktive Armee mit den Reserven würde demnach im Kriegsfälle 31 Armeekorps bilden. Diese wollen aber geführt sein, und die richtige Leitung von 36,000 Mann mit den unvermeidlichen Anhängseln an Wägen u. s f. ist keine Kleinigkeit.
Nun kommt die Landwehr I. Aufgebots, welche nach einer Erklärung des Reichskanzlers Caprivi im Reichstag zur Errichtung von Reserveabtheilungen dienen und daher jedenfalls auch in- Feld rücken wird. Die Landwehr I. Aufgebots enthält im Allgemeinen fünf Jahrgä ge, würde also nach obigem Rechenexempel 5x239 614—1,198,070 Mann zählen. Davon rechnet Krass- 50 Prozent ab, die wohl bei der Mobilmachung aus den bei der Reserve schon mitgetheilten Gründen nicht einrückcn werden; eS bleiben dann immer noch 600,000 Mann. In Armeekorps zu je 36,000 Mann formirt, gäbe da- wieder 16 neue Armeekorps.
Wir hätten also zur Führung unserer aktiven Armee, der Referveuud der Landwehr I. Aufgebots mindestens 47 kommandirende Generäle nötfrg, welche die nöthigen Eigenschaften besitzen, um je 36,000 Mann gut zu führen. Nun bedingt jeder kommandirende General einschließlich der Divisionen sechs tüchtige Generalstaboffiziere, zwei DivisionS- und vier Brigadekommandeure.
Folgt die Landwehr II. Aufgebots, welche Krafft auf 51/* Jahrgänge festgesetzt (unter normalen Verhältnissen müßte die Landwehr II. Aufgebots bei den berittenen Truppen aus 8, bei den nichtberittenen auS 6 Jahrgängen bestehen (31. bezw. 33. bis 38. Lebensjahr). Wir hätten also hier wiederum 5,5x239,614 —1.317,877 Mann. Auch davon rechnet der Verfasser wieder 50 Prozent ab, so daß immer noch 700,000 Mann | Landwehr II. Aufgebots bleiben. Daß diese Berechnung z nicht falsch ist, zeigt die bekannte Septennatsrede Bis- > marcks, durch welche die Landwehr II. Aufgebots ge- | schaffen wurde, und in welcher der Kanzler von 700,000 t Mann Zuwachs sprach. Inzwischen wurde aber wieder i die Präsenzstärke erhöht und die Dienstzeit verkürzt, | wodurch die Jahrgänge in doppelter Hinsicht steigen. $ Wollen auch diese 700,000 Man» in Korpsoerbänden \ gebracht werden, so würden wieder 19 (700,000:36,000) | kommandirende Generäle erforderlich sein.
Um unsere Armee zu führen, brauchten wir dem- | nach mindestens 66 Generäle, die ein Armee- l korpSgutzuführenvermögen.396General-! stabSoffiziere erster Güte, 132 DivisionS- ? und 264 Brigadekommandeure. (Im Jahre; 1870 hatte Deutschland nur 15 kommandierende f Generäle.) Daß die Quantität der nöthigen Per- ; fönen vorhanden ist, bezweifelt Krafft nicht — „die * große Säge arbeitet seit Neuestem auch in den obersten j Chargen derart, daß man wohl nichts vor sich sieht - als einen Verzweiflungsversuch, für unsere Millionen- > Heere die nöthigen höheren Führer zu erhalten"; ob / aber die Qualität überall genügt, bezweifelt der ? Verfasser stark.
treffen; sonst bleibt mein Portier zurück, der Ihnen J stets meinen Aufenthaltsort angeben kann."
„Haben Sie niemals, direkt ober indirekt, seit fünf ! Jahren von Gattin und Tochter etwas erfahren?" > fragte der Künstler theilnehrnend.
„Nicht eine Zeile — nicht ein Wort!" seufzte der s Fremde. „Tyrannei, Gewalt oder Verleumdung müssen 1 Laura verhindert haben, sich mit mir in Verbindung j zu setzen. Sie war damals ein geistreiches, intelligentes 5 Mädchen von vierzehn Jahren, deren Verstand weit , über ihre Jahre entwickelt war. Hätte sie frei handeln ? können, so würde sie zu mir zurückgekehrt sein, oder > wenigstens Mittel gefunden Haden, mit mir in 53er- \ binbung zu treten.“
„Die Mutter muß einen großen Einfluß auf das ? Kind auSüben," bemerkte der junge Mann nachdenklich. I
„Das war nicht so in früheren Tagen," verbefferte i Herr von Waltersdorf. „Laura fürchtet die Mutter; - aber ihre ganze kindliche Liebe gehörte mir."
„Es war also wahrscheinlich die Mutter, die im * vorigen Herbst im Schloßpark in Begleitung der Tochter - war," meinte der Künstler.
„Sie trug einen Schleier, sagten Sie? Konnten ; Sie ihre Züge nicht sehen?" i
„Nein! Der Schleier war sehr dicht, und sie hob ; ihn feinen Augenblick; ich wunderte mich darüber, i
Dazu kommen weitere schwere Bedenken. Ein Heer wird in Armeen geteilt, d. h. mehrere Armeekorps werden zu einer Armee vereinigt. Mehr als 5 Armeekorps können aber in einer Armee ohne Nachtheile nicht vereinigt werden. Die aktive Armee, die Reserve und die Landwehr I. Aufgebots — die Landwehr II. Aufgebots kann hier auß;r Betracht bleiben, weil ihr Auftreten in Armeen nicht sehr wahrscheinlich ist — erfordern zusammen die Aufstellung von etwa 47 Armeekorps; daS ganze Heer hätte daher mindesten- 9 Armeeführer nöthig. Eine Armee ist etwa 180,000 Mann stark, und ihre gute Führung beansprucht eine Begabung, welche weit über das Durchschnitt-maß hinausgeht und bereits Feldherrntalent sein muß. Krafft hält es nicht für wahrscheinlich, daß wir solche Köpfe nahezu ein Dutzend liefern können.
Dann drängt sich weiter die Frage auf: Ist denn ein Manu überhaupt im Staude, solche Riesenmassen in der bisherigen Weise zu leiten, daß er direkt an die 9 und mehr Armeeführer die Ber» h rltungsmaßregeln ergeh m läßt? Krafft erinnert daran, daß z. B. Napoleon I. und Moltke, die gewiß Geistes- Heroen waren, nicht mehr als 600 000 Mann befehligt haben. Jetzt haben wir es, auch wenn die Landwehr II. Aufgebot- außer Berechnung bleibt, mit 1.800,000 Mann, also einer dreimal größeren Truppe zu thun! Wird e- da nicht nöthig fein, zwischen dem oberften Hauptquartier und den Armeen Zwischenstellen einzu- führen, welche die Leitung von 2—4 Armeen nach ben Plänen des obersten Führer- leiten? Dann bedürfen wir wieder 3 Feldherren, welche befähigt sind, je 600,000 Mann richtig zu leiten, also ungefähr je ebensoviel, al- Moltke im Kriege 1870/71 unter sich hatte.
So sieht Krafft in unserem Millionenheere eine Einrichtung, von welcher zu befürchten ist, daß mi- die Kraft fehlt, sie zweckentsprechend zu gebrauchen. Er hält eS für sicher, daß die Führung von Millionenheeren eine solche Anzahl von Feldherren verlangt, daß sie weder Deutschland noch ein andere- Reich der Welt aufzubringen vermag. Neben der Führung der Truppen spielt auch die Ernährung eine große Rolle. Er glaubt, daß wir im nächsten Kriege in dieser Hinsicht vor einer Aufgabe stehen werden, die sich nicht bewältigen lassen wird.
Krafft kommt zu dem Schlaffe, daß wir jetzt schon mehr Soldaten haben, al- wir brauchen können. Da wird sich der Reichstag jedenfalls zwei» und dreimal bedenken müssen, ehe er einer weiteren Militärvorlage, die vielleicht bald verlangt werden wird, seine Zustimmung gibt.
, Deutsches Reich.
Berlin, 6 Februar.
* Der Kaiser und die Ka iss er in machten hmte Vormittag den Üblichen gemeinsamen Spaziergang durch den Thiergarten. Auf dem Rückwege sprach der Kaiser
denn obgleich Herbst, herrschte doch an dem Tage eine erdrückende Hitze."
„Zweifellos war eS mein unglückliches, sich selbst quälendes Weib," versetzte der Vater bitter. „Wo mag mein Kind jetzt sein? Seit dem Tode meiner Eltern, vor ungefähr drei Jahren, halte ich mich nur selten hier in der Stadt auf; die Verwaltung meiner Güter darf ich nicht ganz fremden Händen überlasten, aber alle freie Z it widme ich der Auffindung meines Kindes, bis jetzt ohne ein günstiges Resultat."
Der junge Künstler versuchte neue Hoffnungen in feinem Gast zu erwecken, doch biefer lächelte nur traurig.
„Sie haben hier eine große Anzahl Bilder in Ihrem Atelier," bemerkte er, sich umsehend, „ist da- in der Ausstellung schon verkauft?"
„Leider noch nicht."
„Das ist mir lieb zu hören. DaS Bild meine- KindeS darf nur der eigene Vater laufen. Es soll fortan mein größter Schatz fein; bitte, bestimmen Sie den Preis."
Siegfried nannte eine bescheidene Summe. Der alte Herr entnahm seiner Brieftasche eine Banknote und legte sie auf den Tisch.
„Aber dies ist der dreifache Werth," wandte der Künstler enöthend ein.
„Ich verstehe mich auf Kunstwerke und weiß Ihre