Einzelbild herunterladen
 

jfo 30 Donnerstag, den 6. Februar 1896. 23. Jahrgang

FuldaerMZeitilng

mit Wrrtrrhaltuitgs-Kettagr »Ztrrur nuÄ Klumerr".

EttchetM t^kich. ®*w ** gwticge ausgenommen. — BierteljLhrlrcher DbouuemeutSpreiS ohne Brina.er!ohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig 3a{etäte kost« die einfpaltigr Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., SteHaaero die Petitzeilr 25 Pf., bei Wiederholungen «sprechend-? Rabatt.

■■BMMM—-" * 1 * * * s .............................................................................

ö Die „Konservativen" haben sich mit der Hinausdrängung Stock er's eine schöne Suppe eingebrockt. Wie zu erwarten war, hat der Austritt Stöcker's in einem großen Theile der konservativen Wählerschaft, und zwar gewiß in dem intelligenteren Theile derselben, eine starke Aufteguug hervorgerufen. Auch in der konservativen Presse, der sogen. „ Provinz-Presst" natürlich nur, regt sich bereits hier und da heftiger Widerspruch gegen das Verfahren des Elfer-Ausfchuffes. Die ,Pom- mersche Reichspost', das angesehenste konservative Blatt Pommerns, fordert fogar dazu auf, in öffentlichen Versammlungen gegen das Vorgehen der Partei­leitung den schärfsten Protest zu erheben.

Dasselbe Blatt schreibt, die Parteileitung habe der eigenen Partei den schwersten Schlag versetzt, sie habe die konservative Partei glücklich in eine schwere innere Krisis hineinmanöverirt; das Vor­geben gegen Stöcker beweise, „daß wir (das genannte Blatt) also den Mangel an sozialpolitischem V e rst än d n iß in der gegenwärtigen Parteileitung noch bei weitem unterschätzt haben". Fast noch schärfere Worte hat die .Süddeutsche Landpost', dar Organ der bayerischen Konservativen, gegen die „auchkonservativen Mannesseelen". „Mit Stöcker," so schreibt sie, „schied aus der entschiedensteBekämpfer eines Kartells mit den Misch-Masch-Liberalen, dieses Ideals mancher Auchkonservativen. Der Weg zum Kar­tell ist frei; wer ihn betreten will, kann es thun. Das aber sei im Voraus gesagt: DieserWeg führt die konservative Partei zum Tode, und darum betreten wir ihn in Bayern unter keinen Umständen. Das mögen sich die kartell­süchtigen Herren in Berlin merken. Weiteres wird darüber der an Ostern stattfindende bayerische kon­servative Parteitag beschließen."

In diesen beiden Blättern ist also klar ausgesprochen, daß die Hinausdrängung Stöcker's einen weiteren Schritt von der Sozialreform ab und dem Mischmasch zu ist. Andere Blätter der verschiedensten Parteirichtung geben demselben Gedanken Ausdruck und fügen außerdem hinzu, daß die Konservativen durch die Abfchüttelung Stöcker's sich bei Hofe angenehm machen wollten. „Helldorff's Geist geht wieder um," sagt die deutsch-soziale (rechrs- antisemitische) .Hannoversche Post', und der gleichfalls deutsch-soziale.Badische Volksbote' erklärt: „Nun heißt es: Hie konservative Aristokratenpartei — hie konser­vative Volkspartei! Wer Sieger bleiben wird, das steht wohl außer Frage." Die freisinnigen Blätter be­tonen namentlich, daß die Konservativen durch den Bruch mit den Christlich-Sozialen Anlehnung an die Regierung, d. h. an die Krone suchten, aber auch von fteisinniger Seite wird auf die sozialpolitische Bedeutung der Sache hingewiestn; „die konservative Partei," sagt z. B. die ,Voss. Ztg.', „hat sich zu den An­schauungen des Herrn v. Stumm bekehrt." Aebnlich urtheilt der sozialdemokratische .Vorwärts'.

Nicht minder charakteristisch ist der Jubel in der mittelparteilichen — „fteikonservativen", nationalliberalen, bismarckischen — Presse. Auch diese erblickt in der Abstoßung Stöcker's eine Umkehr auf sozialpolitischem Gebiete in ihrem Sinne und begrüßt diese Wandlung als den vorbereitenden Schritt zu einem neuen Kartell. Ungemein bezeichnend ist, was dar kapitalistische Großunternehmerblatt, die »Rheinisch-Westfälische Zeitung' in dieser Beziehung schreibt: „Durch diese Trennung zwischen Konser­vativen und Christlich-Sozialen aber wird der Boden geschaffen für eine gemeinsame, gedeih­liche Arbeit aller Freunde des Staates und des Reiches (also ganz dar alte Kartell der „Staats erhaltenden", der „Reichsfreunde"!!) . . . Die Absage an Stöcker richtet sich gleich­zeitig an die Herren Dasbach, Fusangel und Hitze." Gut gebrüllt, Löwe! In gleichem Geiste begrüßen die Bismarckblätter: ,Hamb. Nachr.', .Leipziger Neueste Nachr.' u. s. w. die Aus­scheidung Stöckers aus der konservativen Partei. Das letztgenannte Blatt schreibt z. B.: „Die Zukunft des deutschen Volkes beruht auf einer Verständigung zwischen den nationalen Elementen des Konservativismus und der Liberalismus; Niemand aber ist ein heftigerer Gegner solcher Verständigung gewesen, als Herr Stöcker." Man sieht, wie „bescheiden" diese misch- maschlichen Gernegroße von sich und ihrer Kartell­meierei denken.

Auch der von uns ausgesprochene Gedanke, daß nun an die Plötz und Konsorten die Reihe kommen wird, zu „fliegen", kommt in der mittelparteilichen Presse zum Ausdruck. Die ,Kö ln. Ztg.' z. B. ist mit Stöckers Ausschluß noch nicht zufrieden; es bleibt noch immer, so schreibt sie, „das demagogische Element, wie es in Herrn v. Plötz verkörpert ist, und auch hier erscheint eine Auseinandersetzung vonnöthen." Ja, die „konservative" Partei ist auf dem Wege nach Canossa, sie wird in Sack und Asche Buße thun vor der Regierung und um zweifel­hafte Hochgunst den letzten Rest von Volksgunst ver­scherzen. Und diese selben Leute glauben dem Centrum am Zeuge flcken zu können! Es sollte einmal ein Centrumsblatt so gegen die CentrumSftaktion vor­gehen. wir die .Pommeriche Reichspost' und .Süd­deutsche Landpost' gegen dre konservative Fraktions­leitung, was würde da in den konservativen Blättern von Spaltung des Centrums gefabelt werden! Und wie steht es jetzt mit den Konservativen?!

Deutsches Reich.

Berlin, 5. Februar.

* Der Kaiser und die Kaiserin wohnten heute der Trauerfeier für den Prinzen Heinrich von Batten­berg in der hiesigen englischen St. GeorgSkirche bei. Morgen Abend begibt sich der Kaiser mit kleinem Ge­folge zur Beisetzung der Großherzogin von Oldenburg

c Vier Machen Ferien!

Original-Novelle von C. Borges.

2) ------- (Nachdruck verboten.)

Herr v. Waltersdorf warf dem jungen Manne ein n theils mißtrauischen, tbeite ärgerlichen Blick zu. — „Und der noch halten Sie eine Zusammenkunft mit ihr?" fragte er ungeduldig. „Was wisfen Sie von ihr? Worauf gründet sich die Bekanntschaft?"

„Ich kann Ihnen nur wenig sagen," fuhr Sieg- ; fried fort. Es war im letzten Herbst. Schon seit | Wochen suchte ich nach einem passenden Sujet für die ' jetzige Ausstellung, aber es wollte mir nicht gelingen, \ etwas zu finden. So saß ich grübelnd über mein Mißgeschick im Schloßpark, als meine Aufmerksamkeit plötzlich auf zwei Damen gerichtet wurde, die mir gewiß schon lange gegenüber gesessen hatten. Eine von ihnen, zweifellos die Mutter, war dicht verschleiert, \ so daß ich nichts von ihren Zügen erkennen konnte. ' D-e ordere — nun ich gestehe es offen, noch niemals ; in meinen ganzen Leben habe ich ern lieblicheres Ge- J sicht gesehen. Die Künstlernatur war in mir erwacht? und ließ mich nicht ruhen. Schnell ergriff ich Papier s und Bleistift; hinter dem Schutze einer Zeitung ent­warf ich schnell die Züge der schönen Unbekannten, die, ohne es zu ahnen, mir ruhig Modell saß. Kaum

hatte ich meins Arbett vollendet, da erhoben sich die beiden Damen und verließen den Schloßpark. Ich hatte mein Ziel erreicht; zuftieden mit meiner Errungen­schaft eilte ich heimwärts und bald batte ich nach dem Gedächtniß das Bild vollendet. Vielleicht habe ich eS nach Künstleratt ein wenig idealisirt, aber im Ganzen entspricht es doch sehr dem Original, darauf können Sie sich verlassen. Das war das einzige Zu­sammentreffen mit Ihrer Tochter; wir haben uns nie wieder gesehen. Ich gebe Ihnen wein Wort als Ehrenmann, daß ich Ihnen die volle Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen habe."

Herr von Waltersdorf bedeckte sein abgehärmte» Antlitz mit den Händen; ein schwerer Seufzer entrang sich seiner Brust. „Verzeihen Sie, daß ich einen Augenblick an Ihrer Aufrichtigkeit zweifeln konnte," stöhnte er endlich. „Ich glaube jedes Wort, was Sie gesagt haben. Jedoch hat diese Stunde mir eine bittere Enttäuschung gebracht. Als ich daS Bild in der Ausstellung sah, hoffte ich zuversichtlich von Ihnen den Aufenthaltsort meiner geliebten Laura zu erfahren. Ich bin wieder enttäuscht! Im letzten Herbst im Schloß­park! . . . welch' eine Spanne Zeit liegt dazwischen!

. wo mag sie jetzt sein?"

„Welche Schritte haben Sie denn zur Auffindung Ihrer Tochter gethan?" fragte der junge Mann mitleidig.

nach Oldenburg. Unmittelbar nach den Beisetzungs­feierlichkeiten wird der Kaiser von dort nach Berlin zurückkehren.

* Die Kaiserin hat im Jahre 1895 in Anerkennung vierzigjähriger treuer Dienste in einer und derselben Familie das für weibliche Dienstboten gestiftete goldene Kreuz nebst Diplom mit eigenhändiger Unterschrift verliehen an: 5 Personen in der Provinz Ostpreußen, 6 in Westpreußen, 8 in Brandenburg (davon 3 in Berlin), 7 in Pommern, 1 in Posen, 21 in Schlesien, 12 in Sachsen, 4 in Schleswig- Holstein, 4 in Hannover, 2 in Westfalen, 8 in Hessen-Nassau (davon 5 in Frankfurt a. M.) und 23 in der Rheinprooinz; ferner an 12 Personen in Elsaß-Lothringen, 2 in Hamburg und 1 Person (welche in Preußen gedient hat) im Königreich Sachsen.

* Das Staatsministerium hat heute M-ttag unter dem Vorsitze des Fürsten Hohenlohe im Reichstags­gebäude eine Sitzung abgehalten.

* D e .Kreuzztg.' kündigt eine pattei-offiziöse Darstellung der Vorgänge an, welche die Trennung Stöcker's von der „konservativen" Partei bedingten. — F. Steinberg, Mitglied des pommerschen korser- vativen Provinzialvereins, drückt der,Pom. Reichspost' seine Hochachtung wegen ihres mannhaften Auftretens gegenüber der ,Kons. Korresp.' und ihren Hintermännern aus, die auf dem besten Wege seien, alle sozialreforma- torisch gesinnten Männer aus der konservativen Partei hinauszudrängen; „bei diesem Treiben", so schreibt Herr Steinberg weiter, „hat die konservative Partei die beste Aussicht, sich zu einer Großgrundbesitzer- und Magnaten-Partei zu entwickeln." Ob es der Parteileitung bei solchen Stemmen aus dem eigenen Lager nicht bald ungemüthlich wird?

* Der Verband der katholischen kaufmännischen Bereinigungen Deutschlands hat unterm 22. Januar eine vom Mannheimer Zweigverein begründete und vom letzten Wormser Kongreß angeregte Petition an den Reichstag gesandt, in welcher die Bitte ausgesprochen wird, der Reichstag möge den Erlaß eines Gesetzes bewirken, dem die folgenden Bestimmun­gen zu Grunde liegen: „Sämmtliche Ladengeschäfte sind um 8 Uhr Abends zu schließen. Ausnahmen hiervon sind an gewöhnlichen Samstagen und an den Vor­abenden der gesetzlichen Feiertage bis 9 Uhr, in den letzten Tagen vor Ostern und Pfingsten, sowie in den letzten 14 Tagen vor Weihnachten bis 10 Uhr gestattet. Der Ladenschluß bedeutet zugleich da» Ende der Ge- schäftsthätigkeit."

* Wegen Wechselfälschung ist in Großenhain Freiherr Hubert von Schorlemer, ein Sohn des verstorbenen CentrumSführers, verhaftet worden. Gr ist sächsischer Premierlieutnant der Landwehr-Kavallerie. Schorlemer gehörte der konservativen Pattei an, für die er viel agitirte; er war auch Vorsitzender des konservativen Vereins für den Stadt- und Amtsbezirk Großenhain. Die Anzeige wurde von den eigenen Parteifreunden bewirkt, sobald die v. Schorlemer zur

„Alles, was Menschenkraft vermag, ist geschehe«, um eine Spur zu entdecken. Die geschicktesten Geheim­polizisten betraute ich mit meiner Angelegenheit, doch alle Bemühungen blieben ftuchtloS," lautete die Ant- wott. Und jetzt, da ich Ihnen schon so viel auS meinem traurigen Leben mitgetheilt habe, junger Freund, schulde ich Ihnen volles Vettrauen. Ich will Ihnen gern Aller auS meinem Leben erzählen, d. h. wenn Sie sich dafür intereffiren und Sie mir nicht allzu viel von Ihrer kostbaren Zeit opfern."

„Durchaus nicht!" versicherte der Künstler, „jede Nachricht in Bezug auf die junge Dame hat großes Interesse für mich. In müßigen Augenblicken ist schon ; oft der Wunsch in mir rege geworden, von ihr etwas - zu hören."

„Glauben Sie nicht," begann der Fremde mit \ sichtlicher Anstrengung, „daß in den prächttgen, park- s umschlossenen Villen lauter glückliche Menschen zu

i suchen sind. Das ist ein Jrrthum. Wenn auch die

i reichtrapirten Fenster und Thüren die kleinlichen Sorge»

' des Lebens ausschließen, so sind doch Roth und Elend

’i dort ebenso heimisch, wie in den niederen Hütten der

s Bettler. Als ungebetener Gast setzt sich die Sorge mit j den Reichen zu Tische und hält Nachts gespenstischen • Umgang in den hohen, prachtstrotzenden Schlafge- i mächern, und auf seidenem Pfühl ist die Ruhe der