Neilsge juü Wulösev Leitung.
JE 29 Mittwoch, den 5. Jebruar 1896. 23. Jahrgang
(0 Vier Wochen Ferien!
Original-Novelle von 6. Borges.
1) _______ (Nachdruck verboten.)
1. Kapitel.
Es war ein herrlicher Julimorgen. Noch lag der Thau auf Gräsern und Blumen und blitzte tausendfach in den Strahlen der hoch am blauen Himmel stehenden Sonne. Die Felder prangten in üppiger Fülle und sahen in dieser frühen Morgenstunde noch so frisch und grün aus, wie im Frühling, obgleich die goldenen Aehren bereits der Sichel entgegenreisten. — Bienen summen von Blume zu Blume, leichte Falter gaukeln in der kaum bewegten Lust, die Lerche singt trillernd ihr Lied und im nahen Buchenwalde ruft laut und fröhlich die Amsel. Der ganze Himmel leuchtet in lichtem Blau und ein würziger, kräftiger Odem durchweht wie Jugendlust und Maienhauch die Lust. Ueberall ertönt ein wundersame- Summen, Singen und Klingen, wie Engelsmelodie, von Jubel und Wonne über die Schönheit der ewig jungen Natur.
Nahe am Rande eines Baches ruhte lang hingestreckt ein großer, blonder junger Mann, mit freien, stifchen Zügen und keck emporgedrehtem Schnurrbart. Die tiefblauen Augen schauten gedankmvoll in die Ferne und ein tiefer, schmerzlicher Zug um die festgeschlossenen feinen Lippen bekundete deutlich, daß der Ernst der Lebens ihm nicht stemd geblieben war. Den Kopf in beide Hände gestützt, blickte er aus den halb geschlossenen Augen auf die schimmernde FlMh und lauschte träumend dem eintönigen Murmeln der sanft bewegten Wellen.
In der That hatte Siegfried Bergheim schon von ftüher Jugend an den Ernst des Lebens lernten ge- gelernt, manche bittere Erfahrung und herbe Enttäuschung hatten den lebensfrohen Jüngling frühzeitig zn einem gereisten Manne gemacht. Seit frühester Kindheit verwaist, war fein geringes Vermögen zu feiner Erziehung und Ausbildung verwandt worden, und seinem Wunsche entsprechend hatte er in Rom seine künstlerischen Studien als Maler vollendet. Jedoch die erträumten Hoffnungen, sich mtt Lorbeer geschmückt in den Reihen berühmter Künstler zu sehen, wollten sich nicht erfüllen. Mißmuthig warf er jetzt die Cigarre fort, erhob sich von dem weichen Rasenteppich, raffte feine Maler-Utensilien zusammen, die er heute doch nicht benutzt hatte, und schritt langsam heimwärts. Die staubigen Straßen der süddeutschen Residenz, die er bald bettot, bildeten einen schneidenden Kontrast gegen die balsamische, würzige Lust, die er noch soeben ein» geathmet hatte. Mechanisch verfolgte er den Weg, bis er endlich sein Heim erreichte.
Er hatte weder Freunde noch Bekannte, die ihm das Leben erträglicher gestaltet hätten, und nur einer glücklichen Schickung verdankte et die Annahme eines Heuten Bildes in der letzten Kunstausstellung. Dorthin wanderte er jetzt täglich, in der Hoffnung, das kleine Kunstprodukt könne einen Käufer finden.
Einen bedeutenden Kunstwerth hatte das Bildchen kaum. Ts stellte eine junge Dame dar, aber mit einem Engelsgesichte, wie man es nut selten antrifst. Es war ein fteundliche-, blühende- Gesicht mit seelenvollen, blauen Augen, die von langen, seidenen Wimpern halb beschattet wurden; die hohe Stirn umzog blonde-, wellige- Haar, ein kleiner Hut, mit weißen Federn geschmückt, saß etwa- kokett auf dem schönen Kopfe. Den Hintergrund bildete eine starke htorrige Eiche, deren dichtbelaubte- Blätterdach da- liebliche Antlitz beschattete.
„Meine Arbeit muß zweifellos einen Kunstwerth besitzen," dachte ost der Maler bei sich selbst, wenn er in der Gallerie sein eigene- Bildchen auffuchte, „sonst würde e- nicht zur Ausstellung angenommen worden sein. Aber es hat einen so schlechten Platz. Viele Besuchet haben ei gewiß nicht einmal bemerkt."
In solchen Gedanken versunken, schlenderte er langsam der dritten Galerie zu, in der sein Werk ein Plätzchen gefunden hatte. Zu seiner nicht geringen Ueberraschung sah er vor dem Bilde zwei Damen stehen, anscheinend Mutter und Tochter. „Nummer 156," sagte deutlich die ältere Dame, suchte in ihrem Katalog und laS: „Siegfried Bergheim! — Ah, ein mir ganz unbekannter Künstler; das Bild ist offenbar von keiner Bedeutung und kaum der Beachtung werth," meiste die Nettere zu der Jüngeren gewandt. Dann gingen Beide langsam wettet.
Der junge Künstlet lächelte bitter, als er diese Worte Hörle. „Unbekannt," flüsterte er halblaut, „ja, das ist daS Unglück! Wäre mein Name schon bekannt, so würde mein Bild an Bedeutung enorm gewinnen, aber jetzt--"
Et hatte nicht Zeit, seinen traurigen Gedanken nachzuhängen. Ein ältlicher, offenbar den besseren Ständen angehöriger Herr mit silberweißen Haaren und schmerzdurchfurchtem Antlitz blieb plötzlich wie festgebannt vor dem Bilde stehen. Seine leuchtenden, dunkeln Augen schienen das liebliche Gesichtchen verzehren zu wollen, dann blätterten seine bebenden Hände in dem Katalog, und halblaut murmelten seine Lippen den Namen und den Wohnort des jungen Künstlers.
Erwartungsvoll stand der Maler hinter dem alten Herrn, jeden seiner Blicke, jede Bewegung aufmerksam beobachtend. Doch jetzt warf der alte Herr noch einen letzten innigen Blick auf da- blühende, frische Gesichtchen, daS ihn so neckisch von der Leinwand herab anzulächeln schien, dann schlug er geräuschvoll den Katalog zu und verließ den Platz.
„Vielleicht findet mein Bild einen Käufer!" dachte tetr Bergheim bei sich selbst, als er die staubbedeckten traßen wieder betrat. Neue Hoffnung erfüllte seine Seele: hatte er erst ein Bild verkauft, so war dies der erste Schritt auf der lang ersehnten Ruhmesbahn. Die Straßen schienen ihm zu eng — er mußte hinaus ins Freie, in den Wald, in den Hellen Sonnenschein, und dort singen und jubeln mit den Vögeln um die Wette; es war ihm so leicht und froh um'S Herz, wie in seiner Knabenzeit, als ihm die Sorgen des Lebens noch nicht nahe getreten waten. Erst spät am Nachmittage kehrte er heim. Seine Wirthin, eine einfache, bescheidene Wittwe, erwartete ihn an der Thür.
„O! Herr Bergheim, wie gut, daß Sie endlich kommen," rief sie ihm entgegen. „Seit länger als zwei Stunden wartet ein Herr auf Sie; ich fürchtete immer, er würde fortgehen; ich glaube" — fügte sie leiser hinzu, „er ist ein reichet Mann, — er will gewiß ein Bild kaufen oder eines bestellen."
Der Künstler lächelte, seine Ahnung hatte ihn also nicht getäuscht.
„Wo ist der Herr, Frau Müllet?" fragte er erwartungsvoll.
„In Ihrem Atelier. Ich dachte, er könnte sich dort am besten die Langeweile vertreiben; außerdem gab ich ihm noch die heutige Zeitung. Hier ist seine Karte."
Der junge Mann griff hastig nach dieser.
„Roderich von Waltersdorf," stand in zierlicher Schrift darauf.
„Ich will sofort zu ihm gehen," sagte er entschlossen, und schritt seinem Atelier zu. „Wünschen Sie mir Glück, Fran Müller!"
Ein großer, ältlicher Herr, in dem Siegfried sofort den Beschauer des Bilde- wieder erkannte, erhob sich und kam dem Künstlet entgegen. „Herr Bergheim?" fragte er schnell, ehe der jung: Mann noch ein Wort der Begrüßung fand.
Der Künstlet bejahte und fügte einige höfliche Entschuldigungen wegen seine- langen Ausbleibens hinzu.
Das Atelier war höchst einfach eingerichtet. Reich gepolsterte Sessel, türkische Teppiche, maurische Lampen oder sonstige Luxu-gegenstände, die wohlhabenden Künstlern unentbehrlich sind, waren hier nicht zu finden, dagegen zierten zahllose Gemälde, zwar ohne Rahmen, aber künstlerisch ausgeführt, die Wände, und große Mappen, mit Skizzen jeder Art ansgeführt, standen in den Ecken, ober lagen auf dem Tische auf- gehäust.
„Der Zweck meines Besuches steht in Verbindung mit einem Bilde, welches ich heute morgen in bet Ausstellung sah," begann bet Fremde; „aus dem Katalog ersah ich den Namen des Künstlers."
Siegfried neigte sich. „Ich sandte mehrere Bilder zur Prüfung ein, die andern wurden jedoch zurückge- sandt," gestand er offen. U
„Ihr Bild ist für mich nicht allem von künstlerischem Interesse, sondern es hat anch^schmerzliche Erinnerungen in mir erweckt", fuhr Herr von Waltersdorf fort, ohne auf das Geständniß des jungen Künstlers zu achten. „Als ich eS vor wenigen Stunden sah, war ich überrascht, daß ich anfangs an eine Sinnestäuschung glaubte. Kaurn traute ich meinen eigenen Augen, und ich mußte meine ganze Willenskraft zusammen raffen, um mich zu überzeugen, daß es kein leerer Traum, sondern Wirklichkeit sei. Je länger ich daS Bild betrachtete, je! klaret sah ich darin einen Fingerzeig GotteS, der mich mit neuer Hoffnung erfüllte, eine Spur wettet zu verfolgen, die ich schon lange als hoffnungslos aufgegeben hatte."
Der junge Mann lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit den Worten deS alten Herrn. „Wirklich?" fragte er dann fast ungläubig. Der Fremde schien den zweifelnden Ton gar nicht zu beachten. „Sie werden mir doch zugeben, daß Sie daS Bild nicht
nach eigener Phantasie gemalt haben, sondern daß daS Original in Fleisch und Blut exifttrt," ficht er erregt fort.
„Ganz gewiß", versicherte der Künstlet, „sonst wäre eS mir nicht möglich gewesen, ein so liebliches Gesicht auf die Leinwand zu zaubern. Gerade das Original begeisterte mich. Ein Künstletauge ist nicht blind gegen amnuthige Schönheit und liebliche Boll- kommmheit."
„Wenn ich Ihnen nun sage, daß daS Mädchen mein einziges, heißgeliebtes Kind ist", fuhr der alte Herr erregt fort und durchmaß mit unruhigen Schritten das kleine Gemach, „wenn ich Ihnen ferner sage, daß sie ohne meine Schuld seit Iahten von mit getrennt ist, daß ich ihre Sput vergeblich gesucht und verfolgt habe, so können Sie sich leicht meine Gefühle vorstellen, die ich bei dem unerwarteten Anblick Ihres Bilder empfand. Mein Herr, ich flehe Sie an, bei Allem, war Ihnen heilig ist, verweigern Sie einem unglücklichen Mann keine Aufklärung, die in Ihrer Macht steht, mir zu geben. Wo und unter welchen Umständen willigte meine Tochter ein, Ihnen als Modell zu bienen?"
Der Ernst des Augenblickes, die heftige Erregung des alten Manne-, die fieberhaft glänzenden Augen, in denen banges Erwartung, Furcht und Hoffnung fich paarten, bewegten tief den jungen Künstler. — „Gott ist mein Zeuge", versicherte er feierlich, „daß ich Ihnen gern zur Auffindung Ihrer Tochter beistehen würde, wenn eS in meiner Macht stände. Jedoch ist die Mittheilung, die ich Ihnen machen kann, nur sehr gering. Ihre Tochter hat nicht gewußt, daß sie mir als Modell gedient hat — ich habe nie ein Wort mit ihr gewechselt."
(Fortsetzung folgt.)
Mas ei« deutscherAarmer für seine Kinder that.
„Wir teuren," so erzählt ein Landwirth in Amerika in einem Briefe, „Besitzer einer schönen Farm, 4 Meilen entfernt von der Pfarrkirche einer Mustergemeinde, in welcher ein eifriger Pfarrer wirkte. Da kam die Zeit heran, daß unsere Kinder zur Schule gehen mußten, und wir dachten, es ist doch zu weit für die Kinder, Jahr aus Jahr ein vier Meilen weit in die Schule zu gehen, besonder- bei schlechtem Wetter, und so meinte ich, meine Kinder bei guten, religiösen Leuten in der Nähe der Schule in Kost zu thun. Aber da- ging nicht. So dachten wir denn: Wir müssen auswandern, damit die Kinder in eine katholische Schule gehen können. Ich, der Vater, reifte nun 600 Meilen umher, um einen passenden Platz zu finden, der in der Nachbarschaft einer katholischen Schule war. Wie e- aber oftmals geht, fehlte in dem einen Ort dieses, in dem anderen jenes, und so ging ich halt mit schwerem Herzen heim und wir verhandelten unser Land gegen andere- Land, waS wir jetzt haben, da» aber nur eine Meile von der Pfarrschule entfernt ist. Da- Herz blutete mir bei diesem Handel, denn wir verloren dabei 20,000 Mk., aber wir trösteten unS mit dem Gedanken: WaS hilft eS dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden an der Seele leidet? Denn mit einer Familie von 13 lebenden Kindern ist eine große Verantwortung verbunden. Run hatten wir neue- Land und 24,000 Mark Schulden, aber nun können unsere Kinder Jahr an- Jahr ein in die katholische Schule gehen. In den letzten Jahren haben wir nun von der Schuld schon die Hälfte abbezahlt, und mit Gotte- Hilfe werden wir auch mit dem Uebrigen fertig werden."
Vermischtes.
* Der St. Petersdom i» Rom hat einen neuen Schmuck in einem prachtvollen Mosaikbilde erhalten, welches die Franzosen bei ihrer letzten Pilgerfahrt dem heil. Vater verehrten. Diese- Bild, an welchem in der vatikanischen Mosaik-Fabrik 7 Künstler seit dem 8. Mai 1893 bis jetzt ununterbrochen gearbeitet haben, stellt die heil. Jungfrau und Märtyrin Valeria dar, wie sie nach der Hinrichtung ihr eigenes Haupt dem hl. Martial, der die hl. Messe liest, darbringt. Das Original ist gemalt vom berühmten Spadarino im Jahre 1665. Das Kunstwerk kostet die Kleinigkeit von 60,000 Lire und wird auf dem Ware de- Heiligen in der Peterskirche seinen Platz finden. Man ist augenblicklich mit der Aufstellung desselben beschäftigt.
Hottesdienst-Hrdnung in Iulda.
Freitag, 7. Febr. (Erster Freitag deS Monats.)
Frauenberg. 5 Uhr Aussetzung deS Allerheiligsten zur 12stün- digen Anbetung. Hl. Meffen von 5—8 Uhr, 9 Uhr feierliche- Amt, 2 Uhr Nachm. feierliche Vesper und Komplet, 4 Uhr feierliche Schlußandacht.