25 Freitag, den 31. Januar 1896. 23. Jahrgang
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Deutsches Reich.
Berlin, 30. Januar.
* Der Kaiser fuhr heute früh nach dem Auswärtigen Amte, um mit dem Staatssekretär Freiherrn Marschall von Biberstein zu konferiren. Nach dem Schlosse zurückgekehrt, hörte der Kaiser den Vortrag des Kriegsministers und arbeitete darauf längere Zeit mit dem General von Hahnke. — Der Berliner Berichterstatter der ,Daily News' erfährt aus angeblich bester Quelle, daß der Kaiser nach Veröffentlichung seiner Telegramms an den Präsidenten Krüger aus England viele Hunderte beleidigende anonyme Briefe empfing. Anfänglich war der Kaiser entrüstet, aber er faßte später die Sache von der humoristischen Seite auf und gab schließlich Befehl, daß die Briefe aus England nicht mehr geöffnet werden sollen.
* Die letzten Nachrichten über eine Reichskanzler- Krisis berühren, wie man dem .Reichsboten' schreibt, ein längst überwundener Stadium und tragen ein sehr veraltetes Datum, wenn sie sich auch den Anschein der Jugendfrische und Ursprünglichkeit geben. Als die Krisis einen wirklich akuten Charakter trug, wurde sie entweder geleugnet oder nicht rechtzeitig erkannt. Die Gegensätze über die Frage der Vermehrung der Kriegsflotte hatten sich in leitenden Kreisen stark geltend gemacht. Das Widerstreben dcs Fürsten Hohenlohe, mit erneuten Marineforderungen vor den Reichstag zu treten, hatte die Stellung des Reichskanzlers ins Wanken gebracht. Der Reichskanzler war bereit, auf seinen Posten zu verzichten. In Folge dessen wurden bereits Kandidaten für diese Stellung sondirt, wie der kommandirende General Graf Waldersee, Kriegs- Minister Bronsmt v. Schellendorff u. A. Die Neigung zu einer Marinevorlage ist in den Hintergrund getreten, daher liegt kein Grund für den Fürsten Hohenlohe vor, von seinem Pesten zurückzutreten. So liegt die wahre politische Situation und nicht anders.
* Der Rücktritt des Staatssekretärs von Bötticher wird wieder einmal argekündigt, diesmal von der ,Boss. Ztg.', die als seinen Nachfolger den Staatssekretär für Elsaß-Lothringen v. Puttkammer nennt. Wir geben diese Meldung mit allem Vorbehalt wieder. Auf bloßer Verinuthung scheint jedenfalls die fernere Meldung eines Berichterstatters zu beruhen, der behauptet, der Marine-Staatssekretär Holl mann habe
Um getilgte Schuld.
(Erzählung von Anton Schott.
(29. Fortsetzung.)
In der Mühle hatten sie das Wildwasser nicht so bald wahrgenommen. In der Radstvbe sauste und brauste eS ja zu allen Zeiten; das waren sie gewohnt. Am Abende hatte die Müllerin wohl gewarnt. „ES wird Wildwkfier geben," hatte sie gesagt. „Geht Einer und sperret den Mühlbach ab!"
Aber der Müller und Ferdl hotten gelacht dazu. „Alle Frühjahre gibt eS Wildwasser, und wozu soll die Mühle stehen bleiben?" Darnach hatten sie tüchtig aufgeschüttet und sich schlafen gelegt.
Der Müller Hatte, wie überhaupt die Zeit her, keinen allzu ruhigen Schlaf. Immer und immer Hütte er das Brausen des Wildbaches, das Säuseln der Bäume und den gellen Aufschrei im Schlafe. Auch da» halte er so ziemlich gewöhnt Wenn er dann munter wurde, rauschte nur da» Wasser in der Radstube und die Mühle klapperte. Er schalt sich oft thöricht und schrieb die bösen Träume dem Umstande zu, weil er allzuoft des Geschehnisses in der Klamm dachte.
So war es auch heute. Er hötte das Wasser wohl brausen, aber er dachte immer, es sei in der
seine Entlassung nachgesucht. Die Berliner Preffe nimmt von dieser Meldung fast durchweg keine Notiz.
* Da» Kriegsministerinm hat, wie der ,Reich»anz.' berichtet, Beranlaffung genommen, in Verbindung mit der Physikalisch-technischen Reichsanstalt Versuche darüber anzustellen, ob die Röntgen'sche Entdeckung für kriegs-chirurgische Zwecke dienstbar zu machen und zum Nutzen kranker und verwundeter Soldaten zu verwetthen sein wird. In Folge dessen sind zahlreiche photographische Aufnahmen anatomischer und kriegS-chirurgischer Präparate gemacht worden, in denen Geschosse und Geschoßtheile in den Wcichtheilen und Knochen steckten. Die Photogramme geben ein deutliches Bild der stattgehabten Knochenverletzungen und ließen den Sitz des steckengebliebenenGeschosseS mit Sicherheit erkennen. Die Versuche werden in größerem Maßstabe fortgesetzt, und der ,ReichSanz.' hofft bald darüber Näheres berichten zu können.
* Ueber die Zulassung von Werthpapieren zum Börsenhaudel sind in dir Kommission zur Vorberathung - des Börsensteuergesetzes wieder eine Reihe von An- l trägen eingebracht wordm. Abg. Gamp beantragt, daß von den Mitgliedern der Zulassungsstelle mindestens der dritte Theil aus Personen bestehen muß, welche nicht in das Börsenreg.st r eingetragen sind. Außerdem soll der Zulassungsstelle die Pflicht auferlcgt werden, a) die Vorlegung der Urkunden, welche die Grundlage für die zu emittierenden Werthpopiere bilden, zu verlangen und düse Urkunden zu prüfen; b) dafür zu sorgen, daß das Publikum über alle zur Beurtheilung der zu emittirenden Werthpapiere noth- - wendigen tatsächlichen und rechtlichen Verhältnisse soweit als möglich informirt wird und bei Unvollständigkeit der Angaben die Emission nicht zuzulassen; c) Emissionen nicht zuzulassen, durch welche erhebliche allgemeine Jnteessen geschädigt werden ober welche offenbar zu einer Heber- vortheilung des Publikums führen. Abg. Bachem i will die Zulassungsstelle nicht zu einem Drittel, sondern mindestens zur Hälfte aus Personen zusammensetzrn, welche sich nicht gewerbsmäßig am Börsenhandel mit Wertpapieren betheiligen. Außerdem beantragt Abg. Bachem, den börsenmäßigen Handel mit Werthpapieren, welche zur öffentlichen Zeichnung aufgelegt werden sollen, vor der Zutheilung derselben an die Zeichner l zu entbieten. Abg. Müller-Fulda will die nicht zugelassenen Wertt Papiere nicht bloß von der Benutzung der Börseneinrichtungen ausschließen, sondern auch gegen hohe Strafen von einem von der Mitwirkung der Börsenorgane unabhängigen Handel an der Börse. Ohne Genehmigung einer Börsenaufsichtsbehörde sollen auch für solche Wertpapiere Preise (Kurse) in öffentlichen Blättern ober in mechanisch hergestellten Preislisten (Kurszetteln) nicht notirt werben dürfen. Ferner beantragt Abg. Müll er-Fulda, daß für nicht zu- gelassene Werthpapiere ohne Genehmigung einer Börsen- Aufstchtrbehörde in öffentlichen Blättern oder mittel- mechanisch hergestellter Zuschriften ein Prospekt nicht
Radstube. Er schlief wieder ein. Noch während des Einschlafens nahm er sich vor, nicht von der Klamm und dem Simmerl zu träumen, aber das Gehirn fügte sich nicht dann. Als ihn die Müllerin weckte, er wöge nachsehen, was denn eigentlich draußen loS fei, weil eS gar so gurgele und gluckse, da sprang er mit einem Satze aus dem Bette. Entsetzt schrie er auf; er stand bis an die Knöchel in eisig kaltem Wasser.
Nun kamen auch Rosel und Ferdl herbei.
Fort! DaS Haus stand im Wasser. Aber der Müller war, wie noch nie, so seltsam und sonderbar. War er zu sehr erschrecken? Lähmte die Furcht seine Glieder? Sie mußten ihn anziehen helfen, und als sie ihn fort haben wollten, stemmte er sich dagegen. Wohin? Draußen war alles lauter Waffer und tiefe Finsterniß urb Schrecken lagen darauf. „Ich geh' nicht aus meinem Haufe", erklätte er. „Die Mühle ist ein feste» Gebäude. Es mag die ganze Klamm voll Wasser darauf loSstürzen, die hält Stand." Und er setzte sich aus'S Bett und starrte vor sich hin. DaS Wasser stieg mit jedem Augenblicke.
„Kommt! Wenn er nicht gehen will, soll er ertrinken," erklärte Ferdl und wollte gehen. „ES muß nicht fein, daß wir auch zu Grunde gehen."
„Wenn Ihr Zwei gehen wollt, geht in GotteS
veröffentlicht, noch zum Ankauf ober zur Zeichnung solcher Wetthpapiere aufgeforbert werben barf. Zu- wiberhanblungen ziehen bie Haftung gemäß § 41 nach sich.
* Bom Rhein, 30. Jan. Fünfunbsünfzig rheinische CentrumSblätter veröffentlichen heute eine Erklärung, in ber es heißt: „Die unterzeichneten Blätter werben auch in Zukunft ben rheinischen Bauernverein in allen auf Hebung ber Landwirihschast unb Förderung deSBauernstandes gerichteten Bestrebungen nachhaltig unterstützen; sie erachten aber dafür, daß das Vorgehen der gegenwärtigen Leitung des Bauernvereins, ihre verwirrenden, widerspruchsvollen und unausführbaren Projek e, ebenso den Zusammenhalt der Cen- ttumspattei wie die Wirksamkeit deS Bauernverein» selbst schädigen und gefährden. Die unterzeichneten Blätter wissen sich bei ber Berurtheilung unb Abwehr biefer Sonderbestrebungen in vollster Ueberein- stimmung mit dem ProvinzialauSschuß der rheinischen CentrumSpartei und den Centrums-Fraktionen des preußischen Landtages und deS deutschen Reichstages."
* Dortmund, 30. Jan. Das Lokalkomitee für die 43. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands hat sich heute konstituitt. Um den Segen GotteS auf die nunmehr beginnenden Arbeiten deS Lokalkomitees herabzuflehen, fand heute früh ein feierlichesHochamt in der Propsteikirche statt.
* Iserlohn, 30. Jan. Vor dem hiesigen Schöffengerichte kam gestern eine Beleidigungsklage deS Gast- wirths Mellage gegen den Redakteur des in Letmathe erscheinendm Märkischen Volksblattes' Schäfer zur Verhandlung. In einem Gedichte, welches in dieser Zeitung erschien, wird Mellage als Lump und Ausbeuter bezeichnet und der Unterschlagung von Geldern usw. beschuldigt. Das Sündenregister, welches Redakteur Schäfer heute Mellage vorhielt, war sehr umfangreich. In einem Falle konnte ihm nachgewiesen werden, daß er einem armen Manne bei ber Flüssigmachung einer Erbschaft statt ber erzielten 500 Mark nur 250 Mk. gab und hiervon noch 45 Mk. Kostengebühren abzog. Man darf nun bekanntlich jemanbem, ber einmal gestohlen, betrogen ober geprellt hat, noch lange nicht öffentlich bie Kosenamen Spitzbube, Betrüger, Wucherer rc. geben. Der Gerichtshof erkannte daher gegen den Redakteur Schäfer auf 100 Mk. Geldstrafe.
Ausland.
* Wien, 30. San. Der Kaiser Franz Joseph erschien heute, am Sterbetage deS Kronprinzen Rudolph, früh 7 Uhr in ber Kapuzinergruft unb verrichtete ein Gebet am Sarge beS Kronprinzen. Die Kronprinzessin - Wittwe Erzherzogin Stephanie, bie Erzherzogin Elisabeth und die übrigen Mitglieder deS kaiserlichen Hauses ließen Kränze am Sarge niederlegen. Der Deutsche Kaiser ließ an dem Sarge deS Kronpttuzen einen Kranz mit der Widmung: „Dem treuen Freude, Kaiser Wilhelm" niederlegeu.
Namen," sagte bie Müllerin bar auf. „Ich bleibe bei bem Vater. ES finb schon an bie dreißig Jahre, daß wir zusammengehören; ich weiche nicht von ihm, und wenn eS Gott will, sterben wir mitsammen.....
Geht, wenn Ihr wollt."
„Rosel komm!" schaffte Ferdl.
„Allein nicht!" wehrte die bestimmt ab. „Wir sollten ben Vater mit Gewalt sottschaffeu. Das Wasser steigt alleweil höher unb bie Gefahr wächst." Sie versuchte ben Müller unter bie Arme zu nehmen unb fottzuziehen. Der aber wehrte sich und schalt und schimpfte. Ferdl rührte sich nicht und sie war zu schwach, ben immer noch starken Mann toiber seinen Willen fottzuziehen.
Im Stalle begann das Vieh zu brüllen. Die Müllettn befahl Ferdl, es abzulaffen unb ins Freie zu treiben.
„Warum ich?" Er rühtte sich nicht. Da zünbete Roferl die Laterne an und befreite die HauSthiere von ihren Fesseln. Mit wildem Gebrülle drängten die ins Freie und bald waren sie verschwunden.
AlS das Wasser die Höhe der Bänke erreichte, war in der Stube nicht länger zu bleiben. „Wir müssen auf den Boden hinauf," rief Rosel.
Bei diesen Worten kam auch wieder Leben in den Müller. „Auf ben Boben!" keuchte er, unb wie von