Donnerstag, den 30. Januar 1896
23. Jahrgang
FMaerMZeitrniij
mit UrrtrrhaltrwHS-KriLage .Ltrrne und Kluwrn".
Wricheril! ügttefc, <ww w* Sretttteg? auSgenominrx. — BiertelMrücher ätboneemeat#pret# »hne Briugcrlohn nnfl PctzeLgeid in Fulda und atttoärW 1 Mark 50 Pfennig. Znserntr koste» die einipaltige 4kirmont>-,eilt oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitz-nle 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
<Q> Krieg den Verführern!
„Krieg den Verführern!" so schrieb jüngst das leitende Blatt einer kleinen, aber sehr einflußreichen Partei, in einem an die Umsturzvorlage anknüpferden Artikel, in welchem es gleich im Eingänge das Ge- ständniß machte, es hätten vor der Gruft, in welcher die Umsturzvorlage „unter einem wilden Durcheinander im Plenum" begraben wurde, „doch wohl nur die Sozialdemokraten ein Recht gehabt zu lachen." „DerStaat darf es ferner nicht anfehen," so bemerkte das Blatt u. A., „daß die Jugend mit allen Mitteln verführt werde." Gewiß, das Blatt bat sehr Recht: Krieg allen Verführern, welche der Jugend mit der Religion und dem christlichen Glauben ihre Ideale rauben, sie dem Atheismus und dem Materialismus in die Arme treiben. Aber die Partei, deren Preßorgan jenes Blatt ist, will diese Verführer nut in den sozialdemokratischen Versammlungen suchen und finden, und doch sitzen die gefähr- lickften Verführer ganz anderswo.
Es ist eine sonderbare Welt! Wotte, welche in Arbeiterkrelserr gegen Gort ausgesprochen werden, bestraft man als Blasphemie mir langem Gefängnisse; gewiß mit Recht nach Gebühr: ist ja doch eine Lästerung Gottes btr schlimmste Frevel, d ssen sich ein menschliches Wesen schuldig machen kann. Aber wenn ein Professor sich „mit Gott bromllirl", so kann er vom Katheder aus ganz dasselbe behaupten, was jener Arbeiter, der wegen Blasphemie sechs Monate Gefängniß erleidet, gesagt hatte; es ist nur erforderlich, daß es vor einer „soliden" G.sell- schaft im Jargon der Gebildeten und mit etwas gelehrtem Beiwerke geschieht. Es dürfen sogar ruhig hohe offizielle Autoritäten dabei fein und man bejubelt die w ssenschafiltche Berühmtheit. Treffend heißt es in einer von einem gläubigen Protestanten geschriebenen Broschüre („Mehr Licht"): „Ein kluger Vater kann heute zu seinem Sohne sagen: „Willst Du Thron und Altar unterwühlen, den Staat und die Gesellschaft langsam, aber sicher zu Grunde richten, so gehe nicht in die Arbeiter quartiere und lasse Dich nicht als sozialdemokratischer Agitator einsteckeu. Damit erreichst Du nichts und es ist unangenehm. Weit klüger handelst Du, Dich als Professor in Amt und Würden bringen zu lassen. Dann donnerst Da vom Katheder überden „wahnwitzigen Karneval der Existenz", Du predigst das neue Evangelium des Ur-Protoplasmas und der natürlichen Zuchtwahl, Du lehrst Dune Schüler, daß „wir nichts w ssen können," — igno- ramus et ignorabimus — Du bringst sie zur Verzweiflung, indem Du ihnen sogst: der Mensch sei lediglich das rasch entstehende und wieder verschwindende Produkt einer ewig blinden Substanz, eine schnell entstehende und wieder vergehende Welle im Meere der Zeit. Damit, mein Sohn, bereitest Tu die Revolution besser vor, als mit bim Hrumtragin sozialdemokratischer Flugblätter; während aber daS eine
Um getilgte Schuld.
Erzählung von Anton Schott.
(28. Fortsetzung.»
Einige Tage la?g bildete da« räthselhafte Verschwinden des alten Mannes das Tag Sgeipräch im stillen Thale. Nach und nach vergaß man darauf, zumal es andere Vorgänge und Ereigmffe zu bespnchen gab: den AuSgang der Streitsache des Müllers gegen den Sepp, die Versprechung des Morsbauern-Karl mit Bardel und anderes
Gegen Wittag luß sich der Himmel bläul-chgrou an und nach kaum einer Stunde batte das spiegelglatte Gewölke den ganzen Himmel überzogen In dem Geäste des Waldes säuselte der Thauwind und die Dachtraufen gingen em Merkliches stärker.
„Ick mein', jetzt kriegen wir Thauwetier," rnuth- rnaßw der Nachbar Lenz, als er um diese Zeit sich von S»pp unter der HanSthüre verabschiedete. Er war auf ein kleines Pläuschcheu herübergekommen und ging nun wieder heim.
„Es sieht ganz darnach ans," bestätigte S- pp und sah nach dem Himmel, der sich zuseheuls verdüsterte. „Leicht, daß wir doch bald in die Felder können."
„Wäre auch schon Zeit dazu," meinte dec Nachbar und schlenderte nachlässig über die Gced hinaus.
mit Gefängniß bestraft wird, bringt das andere hohe Ehren und Auszeichnungen" . . ."
Dieser Widerspruch ist nicht neu, er ist sehr alt und ist in allen Ländern Europas verbreitet: Tout laisser dire, rien ne laisser faire (Alles sagen, nichts thun lassen), ist der Wahlspruch. Oo man aber, wenn erst das Handeln beginnt, überhaupt noch viel zu sagen haben wird, ist sehr fraglich. Als die Heilige Alliam bestand, war in Preußen, Oesterreich und Rußland Alles von einer starken Polizei erbaut, aber daneben schwärmten in allen drei Ländern die „oberen Zehntausend" für ungläubige und revolutionäre französische und deutsche Philosophie, und in Preußen, wo damals Hegel, der Philosoph des Pantheismus, angebetet wurde, rückten diese selben verhegelten Regierungskreise mit Polrzeimacht g« gen die logischen Konsequenzen dieser schönen Philosophie, gegen deren Uebertragung auf's öffentliche Leber, auf das staatliche Gebiet. Dieses Rofettuen mit allen ungläubigen Theorien ist der Stolz unserer kapitalistischen Gesellschaft, der Kreise von „Bildung und Besitz", wirb aber auch, sofern man sich nicht noch in elfter Stunde zur Umkehr ent.chiießt, ihr Verhängniß und Verderben werben! Die einzige „Weisheit" dieser Gesellschaft besteht darin, verhindern zu wollen, daß die veiderb-
I lichen G> und,ätze, denen sie selber huldigt, vom Salon auf die Straße bringen und Gemeingut des „Volkes" werden. Als ob sich das vermeiden ließe!
g Man hat sich in der „gemieteten" Gesellschaft der | Illusion hing-geben, man könne so zu feinem Zet- S vertreibe ferne irreligiöse oder vielmehr amireligiöse ' „Wissenschaft" in die Pr. xis des Lebens umsitzen, wobei sich zugleich dem vergnüglichen Jsgdsporte gegen daS „Schwarzwild" fiöhn n lasse und hat darum frisch und fröhlich das Hallali gegen die Kirche geblasen. Es war das ein prächtiges Vergnügen, so „außerhalb s des Schattens der Kirche leben u b fte:ben zu können", z wie bie Berliner,Nat.-Zlg/ behaglich fchmunzelnb er* | klärte. Nur halten die „gebilbeten" Herren wieber s einmal bie Rechnung ohne ben Wirth gemacht. ; Der Mob hatte auch feine helle Freude an dieser l H.tze wider das „Schwarzwild." Aber er begnügte sich l nicht, wie man erwartet harte, damit; im Geg ntheil, \ buc Appetit kam beim Essen. Im Schatten des l „Kulturkampfes" wuchs bie Giftpflanze ber « Sozialdemokratie; und der Proletarier, ( dem die Hetze gegen die Kirche sehr gut ge- - fallen hatte, verlangte noch mehr: er wollte l bie Villen unb Schlösser ber Herren von „Bildung \ und B.sitz" haben; er reftamkte die Erde, als man t ihm den Himmel genommen, und der Tonuerruf: ; „Krieg den Palästen, Friede den Hütten!" scholl an \ das entsetzre Ohr der satten Bilbungsphilister. Nun, - wer wundert sich darüber? Die liberalen Professoren s und Zeitungsschreiber sind es ja selber gewesen, die । mit Judelruf die Befreiung vom „Joch der Junker und f Pfaffen" verkündet haben, Hans und Kurz affoiberten, 5 sich als freie germanische Männer -hren Katechismus
!S pp verrich ete seine Arbeit, um nachher wieder ein Weniges zu schnitzen. Als er aber fertig war und i auS dem Stadel herüber ging ins Haus, sprühte schon ein feiner, warmer Frühlingsregen hernieder. „Jetzt
l darf ich aber zuseben, daß ich tr.it der Schnitzerei fertig > werde, ehe es an die Feldarbeit geht, sonst komme ich wieder lange nicht dazu."
Emsig handhabte er darauf Schü tzer und Stech- f eisen. Kaum daß er sich Zeit nahm, ab und zu ein i Weniges aufzusehen ober ber Schwester Rede und Antwort zu stehen. Als es zu dämmern begann, war bie ’ Statue dis auf ben Kopf fertig. Zufrieden vor sich hinlächelnd, hob er das Holz auf und legte Steche! sen, i Schnitzer unb sonstiges Werkzeug in bie Tischlabe.
„Hem' hat's geschlaunt," bemerkte er. „Noch zwei Tage und ich bin fertig mit ber Arbeit. Wenn ei ben , Schnee auch in zwei, brei Tagen wegfchafst, vor einer s Woche läßt sich kaum was schaffen braußen. Derweil s babe ich de.be Schnitz werke angestrichen, bamit sie bem ! Wetter widerstehen, und nachher stelle ich ein Kreuz hinüber auf den Anger beim Birkenwald, das alleweil herüberschaut auf unser HauS. Der Herrgott, deffen Zeichen eS ist, soll es niemals aus den Augen lassen und allweil schützen und schirmen."
Bei den letzten Worten war etwas wie ein düsterer Schatten durch seinen Sinn gehuscht. War es wat?
und ihre Moral selbst zu verfassen. Diese Aufforderung hat Anklang gefunden, sie haben es gethan. Nun sind sie erschreckt über die Konsequenz, welche bie Masse dahin zieht, daß auch das Eigenthum Diebstahl sei, welcher in den Arnheims, den feuerfesten Geldschränken ruht. Und das neue Evangelium von der „Urzelle" unb vom „Nirwana" enthält feinen Spruch unb kein Kapitel, mit bem man diese Theorien bekämpfen könnte.
Doch genug davon! Wir halten dafür, daß ber hungernbe Proletarier, ber an Gott verzweifelt, weil ihm bie liberale Afterwissenschaft unserer Tage ben Glauben genommen hat unb in Folge dessen sich ben revolutionären Parteien hingibt, weit schulbloser ist, als ber vornehme unb gelehrte Mann, ber, umgeben von Allem, was das Leben verschönt, Gott verspotten will, indem er ihm feine Existenz bestreitet und den Samen der Gottesleugnung in weite Kreise trägt. Diesem liebel kann nur durch Verstopfung seiner Quellen «»geholfen werden. Es g ht nicht an, daß der Staat Lehrer ber Jugend anstellen unb bezahlen soll, welche, selbst Gottesleugner, Der Jugenb ihren Glauben und ihre religiös n Jbeale systematisch rauben. Ist es wahr, daß wir noch einen christlichen Staat haben, so darf es nimmer mehr geschehen. Haben wir keinen christlichen Staat mehr, so sei man auch ehrlich, schaffe die Gottesdienste bei Eröffnung der Parlamente ab und lasse Niemand mehr bei Gott schwören. Wir wissen nun ja wohl, daß man keinen Menschen znm Glauben an Gott zwingen kann und denken auch nicht daran, den Staat in dieser Richtung zu bemühen. Wenn wir aber keinen Menschen daran hindern wollen, das zu glauben ober nicht zu glauben, ; was ihm g fällt, so darf doch in einem christlichen Staate auch nicht gestattet fein, ben Glauben an Gott, ber bie feste Grundlage aller irdischen Ordnung ist, systematisch zu unterwühlen.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Januar.
* Der Kaiser hörte heute Vormittag den Vortrag des Chefs deS Zivilkabinets Dr. v LucanuS. — Am Hofe wurde heute der Geburtstag des Prinzen August Wilhelm, des vierten Sohnes des Kaiservaares, gefeiert. Der Prinz ist am 29. Januar 1887 geboren. — Das Staatsministerium hielt heute unter dem Vorsitze des Fürsten Hohenlohe eine Sitzung ab.
* Eine Ersparnitz von 755000 Mk. am Militär-Etat ist, wre der Chef desOekonomie-Verwaltunzs- D parternents, Frhr. v. Gemmingen, in der Budget- Kommission anerkannte, durch einen vom Reichstage angenommenen Antrag deS Centrums - Abgeordneten Müller (Fulda) erz.elt worden. Diesem Anträge gemäß wurde nämlich eine neue Bergebungsweife für Miliärtuch beschlossen unb bamit einem Ring von Tuchfabrikanten ein profitables Geschäft verdorben.
Er wußte eS nicht und forschte auch nicht darnach. Er sehnte schon die Zeit herbei, wo das Kreuz drüben stehen würde, wo sein Vater im letzten Sommer so gerne in ber Sorne gesessen unb über das Thal hin- geschaut. Wenn sie früh Morgens zum Fenster hinaus- schauten, sähen sie eS ragen nab am späten Abnide auch noch.
Er nahm bie Hane zur Hand unb schickte sich an, in bem tiefen Schnee einen Graben um Haus unb Stabel zu graben. Da sich ber Regen verstärkt batte, war es nicht ausgeschlossen, baß in ber Nacht W:lb- wasser käme, und daS sollte den Gebäuden keinen Schaden thun. Als er die unteren Schichten erreicht, gewahrte er, daß j tzt schon zwischen bim hartgefrorenen Erdboden und dem Schnee sehr vieles Wasser aufgestaut fei. Er verschaffte ihm Abzug und machte sich nachher an die anbei e Hausarbeit.
Gegen Morgen erwachte er plötzlich. Er hatte im Schlafe ein so eigenthümliches Rauschen und Gurgeln gehört. Woher mochte dies kommen und war mochte es sein? Gespannt horchte er auf. Er brauchte geraume Wei-e, dis er darauf vei fiel. Bor dem Haufe draußen war es, daS Wildwasser!
Mit einem Sprunge war er aus dem Bette und im Nu war er angekleidet. Er wollte hinaus, rachzusehen, ob bem Haufe keine Gefahr drohe. Schon