M 22 Dienstag, den 28. Januar 1896. 23. Jahrgang
FMaerKZeitiinß
mit Untrrhalturtgs Keilage .Lterne und Klumrn".
•rNktnl ktgkich, 6*w ** Sturtage att»genomcteÄ. — Bierteljährücher 86»««emewt#prei< otjne Bringerlohn und Beftellneld tu Fulda und auswärt« 1 Mark 50 Pfennig 3nferete losten die nnipaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Betitzeile 25 Pf., bet Wiederholungen entsprechender Rabatt.
[] Die Lage in Frankreich.
Das Kabinet Bourgeois, das aus der radikal- sozialistischen Minderheit der Kammer hervorgegangen ist und daher über keine Mehrheit in der letzteren verfügt, hat eS dennoch verstanden, sich in den paar Monaten, die eS besteht, über Wasser zu halten und sich sogar manche starken VertraumSbeschlüsse der Kammer zu holen. Die Gegner wollten ihm Zeit lasien, sich einzuführen, sie wollten die Radikalen run auch einmal an der Arbeit sehen und hegten dabei zweifellos die Hoffnung, daß die Radikalen sich sehr bald „abnützm" und dann bei den nächsten Wahlen um fo vollständiger besiegen kaffen würden. Dazu kam, daß das Kabinet Alles that, um die Mehrheit, die Ribot stürzte und dadurch Bourgeois kmporsteigen ließ, noch möglichst oft sich zusammen finden zu lassen, indem er ihrer damals auSgedrückttn Willensmeinung: Fort mit der Korruption, vor den Staatsanwalt mit den Ausbeutern und Gaunern! — möglichst zu entsprechen fich bemühte. Herr DupaS, der einst im Auftrage der Regierung in Venedig mit Aaron Alton verhandelt hatte, d:e ,gratet' mit ihrer erdichteten Liste der 104 Bestochenen und die Blutiauger, die sich an den „Keinen ZackerjunZeu" Le baut y gebangt hatten, kamen auf die Anklagebank.
Und doch mehren sich schon die Stimme«, die behaupten, das alles wären Sche-nmanöver, die großen Sünder — die Panamsten und Südbabn- schwindler — blieben ungeschoren. Hier scheint sich also schon das Wetter einer Jnterp-llation zusammen- zubranen. An weiteren Interpellationen — kein Tag ohne Interpellation! — wird'S nicht fehlen. Die Republikaner und Rechte z B. werden zweifellos dem Minister des Aeußern, dem Chemiker Berthelot, zu Leibe rücken, weil sie glauben, daß Frankreich sich von England in dem neuesten Vertrage über Siam, Tunis ufw. habe über'- Ohr hauen lasten. DaS Gegentheil ist freilich wahr, aber was thm'r? Man will ja doch einmal „dem Chemiker" am Zeuge fl cken.
Dazu kommt dann die Verletzung des heil. BaterS durch die gegenwärtigen Minister, welche alle bis auf zwei Freimaurer sind. Diese Herren wollen dem Oberhaupte der katholischen Kirche selbst daS Recht, sich um daS Wohl und Wehe der katholischen Kirche in Frankreich zu bekümmern, abstreiten. Sie suchen die Kirche auf jede Weise zu drangsaliren, und wenn der Papst dann darüber Beschwerde beim französischen Botschafter am Vatikan erhebt, so nennen sie das „Einmischung in die inneren Verhält« sie Frankreichs" und rufen den Botschafter von seinem Posten ab, weil er die Beschwerde deS hl. BaterS nicht kurzweg zurückge- wiesen, sondern an seine Regierung weiter befördert hat! Selbst die Opportunisten, welche doch wahrlich auch keine „Ulramontanen" sind, sondern so ziemlich unseren deutschen Rationalliberalen entsprechen, murren über dieses rohe Benehmen der radikalen Regierung gegen den heil. Stuhl und drohen im Verein mit der Rechten, welche natürlich auf Seiten der Papstes
iQl Um getilgte Schuld.
Erzählung von Anton Schott.
(26. Sortierung.)
In Seppl'r Brust wogte es gewaltig hin und her. Ein Fiebern ging durch feinen ganzen Körper und feine Bewegungen waren bei weitem nicht so sicher und ruhig als sonst. Etwa» wie geheime Schaden- fteude spürte er in seinem Herzen. Run sollte sie erfahren, daß er nicht der war, für den sie ihn angesehen und den sie ihn gelästert. Daneben aber wühlte stiller Gram, daß er lhr leicht wehe thun könne.
„Bon wegen der streitigen Schuld bin ich gekommen," sagte er auf die Frage deS Müllers. „Die Sache ist jetzt aufgeklärt, der Simmerl hat den Empfangsschein gefunden."
„DaS ist ein Gewäsche!" brauste der MMer auf und seine Lippen bebten. „WaS geht mich der Schein an !"
„Hast Du ihn?"
„Wohl. Deswegen bin ich gekommen." Er griff in die Tasche, daS Papier hervorzuholen.
Als ob ihm die Worte dar Rückgrat gebrochen hätten, knickte der Müller zusammen. Wild stöhnte er auf und fein Auge irrte schier hilfesuchend umher.
steht, die Regierung deswegen in der Kammer zur Rechenschaft zu ziehen. Wollte nun aber Herr Bourgeois noch einmal einknten und den bisherigen Botschafter in Rom belasse«, so drohen ihm wieder seine eigenen Leute, die Radikalen und die Sozialisten, mit dem Abfall.
In derselben Klemme steckt er bezüglich ber ©teuer» frage. Reue Einnahmen find nothwendig, weil sich das ungeheure Defizit nicht länger vertuschen läßt. Die indiretten Steuern, die schon jetzt * 1I< der Einnahmen einer gewöhnlichen Familie von 4—5 Köpfen verschlingen, können aber nicht weiter vermehrt werden; daS läßt das radikale und sozialistische Programm nicht zu. Dieses fordert vielmehr eine progressive Einkommensteuer, wie sie in Preußen besteht, und eS scheint, daß Herr Bourgeois eine solche Vorlage wirklich in daS Bud..et einbeziehen will. Die Opportunisten bekämpft« diese Steuerform aber als „sozialistisch" mit dem ganzen Zorne einer verwöhnten Bourgeoisie, wenn die Emkommcnfteuer also auch in der Kammer durchwehen sollte, was sehr zweifelhaft ist, so muß sie im Senat doch sicher fallen, denn hier haben die Opportunisten eine starke Mehrheit. Der neugewählte Sen att Präsident Loubet hat ja gleich in seiner Antrittsrede das E-nkommensteuerprvjekt mit größter Ent- sch edenheit bekämpft.
Es ist also nach menschlicher Voraussicht nicht zu bezweifeln, daß das radikale Kabinet Bourgeois daS Ende der Session, die am 14. Januar begonnen hat, nicht erleben wird, umsomehr als auch schon die Radikalsten unter den Radikalen und die Sozialisten gegen daS eigene Kabinet zu murren beginnen. Der hl. Stuhl hat demnach keinen Grund, sich durch die Drohungen ber Sogemnämter Bourgeois und Konsorten irgendwie „imponiren" zu lassen; er kann'- länger anShalten, als Herr Bourgeois!
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Januar.
(♦) Kaisers Geburtstag wurde in Berlin bei sonnigem, kaltem „Kaiserwetter" in der üblichen Weise gefeiert. Die Häuser trugen reichen Fahnenschmuck - und waren am Abend in den Hauptstraßen prächtig ; erleuchtet. An der Feier im Schlosse betheiligten i sich zahlreiche Mitgliäer ‘ber deutschen Fürstenhäuser, ’ darunter der König und die Königin von Württemberg, der König von Sachsen, die Großherzoge von Baden, Heffen und Sachsen-Weimar mit ihren Gemahlinnen, Prinz Leopold von Bayern, Der Herzog von Sachsen-Koburg u. A. Der König von Sachsen und Prinz Leopold von Bayern nahmen als Katholiken an dem protestantischen Gottesdienst in der Schloß- kapelle nicht theil, wohl aber der Fürst von Hohen- zollern und andere Mitglieder des katholischen fürstlich hohenzollern'schen HauseS, das überhaupt schon so manches Aergerniß dem katholischen Volke gegeben hat. — Befördert wurden aus Anlaß des kaiserlichen Geburtstages eine größere (Anzahl von Offizieren, großentheilS Mitglieder fürstlicher Familien, darunter
Wie er fo dafaß, bot er ein wahres Bild des JammerS und der Verzweiflung.
Rosel hatte einen fchlecht unterdrückten Schrei auS- gestoßen, als sie die zuversichtlichen Wotte SepplS vernahm und ihren Vater unter der Last des Beweises zusammenbrechen sah. Wie ein FelS stürzte ihr Vertrauen, ihre Ansicht zusammen, wuchtig und schwer. Ohne Halt, daS Kind eines Betrügers!
Die Müllerin seufzte tief auf; sie hatte eS ja von allem Anfänge an gewußt, wie es war. Gleich die erste Stunde hatte sie diefen Tag gefürchtet und nun war er gekommen. Sie hatte warum wollen, aber nicht gedurft; sie traf keine Schuld.
Ferdl lehnte so gleichgiltig am Tische wie sonst. Aus einmal aber schoß ihm da« Blut zu Kopfe und er sprang auf. „Daß Du mir kein Wort mehr redest davon!" schrie er.
Seppl gab ihm keine Antwort. Mit zitternder Hand legte er dem Müller den Schein hm und mit scharfem Auge beobachtete er jede Bewegung deS Alten.
Der raffte sich endlich auf aus seinem Schrecken. „Ferdl, fetze Dich nieder und sei ruhig", schaffte er mit zitternder Stimme. Dann nahm er dm Schein zur Hand und besah ihn. Jeden Zug musterte er;
j ber Großherzog von Hessen, der zum Gmeral- i lieutenant befördert wurde Prinz Heinrich von - Preußen wurde zum Chef des FustlierregimmtS Prinz Heinrich von Preußen (Brandenburgischen) Nr. 35 i ernannt. — Auch viele Orden und andere „Aus- i zeichnungen" wurden verliehen, u. A. an die Minister Fürst Hohenlohe (Kreuz der Großkomthure deS / Hohenzollern'schen HausordmS), Schönstedt (Roihen Adlerorben 1. Kl. mit Eichenlaub), Frhr. v. Hammer- i stieln (Rothen Adlerorden 1. Kl), Frhr. v. d. Recke v. d. Horst (Stern zum Rothen Adlerorden 2. Kl.).
| Der Botschafter in Wien Graf Philipp Eulenburg erhielt dar Kreuz und den Srern der Komthure d-s
• Hohenzollern'schenHausordmS, Professor Dr. Behring in Marburg, Entdecker des Diphtheri, Heilserums, den
: Kronenorden 2. Kl. — Den SanitätSosfizieren ! wurde das Recht verl« hm, statt ihres bisherigen Segen» l daS allgemeine Offizierfeitengewehr zu tragen. • — Der Kaiser von Rußland ließ durch sm r hiesigen Botschafter Gf. v. d. Osten-Sackm ein Glück- wunschschreiben und als Geburtstagsgeschenk ein Oel- J gemälde überreichen, da?, den Kieler Hafen bei der Nordostseekanalfeier in dem Augenblick darstellt, als ? bft Kaiser Yacht „Hohenzollera" das russische Adumals- ; schiff „Kaiser Alexander II." passirte.
i * Der amerikanische Botschafter General Rnnyon ist in der Nacht auf Montag plötzlich am Herzschlage gestorben. Runyon, der im 76. Jahre stand, war seit dem Frühjahr 1893 hier Botschafter der Bereinigten Staaten.
* Zu freiwilligen Spenden für die Bermeh- : rung der deutschen Kriegsflotte wird in einem : Eingesandt der ,Post' aufgefordert bei Gelegenheit von Kaisers Geburtstag. Zugleich theilen die,Berl. Reuest. Rachr.' mit, daß sich in Oberndorf ein Verein zur Hebung der brutschen Flotte mit 180 Mitgliedern gebildet hat. WünfchenSwerth fei eS, daß fich ein Central- Komitee für solche Sammlungm bilde. In den,Berl. Reuest. Nachr.' werden Beiträge von Stammtischen, Tischgesellschaften und Kastno's verzeichnet im Grsammt- betrage von 262 82 Mk. — Immer zu! Ans dem kläglichen Ergebniß solcher Sammlungen wird sich alsbald Herausstellen, welche geringe Opferwilligkeit sich hinter demPhrafenthum verbirgt, das gegenwärtig sich für die Erweiterung der Marine breit macht. Es würde lange dauern, bis aus dem Ertrag der Sammlungen auch eine einzige Dampfbarkasse angefchafst werden kann, geschweige denn ein Torpedoboot oder gar ein Kreuzer.
* Die vom preußischen Finanzministerium dem Abgeorbnetmhause unterbreitete „Vergleichende Ueber- stcht ber Ergebnisse der Einkommensteuer - Veranlagung für 1894/95 und der Einkommen- und Er- gänzungSsteuer-Beranlagung für 1895/96" weist manche interessante Einzelheit auf. Die gelammte Einkommensteuer in »Preußen ist für 1895/96 bei 2,605,183 Steuerzahlern auf 123.433,466 Mark veranschlagt, wählend sie 1894/95 bei 2,520,930 Zensitm 122 029,765 Mark eintrug, d. i. ein Weniger von 1,160,366 Mark I gegen 1893/94, trotz der Zunahme um 39,093 Zensitm.
er war echt Da fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf, wie ein grell aufleuchtender Blitz: zerreißen!
„Thut es nicht, MMer!" warnte Seppl. „DaS nützte nicht, weil ich einen Zeugen hab, ber ben Schein gesehen. Aber nachher müßt ich erst zu Gericht mit
i Euch."
Mübe sanken bie geballten Fäuste beS Müllers
i nieber auf ben Tisrb. ES nutzte nichts.
„Er ist in ber Richtigkeit," stammelte er unb gab j ben Zettel zurück. „Ich hab mich geirrt . . . geirrt. ; Weiter nichts. Ich hab' Dich nicht betrügen wollm ? . . . Seppl. Geirrt hab' ich mich. Ich bin schon so ( alt . . . unb vergeßlich. Die Sach' ist aus." Er ? sank wieber in bem Stuhl zurück.
„Gebt mir ben Schuldschein zurück!" forderte | Seppl.
„Ferdl, such ihn!" stöhnte der Müller.
„Gelt' ich mit der Red' nicht, mische ich mich auch in die Sache nicht," knurrte der und biß seine
’ Pfeifenspitze durch.
Rosel ging an die Truhe und suchte den Schein. Ohne ein Wort zu sagen, legte sie ihn auf den Tisch ■ und ging hinaus. Draußen lehnte sie sich hinter die Thüre und weinte.
„Da hast!" ächzte der Müller.