« 21 Atontag, dm 27, Januar 1896. 28. Jahrgang
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Zum Geburtstage unseres Kaisers. ?
Kaum find die Festesklänge des 18. Januar, des 25. Jahrestages der Errichtung der deutschen Reiches verhallt, und schon wieder läuten die Glocken in allen Gauen des Vaterlandes zur Festesfreude, zur Feier deS Geburtstages Sr. Majestät unseres Kaisers und Königs Wilhelm II., der heute sein 37. Lebensjahr vollendet. _
Als unser Kaiser im Jahre 1888 den Eid auf die preußische Verfassung leistete, sprach er: „Ich trete an die mir nach Gottes Fügung gestellte Aufgabe mit der Zuversicht des Pflichtgefühls heran und halte mir dabei das Wort der großen Friedrich gegenwärtig, daß in Preußen der König deS Staates erster Diener ist." Dieser Auffassung seiner hohen Würde, in dem Wohle aller seiner Unterthanen daS höchste Ziel aller Handlungen und Bestrebungen zu suchen, ist unser Kaiser stets bis ins Kleinste geblieben, und damit hat er sich die Herzen aller erworben. Jeder deutsche Mann weiß es, daß Kaiser WIhelm II. die schweren Pflichten seines hohen Berufes im Vertrauen auf Gott mit unermüdlichem Eifer zu erfüllen sucht, daß er namentlich den Armen und Bedrückten Schutz und thatkräftige Hilfe bieten will, daß er die ichrcffen sozialen Gegensätze unserer Zest nach den Grundsätzen der christlichen Gerechtigkeit auszugleichen und zu heben wünscht. Das deutsche Volk feiert darum auch den Geburtstag feines Herrschers nicht etwa, wie wir es in despotisch regierten Ländern sehen, weil die Polizei es befiehlt, nein, aus eigenem HerzenStriebe feiert der Deutsche den KaisersgeburtStag als einen T g. wo er dem ihm von Gott gesetzten Herrscher den schuldigen Tribut der Dankbarkeit und Liede entgegenbringen kann.
Noch vor wenigen Tagen hat unser Kaiser in einer Botschaft an das deutsche Volk erklärt, daß für die Entfaltung aller Kräfte der Nation freie Bahn offen gehalten werden soll. Möge seinem herzlichen und festen Wollen ein ebenfo sicheres und segensreiches Gelingen entsprechen noch viele, viele Jahre hindurch. Möge k s unserem Kaiser gelingen, namentlich die Eintracht seines Volkes zu festigen dadurch, daß sich alle Glieder deS deutschen Reiches unter einem Ecepter wohl und glücklich fühlen! In feierlicher Weife hat er am Jubeltage deS deutschen Reiches vor den Großen des Volkes das Gelübde abgelegt: „Für des Volkes und des Reicher Ehre einzustehen, sowohl nach Innen alS nach Außen: Ein Reich, ein Volk, ein Gott!" Mächtigen Wiederhall haben diese kaiserlichen Worte im deutschen Volke gefunden, und heute am Geburtstage deS Kaisers steigen auS den Herzen aller Deutschen innige Gebete zum Throne deS König- aller Könige ewpor, daß der Allmächtige seinen Segen ausgießen möge über daS Haupt unseres geliebten Kaisers, auf daßes ihm gelingen möge, feinem Volke den Frieden nach außen zu erhalten und den Frieden im Innern, soweit er durch die wirthschaftlichen und
uy Um getilgte Schuld.
Erzählung von Anton Schott.
(25 Fortsetzung.)
Daheim warteten sie schon mit der Nachtsuppe auf ihn. „Bist denn gar so gelaufen, weil Du fo abge- schwitzt bist?" frug ihn sein Weib.
„Wohl. Ich hab' mich etwa« verspätet, verplaudert und wollt' Euch nicht allzulange warten lassen. Er wischte sich den Schweiß von Gesicht und Surne und setzte sich zu Tische. Ec schlug wohl daS Kreuz, aber daS Tischgebet konnte er nicht beten. AlS die Andern nach beendetem Gebete das Kreuz machten, machte er es auch und nahm den Löffel zur Hand. Er brachte nichts hinunter. Gewaltsam verschluckte er einige Löffel voll, nachher hörte er auf zu essen.
„Ist Dir 'leicht nicht gut?" frug die Müllerin besorgt. Ihr war es schon ausgefallen, daß fein Gesicht nicht io war wie fonst.
„Es ist nichts," beruhigte er und langte nach der Pfeife. „Aber das Gewäsche der Leute. Man könnt' wirklich bersten vor Aerger . . . gewiß und wahr."
„Hast wieder was gehört?"
„Wohl. Aber laß Das!" Mit großen Schritten ging er die Stube auf und ab. D-r Simmert war aus der Welt geschafft, aber der Empfangsschein?
gesellschaftlichen Gegenfätze gestört erfcheint, völlig wiederherzustellen.
Möge das neue Lebensjahr, welches unser theurer Landesvater heute antritt, für ihn und fein HauS und für alle feine Unterthanen sich recht glücklich gestalten. DaS walte Gott! __________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Januar.
* Bei den nächsten Kaisermanöver« wird dem Vernehmen des ,Hann. Kur.' nach der Kaiser kein Armeekomando übernehmen, sondern sich auf die Rolle einer obersten Schiedsrichters beschränken. Als Gehilfe wird ihm in dieser Hinsicht der Chef des Generat- stabes Graf v. Schlieffen zur Seite stehen.
* Die .Neue freie Presse' erfährt aus Warschau: In gut unterrichteten Kreisen gilt eS als bestimmt, daß das russische Kaiserpaar nach der Krönung zum Besuch nach der Heimath der Kaiserin, nach Hessen- Darmstadt geht und von dortauS dem deutschen Kaiserhof in Berlin einen Besuch abstatter, um den guten Beziehungen beider Mächte dadurch einen offenkundigen Ausdruck zu geben.
* Von dem Rücktritt des Fürsten Hohenlohe wird gerüchtweise weiter gesprochen; man glaubt, daß er mit seinem Widerstande gegen die Mariuepläne nicht durchdringen werde. Ja, man nennt bereits als Nachfolger Graf Walderfee, Fürst Hatzfeld - Trachenberg, Graf Phil. Eulenburg u. A. Auch heißt es, der in's Auge gefaßte neue Kanzler habe die Bedingung gestellt, daß ihm erst eine Reichstags-Mehrheit gesichert werde. Wir halten diese Gerüchte nur für Kombinationen, die allerdings bei solcher Beunruhigung, wie sie die Marinepläne erzeugen, nicht auSbleiben konnten.
* Der Bundesrath hat in seiner letzten Sitzung, der,Rat.-Ztg.' zusolge, beschlossen, Einladungen zu einer Münzkonferenz nicht ergehen zu lassen. Der osfizielle Bericht meldet davon nichts, trotzdem bleibt die Mt.-Z'g.' bei ihrer Angabe.
* Herr Herrfurth, der frühere preußische Minister deS Innern, empfiehlt in einem Artikel in der »Deutschen Juristenzeitung' die Einsührung der Wahlpflicht, d. h. der Pflicht des Erscheinens an der Wahlurne, wo er seine Stimme abzugeben, oder zu erklären hat, daß er sich der Wahl enthalte, als der zweckmäßigsten Ergänzung deS allgemeinen Reichs- tagSwahlrechtS. Dieser Gedanke ist wohl der Erwägung werth, da er, ohne daS Wahlrecht zu beschränken, zweifellos manche Mißstände desfelben, insbesondere die wachsende Gleichgiltigkeit gerade der Wähler der größeren Parteien, zu beseitigen geeignet scheint. Herr Herrfurth äußerst fich auch über daS Proportionalsystem (wie e» in Belgien besteht) anerkennend, besonders weil eS die Erbitternng der Wahlagitation mildert, hat aber dagegen dar Bedenken, daß eS die Vertretung der Sozialdemokratie im Reichstag erheblich verstärken würde.
Hatte er ihn wirklich schon dem Seppt gegeben, oder hatte er ihn noch bei sich? Wenn das letztere der Fall, nach- her erfuhr kein Mensch mehr von dem Papier. Wenn nicht. . . . Fast ging ihn eine Reue an, daß er in seiner unmäßigen Geldgier felbst in die Falle gegangen. Lohnten die paar Gulden dafür, daß er fo in'S Gerede kam? Und nicht nur dar. Jeder konnte ihn von der Stunde an, da der Schein zu seiner Ueberführung vorgelegt, für das ansehen, was er auch war . . . für einen schlechten Menschen. Und daS hatte der Simmerl verschuldet. Was hatte sich der um das Papier zu kümmern? Doch jetzt lag er unten in der Klamm — als ein Todter. Ein Mord! rief eS in seinem Herzen. Unwillkürlich zuckte er zusammen. Ja, an seinen Händen war nicht nur fremdes Eigenthum, eS war auch Menschendlut daran.
Er klopfte die Pfeife aus und ging zu Bette. Unruhig wälzte er sich umher und seine Lider wollten sich nicht schließen Nach langer, langer Zeit erst fand sich der Schlaf ein, der Gerechte und Ungerechte stärket zum neuen Tage.
Aber im Traume hörte er den Wildbach raufchen und braufen, er hörte daS Säußln des WindeS im Gewipfel der Bäume und das Fallen deS Schnees aus dem Geäste. Und dazwischen gellte ein Schrei hindurch, grausig und markerschütternd. Er wachte wieder auf. Tiefe Finsterniß herrfchte in der Kammer.
* Der Abg. Dasbach feierte heute sein 25jähriges Priesterjubiläum, aus welchem Anlaß ihm zahlreiche Beglückwünschungen zu Theil wurden. Seine Wähler in Hünfeld bereiteten ihm, wie die,Kathol. Volksztg.' mittheilt, eine besondere Ueberraschung.
* Auch konservative Blätter fordern jetzt eine starke Flottenvermehrung, deren Kosten doch gerade die Landwirthe am meisten drücken!
* Die günstige Wirkung des neuen, im Vorjahre auf Antrag des Abgeordneten Müller-Fulda eingeführten Vergebungsverfahrens von Mtlttärluche« wurde in der Sitzung vom Freitag der Budgetkom- misfion vom Chef des OekonomieverwaltungS-Departe- ments, Generalmajor Frhr. v. Gemmingen ausdrücklich bestätigt; nur hinsichtlich der Wollpreisdifferenz ging feine Schätzung etwas niedriger. ES ist damit der Beweis geliefert, daß bei den Heeresausgaben manche» gespart werden kann, wenn die Verwaltung den Anregungen fachverständiger, nichtinterefsirter Rathgkber folgt. Die Verhandlungen und daS Ergebniß der vorjährigen Verdingung haben gezeigt, daß die Darlegungen des Abg. Müller-Fulda zutreffend und die gegentheiliqen Behauptungen der vereinigten Tuchsabrikanten vollständig unbegründet waren. Das neue Bergebungsverfahren wird von der Heeresverwaltung auch künftig beibehalten werden.
* Die Eisenbahneinuahmeu im Dezember 1895 ergaben gegen das Vorjahr ein Mehr von rund 3,7 Millionen Mk., zumeist auS dem Güterverkehr. Bon Anfang des EtatsjahreS an betrugen die Einnahmen: 1894/95 752,5 Mill. Mk., 1895/96 789,6 Mill. Mk , alfo rund 37 Millionen Mark mehr in 1895 als in 1894.
* Die Höhe der Schulden des preußischen Staates am 1. April 1896 wird nach einer Ausstellung der Staatsschulden - Verwaltung 6476691805 Mark betragen, das bedeutet eine Z u n a h m e von 89 663 487 Mark gegen den 1. April 1895. Für die Verzinsung dieser Schulden werden im Eiatsjahre 1896/97 242 088891 Mark nöthig sein, 385 927 Mark mehr als im laufenden Jahre. Zur Tilgung sollen 8960562 Mark verwendet werden, davon entfallen auf die Wlo KonsolS 5757 736 Mark (+ 196481 Mark); aus Aktien und Obligationen 2743 789 Mark; auf die vormalS hannoverschen Schulden 46 538 Mark und auf die vormals Frankfurter Schulden 412 499 Mark. Bei der Tilgung kommen in Wegfall diesmal gegen früher die Prämienanleihe von 1855, deren Rest zum 1. April 1895 gekündigt war, die kurhessische Kriegsschuld, deren Rest zum 1. November 1895 gekündigt war, die übrigen vormals kurhessischen Schulden, welche zum 1. Januar d. I. gekündigt find, und die Frankfurter Anleihe von 1859, deren Rest zum 1. März 1896 gekündigt war.
* Gegen die deutsche Eisenbahn-Verwaltung find beim Reichs eisenvahnamte nn Jahre 1895 im Ganzen 100 Beschwerden auS dem Publikum eivgelaufen.
Er hörte daS Ticken der Uhr aus der Stube und daS Rauschen deS WafferS in der Ridstube. In diesem Waffer hatte der Simmerl seinen Tod gefunden. Oa rS dtefelben Wellen waren, die um sein Gesicht gespült, da er den Geist aufgab?
Grauer Dämmerschein fiel schon in die Kammer, alS der Müller wieder einschlafen konnte. . . .
DeS anderen TageS nach dem MitiagSeffeu ging der Gefchirrhauer-Seppl zu feinem Nachbar hinüber.
„Lenz," sagte er, „Du mußt mir eine Gefälligkeit thun ES ist nicht gar viel. ..."
„Jst'S viel oder nicht," fiel ihm der in die Rede, „mir gilr's gleich. Ohne daß ich e» weiß, was Du verlangst, ich sag' Dir'S zu. Daß Du nichts Unmög- licheS verlangst, daSseld' weiß ich."
„Gar so arg ist'» nicht. Gegen Abend kanntst mitgehen zum Müller. Der Simmerl hat den Empfangsschein gefunden, der allweil gefehlt hat und den möcht ich dem Müller gern zeigen. Da brauchte ich Dich als einen Zeugen; dem Müller ist oft nicht recht zu trauen."
„Da hast' recht," stimmte der Nachbar bei. „Ich gehe schon mit, aber laß auch daS Papier sehen, wenn Du eS mitgebracht hast, ich wär gar so neugierig darauf."
Seppl gab ihm den Schein.
i „Da ist ja aller in der besten Ordnung", lächelte