Beilage jiw Mulösev Aeitung.
jfs 20 * Samstag, den 25. Januar 1896. 23. Jahrgang
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Urn getilgte Schuld.
Erzählung von Anton Schott.
(24. Fortsetzung.)
Konnte es sein, war ihm Ferdl erzählt? Möglich wäre 's wohl. Er hatte ja dem alten Geschirrhauer den Empfangsschein ausgestellt. Ob er ihn verloren, ob er ihn so einmal weggegeden als uvwerlh g Pov'er; wer wußte es? Daß er aber gerade jetzt zum Vor« schein kommen sollt, wo er ihm am ungelegensten war! Früher oder viel später, nach Jahren, beides wäre besser gewesen. Und der Simmerl? WaS ging denn diesen die Sache an? Mußte er den Schein an'S Tageslicht zerren? Wenn er ihn schon sand, konnte er ihn nicht in Stücke reißen? Er konnte das Papier doch auch ihm geben; kein Mensch hätte davon erfahren. Ihm? War er denn mit dem Simmerl nur einmal so gewesen, daß der Ursache gehabt hätte, zu seinen Gunsten zu handeln? Seine Gedanken hatten ihn auf einen Pfad geführt, auf dem in freilich weiter Ferne ein Heller Schein strahlte — Umkehr und Besserung.
Er achtete dessen aber nicht. „Ich muß den Schein kriegen," stöhnte er auf und in seinen Augen loderte ein unheimlich Leuchten auf. „So oder so; aber das Papier muß her."
Er stieg zur Aufschütte hinauf und schritt mit festen Tritten auf und ab. Allmählich wurde er etwas ruhiger, dem Aeußern nach. Inwendig aber zog sich schweres düsteres Gewöcke zusammen wie an einem Hochsommertage, wenn ein heranziehend Wetter Berg und Thal in tiefe Schatten hüllt.
„Es ist noch nicht alles verloren," redete er sich ein. „Der Schein und alles ist gewonnen. Und den muß ich kriegen."
Er ging wieder in die Stube. Sein Gesicht war in keinem Zuge anders als sonst, und sogar das behagliche Lächeln spielte um seinen Mund.
Rosel warf einen beobachtenden Blick nach ihm. Als sie aber dar sorglose Gesicht und das Lächeln darauf sah, stoben jählings wieder alle Zweifel auseinander, die sich vorhin bei der Rede ihres Bruders in ihr Herz geschlichen. „Er könnt' nicht so sein, wenn eine Schuld aus seinem Herzen läge," dachte sie und war wieder vollauf beruhigt.
Nach dem Esten stopfte sich der Stegmüller eine Pfeife, setzte sie in Brand und auf den Tisch gestützt, blies er die blauen Wölkchen mit Behagen vor sich hin. Scheinbar sah er ihnen wohlgefällig nach, aber in feinem Kopfe tollten wilde Gedanken durcheinander.
Da fiel sein Blick durch'S Fenster auf die Landstraße, wo der Simmerl gerade daherkam. Unwillkürlich zuckte sein Arm, in seinem Gesichte änderte sich aber keine Miene.
„Jetzt fällt mir gerade ein, daß ich in der Frühe bald gefallen wär' wo der Weg von der Straße in den Hof geht." sagte er dann. „ES ist eisig dort, und weil ich sonst nichts zu thun habe, hack' ich es aus. Es kunnt einmal ein Unheil geschehen dort."
Er zog die Joppe an, drückte die Kappe auf den Kopf und ging mit der Stockhaue hinaus, das Eis aufzuhacken. In einer kurzen Weile kam der Simmerl vorbei.
„Bist halt auch am Sonntag recht fleißig, Müller," meinte er mit leiser Anspielung.
„Wohl, wohl," gab der zu und schaute auf. „Ich thu' sonst nicht gern waS an einem Sonntage, aber es muß sein. Schau, wenn ein Mensch da niederfällt auf dem Eise, könnt' er sich das Genick brechen. Es hieße nachher gleich wieder, der Stegmüller hat Jemanden umgebracht. Wo willi'1 denn Du heut' noch hin?"
„Richt weit. Die Waldbauern-Ahndl soll krank sein, wie ich gehört hab'. Wir sind mitsammen in die Schul' gegangen und aufgewachsen und mit keinem Wörtl haben wir uns zeitlebens angeseindet. Da such'ich sie halt heim auf ihrem Krankenbett. ES ist so der Brauch."
„Hast recht, Simmerl. Die Leut' müssen zusammenhalten," belobte der Stegmüller und Simmerl humpelte weiter. „Wie der hem' auf einwal freundlich ist!" wunderte er sich im Stillen; doch dachte er nicht Wetter darüber nach. Der Müller hackte noch eine Zett
lang an dem Eise herum und ging wieder in die Stube. Er nahm den Kalender von der Wand herunter und las darin.
Gegen Abend zog er sich an und ging fort.
„Gehst 'leicht ins Wirthrhaus?" frug die Müllerin.
„Nein. Ich hab' nur einen kleinen Gang zu machen, ein Geschäft. Bor der Nachtsuppe bin ich wieder daheim. Sollt' ich ein Weniges später kommen, als wie sonst gegessen wird, könnt ihr warten. Ich komme sicher bald."
Gemü hlichen Schrittes stapfte er auf der Landstraße dahin. Die blauen Wöckchen seiner Tabakspfeife wirbelten um feinen Kopf herum und zerstoben in der Lust; er blies siegleichmäßig vor sich hin. Im Walde oben sang die vor einigen Tagen aus dem warmen Süden gekommene Drossel ihr Abendlied, zwischen de» Eisschollen und Eiszapfen im Bache timnulte sich der E-svogel umher und die Ringamsel plätscherte in der eiskalten Fluth herum; aber der Müller hörte und sah von alledem nichts. Seine Füße wandelten auf der Landstraße, aber seine Gedanken gingen böse Wege.
Eine gute halbe Stunde hinter der Mühle ist das Thal wie unterbunden. Zwei mächtige Felsen treten bart an einanqer heran und zwischen beiden braust der Bach und zieht die Landstraße dahin. Gegen den Felsen hin steigt sie an, und wo die Schlucht am engsten ist, liegt sie wohl zehn Klafter über dem rauschenden Wasser.
Die Leute erzählten allerhand Schauder- und Spukgeschichten von der Klamm. Der eine hat dies gesehen, der andere jenes, aber wenn es auf Ehr' und Gewissen hätte gesagt werden sollen, hätte jeder sagen müssen, er hat es nur gemeint.
Dahin ging der Stegmüller. Die Bäume warfen schon tiefe Schatten und unheimliches Düster grinste aus dem Dickicht. Forschend sah er sich nach allen Seiten um, und als er Niemand gewahrte, schlüpfte er mit einigen langen Sätzen in's Dickicht. Hinter einem dicht und schwer mit Schnee behangenen jungen Baume kauerte er sich nieder, stopfte sich eine Pfeife und lugte nachher unausgesetzt nach der Straße.
Das Wasser im Bache unten rauschte und brauste, in den Wipfeln der Bäume säuselte ein gelindes Lüftlein, und dann und wann fiel ein Stück Schnee aus dem Geäste zu Boden. Der Müller fuhr immer jählings zusammen, wenn er so einen dumpfen Fall hörte.
Endlich sah er von unten eine dunkele Gestalt herauskommen. Schier eiskalt lief es ihm über den Rücken. Er dachte an die Spukgestalten, welche in der Klamm ihren Tummelplatz haben. Als er aber genauer zusah, erkannte er die Gestalt als den Simmerl.
Leise stand er aus und ging die andere Seite hinunter, wo die Straße aus der oberen Thaleshälste herabkam und jäh um das Felseneck bog. Auf der Straße ging er heimwärts — dem Simmerl entgegen.
„Mir scheint, wir treffen uns heute schon zum zweiten Male," redete er dm an.
„Wohl", bejahte der. „Gute Nacht, Müller." Er wollte vorbeigehen."
Der Müller trat aber an ihn heran. „Du Simmerl," Hub er an, „ich hab' was zu reden mit Dir. Wart' noch ein Weilchen."
„WaS hast denn? Mach's kurz, ich kann nicht lange auf dem Wege herum stehen. Es dunkelt schon stark und ich hab' zum mindesten noch eine gute halbe Stunde heim."
„Kurz soll es werden," versprach der Müller und faßte Simmerl am Rockkragen. „So kurz, als Du es willst . . . Was ist'S denn mit dem Empfangsscheine ?"
„Womit?" fragte Simmerl bestürzt. Das Gehaben des Müllers kam ihm recht verdächtig vor.
„Mit dem Empfangsscheine, den ich dem Geschirrhauer ausgestellt haben sollt' . . . sollt', sag' ich. Hast ihn wirklich gefunden?"
„Wohl."
„Gib ihn her!"
„Ich hab' ihn nimmer," wehrte Simmerl ab und versuchte, das Ende seines Rockkragens aus der Hand des Stegmüllers los zu machen. Aber der ließ nicht locker.
„Simmerl! Ich gäb' Dir Geld, viel Geld dafür, wenn Du mir das Papier abläßt. Für Dich hat's keinen Werth, ich kann es brauchen- Eine Banknote leg' ich Dir hin dafür, so groß, wie das Papier ist. Gib eS her!"
„Ich hab' eS ja nimmer. Ich hab' es dem Sepp gegeben, weil eS fein gehört."
„Wem?" keuchte der Müller. Bor den Augen begann es ihm zu flimmern und die Felsen schienen um ihn herumzutanzen. „Simmerl, ich sag' Dir'S zum letzten Male: Gib das Papier her!"
„Wie ich Dir schon gesagt hab': ich hab's nimmer. Laß mich aus! Was gehen mich Deine Sachen an."
Er konnte nimmer ausreden. Mit krä tigern Griffe hatte ihn der Müller an der Brust gefaßt.
„Gibst mir das Papier »och nicht?" keuchte er.
„Ich hab's nim ..." Die letzte Silbe brachte er nimmer hervor. Sie vereinte sich mit dem jgellenden Auftchrei, den er ausstieß, als er in die Schlucht hinadstürz^e.
Der Müller ballte ihm die Faust nach und sein Gesicht verzerrte sich gräßlich. „Nun hast den Lohn dafür!" lachte er heiser vor sich hin.
Es war wieder so stille wie vorhin. Nur das Wasser rauschte und brauste unten in der Schlucht und in den Wipfeln der Bäume fäuselte der Wind.
Der Müller stand noch immer wie angewurzelt auf der Landstraße und sah hinab in die Tiefe. Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirne und die Tropfen fielen auf die Wangen herunter. Ein eigenthümlich ängstliches Drücken spürte er in seiner Brust, wie e» ihn seit seinen Schuljahren nimmer angegangen. Es war genau so wie damals, wenn er irgend eine Schalkheit ausgeführt, nur etwas beängstigender.
Endlich erholte er sich.- „Da kannst nicht allweil stehen bleiben", sagte er zu sich selbst, und ging eiligen Schrittes davon._________________________(Forts, folgt.)
Vermischtes.
# Berlin, 24. Jan. Die vom Norddeutschen Lloyd betriebenen Reichspostdampferlinien nach Ostasien und Australien vollenden irn laufenden Jahre ihr zehntes Betriebsjahr. Die Linien sind be- kanntlich von einer außerordentlich starken Einwirkung auf die Entwickelung des deutschen Verkehrs gewesen. Der Handel des deutschen Zollgebietes mit China ist vom Jahre 1885 von 17 Va Millionen Mark bis zum Jahre 1893 auf 47 Millionen Mark gestiegen, der Verkehr mit Japan von 5 Millionen Mark auf 26 Millionen, der Verkehr mit Australien von 17 Millionen auf 114 Millionen Mark. Der An- theil der vom Norddemfchen Lloyd betriebenen Linien an dieser Erweiterung des Handelsverkehrs ist zum großen Theil dem Umstande zu danken, daß daS Dampfermaterial denen der besten Linien anderer Nationen nicht nur ebenbürtig, sondern zum großen Theil überlegen gewesen ist. Dieser Umstand macht sich auch in der Zunahme des Passagierverkehrs nach China, Japan und Australien bemerkbar. Der Lloyd hat während der ersten neun Jahre eine ReichS- nnterstütznng von insgesammt 36 Millionen Mark erhalten, in derselben Zett aber hat der Norddeutsche Lloyd für Schiffs-Neubauten, Umbauten und für Aufwendungen im laufenden Betriebe nur für diese vorn Reiche unterstützten Linien und nur zu Händen deutscher Empfänger verausgabt 52*/* Millionen Mark. Der Betrag der Reichsunterstützung ist daher allein durch diese Zahlungen, die nur einen kleinen Theil der Gesammtaufwendungen darstellen, um fast 17 Millionen Mark überschritten worden. Der außerordentliche Erfolg, welchen die ReichSpostlinien gehabt haben, hat dazu geführt, daß, wie bekannt, in der laufenden Session beim Reichstag ein Antrag auf Verdoppelung der Fahrten und Erhöhung der Subvention einqebracht werden wird.
* Die Pöntgeu'scheu Strahlen in der Chirurgie, lieber die Anwendung der Röntgen'schen Strahlen in der wund- ärztlicheu Praxis theilt die Londoner und medizinische Zeitschrift „Lancet" den folgenden Fall mit: Im Londoner Guy-Spitale liegt schon seit Monaten ein Matrose krank darnieder, dessen Extremitäten sich im Zustande vollkommener Erstarrung befinden. Er kann weder gehen, noch stehen, noch vermag er auch mit den Händen etwas zu greifen. Vor Monaten hatte man ihn betrunken ins Spital gebracht. Auf dem Rücken, in der Gegend der Wirbelsäule, war eine kleine blutende Wunde zu sehen, die indeß schon nach einigen Tagen wieder verheilte, während der Kranke selbst gelähmt blieb. Alle bisher angewandten Heilversuche erwiesen sich als fruchtlos. Dr. Williamfon, der Primararzt der be- treffenden Spitalsabtheilung, kam nun, als er von den Röntgen'schen Experimenten las. auf die Idee, in der beschriebenen Weise mehrere Rücken-Parthien des Kranken zu photographiren und da gewahrte er auf dem Bilde zwischen dem Rücken- und dem ersten Kreuzwirbel einen Fremdkörper, dessen Beschaffenheit er sich nicht zu erklären vermochte. Er machte also an der betreffenden Stelle einen Einschnitt und fand zwischen den Wirbelknochen eine Messerklinge so stark eingezwängt, daß sie förmlich herausgestemmt werden mußte. Schon am darauffolgenden Tage konnte der seit Monaten gelähmt gewesene Ma.rose wieder gehen. Dieses Beispiel läßt es ahnen, welche Rolle der Rönt- gen'schen Entdeckung auf dem Gebiete der Chirurgie bevorstehen dürfte.
* Abgetrumpft. Bertheidiger: „Um den Beweis zu führen, daß mein Klient vollkommen unschuldig ist, bedarf es keiner tiefen Gelehrsamkeit, sondern nur eines Grades gesunden Menschenverstandes." — Richter: „Innerhalb welcher Frist können Sie dieses fehlende Beweismittel beibringen?"
200,000 ward. «XÄÄ.. Loose ü 3 Mk 30 Pf. versendet die Verwaltung der Dom- bau-Geld-Lotterie in Metz. Porto u. Liste 20 Pf. aufügeu.
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