28. Jahrgang
Samstag, den 25. Januar 1896.
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• Die Aussöhnung zwischen dem Kaiser und dem Prinzen Leopold Hot, wie der ,L.-A/ aus einer dem Hofe nahestehenden Quelle erfährt, der Großherzog von Baden vermittelt, der auch schon in früheren Jahren als Friedensstifter gewirkt hat, wenn er sich um D-fferenzen zwischen hochstehenden Persönlichkeiten aehandelt hat. Die Reise deS prinziichen PaareS dürfte in dm ersten Tagen deS nächsten MoratS vor sich gehen. — Gestern Abend fand im kömglrchen Schlosse das Botschafterdiner statt. Der Kaiser führte die Gemahlin d-S französischen Botschafters, Madame Herbette zur Tafel, während die Kaiserin dem französi'chen Botschafter den Ann gereicht hatte. — Im Laufe deS Nachmittags trafen der Prinz und die Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, von Dessau kommend, zu längerem Besuche em.
* Der Kaiser ernannte den Fürsten Bismarck zum stimmfähigen Ritter des Ordens pour le merite für W ssensckasten und Künste.
* Ein merkwürdiger Gedenktag wird der 5. Februar dS. IS. fein: Am 5. Februar 1796 wurde in Mußbach (Malz) der spätere Kardinal Johannes Geissel ge- boien am 5 Februar 1821 in Minden (Westfalen) Hermann v. Mallinckrodt. Bei ersterm sind es 100 bei letzterm gerade 75 Jahre. Beide Manner sind für die katholische Küche nicht nur Preußens, sondern ganz Deutschlands von großer Bedeutung. Geissel vertritt die Zeit der Aufblühens und des
Kurtrlräbrltck« Xbotrnemeet«»tei« »&ne Srinfiectofcn und BeLrllqeld m Fulda und I Stsd SO Pk«mtz
1& «-Namen die Petit,-«« 25 Pf., bei Wiederholungen entivrrche.»« »abatt
am Freitag im Militäretat 88,000 M zum Neubau einer Garnisonbäckerei in Paderborn und 1,650,000 M. erste Rate zur Vermehrung der Reserven an Ver- pflegungSmitteln. — Auf eine Anftage erklärte Knegs- mlmster v. Bronsart, daß den Abiturienten der Lehrerseminare die volle Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst eingeräumt werden soll. Entschieden bestritt er die Richtigkeit einer Meldung de« ,Hann. G.‘, wonach für eine Artillerie- Vorlage 200 Millionen M. in Aussicht genommen seien. — Aus der gestrigen Sitzung der Budget-Kom- Mission ist nachzutragen, daß eine längere Debatte entstand über die Mehrforderung für die Korps-B-kleidungs- ämter. Die Organisation an sich wurde entsprechend den vorjährigen Beschlüssen genehmigt, dagegen der Wunsch ausgesprochen, daß für diese Aemter, welche künftig eigentliche Militärbedarf-Fabriken fein werden, nicht theuere Neubauten aufgeführt, sondern vorhandene ältere Gebäude deS Militär-FiSkus, wenn auch m kleinern Städten, benutzt werden möchten. Für drese vom Abg. Müller-Fulda (Centr.) gegebene An-, regung sprach sich auch Dr. Hammacher (natl) auS, die Verwaltung versprach Berücksichtigung, sowett eS in gegebenen Fällen möglich sei. Ferner wurden die Lederlieferungen für die Armee besprochen. Die Abgg. Bebel (Soz.) und Richter (freis.) glaubten, daß hier eine Art Monopol geschaffen sei, waS von Setten der Abgg. Müller und Hammacher bestritten wurde; die- selben betonten, daß hierbei nicht nur die Verwaltung gut gefahren sei, sondern auch die Produzent«! von dem früher» Monopol einzelner großer Mllttär- Lieferanten befreit worden seien. General-Maior von Gemmingen bestätigte dies und betonte, daß tue Gerbern- Bereinigung, welche jetzt für zehn Armeekorps liefere, allen Gerbern den Beitritt gestatte. Nur eine Firma fei bis jetzt von der Vereinigung ausgewiesen worden, weil sie Bestechung versucht habe. DaS Resultat der Verhandlungen war, daß die gegebenen Aufklärungen als genügend betrachtet wurden und die Ansicht heri scht-, zu einer Aenderung liege kein Anlaß vor.
* In der gestrigen Sitzung der Kolomal-Gestll- schast trat der Vorsitzende, Prinz Arenberg, ent- schieden dem Plane des Dr. PeterS, einer starken Flotten-Vermchrung zur Durckführung einet deutschen Welt-Politik, entgegen. Die Erhaltung und Jndrenst- st-lluna einer solchen Flotte würde allein daS laufende Jahres-Budget um 30 bis 40 Millionen belasten, abgesehen von den Anschaffungskosten. Die Versammlung trat auf Seite deS Dr. Peters.
* Die ReichStagSkommission für das ,,Mar- aarineaesetz" setzte gestern ihre Berathungen über b der Vorlage fort (Verhütung von betrügerischer Bet- tauschung von» Margarine und Butter). Der Antrag v. Plötz, in allen Bäckereien und Gastwnthschasten durch Anschlag bekannt zu geben, ob Margarine verwendet wird, wurde mit 11 gegen 7 Stimmen ad- gelehnt, dagegen wurde der Antrag Humann (E), wonach alle Gast- und Sve>sewirthschaften, die Mar- garine verwenden, dies auf der Speisenkarte anzugeben haben, mit geringer Mehrheit angenommen. Sodann wurde in der Berathung auf § 2 (betreffend die Mischung von Butter und Margarine) zurückgegriffm. Abg. v. Plötz zog seinen Antrag, der die Mischung von Molkereiprodukten mit Margarine überhaupt verbieten wollte, als aussichtslos zurück. Dagegen wurde der Paragraph, einem Antrag Klose (Centt.) entsprechend, dahin abgeäudert, daß zur Herstellung der Margarine von Milcherzeugnisten nur durch Centtifugen gewonnene Magermilch von höchstens 0,05°/« benutz,. werden barf. Auch dürfen nicht mehr als 100 GewichtSiher e Milch auf 100 Gewrchtsthette nicht der Milch entstammende Fette in Anwendung kommen.
* Sonntagsruhe auf den preußischen Eisenbahnen. Nachdem der Wagenmangel nunmehr großtentheus beseitigt ist, soll die Sonntagsruhe im Güterverkehr der preußischen Staatsbahnen demnächst wieder im früheren Umfange herg stellt werden.
* Ein-„verdächtige Sendung", so schreiben Berliner Blätter, sei auf dem Postamts 52 emgettoffen. SS war ein Packet, das vom Amtsgericht DuSden an
„Heute und die folgenden Tage großes Bockbierfest mit Frei-Konzrrt. Jeder Gast, der 12 GlaS Bockbier trinkt, erhält ein Stammsridel gratis," lautete Ende Februar v. I. ein Inserat des Berliner Restaurant „Zum strammen Hund." Solche und ähnliche Trink- Prämien, wie ein GlaS Freibier nach einer bestimmten Anzahl Seidel, finden wir neben Freikonzerten, Kellne- rinnen, Tingeltangel, Damenkopellen als Zugmittel im modernen Wirthshausbettiebe. Ja, so weit ist der Fort- schritt in diesem Geschäfte, daß „im ersten Stehbier- Haus Deutschlands" in Berlin jedem Gast unentgeltlich Kochgelegenheit geboten wird: - „Ein neuer Brauch ist mir gerathen. Es kann sich jeder Gast selbst braten. WaS er mitbringt, was ihm beliebt, Grill und Zu- that es gratts gibt." Die Hauptsache folgt noch: Ausschank von 6 verschiedenen Sorten Bier." e>o wird das Publikum zum Trinken in Animirkneipm systematisch herangezogen. Nehmen wir dazu die Schleuderpreise für Mittagessen, welches nur mit Rück- sicht anf'S Trinken so billig geboten wird und dabei nur zugesetzt wird. In den Bierhäusern sind leider die Wirthe häufig nur noch die Agenten des Getränke- Handels, der Bier- und Schnapsindustrie. Sind doch Aktienbierbrauereien an der Tagesordnung, deren erster Grundsatz, um hohe Dividenden abzuwerfen, lautet: „Der Absatz muß vergrößert, daher müssen neue Lokale errichtet und noch mehr getrunken werden. Deshalb errichten die Großbrauereien so viele eigene Bierpaläste, erwerben alle nur einigermaßen rentablen Bierlokale, drängen die selbstständigen Wrtthe zurück und machen sie z« — Zapfern,- . .
So tritt an Stelle des WirthS, wie die .Rhein.- Wests. Wirthezeitung' bemerkt, „daS Hausknechtthum des abhängigen Stellvertteterweses, welches den Herrn nach Belieben ändern kann. Daß nun diese sogen. Stellvertreter diese kurze Spanne benutzen, um auf iede Weise Geld zu machen, ist klar. Wenn nur viel Bier abgesetzt wird, dann ist Alles gut." In Belgien errichten Brauereigesellschaften Arbeiterhäuser. Sie setzen die monatliche Miethe von 10 Mk. um ein Drittel herunter, wenn der Miether sich verpflichtet, eine Wirthschaft zu führen, die das Bier oder den
Schnaps von der Firma bezieht, und in jedem Monat - ein b-stimwteS Quantum abzusetzen. Daher Gegenden, wo auf 100 Einwohner zwei Kneipen kommen. Daß in der Schankwirthschast keine Gewerbefreihett am Platze, sondern Wirthschasten nur dem vorhandenen Bedürfnisse entsprechend gestattet werden dürfen, die.e Erkenntn-.ft kommt spät, aber sie dämmert doch immer mehr, auck in manch fterlichen Kreisen. — Auch rängt man an, die Untersagung der Kellnerinnenbedienung und die einheitliche Handhabung der Polizeistunde für geschlossene Gesellschaften wie für da, Privar-WirthS- haus zu fordern. Diese Forderung stellt der Koblenzer Wirth-verein im AnsÄluffe an eine Besprechung von 7 Aufsätzen, welche der Geschäftsführer des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke, Hr. Dr. Bode, an 16 deutsche Fachzeitungen für Wirthe und Kellner gesandt hatte. Die Aufiätze sind soeben unter dem Titel: „DaS Birthsbaus im Kampfe gegen den Trunk" (Hildesheim 0,60 Mk.) als Broichüre er- schienen. In seinen Reformvorschlägen kommt der Verfasser auf die WirthShausgesche be8_ Auslandes und bespricht eingehend das Gotenburger System. Wie man bei unS gemeinnützige Ballgesellschaften Hat, so hat man in Schweden und Norwegen gemeinnützige Schankgesellschaften. Das System besteht in ber lieber, sührung von Privatwirthschaften in Gemeind sitz oder man hat statt der Gemeinden gemeinnützige Vereine von Männern zu Eigenthümern gemacht.
Ob diese Einrichtung bei unS dieselben günstigen Resultate erzielen würde, läßt die /Deutsche Gastwirthe- Zeitung' dahingestellt, erkennt dabei aber die segensreiche Wirksamkeit der BolkSkaffeehäuser und -hallen unumwunden an. Mit dem Verfasser halten wir auch ein Verbot von Branntwein-Verkauf am Sonntag und
-m- Trunksucht und Wirthshaus.
eine größere Sonntagsruhe im Wirthshausbetriebe für dringend angezeigt: eS würde dies ein kräftiges Mittel zur Bekämpfung der Alkoholpest fern. Der immer größer werdende Konfum von Flaschenbier in Arbetter- kreisen verdrängt nicht mehr bloß den Schnaps, sondern öfters auch das Trinkwaffer. Daß der Flaschenbier- Handel auch unter § 35 der Reichsgewerbe-Ordnung fällt, darin sieht sich die Reichsregierung gerade zur Zeit gezwungen, vorzugkhm.
Doch nicht nur Parlament und Polizei, auch Wirthe und Gaste müssen mithelfen an der Besserung deS WirthshauSlebenS. Frei und frank alkoholfteie Getränke fordern und gern sie den Gästen bieten, wäre schon ein großer Fortschritt. Dann darf aber daS Mineral- wasser, natürliche wie künstliche, nicht mehr so theuer sein, Kaffee, Bouillon und Thee, Chokolade und Limo- nabe muß man zu jeber Tageszeit erhalten können, auch Obst sollte, wie bie Jahreszeit eS bietet, auf bent Buffet stehen. Wie leicht werben sonst bie von Trunk- sucht Geheilten burch die WirthShäuser, bie sie öfter nicht nteiben können, wieder rückfällig! Muß denn immer getrunken werben, wenn man im Wirthshause sitzt? In bet That existirt zur Zeit ein Trinkzwang, so lästig, so gefährlich er auch ist. Könnte man biesem Zwange entgehen unb sonstwie bem Wnihe etwas zu verbieuen geben, so wäre viel gewonnen. Benutzt man den Harmonikazug, benv-Zug mit Restaurant, so be- zahlt man für 150 km ein Platzgelb von /, bezw. 1 Mk., bafür ist man nicht zum Essen unb Trinken verpflichtet, ber Kellner kommt nur, wenn man ihm klingelt. Wenn nun jetzt schon für Billarb und Kegel- bahn ber Wirth seine Miethe nimmt, so sollte betfelbe auch, schlägt ber Verfasser obiger Broschüre vor, pro Stiwbe oder Tag ober Monat für Benutzung beS Lokales sich etwas geben lassen, was bei Genuß von Getränken abgeht unb burch Plakate den Gästen bekannt gegeben wirb. Die Frage, ob sich Gaste in nennenswerthsr Zahl finben, bie eine SasthauSmiethe zu bezahlen wünschen, bejaht er unbedingt. In dem Maße, wie die Wirthe ar,fangen, sich Miethe zahlen zu lasten, würden sie aufhören, iuterestante Agenten deS Getränkehandels zu fein. Bedeutet ja auch der Name „Wirth" nickt einen Bier- oder Schnapsverkäufer, sondern einen treusorgenden Hausvater, wie der König in alter Zeit „Wirth des Landes" genannt wurde. Und heute noch nennen wir den seßhaften Bauersmann „Landwirth". ___________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 24 Januar
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