19 Freitag, des 24. Januar 1896. 23. Jahrgang
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Bedenkliche Erscheinungen in Stadt und Land.
?? Aus dem Großherzogthum Hessen.
Die Resultate der letzten Volkszählung werden jetzt bekennt; dieselben stellen für einzelne Theile unteres engeren Vaterlandes bedenkliche Thatsachen fest. Zunächst wird aus dem Odenwald, einem bedeutenden Theile der Provinz Starkenburg, berichtet, daß die Bevölkerung in fortwährender Abnahme begriffen ist. Die dermalige BevölkerungSziffer bleibt gegen 1890 durchgängig wiederum um mindestens 5 pCt. zurück. Wird der Stand der Bevölkerung vom Jahre 1870 in Vergleich gezogen, so ist der Unterschied geradezu froppirend; denn mehrere größere Orte haben um einige hundert Einwohner abgenommen. Dieser Rückgang ist um so auffallender, als seit Jahren gar manches zur Verbesserung der in der That lange vernachlässigten wirthschastlichen Berhältniffe der Oder,Waldes geschehen ist. Die Herstellung guter Chausseen und der Bau von Eisenrahnen haben er den früher vom Verkehr abgeschlossenen Bewohnern ermöglicht, ihre Produkte besser verwerthen zu können, alS dies vorher der Fall war. Dieselbe Erscheinung, daß die nur Ackerbau treibende Bevölkerung abnimmt, dürste auch in anderen LandeStheilen festgestellt werden.
Wie läßt sich der Rückgang in der Landbevölkerung erklären? Das hessische Schulgesetz ist am grünen Tische durch Gelehrte gemacht und nimmt deshalb keine Rücksicht auf die natürlichen Berhältniffe. Die Kinder müssen unbedingt in der Schule sitzen, wenn sie auch dem Vater die besten Dienste in der Landwirthschaft leisten und so dessen Ausgaben vermindern könnten. In Gegenden, welche früher ein vorzüglicher Dienstpersonal für die Landwirthschaft heranzogen, dünkt sich heute das in der Volksschule nach allen Regeln ausgebildete Mädchen zu vornehm, um bei einem Bauer zu dienen. In den Garnisonen lernen die jungen Burschen dar ungebundene Leben und die zahlreichen Genüsse jeglicher Art kennen, welche die Heimath nicht bieten kann. Sie bleiben deshalb nach der Dienstzeit in den Städten und verlocken direkt oder indirekt auch ihre Genossm und Genossinnen dazu, in der Stadt Arbeit zu suchen. Daß dar verlockende Stadtleben auch große Schattenseiten hat, können dir jungen Leuten nicht beurtheilen.
Eine Reihe von Unternehmungen, welche seit Jahrhunderten den Besitzern eine bescheidene, aber sichere Existenz boten, werden durch die Konkurrenz v er« nicht et. Ich nenne hier nur die zahlreichen Mühlen. Dieselben können den Kampf gegen dir großartigen Dampfmühlen nicht aushalten. Der gesteigerte Verkehr verdrängt die bisherige Lebenshaltung und führt zu Ausgaben, für welche die Einnahmen nicht aus- reichen. Die Gemeindesteuern fhb feit Jahren gestiegen und bilden vielfach eine drückende List. Wirklich
Uw getilgte Schuld.
Erzählung von Anton Schott.
(23 Fortsetzung.)
Sepps Augen leuchteten vor Freude. Die Ge- schichte war aus und kein Mensch konnte daran zweiseln, daß er im Rechte gewesen. WaS wohl der Müller für Augen machen wird, wenn er ihm die Schrift hinlegte? Und Rosel?
„Simmerl, Ihr habt mir einen Dienst erwiesen, den ich Euch nicht vergelten kann," sagte er und legte die Hand auf die Schulter deS Alten. „WaS braucht Ihr? WaS ich Euch thun kann, daS verlangt von mir.“
„Ich verlange nichts,“ wehrte Simmerl ab. Während Sepp noch in ihn drang, eine Belohnung zu nehmen, fann er nach. „Wenn Du schon gar nicht abstehen will,“ sagte er später, „so lass'mich in Deinem Stübel hinten Herberg' nehmen. Der Haidbauer hat mir unlängst gesagt, ich möchr' mich um eine andere Herberg' umsehen, weil er einen rüstigen Inwohner braucht, der ihm bei der Arbeit helfen kann . . Wenn eS Dir nicht ungelegen wär?“
„Wohl, wohl, Simmerl! Wenn Ihr noch vor Georgi herunterziehen wollt, allweil steht Euch das Stübel offen.“
Nach einer Weile machte sich Simmerl wieder
durchgreifende, den Verhältnissen entsprechende Maß- nahmen zur Hebung der wirthschastlichen Lage der Landbevölkerung sind bis jetzt unseres W ssens nicht gemacht worden. Vielleicht legen die gelehrten Herren am Regierungstische dem Vortrage eines landwirth- schaftlichen Wanderlehrer- einen großen Werth bei, wir nicht. , ,
WaS wird die Folge sein, wenn mcht eme gründliche Abhilfe kommt, und zwar bald kommt? DaS platte Land wird entvölkert werden und das wäre ein Unglück für die Gesellschaft. Die Landbevölkerung bildet jener starke Rückgrat deS Staates, welcher nicht ungestraft geschwächt oder gar gebrochen wird. Der Bauer bewahrt in seiner Familie am längsten und treuesten Religion und christliche Sitte ; er stellt dem Vaterlande die meisten und die für die schweren Strapazen der Krieger geeignetsten Soldaten. Während dar mobile Kapital in kritischen Zeiten rasch in dar sichere Ausland flüchtet, vertheidigt die Landbevölkerung mit zäher Ausdauer den vaterländischen Bodrn, die ererbten Sitten und das angestammte Fürsten- Haus. Die Bedeutung der Industrie soll wahrlich nicht unterschätzt werden. Deutschland kann unmöglich die Industrie vernachlässigen und sich allein auf die Landwirthschaft beschränken. Ebenso wenig oder besser noch weniger darf der Bauernstand auf Kosten der Industrie vernachlässigt werden. Wohin sollte e» führen, wenn die Landbewohner massenweise in die Städte strömen? Heute schon stehen zahlreiche Arbeiter ver- dienstloS in den Industrie - Orten, täglich wird deren Zahl vermehrt. Die großen Städte sind durch Sozialdemokraten imReichStage vertreten. Sie dringen trotz der entgegenstehenden Schwierigkeiten in die Vertretungen der einzelnen Länder, in die Landtage ein. Wo dar Wahlrecht für die Stadtverordneten- Kollegien nicht fo plutokratisch ist, wie in Preußen, können die Sozialdemokraten von der Eroberung der Stadtverwaltung nur dadurch abgehalten werden, daß die sogen, bürgerlichen Parteien — Nationalliberale, Deutschfreisinnige, Demokraten und Centrum — Wahlbündnisse schließen, wie dies in Mainz und Offenbach neuestens der Fall war. Dauernd werden auf diese Weise die Sozialdemokraten von dem Stadthause nicht ferngchalten werden. Denn zu dem Zuzuge von Außen kommt der Rückgang deS Mittelstandes in den Städten. Hier kämpfen noch zahlreiche Handwerker und kleine Kaufleute mit bewunderungswürdigem Opfersinne den aussichtslosen Kampf um ihre Existenz, lieber kurz oder lang müssen sie einsehen, daß ihr Bemühen um die goldene Selbstständigkeit vergebens ist; sie vermehren dann die Zahl der Unzufriedenen, werden Sozialdemokraten oder lassen sich von diesen in'S Schlepptau nehmen.
Auf eme andere Thatsache muß aufmerksam gemacht werden. Die moderne „Wissenschaft“ ist jetzt Gemein- gut weiter Kreise geworden; das Beispiel vieler Vornehmen find t Nachahmung in den Massen. Die Ehe
auf. „Ich will Dich nicht von Deiner Arbeir abhalten. Und mit dem Stübel hat'S also seine Richttg- feit? Behüt' Euch Gott all' Zwei.“ Darnach ging er fort. ,
Sepp wußte vor Freude schier nicht wo aus noch ein. Bald lief er in der Stube herum, bald laS er den Empfangsschein wieder und bald stellte er sich vor seine Schwester hin und erzählte ihr, wa- der Muller für ein Gesicht machen würde, wenn er ihm den Schein unter die Nase hielte. Warum er sich gar so unbändig freute ? Er wußte eS nicht; war eS, daß er daS Geld nicht nochmals zu zahlen brauchte, war eS, daß er beweisen konnte, daß das Recht auf seiner Seite, oder war eS, daß er Rosel ob ihrer »orte zur Rede stellen wollte. Er sann auch gar nicht lange nach darüber; er war froh, daß eS so war.
„Da mutzt Tu gleich heute noch zum Müller und mußt ihm den Schein zeigen,“ rieth Barberl.
„Heute noch? Nein, jetzt hm'S keine so große Eile nimmer. Er kann mir nun nichts mehr an- haben und wird es noch zeittg genug erfahren,“ sagte Sepp übermüthig drauf und hob den Schein sorg- fam auf.
6.
Die Geschichte von dem wiedergefundenen Tm- pfangsscheme halte sich wie ein Flugfeuer im ganzen : Thale verbreitet. Die Berghuisenlente hatten den Nach
hat vielfach ihren religiösen Charakter verloren; die Familie ist entheiligt, die Verderbniß der Sitten unleugbar groß. Die zahlreichen Ehescheidungen, dieZunahme der jugendlichenVerbrecher liefern den Beweis für obige Sätze. Wie viele Männer — und auch Frauen — setzen an die Stelle des trauten Familienheimes das WirthshauSleben mit all' feinen verderblichen Folgen. Die Verwaltungen der Städte find vielfach in Verlegenheit, wo sie die zahlreichen kraft des Gesetzes zur Zwangserziehung bestimmten Kinder unterbringen sollen, während sehr zahlreiche Orte auf dem Lande von dieser Zwangserziehung glücklicherweise nichts wissen.
Eine weitere ungünstige Entwickelung zwischen Stadt und Land müßte immer schlimmere Zustände zeitigen und unbedingt zu jenem großen Kladderadatsch führen, welchen die Herren Bebel und Genossen so sehnlich herbeiwünschen. In dm ersten Jahrzehntm dieser Jahrhunderts erhob der große GörreS belehrend, warnend und mahnend seine Stimme, um die Staatsmänner auf die Gefahren der Zeit aufmerksam zu machen. Seine Worte verhallten ungehört. Ost und wiederholt ist auch in unseren Tagen von den berufenen Vertretern deS christlichen Volkes auf die gefährliche Entwickelung der Dinge aufmerksam gemacht worden. Hoffentlich werden die Mahnungen nicht verachtet. Nicht ein stete» Schwanken, sondern eine kräf- ttge, zielbewußte Sozialpolitik auf entfchieden christlicher Grundlage wird die Gefahren der Zeit über- winden und eine zeitgemäße foziale Ordnung herbeiführen. Geschieht dies nicht, dann — fin de ei^cle. Videant consules!
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fluchte.
„Was hat's denn heut' wieder gegeben?“ frug der
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Januar.
* Der Kaiser stattete dem erkrankten General ä, la suite und AbtheilnngSchef im Militärkabinet, Generalmajor v. Lippe, einen Besuch ab. Morgen will der Kaiser sich nach Potsdam zur Besichtigung der Rekruten deS 1. Garde-RegimentS z. F. im langm Stall begeben.
* Von dem Rücktritt des Fürsten Hohenlohe wird gerüchtweise bereits gesprochen, da man glaubt, i daß er mit seinem Widerstande gegen die Marine- plane nicht durchdringen werde. Ja, man nennt i bereits Nachfolger: Graf Wulderfee, Fürst Hatzfeldt- - Trachmberg, Graf Phil. Eulenburg u. A. Auch heißt ' eS, der ins Auge gefaßte neue Kanzler habe die Be- - dingung gestellt, daß ihm erst eine ReichStagSmehrheit versichert werde. Wir halten diese Gerüchte nur für Kombinationen, die allerdings bei solcher Beunruhigung, ? wie sie die Marinepläne erzeugen, nicht auSbleiben konnten. ,, ,
* Der 2. Vizepräsident deS Reichstages, OberlandeS- ■: gerichtsrath Spahn (Centr.) aus Posen, ist als ; KammergörichtSrath an das Kammergericht in
i baren davon gesagt. Die erzählten eS auch wieder i weiter und noch vor dem zweiten Abende war Keiner ' mehr im Thale, der nicht davon gehött — außer die ! Bewohner der Mühle.
Aber auch sie sollten eS erfahren.
Als am Sonntage darauf die Leute von der Kirche . heimgingen, erzählte eS die Haidbäuerin ihrer Ge- ' vatterin so laut sie nur konnte. Einige Schritte vor ihnen sah sie den Ferdl mit anderen jungen Burschen gehm, und dem zu Liebe erzählte sie die Neuigkeit im lamesten Tone
Die Burschen, die eS hörten, schmunzelten ver- ; stöhlen einer dem andern zu und sahen dabei den Ferdl beobachtend an. Er mußte eS auch hören; wa» ; er wohl dazu sagen würde?
Aber er sagte gar nicht» Sein Gesicht wurde ab- : wechselnd blaß und tiesroth, in seiner Brust kochte verhaltene Wnth; doch kein Muckser kam über seine ! Lippen. Seine, sonst nicht» weniger al» schönen Züge ' verzerrten sich immer mehr zu einem höhnischen Grinsen l und von Zeit zu Zeit biß er die Zähne aufeinander, daß e» knirfchte. . t ,
AIS er aber daheim war tu der «tube, war e» ! mit seiner Beherrschung zu Ende. Wie ein Besessener S rannte er von einer Ecke in die andere und tobte und