18 . Donnerstag, den 23. Januar 1896. , 23. Jahrgang
FuldaerWZeitunß
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„Kein Rückzug!"
So rüst die ,Kreuzzeitung' aus als Antwort auf die Mahnungen auch konservativer Blätter, nunmehr die Agitation für den Antrag Kanitz fallen zu lassen, nachdem die neuerliche Ablehnnng beS An- tragS durch Reichstag und Regierung seine Aussichtslosigkeit bestätigt hat. Und ebenso halsstarrig zeigten sich am Dienstag die Konservativen auch im Landtage. Die .Kreuzztg/ behauptet, neue Gründe gegen die Ausführbarkeit des Antrages Kanitz wären in den letzten Reichstagsverhandlungen nicht vorgebracht worden. Thatsächlich liegt die Sache aber ganz anders. Den Konservativen, speziell dem Antragsteller Graf Kanitz, liegt doch die Beweispflicht ob , daß der Antrag ausführbar sei: sie haben aber bisher nicht einmal den Versuch gemacht, diesen Beweis zu erbringen, so sehr sie auch von den Gegnern des Antrags dazu gedrängt worden sind. Charakteristisch ist ja, was auf diese Vorhaltungen der Abg. v. Kardorff erwidert hat: für die paar Jahre bis zum Ablaufe der Handelsverträge — so meint er — könnte man doch das Experiment mit dem Antrag einmal machen, das wäre doch nicht so gefährlich! Also versuchsweise will Herr v. Kardorsi dem Reiche die ungeheure Last aufbürden und damit zugleich die kolossale Macht geben, die es mit der Durchführung des Antrags Kanitz in die Hand bekommen würde; versuchsweise soll daS Reich die Tausende von Kontrollbeamten und Kommissare anstelle«, Lagerhäuser miethen und errichten; versuchsweise soll daS Reich eine so ungemein ergiebige Einnahmequelle sich eröffnen — um dann nach wenigen Jahren darauf zu verzichten!! Herr v. Kardorff sollte doch „die Preußen besser kennen." Um eines Experimentes willen soll das Reich zweimal in wenigen Jahren einen vollständigen Umsturz mit den Grundlagen seines Finanzwesens vornehmen — fürwahr gründlicher könnte der Antrag Kanitz gar nicht ad absurdum geführt werden, als eS durch den Kanitzer Kardorff geschehen ist.
Nein, Gründe, sachliche Gründe sind eS wahrlich nicht, die die Konservativen zur Festhaltung des Antrages Kanitz bestimmen. Die .Kreuzztg/ verräth auch selbst, daß lediglich die Angst vor den Wählern die Konservativen veranlaßt, an den Antrag sich zu klammern. „Was würden die ländlichen Wähler denken?" ruft sie aus. Das steht einer Entschuldigung gegenüber der Regierung verzweifelt ähnlich; jedenfalls enthält jene Frage die denkbar schärfste Selbstkritik, denn sie bestätigt durchaus, was der Landwirthschaftsminister v. Hammerstein den Konservativen gesagt hat: „Die Geister, die man gerufen, wird man nicht so leicht wieder los." Die Konservativen haben so lange ihren Wählern den Antrag Kanitz als das alleinige Mittel zu ihrer Rettung angepriesen, daß sie nun, wo jedenfalls sehr viele von ihnen umkehren möchten, nicht rückwärts zu können glauben und gegen ihre bessere
Um getilgte Schuld.
Erzählung von Anton Schott.
(22 Fortsetzung.)
An die Schuld, welche eigentlich keine Schuld mehr war, dachte er des Tages kaum einmal. Wozu auch? WaS konnte ihm der Müller anhaben? Es hieß, er habe schon eingeklagt. Aber er hatte noch nichts vom Gerichte in Händen. Wer weiß, ob eS wahr sei. Vielleicht hatte ihn der Müller nur schrecken wollen. Aber war eS wie immer eS sein mochte, er dachte ganz ruhig und schier mit einer gewissen Gleichgiltigkeit an die Sache, wenn ihm überhaupt der Gedanke daran kam. DaS war nur der Fall, wenn er hinunter schaute in's Thal und die Mühle erblickte. Dann aber kam auch gleichzeitig ein anderer herangeschlichen, sachte und leise, aber er hatte den ersteren bald verdrängt . . . Rosel! Daß er die nicht aus dem Kopfe kriegen konnte! Er hatte ihr kein Wäfserlein getrübt, nie nicht, und sie hatte so geredet mit ihm! Ec hatte sich oft und oft vorgenommen, nie mehr an sie zu denken; er konnte nicht Herr seiner Gedanken werden. Die kamen und gingen, wie es ihnen behagte, und ließen sich keinen Zwang anthun.
Bärbel saß wie gewöhnlich nahe dem Fenster und spann. Mit einem Rucke hielt sie das Rad auf und
| Erkenntniß, die ihnen sagt, daß sie auf diesem Wege i nicht die schnelle Hilfe, die doch ursprünglich ihr ? Antrag wollte, erreichen, an dem aussichtslosen Anträge l festhalten. ES ist bloße Spiegelfechterei, wenn die i ,Kreuzztg/ vorgibt, die Konservativen könnten doch | wegen ihres parlamentarischen Mißerfolges nicht ihre i „Meinung" ändern; denn hier handelt es sich doch j nicht um eine bloße „Meinung", ober um eine allge- ! meine Prinzipienfrage, sondern in erster R ihr um i eine Maßregel der praktischen Politik, eine - Maßregel, als deren Zweck „schnelle Hilfe für die ; Lanbwirthschaft" angegeben wurde. Selbst die Konser- i vativen müssen doch jtzt zugeben, daß dieser Zweck | nicht erreicht wird, schon deshalb nicht, weil I weder Regierung noch Reichstag dem Anträge zu- l stimmen, der nun schon im dritt n Jahre ganz ver- - geblich im Reichstage gestellt worden ist. Der Antrag \ kommt also für die praktische Politik, für die Aufgabe, i der Lanbwirthschaft schnelle Hilfe zu bringen, gar j nicht mehr in Betracht, fonbern er ist weiter nichts ' mehr, als ein Agitationsmittel, unb zwar j einAgitationsmittel der verwerflichstenArt, weil I es Hoffnungen er» ckt, bie — wie bte Agitatoren | selbst recht gut wissen — niemals in Erfüllung gehen i können. Die Füyrer bes „Bunbes ber Landwirthe" ' sinb baher schlimmer, als bie überzeugten Sozial- l bemokraten, unb sie versünbigen sich aufs • schwerste an unserem Bauernstände, inbem $ sie ihm Dinge versprechen, bie sie nicht halten können. - Das ist gemeingefährlich, bas ist bas Geg-rtheil von - Konservatismus!
Genau basselbe gilt von ben Agitationen für Vor- - schlage, bie ebenso aussichtslos unb undurchführbar \ sinb, wie ber Antrag Kanitz; die Agitationen bes \ Herrn v. Loö-Terporten für ein Getreibemonopol s „mit freihänbigem Verkauf," bieser Wlberspruch in ; sich selbst, stehen baher auf ber gleichen „sittlichen" ; Höhe, wie bie Agitationen ber Plötz, Kanitz unb Kon- ' sorten. Es ist ungemein bezeichnen!) für bie Lcö'schen ; Bestrebungen, baß sie auch von ber ihnen zujubelnden ? ,Kreuzztg.'mit denen des „Bundes der Landwirthe" gleichgesetzt werden. Die,Kieuzztg/ schreibt nämlich, gerade i im Westen nehme ber „Bund" neuerdings erheblich ! zu, inbem sie als Beweis bufiir bte Agitation des j Herrn v. Loo anführt. Sie gibt zu, daß das Centrum, indem es Herrn von Soe aus dem Vorstände seiner ’ Landtagsfraktion entfernte, mehr „Schneidigkeit" bezeigte, als die Nationalliberalen, die ihre Kanitz-r ruhig ge- währen lasten, aber sie meint, mit ber bloßen äußeren „Schneibigkeit" sei es boch nicht gethan. Ganz gewiß;
' aber unsere „Schnelbiqkeit" ist boch eben keine bloß - äußerliche, und das Centrum begnügt sich auch mcht mit bet bloßen Bekämpfung falscher Mittel, sondern es ist auch eifrig bemüht bei der Beschaffung
I wirklicher Heilmittel für die krankeLandwirrhschaft. i Nicht Hetzen, sondern helfen! Das ist ein \ Grundsatz, mit dem wir durchkommen werden. Die i Konservativen aber, die heute schon nicht w ssen, wie
! sah sich nach ihrem Bruder um. „S pp, ich mein’, es : wird wer kommen. Ich hab' Schritte gehört draußen - im Hause," sagte sie.
Der war so in seine Arbeit vertieft, daß er die r Schritte gar nicht gehört hatte. Er horchte auf. „Hast j recht," gab er drauf.
Da kam auch schon ein fremder Mann zur Thür hereingestampft. Ein weiter Mantel schlotterte um die spindelhagere Gestalt. Hals, Kopf und daS halbe Gesicht hatte er mit einer breiten wollenen Binde um- ! wickelt und darauf saß eine Uaiformmütze. Der Mann j nahm die Binde ab, drückte die Mütze wieder auf den i Kopf und nun fragte er erst in gar gestrengem Tone, ' ob er beim Geschirrhauer sei. Dabei zogen sich die graugesprenkelten Augenbrauen finster zusammen und der ebenfalls schon graugesprenkelte, buschige Schnauzbart stand schier aufgerichtet nach vorn. Der Mann war der Gerichtsdiener.
Mit wichtiger Miene holte er ein Schriftstück aus der Tasche und übergab eS Sepp.
„Das ist die Vorladung, daß Sie heute über vierzehn Tagen bei Gerichte erscheinen sollen," erklärte er. „Von wegen der Schuld an den Müller," setzte er, plötzlich den steifen Amtston abstreifend, hinzu.
Sepp nahm das Papier und las eS. Also hatte der Müller doch eingeklagt? Er hatte es bislang nicht
sie auS der Sackga'se des Antrags Kanitz herauS- kommen sollen, werden erpnnen, daß die Früchte ihrer Agitationen weder ihrer Partei, noch der Landwirth- schaft, sondern allem den Umstürzlern und Feinden des Bauernstandes zu Gute kommen werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Januar.
* Im Reichsanzeiger' wird ein Dankerlatz des Kaisers an alle diejenigen veröffenttichk, bie anläßlich oer R ichrgründungsfeier ihm ihre vertrauenS- voll- Mitarbeit an b m Weite baueb r Reichseinrichtungen z rg saft unb ihre Anhänglichkeit bezeugt haben. Der Erlaß hat folgenden Wortlaut:
- „Mit berzerhebenber Begeisterung hat das dmtsche Volk in Emmüth'gkeit mit seinen erlauchten Fürsten bas 25jährige Bestien bes neu feegrünbeten Reiches gefeiert unb befrei nicht nur in Dankbarkeit ber Männer g bachr, beten W rshert unb Hingebung bie langers'hiite W ebettiereinigung ber deutschen Stämme zu einer starken mb ach unggebietenben Gemeinschaft geschaffen haben, fonbern auch von Hetzen gelobt, sich ber großen V-rgang nhe,t würdig zu erweisen unb allzeit in beutscher Mannentrme zu Kaiser unb Reich zu stehen. Mit ; leuchtender Farbe ist dieses Gelöbniß mir aus allen ben zahlreichen Telegrammen unb Schriften entgegen« I getreten, welche Tausenbe von Deutschen im In- und Auslände bei der @rünvrurg8feier des denkwürdigen l Ereignisses als Au druck ihrer reinen Vaterlandsliebe { mir gewidmet haben. Ich bin dadurch herzlich ? erfreut und in dem Vertrauen bestärkt worden, daß i das deutsche Volk die Errungenschaften des 18. Januar 1871 sich nie unb nimmer nehmen lassen und - seine kostbarsten Güter im Aufblick zu Gott alle ; Zeit zu vertheidigen wissen wird. Allen, welche « mir ihre Mitarbeit an der weiteren Festigung deuischer \ Einheit und Förderung deutscher Wohlfahrt kundgegebeu - und in treuer Anhänglichkeit meiner gedacht haben, | spreche ich meinen wärmsten Dank aus. — Ich ersuche j Sie, diesen Erlaß alsbald zu veröffentlichen.
| Berlin, den 22. Januar 1896.
Wilhelm. I. K.
An den Reichskanzler."
* Der Maler Anton von Werner soll vom Kaiser I beauftragt sein, die Feier vom 18. Januar im königlichen ; Schlisse m einem Gemälde zu verewigen, das ein P m- - dant zu dem Bilde der Kaiserproklamation in Ber- ! sailles bilden soll.
* Hefter die Flottenvermehrnngspläne gehen in ; «Berlin seltsame Gerüchte um. Man spricht von nicht - weniger als 20 Panzerschiffen, die 100 Millionen Mark kosten sollen!! Diese Zahlen halten wir für ganz I willkürlich gegriffen, schon deshalb, weil 20 Panzer- ; sch ff>, — sofern es sich wenigstens um größere Sch ff: handelt — viel mehr als 100, nämlich rund 400 Millionen kosten würden. Wahrscheinlich entspringen diese Gerüchte nur ber Beunruhigung ber recht glauben können, aber nun hatte er es vom Amte schwarz auf weiß. „Im guten nicht!" sagte er trotzig vor sich hin. „Wenn eS sein maß, baß bie Schul!) zweimal gezahlt werben muß, nachher meinetwegen. Soll er sich bie paar Groschen mitnehmen in bie Ewigkeit."
„Sm guten geht es so schon nimmer," bemerkte ber Amtsdiener. „Freundchen, was einmal bei Gericht ist, hat auf alle Fälle ein sehr ernstes Gesicht. Dasselb' glaubt mir. Unsereiner weiß das . . . Behüt' Euch Gott!" Er hatte die Binde wieder um Hals und Ohren gewickelt und ging davon.
Sepp schritt erregt in der Stube auf und ab. Was war zu thun? Sollte er mit dem Müller Herumstreiten vor Gericht? Er war zeitlebens noch nie in die Lage i gekommen, einen Fuß in bie Gerichtsstube setzen zu s müssen. Unb ging er nicht hin, konnte er zur Zah- ! lung verurtheilt werden. Er mußte sogar, da der s Müller den Schuldschein in der Hand hatte. Würde > ihm aber seine Angabe frommen? Er hatte sich nur - auf seine Schwester zu berufen, und eS war sehr zweifel- \ haft, oft ber Richter biefe Aussage gegenüber bem ; Schulbbriefe als stichhaltig anerkannte.
„Es wird nichts nutzen," sagte er nach einer Weile : ernsten Sinnens zu seiner Schwester. „Es wird am 5 klügsten sein, ich zahle die Schuld noch einmal. Wenn