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Dienstag, dm 21. Januar 1896. 23. Jahrgang

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Deutsches Reich.

Berlin, 20. Januar.

♦ Der Kaiser brachte am SamStag bei dem Fest­bankett im kgl. Schlosse, zu welchem 600 Personen geladen waren, folgenden Trinkspruch aus: „Der heutige Tag, ein Tag dankbaren Rückblick-, wie da- ganze Jahr in allen seinen Feiern, ist eine einzige große DankeSfeier und Gedenkfeier für den Hochseligen großen Kaiser. Ueber dem heutigen Tage ruht der Segen, schwebt der Geist besten, der in Charloltmburg, und dessen, der in der FriedenSkirche gebettet ist. WaS unsere Väter erhofften, was die deutsche Jugend träumend gesungen und gewünscht hat — ihnen, den beiden Kaisern, ist eS vergönnt gewesen, daS deutsche Reich mit den Fürsten sich zu erkämpfen und wieder- herzustellen. Wir dürfen dankbar die Vortheile ge­nießen; wir dürfen uns deS heutigen Tages freuen. Damit geht auf uns jedoch die erste Pflicht über, auch da- zu erhalten, was dir hohen Herren uns erkämpft haben. AuS dem deutschen Reiche ist ein Weltreich geworden. Ueberall in fernen Theilen der Erde wohnen Tausende unserer Landsleute. Deutsch; Güter, deutsches Wiffen, deutsche Betriebsamkeit gehen über den Ozean. Rach Tausenden von Millionen beziffern sich die Werthe, die Deutschland auf der See fahren hat. An Sie, meine Herren, tritt die ernste Pflicht heran, mir zu helfen, dieses größere deutsche Reich auch fest an unser heimisches zu gliedern. Das Geiöbniß, was ich hmte vor Ihren ablegte, es kann nur Wahrheit werden, wenn Ihre, von einheitlichem patriotischem Geiste be­seelte, vollste Unterstützung mir zu theil wird. Mit diesem Wunsche, daß Sie in vollster Einigkeit mir helfen werden, meine Pflicht nicht nur meinen engeren Landsleuten, sondern auch den vielen Tausenden von Landsleuten im AuSlande gegenüber zu erfüllen, das heißt, daß ich sie schützen kann, wenn ich eS muß, und mit der Mahnung, die an uns alle geht: „WaS du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb eS, um es zu besitzen", erhebe ich mein Glas auf unser geliebtes deutsches Vaterland und rufe: Das deutsche Reich hoch! — und nochmals hoch! und zum dritten Mal hoch!"

* Am Sonntag Abend fand auS Anlaß des Krönungs­und Orden-festes eine Festvorstellung im Opernhanse statt, welcher das Kaiserpaar mit dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich Leopold in der Hofloge beiwohnte. Es sollte dadurch wohl öffentlich dargethan werden, daß keine Verstimmung mehr zwischen dem Kaiser und seinen Verwandten bestehe.

* In allen Städten deS ganzen deutschen Reiches hat die Erinnerung an die Wiedererrichtung des deutschen KaiserthumS festlichen Ausdruck gefunden. Es würde uns zu weit führen, auch nur einzelne dieser Veran­staltungen zu erwähnen.

• Die Zahl der beim Orden-feste verliehenen Orden «nd Ehrenzeichen betrug 2056 (nicht wie gestern irr- thümlich gemeldet 1073).

* Von mehreren Seiten wird berichtet, daß der

Kaiser bei dem Festbankett am 18. Januar den Landwirthschaftsminister wegen seiner Reichs- tagSrede über den Antrag Kanitz beglückwünscht habe. Man vermuthet vielfach, daß die Regierung als Bedingung für ihre Aussöhnung mit den Konser­vativen die Abstoßung der exttemen Agitatoren ä la Plötz fordere.

♦ Der Elferausschutz der konservativen Partei hat einen Anttag, der Herrn Stöcker zum Austritt aus dem Ausschüsse auffordert, mit allen gegen eine Stimme abgelehnt; dagegen wurde ein Antrag mit allen gegen 2 Stimmen angenommen, der von Herrn Stöcker verlangt, daß er, falls es ihm nicht gelinge, das ,Volk' zu einer anderen Haltung zu be­stimmen, bis zur nächsten Sitzung (1. Februar) „eine den Interessen der konservativen Partei ent­sprechende, unzweifelhafte Stellung einzu­nehmen und dies öffentlich zu erklären habe." Soll wohl heißen, daß Herr Stöcker dar Kapital, mit dem er am ,Bolk' betheiligt ist, zurückziehen soll. Das.Volk' erklärt bereits, daß es dem Ultimatum der konser­vativen Parteileitung sich nicht unterwirft, wenn eS auch zugibt, zuweilen in der Form gefehlt zu haben.

* Landgerichtsdirektor Brausewetter ist am SamStag Nachmittag in der Mrndel'schen Nervenheilanstalt ge­storben und zwar in einem der schweren Tobsuchts- anfälle, die in den letzten acht Tagen seine Behandlung sehr schwierig machten. Die Aerzte haben sein Leiden alsbald als unheilbar erkannt. Um so wunderlicher ist er, daß der Tag- vorher bereits Verstorbene am Sonntag beim Ordensfest noch mit dem Rothen Adler- Orden dekoritt wurde.

* Die Altkatholtkeu scheinen sich doch die über­flüssige Mühe machen zu wollen, einen neuen „Bischof" zu wählen. Die .Köln. Ztg/ meldet aus Bonn:

Der Generalvikar dcS verstorb enen Bischofs Reinkens, Prof. Dr. Theodor Weber, der seit dem 4. August v. Js. Weih­bischof ist, wurde zum Bisthumsverwefer der altkatholischen Kirche bestellt. Derselbe hat für Preußen den im § 2 des Ge­setzes vom 20. Mai 1874 über die Verwaltung erledigter katho- licher Bisthümer vorgeschriebenen Eid am 14. ds. Mts. dem hierzu vom Kultusminister beauftragten Oberpräsidenten ;btr Rheinprovinz abgelegt. Alle Einleitungen sind getroffen, damit die zur Wahl des neuen Bischofs berufene Synode in kurzer Frist gehalten werden kann.

Der BiSthumsverwesereid ist noch aus dem Ge­setze vom 20. Mai 1874 geblieben, dagegen ist der BischosSeid vom 6. Dezember 1873, ein richtiges Falk'scheS Culturkampfstück, durch einen andern vom 13. Febr. 1887 ersetzt. Dieser letztere enthält folgenden Pafsus:

„Ich verspreche, dieses Alles um so unverbrüchlicher 'zu halten, als ich gewiß bin, daß ich mich durch den Eid, welchen ich Seiner päpstlichen Heiligkeit und der Kirche ge­leistet habe, zu nichts verpflichte, was dem Eide der Treue und Unterthänigkeit Se. Kgl. Majestät entgegen sein könne."

ES liegt klar auf der Hand, daß ein Sekten-„Bischos" der zum hl. Stuhle in keiner Gemeinschaft steht, diesen Eid nicht leisten kann, weil et überhaupt dem hl. Baler keinen Eld geleistet hat, was in der Eidesformel

Um getilgte Schuld.

Erzählung von Anton Schott.

(20. Fortsetzung.)

Die Jnhäu-lersleute waren fort; sie stapften eben über die Gred hinaus.

Bartel stützte sich auf den Tisch und dämpfte seine Stimme merklich. „Weißt, warum ich heute in dem Wetter zu Dir komm'?" Hub er mit unsicherer und leise zitternder Stimme an. „Ich wett', was Du willst, Du verfällst nicht darauf, MooSbauer."

„DaSseld' kann schon sein," gab der zu. „Aber ich denk' mir Deinem ganzen Gehaben nach, daß es etwas Wichtiges sein muß."

„Recht hast. Wichtiges ist'- ... für Dich. Ich wett', daß Du wir auf der Stell' einen Hunderter herlegtest auf den Tisch, wenn Du eS wüßtest. Brauchst nicht meinen deswegen, ich gäb Dir einen Wink . . . nicht denken. Tu kennst doch den Battel. WaS? Ich hab' eS schon lange getragen in meiner Brust, und kein Mensch hat nur einen Mucker gehött von mir. Niemand Ünd der Bartel ist nicht der Mann, der ein Grheimniß preisgibt um Geld. Ich hab' wcs ich brauch' und keine Stund' noch hab' ich mir denkt, wenn ich mehr hätte. Aber ich muß Dir'- sagen. Ich

hab' ost ganze Nächte gegrübelt, soll ich es sagen oder nicht. Aber eS hat mir keine Ruh' gelassen. Bartel, hab' ich mir denkt oft und oft, Bartel, sagst eS, ist ein Unglück fertig. Ein Weib und fünf Kinderlein verlieren den Vater und wer weiß, was ihnen die Seut’ alles nachtragen und zufügen. Sagst eS nicht, bist nicht bester, als der Andere. So hab' ich Dir hin und her geohrt (gefonnen), und jetzt bin ich im Reinen mit mir; ich muß eS sagen. . . . Aber daS mußt Du mir versprechen, Moosbauer, ehe ich Dir's sag', daS Weib und die Kinder darfst mir nicht . . . denen darfst nicht- nachtragen, und wenn eine Zett käm', wo der Hunger sich einstellte, thu' ein gutes Werk an ihnen. Der Mooshof geht deretwegen nicht unter. Und Du kannst es thun; verfprich' mir'«."

„Ich weiß ja gar nicht, was Du meinst. Rede deutlicher."

„Versprich es! Sag' ja! Du wirst es nachher schon einsehen, daß ich nichts Unbilliges verlangt hab'. Du gibst doch so auch Almosen."

„Ich hab' Dir's schon gesagt."

„Werßt, selbiges Mal, wie int tobten Herbste der Zur echter-Hannes ist erschlagen worden und wie sie nachher Demen Karl forthaoen. ..."

„Weißt Du was davon?" fuhr der Moosbauer auf.

al- Voraussetzung gilt. Und doch wird ein altkalho lischrr „Bischof" regierungsseitig als katholischer Bischof anerkannt! Es soll unS wundern, wie ein event. Nachfolger des Prof. a. D. ReinkenS diese EideSklippe umsegelt und waS die Regierung da thun wird. Jedenfalls ist der sonderbare Fall hochinterestant.

Ausland.

* Paris, 20. Jan. Kardinal Meignan, Erz­bischof von Tours, ist in der vergangenen Nacht im Alter von 79 Jahren gestorben. Er gchötte feit dem 16. Januar 1893 dem h.il. Kollegium an.

* Madrid, 20. Jan. Eine offizielle Depesche auS Cuba berichtet, General GaSko schlug die Insurgenten bei Calabazars; auf spanifcher Seite wurden zwei Kapitäne und 34 Soldaten verwundet. Der Feind wurde zerstreut, feine Verluste sind unbekannt. General Mariu übernimmt den Oberbefehl in Cuba.

* Stockholm, 20. Jan. Der König eröffnete vorgestern den fchwedifchen Reichstag mit einer Thron­rede, worin e-, dem ,W. T. B.' zufolge, bezüglich der Unionsfrage heißt: „Die Sorgen, die ich im vorigen Jahre hatte, haben sich jetzt vermindert. Ich wünsche lebhaft, daß die Ursachen, welche die Un­einigkeit hervorgerufen haben, für immer beseitigt werden; denn wie sich di; Verhältnisse jetzt überall gestalten, wird eS für die Sicherheit, Freiheit und Unabhängigkeit der Skandinavischen Halbinsel notg- wendiger als je zuvor, oaß die beiden Völker fest zu­sammenhalten." Die Thronrede weist sodann auf den großen Ueberfchuß der Staatskasse hin, der eS ermög­liche, außerordentliche Mittel zu VettheidigungSzwecken aufzuwenden behufs Behauptung der Reuttalität des Reiches bei etwaigen Verwickelungen.

* Konstantinopel, 20. Jan. Die Königin von England hat an den Sultan Abdul Hamid «in eigenhändiges Schreiben gerichtet, in dem sie der Hoff­nung Ausdruck gibt, daß der Friede in Anatolien bald wieder hergestellt fein werde. Ob sonst noch etwas in dem Brief steht, weiß man nicht. Aber felbst einem Briefe mit dem angegebenen harmlosen Inhalt könnte eine gewisse politische Bedeutung nicht abgesprochen werden, wenn man bedenkt, daß der gegenwärtige englische Premierminister Lord Salisbury noch vor kaum zwei Monaten den Sultan öffentlich verhöhnt und ihn als das eigentliche Hinderniß aller Reformen hingestellt hat. Da die Königin Viktoria stets streng konstitutionell handelt, fo versteht es sich von felbst, I daß ihr Schreiben an den Sultan die Billigung Lord Sali-burys gefunben hat. Seine Drohungen haben sich als wirkungslos erwiesen, und er versucht eS jetzt wieder mit guten Worten, um das arg gesunkene An- i sehen Englands gegenüber der Türkei abermals zu heben.

K. Aus vem Reichstage.

*19. Sitzung vom 20. Januar.

Präsident Frhr. v. Buol erbittet und erhält die Ermächti­gung, dem Kaiser zu feinem Geburtstage die Glückwünsche deS Reichstages auszusprechen.

I Seine Hände begannen zu zittern und es war ihm, ; als müffe er da- erlösende Wort dem Bartel aus dem i Munde reißen.

„Ja. Aber zuerst mußt Du versprechen."

Warum mochte der Bartel nur so auf das Ber- ! sprechen drängen? War er e- vielleicht selbst? Ader - nein, feinen Reden nach konnte er eS nicht sein. Und l er war ein Mann, dem man Glauben schenken konnte I bei jeder Rede. Warum sollte er versprechen, an deS j Thäters Weib und Kindern ein guter Werk zu thun?

§ War er Schuld daran? So dachte der MooSbauer ? hin und her.

„Ich kann Dir kein Versprechen geben, Bartel," ‘ sagte er bann. „Aber was eines Christen Pflicht ist, I bcS darf von mir ein jeber verhrffm, bieS und jen S. | Du kennst mich nicht erst seit heute und wirst es billig : finden. R.de!"

■ „Ich glaub' Dir's, MooSbauer, und das hab' ich ‘ auch nur gewollt. . . . Also, daß ich sag'. Weißt, - selbigeS Mal, wie der Zurichter-Hannes ist erschlagen I worden, hab ich ein Scheit zu Holzschuhsohlen gebraucht \ für meine jüngsten Buben. Derweil ich keinen Wuld : hab', bin ich in einen anderen gegangen darum. Mir i wäre eS zuwider gewesen, halt' mich einer erwischt ' dabei; so bin ich auf Schleichwegen gegangm. Bei